Namenstag
Berno, Engelmar, Petrus, Reiner,
Kalenderblatt
2016 - Die WHO erklĂ€rt die Ebola-Epidemie zwei Jahre nach Ausbruch in Westafrika fĂŒr beendet / Rund 11.300 Tote.
2005 - Charles Graner wird als Hauptbeteiligter am Folterskandal im Abu-Ghuraib-GefÀngnis wÀhrend der Besetzung des Irak nach dem Irakkrieg zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
2003 - EU-Parlament beschlieĂt Novelle der Kosmetik-Richtlinie: Von 2009 an sind in der EU Tierversuche fĂŒr Kosmetika verboten.
2000 - Die hessische CDU gibt die Existenz eines schwarzen Auslandskontos zu, von dem MillionenbetrÀge an den Landesverband transferiert worden sind. Damit korrigiert die Partei die bisherige Darstellung, ihr seien 13 Millionen Mark aus anonymen VermÀchtnissen zugeflossen.
1975 - In Cottbus fordert der Absturz einer MiG-21 sieben Todesopfer. Er gilt als das schwerste UnglĂŒck mit einem MilitĂ€rflugzeug der LuftstreitkrĂ€fte der NVA der DDR.
1951 - In Chemnitz wird der Kulturpalast, das erste nach sowjetischem Vorbild errichtete Bauwerk dieser Art in der DDR, von MinisterprÀsident Otto Grotewohl feierlich eingeweiht.
1956 - Die letzten deutschen Kriegsgefangenen kehren fast elf Jahre nach Kriegsende aus der UdSSR in ihre Heimat zurĂŒck.
1943 - Geheime Konferenz von US-PrĂ€sident Roosevelt und dem brit. Premierminister Churchill in marokkanischen Casablanca. Der Krieg soll bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, Italiens und Japans fortgefĂŒhrt werden.
1919 - Im sogenannten Mordkeller der als provisorisches GefĂ€ngnis genutzten Kreditbank von Tartu werden der ev. Theologe Traugott Hahn, der Pastor Moritz Wilhelm Paul Schwartz, der russisch-orthodoxe Bischof von Riga, Platon Kulbusch, die Priester Michael Bleive und Nikolai Stefanowitsch Beschanizki, der BĂ€cker Lutsk und 14 weitere angesehene BĂŒrger von Bolschewiken erschossen.
1887 - Der deutsche Reichstag wird aufgelöst, nachdem eine Vorlage der Regierung Otto von Bismarcks, das Heer um etwa 10 Prozent aufzustocken und das Heeresgesetz um weitere sieben Jahre zu verlÀngern, abgelehnt worden ist. Am 21. Februar wird eine Reichstagswahl abgehalten.
1814 - Schweden diktiert dem im Sechsten Koalitionskrieg als VerbĂŒndeter Frankreichs unterlegenen DĂ€nemark den Kieler Frieden. DĂ€nemark unter Friedrich IV. muss Norwegen abtreten und der Koalition gegen Napoleon beitreten, darf jedoch Grönland, Island und die FĂ€röer aus der DĂ€nisch-norwegischen Personalunion behalten.
1701 - In Moskau wird die erste Marineakademie gegrĂŒndet, eine Schule fĂŒr Mathematik und Navigation.
Eine detaillierte Rekonstruktion durch
Hajo Funke
General a.D. Harald Kujat
Berlin, den 12. Oktober 2023
Quelle: Berliner Zeitung (gekĂŒrzt)
Die Verhandlungen waren Anfang MÀrz 2022 durch den israelischen MinisterprÀsidenten Naftali Bennett vermittelt worden.
Naftali Bennett hatte ab der ersten MĂ€rzwoche 2022 VermittlungsbemĂŒhungen unternommen. In einem Videointerview vom 4. Februar 2023 mit dem israelischen Journalisten Hanoch Daum sprach er erstmals ausfĂŒhrlich ĂŒber den Ablauf und das Ende der Verhandlungen. Dieses Videointerview ist Grundlage eines detaillierten Berichts in der Berliner Zeitung vom 6. Februar 2023: "Naftali Bennett wollte den Frieden zwischen Ukraine und Russland: Wer hat blockiert? Israelischer Ex-Premier sprach erstmals ĂŒber seine Verhandlungen mit Putin und Selenskyj. Der Waffenstillstand war angeblich zum Greifen nahe."
Der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj habe ihn, Bennett, nach Ausbruch des Krieges gebeten, Wladimir Putin zu kontaktieren.
"Am 5. MĂ€rz 2022 war Bennett auf Einladung Putins in einem privaten, vom israelischen Geheimdienst bereitgestellten Jet nach Moskau geflogen. In dem GesprĂ€ch im Kreml habe Putin, so Bennett, einige substanzielle ZugestĂ€ndnisse gemacht, insbesondere habe er auf sein ursprĂŒngliches Kriegsziel einer Demilitarisierung der Ukraine verzichtet. (...) Der ukrainische PrĂ€sident erklĂ€rte sich im Gegenzug bereit, auf einen Nato-Beitritt zu verzichten - eine Position, die er kurze Zeit spĂ€ter auch öffentlich wiederholte. Damit war eines der entscheidenden Hindernisse fĂŒr einen Waffenstillstand aus dem Weg gerĂ€umt. (...) Auch andere Themen wie die Zukunft des Donbass und der Krim sowie Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine seien in diesen Tagen Gegenstand von intensiven GesprĂ€chen gewesen." (ebd.)
Bennett: "Ich hatte damals den Eindruck, dass beide Seiten groĂes Interesse an einem Waffenstillstand hatten (...). Ein Waffenstillstand sei damals, so Bennett, in greifbarer NĂ€he gewesen, beide Seiten waren zu erheblichen ZugestĂ€ndnissen bereit". Doch vor allem GroĂbritannien und die USA hĂ€tten den Prozess beendet und auf eine Fortsetzung des Krieges gesetzt. (ebd.)
Anfang MĂ€rz 2022 kontaktierte PrĂ€sident Selenskyj nicht nur Naftali Bennett, sondern auch den deutschen Altbundeskanzler Gerhard Schröder und bat ihn, seine engen persönlichen Verbindungen zu Putin zu nutzen, um zwischen Ukraine und Russland zu vermitteln, um Wege zu finden, wie dieser Krieg schnell beendet werden konnte. In einem am 21./22. Oktober dieses Jahres erschienenen Interview in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung sprach Schröder das erste Mal öffentlich ĂŒber seine Rolle in den BemĂŒhungen, die zu den Friedensverhandlungen am 29. MĂ€rz 2022 in Istanbul fĂŒhrten. Wie Bennett kam auch er zu dem Schluss, dass der Grund, warum diese Friedensverhandlungen nicht zum Ziel fĂŒhrten, darin lag, dass sich die Amerikaner querstellten. Wörtlich sagte er:
"Bei den Friedensverhandlungen im MĂ€rz 2022 in Istanbul mit Rustem Umjerow (damals Sicherheitsberater von Selenskyj, heute ukrainischer Verteidigungsminister) haben die Ukrainer keinen Frieden vereinbart, weil sie es nicht durften. Die mussten bei allem, was sie berieten, erst bei den Amerikanern nachfragen", und dann noch einmal: "Doch am Ende (der Friedensverhandlungen) passierte nichts. Mein Eindruck: es konnte nichts passieren, denn alles Weitere wurde in Washington entschieden. Das war fatal."
Bereits zuvor hatte sich der damalige tĂŒrkische AuĂenminister, MevlĂŒt Cavusoglu, in Ă€hnlicher Weise geĂ€uĂert. In einem Interview mit der CNN-TĂŒrk am 20. April 2022 sagte er:
Seit Ende Februar 2022 wurden direkte Verhandlungen zwischen einer ukrainischen und einer russischen Delegation gefĂŒhrt, die sich in der dritten MĂ€rzwoche, "also nur einen Monat nach Ausbruch des Krieges, auf die GrundzĂŒge einer Friedensvereinbarung geeinigt (haben): Die Ukraine versprach, der Nato nicht beizutreten und keine MilitĂ€rbasen auslĂ€ndischer MĂ€chte auf ihrem Territorium zuzulassen, wĂ€hrend Russland im Gegenzug versprach, die territoriale Unversehrtheit der Ukraine anzuerkennen und alle russischen Besatzungstruppen abzuziehen. FĂŒr den Donbas und die Krim gab es Sonderregelungen." (Vgl. Michael von der Schulenburg: https://www.emma.de/artikel/verpflichtung-zum-frieden-340191UN-Charta: Verhandlungen! In: Emma vom 6. MĂ€rz 2023)
WĂ€hrend der vom tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Erdogan vermittelten Verhandlungen legte die ukrainische Delegation am 29. MĂ€rz 2022 ein Positionspapier vor, das zum Istanbuler KommuniquĂ© fĂŒhrte. Die VorschlĂ€ge der Ukraine wurden von der russischen Seite in einen Vertragsentwurf umgesetzt.
Vorschlag 1:
Die Ukraine erklĂ€rt sich selbst zu einem neutralen Staat und verspricht, blockfrei zu bleiben und auf die Entwicklung von Atomwaffen zu verzichten - im Gegenzug fĂŒr internationale rechtliche Garantien. Zu den möglichen Garantiestaaten gehören Russland, GroĂbritannien, China, die Vereinigten Staaten, Frankreich, die TĂŒrkei, Deutschland, Kanada, Italien, Polen und Israel, aber auch andere Staaten wĂ€ren willkommen, dem Vertrag beizutreten.
Vorschlag 2:
Diese internationalen Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine wĂŒrden sich nicht auf die Krim, Sewastopol oder bestimmte Gebiete im Donbas erstrecken. Die Vertragsparteien mĂŒssten die Grenzen dieser Gebiete festlegen oder sich darauf einigen, dass jede Partei diese Grenzen unterschiedlich versteht.
Vorschlag 3:
Die Ukraine verpflichtet sich, keiner MilitĂ€rkoalition beizutreten und keine auslĂ€ndischen MilitĂ€rstĂŒtzpunkte oder Truppenkontingente aufzunehmen. Jegliche internationale MilitĂ€rĂŒbungen wĂ€ren nur mit Zustimmung der Garantiestaaten möglich. Die Garantiestaaten bestĂ€tigen ihrerseits ihre Absicht, die Mitgliedschaft der Ukraine in der EuropĂ€ischen Union zu fördern.
Vorschlag 4:
Die Ukraine und die Garantiestaaten kommen ĂŒberein, dass (im Falle einer Aggression, eines bewaffneten Angriffs gegen die Ukraine oder einer MilitĂ€roperation gegen die Ukraine) jeder der Garantiestaaten nach dringenden und sofortigen gegenseitigen Konsultationen (die innerhalb von drei Tagen stattfinden mĂŒssen) ĂŒber die AusĂŒbung des Rechts auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung (wie in Artikel 51 der UN-Charta anerkannt) (als Reaktion auf einen offiziellen Appell der Ukraine und auf dessen Grundlage) der Ukraine als dauerhaft neutralem Staat, der angegriffen wird, Hilfe leisten wird. Diese Hilfe wird durch die sofortige DurchfĂŒhrung der erforderlichen individuellen oder gemeinsamen MaĂnahmen erleichtert, einschlieĂlich der SchlieĂung des ukrainischen Luftraums, der Bereitstellung der erforderlichen Waffen und der Anwendung bewaffneter Gewalt mit dem Ziel, die Sicherheit der Ukraine als dauerhaft neutralen Staat wiederherzustellen und dann zu erhalten.
Vorschlag 5:
Jeder derartige bewaffnete Angriff (jede militĂ€rische Operation ĂŒberhaupt) und alle daraufhin ergriffenen MaĂnahmen werden unverzĂŒglich dem UN-Sicherheitsrat gemeldet. Diese MaĂnahmen werden eingestellt, sobald der UN-Sicherheitsrat die zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen MaĂnahmen ergriffen hat.
Vorschlag 6:
Zum Schutz vor möglichen Provokationen wird das Abkommen den Mechanismus zur ErfĂŒllung der Sicherheitsgarantien der Ukraine auf der Grundlage der Ergebnisse von Konsultationen zwischen der Ukraine und den Garantiestaaten regeln.
Vorschlag 7:
Der Vertrag gilt vorlÀufig ab dem Datum seiner Unterzeichnung durch die Ukraine und alle oder die meisten Garantiestaaten.
Der Vertrag tritt in Kraft, nachdem (1) der dauerhaft neutrale Status der Ukraine in einem landesweiten Referendum gebilligt wurde, (2) die entsprechenden Ănderungen in die ukrainische Verfassung aufgenommen wurden und (3) die Ratifizierung in den Parlamenten der Ukraine und der Garantiestaaten erfolgt ist.
Vorschlag 8:
Der Wunsch der Parteien, die Fragen im Zusammenhang mit der Krim und Sewastopol zu lösen, wird fĂŒr einen Zeitraum von 15 Jahren in bilaterale Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland eingebracht. Die Ukraine und Russland verpflichten sich auĂerdem, diese Fragen nicht mit militĂ€rischen Mitteln zu lösen und die diplomatischen LösungsbemĂŒhungen fortzusetzen.
Vorschlag 9:
Die Parteien setzen ihre Konsultationen (unter Einbeziehung anderer Garantiestaaten) fort, um die Bestimmungen eines Vertrags ĂŒber Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine, die ModalitĂ€ten der Waffenruhe, den RĂŒckzug von Truppen und anderen paramilitĂ€rischen VerbĂ€nden und die Ăffnung und GewĂ€hrleistung sicher funktionierender humanitĂ€rer Korridore auf kontinuierlicher Basis sowie den Austausch von Leichen und die Freilassung von Kriegsgefangenen und internierten Zivilisten vorzubereiten und zu vereinbaren.
Vorschlag 10:
Die Parteien halten es fĂŒr möglich, ein Treffen zwischen den PrĂ€sidenten der Ukraine und Russlands abzuhalten, um einen Vertrag zu unterzeichnen und/oder politische BeschlĂŒsse zu anderen ungelösten Fragen zu fassen.
Die Tatsache der UnterstĂŒtzung der Verhandlungen durch westliche Politiker ergibt sich aus der Abfolge der Telefonate und Treffen in der Zeit von Anfang MĂ€rz bis mindestens Mitte MĂ€rz. Am 4. MĂ€rz telefonierten Scholz und Putin; am 5. MĂ€rz traf Bennett Putin in Moskau; am 6. MĂ€rz trafen sich Bennett und Scholz in Berlin; am 7. MĂ€rz besprachen sich die USA, GroĂbritannien, Frankreich und Deutschland in einer Videokonferenz zum Thema; am 8. MĂ€rz telefonierten Macron und Scholz; am 10. MĂ€rz trafen sich der ukrainische AuĂenminister Kuleba und der russische AuĂenminister Lawrow in Ankara; am 12. MĂ€rz telefonierten Scholz und Selenskyj sowie Scholz und Macron und am 14. MĂ€rz trafen sich Scholz und Erdogan in Ankara. (Vgl. Petra Erler: Betreff: RĂŒckblick MĂ€rz 2022: Wer kein schnelles Kriegsende in der Ukraine wollte, in: "Nachrichten einer LeuchtturmwĂ€rterin", 1. September 2023)
Michael von der Schulenburg, der ehemalige UN Assistant Secretary-General (ASG) in UN-Friedensmissionen, schreibt, dass "die Nato bereits am 24. MĂ€rz 2022 auf einem Sondergipfel beschlossen hatte, diese Friedensverhandlungen (zwischen der Ukraine und Russland) nicht zu unterstĂŒtzen". (Vgl. Michael von der Schulenburg: UN-Charta: Verhandlungen! In: Emma vom 6. MĂ€rz 2023). Zu diesem Sondergipfel war der US-PrĂ€sident eigens eingeflogen. Offenkundig war ein Frieden, wie er von den russischen und ukrainischen Verhandlungsdelegationen ausgehandelt worden war, nicht im Interesse einiger Nato-Staaten.
Adam Schultz/White House
"Noch am 27. MĂ€rz 2022 hatte Selenskyj den Mut gezeigt, die Ergebnisse der ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen vor russischen Journalisten in aller Ăffentlichkeit zu verteidigen - und dass obwohl die Nato bereits an 24. MĂ€rz 2022 auf einem Sondergipfel beschlossen hatte, diese Friedensverhandlungen nicht zu unterstĂŒtzen." (ebd.)
Nach von der Schulenburg hatte es sich bei den russisch-ukrainischen Friedensverhandlungen um eine historisch einmalige Besonderheit gehandelt, die nur dadurch möglich war, weil sich Russen und Ukrainer gut kennen und die "gleiche Sprache sprechen".
Am 28. MÀrz erklÀrte Putin, als ein Zeichen des guten Willens, die Bereitschaft, Truppen aus dem Raum Charkow und dem Raum Kiew abzuziehen; dies geschah offenkundig bereits vor dieser öffentlichen ErklÀrung.
Am 29. MĂ€rz 2022 telefonierten Scholz, Biden, Draghi, Macron und Johnson erneut zur Lage in der Ukraine. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich offenbar die Haltung wichtiger westlicher BĂŒndnispartner verhĂ€rtet. Sie formulierten im Gegensatz zum Vorgehen von Bennett und Erdogan Vorbedingungen fĂŒr Verhandlungen, : "Die Staats- und Regierungschefs waren sich einig, die Ukraine weiter tatkrĂ€ftig zu unterstĂŒtzen. Sie drĂ€ngten den russischen PrĂ€sidenten Putin erneut dazu, einer Waffenruhe zuzustimmen, alle Kampfhandlungen einzustellen, die russischen Soldaten aus der Ukraine abzuziehen und eine diplomatische Lösung (...) zu ermöglichen." (Petra Erler: Betreff: RĂŒckblick MĂ€rz 2022: Wer kein schnelles Kriegsende in der Ukraine wollte (in: "Nachrichten einer LeuchtturmwĂ€rterin", 1. September 2023)
Die Washington Post berichtete am 5. April, dass in der Nato die Fortsetzung des Krieges gegenĂŒber einem Waffenstillstand und einer Verhandlungslösung bevorzugt wird: "FĂŒr einige in der Nato ist es besser, wenn die Ukrainer weiterkĂ€mpfen und sterben als einen Frieden zu erreichen, der zu frĂŒh kommt oder zu einem zu hohen Preis fĂŒr Kiew und das ĂŒbrige Europa." Selenskyj solle "so lange weiterkĂ€mpfen, bis Russland vollstĂ€ndig besiegt ist."
Ukrainian Presidency
Am 9. April 2022 traf Boris Johnson unangemeldet in Kiew ein und erklÀrte dem ukrainischen PrÀsidenten, dass der Westen nicht bereit sei, den Krieg zu beenden. Laut britischem Guardian vom 28. April hatte Premier Johnson den ukrainischen PrÀsidenten Selenskyj "angewiesen", "keine ZugestÀndnisse an Putin zu machen".
Kaum hatten sich die ukrainischen UnterhĂ€ndler und Abramovich/Medinsky nach den Ergebnissen von Istanbul auf die Struktur eines möglichen kĂŒnftigen Abkommens in groben ZĂŒgen geeinigt, erschien der britische Premierminister Boris Johnson fast ohne Vorwarnung in Kiew.
Johnson brachte zwei einfache Botschaften mit nach Kiew. Die erste lautet, dass Putin ein Kriegsverbrecher ist; man sollte Druck auf ihn ausĂŒben, nicht mit ihm verhandeln. Die zweite lautet, dass selbst wenn die Ukraine bereit ist, mit Putin einige Vereinbarungen ĂŒber Garantien zu unterzeichnen, dass es der kollektive Westen aber nicht ist: "Wir können [ein Abkommen] mit Ihnen [der Ukraine] unterzeichnen, aber nicht mit ihm. Er wird sowieso alle ĂŒber den Tisch ziehen", fasste einer der engen Mitarbeiter Selenskyjs den Kern des Besuchs von Johnson zusammen. Hinter diesem Besuch und den Worten Johnsons verbirgt sich weit mehr als nur die Abneigung, sich auf Abkommen mit Russland einzulassen. Johnson vertrat den Standpunkt, dass der kollektive Westen, der noch im Februar vorgeschlagen hatte, Selenskyj solle sich ergeben und fliehen, nun das GefĂŒhl hat, dass Putin nicht wirklich so mĂ€chtig ist, wie sie es sich zuvor vorgestellt hatten. DarĂŒber hinaus besteht eine Chance, ihn "unter Druck zu setzen". Und der Westen will sie nutzen.
Die konservative Unterhausabgeordnete Alicia Kearns sagte: "Lieber bewaffnen wir die Ukrainer bis an die ZĂ€hne, als dass wir Putin einen Erfolg gönnen." Die britische AuĂenministerin Liz Truss bekundete in einer Grundsatzrede, dass der "Sieg der Ukraine (...) fĂŒr uns alle eine strategische Notwendigkeit" sei und daher die militĂ€rische UnterstĂŒtzung massiv ausgeweitet werden mĂŒsse. Guardian-Kolumnist Simon Jenkins warnte: "Liz Truss riskiert, den Krieg in der Ukraine fĂŒr ihre eigenen Ambitionen anzufachen". Dies sei wohl der erste Tory-Wahlkampf, "der an den Grenzen Russlands ausgetragen wird". Johnson und Truss wollten, dass Selenskyj "so lange weiterkĂ€mpft, bis Russland vollstĂ€ndig besiegt ist. Sie brauchen einen Triumph in ihrem Stellvertreterkrieg. In der Zwischenzeit kann jeder, der nicht ihrer Meinung ist, als SchwĂ€chling, Feigling oder Putin-AnhĂ€nger abgetan werden. Dass dieser Konflikt von GroĂbritannien fĂŒr einen schĂ€bigen bevorstehenden FĂŒhrungswettstreit missbraucht wird, ist widerwĂ€rtig."
Nach seinem Kiew-Besuch am 25. April 2022 erklĂ€rte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, die USA wollten die Gelegenheit nutzen, um Russland im Zuge des Ukraine-Kriegs auf Dauer militĂ€risch und wirtschaftlich zu schwĂ€chen. Laut New York Times geht es der US-Regierung nicht mehr um einen Kampf ĂŒber die Kontrolle der Ukraine, sondern um einen Kampf gegen Moskau im Zuge eines neuen Kalten Krieges.
Bei dem von Austin einberufenen Treffen von Verteidigungsministern der Nato-Mitglieder und weiterer Staaten in Ramstein in Rheinland-Pfalz am 26. April 2022 gab der Pentagon-Chef den militÀrischen Sieg der Ukraine als strategisches Ziel vor.
"Hat Boris Johnson geholfen, ein Friedensabkommen in der Ukraine zu verhindern?" Einem kĂŒrzlich in der Zeitschrift Foreign Affairs erschienenen Artikel zufolge haben Kiew und Moskau möglicherweise bereits im April eine vorlĂ€ufige Vereinbarung zur Beendigung des Krieges getroffen. "Laut mehreren ehemaligen hochrangigen US-Beamten, mit denen wir gesprochen haben, schienen sich russische und ukrainische UnterhĂ€ndler im MĂ€rz 2022 vorlĂ€ufig auf die Umrisse einer ausgehandelten Zwischenlösung geeinigt zu haben", schreiben Fiona Hill und Angela Stent. "Russland wĂŒrde sich auf seine Position vom 23. Februar zurĂŒckziehen, als es einen Teil der Region Donbas und die gesamte Krim kontrollierte, und im Gegenzug wĂŒrde die Ukraine versprechen, keine Nato-Mitgliedschaft anzustreben und stattdessen Sicherheitsgarantien von einer Reihe von LĂ€ndern zu erhalten. Die Entscheidung, das Abkommen scheitern zu lassen, fiel mit Johnsons Besuch in Kiew im April zusammen, bei dem er den ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyj drĂ€ngte, die GesprĂ€che mit Russland aus zwei wesentlichen GrĂŒnden abzubrechen: Mit Putin kann man nicht verhandeln, und der Westen ist nicht zu einem Ende des Krieges bereit."
"Diese offensichtliche EnthĂŒllung wirft einige wichtige Fragen auf: Warum wollten die westlichen FĂŒhrer Kiew davon abhalten, ein offenbar gutes Verhandlungsergebnis mit Moskau zu unterzeichnen? Betrachten sie den Konflikt als einen Stellvertreterkrieg mit Russland? Und vor allem: Was wĂ€re nötig, um wieder zu einem Verhandlungsergebnis zurĂŒckzukehren?"
Yevgeny Yepanchintsev/Imago
"Das möchte ich heute zum ersten Mal öffentlich machen. Nach dem Beginn der militĂ€rischen Sonderoperation, insbesondere nach den GesprĂ€chen in Istanbul, Ă€uĂerten sich die Kiewer Vertreter recht positiv zu unseren VorschlĂ€gen. Diese VorschlĂ€ge betrafen vor allem die GewĂ€hrleistung der Sicherheit und Interessen Russlands. Aber eine friedliche Lösung passte dem Westen offensichtlich nicht, weshalb Kiew nach der Abstimmung einiger Kompromisse tatsĂ€chlich befohlen wurde, alle diese Vereinbarungen zunichtezumachen."
AnlÀsslich des Besuchs einer afrikanischen Friedensdelegation am 17. Juni 2023 zeigte Putin die in Istanbul ad referendum akzeptierte und paraphierte Vereinbarung demonstrativ in die Kameras.
Anhand der öffentlich zugÀngigen Berichte und Dokumente ist nicht nur nachvollziehbar, dass es im MÀrz 2022 eine ernsthafte Verhandlungsbereitschaft sowohl der Ukraine als auch Russlands gab. Offensichtlich einigten sich die Verhandlungspartner sogar ad referendum auf einen Vertragsentwurf. Selenskyj und Putin waren zu einem bilateralen Treffen bereit, bei dem das Verhandlungsergebnis finalisiert werden sollte.
Die Tatsache, dass die wesentlichen Verhandlungsergebnisse auf einem Vorschlag der Ukraine beruhten, Selenskyj diese noch am 27. MĂ€rz 2022 gegenĂŒber russischen Journalisten sehr positiv bewertete und sich bereits zuvor in Ă€hnlicher Weise geĂ€uĂert hatte, belegt, dass der Ausgang der Istanbuler Verhandlungen durchaus den ukrainischen Interessen entsprach.
Umso schwerer wiegt die westliche Intervention, die ein frĂŒhzeitiges Ende des Krieges verhinderte. Die Verantwortung Russlands fĂŒr den völkerrechtswidrigen Angriff wird nicht dadurch relativiert, dass die Verantwortung fĂŒr die in der Folge entstandenen schwerwiegenden Konsequenzen fĂŒr die Ukraine und deren westliche UnterstĂŒtzer auch den Staaten zuzurechnen ist, die die Fortsetzung des Krieges verlangt haben.
Der Krieg hat nun ein Stadium erreicht, in dem eine weitere gefĂ€hrliche Eskalation und eine Ausweitung der Kampfhandlungen nur durch einen Waffenstillstand verhindert werden kann, der vielleicht zum letzten Mal eine friedliche Lösung durch Verhandlungen ermöglicht. Es gibt FriedensvorschlĂ€ge von China, der Afrikanischen Union, Brasilien, Mexiko, Indonesien, einen auf Einladung des Vatikans entwickelten Vorschlag sowie einen von deutschen Experten vorgeschlagenen Weg zu einem Waffenstillstand und Friedensverhandlungen. Der Verlauf des Krieges seit den gescheiterten Istanbul-Verhandlungen und der gegenwĂ€rtig Ă€uĂerst kritische Zeitpunkt sollten den verantwortlichen Staaten Anlass genug fĂŒr ein Umdenken sein.
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