Dieser Abschnitt wurde "Wissen" benannt. Ein sehr dehnbarer Begriff und sehr allgemein.
Daneben exestieren die Kapitel "Erinnerung" und "Zeitzeugen".
Wann werden aus "Wissen" "Erinnerungen" oder umgekehrt. Es lässt sich also vieles nicht scharf abgerenzen und sicher hätten Viele die Einteilung anders gestaltet.
Also nicht wundern und immer mal wieder von Neuen oder Altbekannten überaschen lassen.

Die Inflation Ein kleiner Auszug aus dem Roman von 1973: "Die Antwort kennt nur der Wind"
Autor: Johannes Mario Simmel (geb. 7. April 1924, gest. 1. Januar 2009)
Und immer noch aktuell.

"Ich möchte zuvor noch sagen, dass ich Inflation für den gemeinsten Diebstahl halte, den es gibt: Deshalb, weil man gegen die Menschen, die ihn - wie in unserem Fall - wissentlich und brutal und rücksichtslos für sich ausnützen, vom Gesetz her nicht das geringste unternehmen kann."

"Wie kommt es zu dieser Inflation und der Gefahr, von der Sie sprechen, Herr Friese?" fragte ich

"Sehen Sie", sagte Friese, "in der ganzen Welt vagabundiert heute eine Summe von rund siebzig Milliarden Dollars. Siebzig Milliarden! Können Sie sich eine solche Summe überhaupt vorstellen?"

Niemand kann es. Aber so ist es. Diese siebzig Milliarden richten den einen Teil des Unheils an."

"Zunächst: Woher kommen sie?" fragte ich.

"Von enormen Konzernen drüben, von Privatbankiers, von großen Banken, von den mächtigsten Spekulanten, die es gibt. Sie entstanden durch das sogenannte >deficit-spending< der USA."

"Was ist das?"

"Die USA kaufen noch immer viel mehr im Ausland ein, als sie exportieren. Also kommen immer mehr Dollars ins Ausland. Der Dollar ist noch Leitwährung der Welt. Er ist - seit langem - überbewertet. Aber die Amerikaner werten nur sehr ungern ab. Damit würde nämlich der Goldpreis steigen - und das käme den Russen zugute, die unermessliche Vorräte an Gold haben und jederzeit auf den Markt werfen könnten.

Darum ist es zum Beispiel amerikanischen Bürgern auch verboten, Gold aus den zusammengeschrumpften Beständen Amerikas zu kaufen. Uns ist es erlaubt, den Schweizern ist es erlaubt - Amerikanern nicht.

Nebenbei: Ich bin davon überzeugt, dass es sehr bald wieder zu einer schweren Dollarkrise kommen wird, und dass der Dollar dann einfach neuerlich abgewertet werden muss - vielleicht um zehn Prozent. Und das wird noch lange nicht das Ende sein! Aber weiter: Wenn es sich um amerikanische Konzerne handelt oder um multinationale Gesellschaften, dann geht die Sache klar, die können bei uns so viele deutsche Aktien kaufen, wie sie lustig sind. Der gewöhnliche Amerikaner, der deutsche Aktien erwerben will, muss zwölf Prozent Steuern zahlen."

"Was sind überhaupt multinationale Gesellschaften?" fragte ich.

"Unternehmen, die in allen Industrieländern Niederlassungen haben und somit nirgends als Ausländer behandelt werden - ohne dass sie sich einem dieser Länder gegenüber irgendwie verpflichtet fühlen. Legal, wie gesagt. Legal, solange die Staaten selbst sich nicht dagegen wehren, nichts tun, fast möchte ich sagen, sich von diesen multinationalen Gesellschaften erpressen lassen und die Augen zudrücken. Bei jedem ausländischen Privatmann reißt man die Augen weit auf."

"Aber was sind denn das für Gesetze?" sagte ich verblüfft.

"Was tun nun diese siebzig Milliarden vagabundierende Dollars?" fragte Friese rhetorisch. "Sie liegen bei Banken, sie wurden in ausländische Werke investiert oder zu ihrem Aufkauf verwendet, und sie gehen immer dorthin, wo sich am meisten mit ihnen verdienen lässt. Also in Länder mit der relativ größten Geldsicherheit - in die Bundesrepublik vor allem.

Die Bundesrepublik gilt - meiner Ansicht zu Unrecht, aber das ist eine andere Sache - als sicherer, krisenfester Hort, die Mark als harte, als die beste Währung. Besser noch als Schweizer Franken oder holländische Gulden. Nun, wenn es in irgendeinem Land zu Alarmerscheinungen kommt - Streiks, Arbeitslosigkeit, Preis-Lohn-Spirale und so weiter -‚ dann werden die Dollars, die dort lagern, und natürlich von den Leuten im Lande, die über Konzerne oder Banken verfügen, auch die Landeswährung, in Milliardenbeträgen in ein sicheres Land transferiert. Völlig legal transferiert.

Die Bundesbank ist nach dem internationalen Währungsabkommen, das zwar formal noch gültig, aber in der Praxis längst durchlöchert ist, verpflichtet, jede Währung in jeder Höhe anzunehmen und umzutauschen. Auf diese Weise kommen also immer neue Milliarden zu uns - ich rede sehr vereinfachend. Sie verstehen, ja?"

"Die Bundesbank muss die Dollars, die da kommen, in Mark einwechseln. Sie hat nun eine Forderung gegen die amerikanische Nationalbank, sie könnte verlangen, dass diese Dollars in Gold umgewechselt werden. Das eben aber kann sie nicht mehr, denn die Amerikaner wechseln Papier nicht mehr gegen Gold ein."

"Völlig legal, ja. Nur, sehen Sie, durch die Umwechslung kommen immer mehr Mark in Umlauf. Grob gesagt: Die Bundesbank muss immer Geld schöpfen, und das eben ist der Beginn der Inflation. Würde das neugeschöpfte Geld stillgelegt werden, wie einst im Juliusturm, so passierte gar nichts.

Stattdessen aber wird immer neues Geld in Umlauf gegeben. Das müsste jedoch durch ein entsprechendes Warenangebot gedeckt sein. Ein größeres Angebot lässt sich aber über Nacht einfach nicht schaffen. Folge: Die Balance zwischen Warennachfrage und Geldangebot ist gestört. Also müssen die Preise steigen.

Nebenbei gesagt: Auch Gewerkschaften und Unternehmer, die hochgepriesenen Sozialpartner, drehen kräftig an dieser Inflationskurbel mit."

"Alles wird andauernd teurer. Einfach alles. Die Milch, die Butter, das Brot, das Fleisch, Briefmarken, Müllabfuhr, was Sie wollen. "

"Aber diese ewige Lohn-Preis-Spirale ist doch Irrsinn", sagte ich.

"Gewiss", sagte Friese sanft, "leben wir auch auf wirtschaftlichem Gebiet in einer irrsinnig gewordenen Welt, wir treiben einer entsetzlichen Krise entgegen, bei der zuallererst der kleine Mann, der Sparer, leidet, während die Großen und die ganz Großen Nutznießer dieser Entwicklung sind. Und das ist, wie ich sagte, nur der erste Teil des Unheils."

"Was ist der zweite Teil?" fragte ich.

"Ich habe Ihnen von den siebzig Milliarden Dollars erzählt", sagte Friese. "Soweit sie nicht zum Ankauf ganzer Industrien verwendet worden sind, befinden sie sich in der Hand von Spekulanten. Diese Spekulanten, die ja überall sitzen, haben alle Währungen in der Hand, und sie spielen damit sozusagen Verschiebebahnhof. Haben sie zum Beispiel eine schwache Währung, sagen wir das Pfund, sagen wir die Lira, so werden sie diese wie heiße Kartoffeln fallenlassen, werden sie also abstoßen.

Das aber heißt: Sie bieten Beträge in schwacher Währung der jeweiligen Nationalbank an, die ja verpflichtet ist zum Ankauf, und zwar zu dem noch teuren Kurs. Damit bekommen die Spekulanten starke Währungen in die Hand - sagen wir japanische Yen, sagen wir D-Mark. So schützen sie sich vor jeglichem Währungsverlust.

Aber nicht nur das! Diese Herren lassen die Tochtergesellschaften ihrer multinational verflochtenen Konzerne Schulden machen in Ländern mit schwachen Währungen, und zwar Schuldenberge bis an die äußerste Grenze.

Und dann werden die Kreditmittel aus dem währungsschwachen Land herausgezogen und in die Kanäle der harten Währungen geleitet. Mit ihren Millionen- und Milliardensummen stellen diese multinational strukturierten Gesellschaften einen ganz gewaltigen Machtfaktor dar, der die Regierungen und die Notenbanken zum Handeln zwingt - zum Handeln mit schädlichen Auswirkungen."

"Währungskrisen und Inflation treffen in der Tat die Großen überhaupt nicht", sagte Friese, "sondern einzig und allein die Kleinen. Sie sind die Leidtragenden der erzwungenen Schutzmaßnahmen, die von Staat und Nationalbank getroffen werden müssen.

Und das, was diese Spekulanten sich leisten, das alles ist mit Recht und Gesetz nicht zu bekämpfen, das alles ist legal, völlig legal, was die Spekulanten da tun. Es ist verbrecherisch, amoralisch, das Gemeinste vom Gemeinen - aber es ist nicht gegen irgendein Gesetz.

Und es wird uns über kurz oder lang in den Untergang führen.


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 06.08.2026 - 13:18