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Anderer Blick der Woche
Von Thilo Sarrazin
Stand: 11.09.2026 Lesedauer: 6 Minuten
Quelle: picture alliance/Bernd von Jutrczenka; Montage: Infografik WELT/Martin Steinröder
Die illegale Einwanderung hat das Potenzial, Europa zu zerstören. Zur Not muss Deutschland aus dem Schengenraum austreten - sagt Thilo Sarrazin im Pro und Contra mit Grünen-Politiker Max Lucks.
Das Eindringen fremder Völker in bereits besiedelte Regionen hat sich mit der Ausbreitung der Menschen über die Erde regelmäßig wiederholt. Die Grenzen zwischen Einwanderung und Eroberung waren dabei häufig unscharf. Die Neuankömmlinge erhofften sich zumeist ein besseres Leben. Die Ureinwohner fürchteten, oft zu Recht, um Freiheit, Besitz und das eigene Leben.
Das wohlhabende, kinderarme Weströmische Reich zerfiel im 5. Jahrhundert unter dem Ansturm der kinderreichen germanischen Völker und später der Hunnen. Es dauerte 800 Jahre, bis im Hochmittelalter der Lebensstandard Europas wieder auf dem Niveau der späten Antike war. Ganz Kleinasien bis weit hinein nach Syrien war in der Antike rein griechisch besiedelt und zudem in der Spätantike vollständig christlich. Die Eroberungszüge islamischer arabischer Stämme und später der Türken machten dem dortigen Griechentum ein Ende. Heute sind die orthodoxen Kirchen in Istanbul leer, in der gesamten Türkei gibt es vielleicht noch 2000 Griechen.
Ständig mischen sich in der Geschichte Volkstumskämpfe, religiöse Auseinandersetzungen und der Kampf um die politische Vorherrschaft. Auch die Demografie spielte eine große Rolle. Wanderungsbewegungen und Eroberungszüge wurden nicht nur ausgelöst durch die Gier nach fremden Reichtümern, sondern auch durch den Druck der eigenen, jungen, kinderreichen Bevölkerung.
Hier finden Sie die Gegenposition des Grünen-Politikers Max Lucks: Die Naivität, mit der wir auf Migrationskrisen blicken, macht mich fassungslos
Quelle: Elizabeth Beard/Getty Images
Historische Parallelen darf man nicht zu weit treiben. Das heutige Europa ist nicht das Weströmische Reich, aber wohlhabend, alt und kinderarm ist es schon. Die Afrikaner und Araber, die heute zu Millionen nach Europa wollen, sind nicht wie die Hunnen und Germanen. Aber sie sind kinderreich und vergleichsweise arm und wollen um nahezu jeden Preis nach Europa. Dazu ist ihnen - das illustrierten die Ereignisse in Ceuta - nahezu jedes Mittel recht, auch der Einsatz des eigenen Lebens.
Allerdings gibt es einen Unterschied: Für die Germanen, die das Weströmische Reich zerstörten, wurden die antike Geisteswelt und das Christentum ihre neue Leitkultur. So konnte es eine fruchtbare Symbiose geben, die anderthalbtausend Jahre später Europa an die Spitze des Fortschritts führte und kurzfristig der Weltherrschaft nahebrachte.
Die Millionen Afrikaner, Araber und Afghanen, die bei uns Einlass begehren, sind dagegen überwiegend muslimischen Glaubens. Viele von ihnen fühlen sich in unserer Kultur fremd oder verachten sie. Um zu sehen, was uns erwartet, müssen wir nur auf jene Muslime schauen, die sich im Verlauf der letzten 60 Jahre in Europa angesiedelt haben. Neben vielfachen Integrationserfolgen sehen wir sogar auch in der zweiten, dritten und vierten Generation sehr weit verbreitet: schlechte Bildungsleistung, hoher Sozialleistungsbezug, hohe Gewaltkriminalität, Neigung zu großen Familien und religiösem Fanatismus. Je mehr Einwanderer aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa drängen, umso geringer wird die Chance auf ihre erfolgreiche Integration, und umso stärker wird die bröckelnde Basis des europäischen Wohlstands weiter erschüttert.
Was uns gesellschaftlich blüht, sehen wir exemplarisch in Berlin: Etwa die Hälfte der Grundschüler hat eine nichtdeutsche Herkunftssprache, und jeder Zweite beherrscht im dritten Schuljahr nicht die Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen. Das ist wohlgemerkt der Schnitt über alle Berliner Bezirke, quasi die Quersumme aus Grunewald und Neukölln. In ganz Deutschland sinken die Schulleistungen auf breiter Front.
Pisa-Studie: "Leistungen in vielen ostasiatischen Ländern sind uns mehrere Schuljahre voraus"
Der Anteil der Eltern, die ihrer Erziehungsaufgabe nachkommen, nimmt ab. Die Zahl der Inobhutnahmen durch die Jugendämter steigt. So kommt es zu Lebensläufen wie dem des 21 Jahre alten Berliner CSD-Attentäters Abdul Ballout: als deutscher Staatsbürger geboren, in einer arabischen Großfamilie aufgewachsen, kulturell nie in Deutschland oder Europa angekommen und Anhänger des IS.
Die Fehler der Vergangenheit sind nicht mehr korrigierbar. Kein denkbares Remigrationsprogramm könnte in Deutschland geborene deutsche Staatsbürger außer Landes bringen. Die Integrationslast, die wir mit denen haben, die schon hier leben, ist ungeheuer groß. Und sie wird auch ohne weitere Einwanderung durch die Demografie ständig größer. Denn die deutschen Bildungsbürger bekommen mit Abstand die wenigsten Kinder und die Bevölkerungsgruppen mit Abstammung Afrika sowie Naher und Mittlerer Osten weitaus die meisten. Auf den Geburtsstationen sind die ethnischen Deutschen heute schon dabei, zur Minderheit im eigenen Land zu werden.
Nicht auf alle demokratischen Parteien wird dabei Verlass sein. In meiner ehemaligen Partei, der SPD, wächst die Tendenz, sich eher als Partei der Muslime in Deutschland denn als deutsche Arbeiterpartei zu begreifen. Diese Rolle hat sie längst an die AfD abgegeben. Die Grünen sind mehrheitlich sowieso an ihre Multi-Kulti-Illusion verloren, und die CDU/CSU ist dabei, in Migrations- und Identitätsfragen die konservative Meinungsführerschaft an die AfD zu verlieren. Will sie je die Fronten wechseln und sich aus der Knechtschaft der linken Parteien befreien, so kann sie das im Bund und in den meisten Ländern nur noch als Juniorpartner der AfD tun. Das könnte die Partei spalten und in den Untergang treiben.
Ich sehe voraus, dass solch eine Position bei CDU/CSU, SPD und Grünen auf absehbare Zeit nicht mehrheitsfähig ist. Sollte das so bleiben, wächst die Chance der AfD, eines nicht zu fernen Tages den Bundeskanzler zu stellen.
Thilo Sarrazin war von 2002 bis 2009 Berliner Finanzsenator, von 2009 bis 2010 Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und von 1973 bis zu seinem Parteiausschluss 2020 Mitglied der SPD. Im Jahr 2010 veröffentlichte er den Bestseller "Deutschland schafft sich ab". Der WELT-Gastbeitrag ist die Bühne für die kontroversen Debatten unserer Gegenwart. Die Stimmen, denen wir hier Raum geben, bilden nicht immer die Meinung der Redaktion ab. Wir halten sie aber für relevant und interessant genug, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nur wer verschiedene Perspektiven kennt, kann sich ein vollständiges Bild unserer Gegenwart und ihrer politischen und gesellschaftlichen Konflikte machen.
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