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Gastbeitrag Demografischer Winter: Zerbricht die EU wie das Römische Reich?

Geburtenrate auf Rekordtief, unkontrollierte Migration, politische Blindheit: Wiederholt Europa die Fehler des Römischen Reiches?

Paolo Becchi

21.01.2026 , 10:19 Uhr

Das Römische Reich fiel aus einer Vielzahl von GrĂŒnden, und einer davon war zweifellos die demografische Implosion. Heute lassen sich durchaus Parallelen zwischen dem Untergang des Weströmischen Reiches und der aktuellen Krise der EuropĂ€ischen Union ziehen.

Ruine eines Imperiums: Das Kolosseum erinnert an die GrĂ¶ĂŸe Roms - und an seine historische Endlichkeit.
Andrey Popov/Panthermedia/Imago

Rom, einst eine blĂŒhende Metropole mit einer Million Einwohnern, schrumpfte im 6. Jahrhundert auf nur noch 30.000. Die Gesamtbevölkerung des römischen Reiches sank im 5. Jahrhundert von etwa 55 bis 60 Millionen auf nur noch 25 bis 30 Millionen. Droht Europa ein Ă€hnlicher Niedergang?

Fehlende Kontrolle destabilisierte das Römische Imperium

Dieser demografische Zusammenbruch machte das Reich nĂ€mlich besonders anfĂ€llig. Es war nie, wie es oft beschrieben wird, ein "Melting Pot". Zwar versuchte das Römische Reich, Zuwanderung zu steuern, anfangs mit Erfolg, doch langfristig war es nicht in der Lage, dies aufrechtzuerhalten, und stĂŒrzte schließlich. Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert gerieten die Migrationsströme außer Kontrolle, was das Ende des Reiches mitbegrĂŒndete. Diese Wellen der Migration waren ein entscheidender Bestandteil der Krise, die das Reich unaufhaltsam schwĂ€chte und schließlich zum Zusammenbruch fĂŒhrte.

Europa schrumpft: Geburtenrate auf Rekordtief - die demographische Zeitbombe tickt.
Felix KĂ€stle/dpa

Die UnfĂ€higkeit, Migration zu kontrollieren, destabilisierte das Römische Imperium. Und auch die demografische Krise spielte eine entscheidende Rolle dabei, das Reich fĂŒr die barbarischen Invasionen besonders anfĂ€llig zu machen. Dies ist keine besonders originelle These: Sie wird in der Fachliteratur vielfach diskutiert und ist unter Historikern allgemein anerkannt. Doch diese Beobachtung fĂŒhrt zu einer ernĂŒchternden Feststellung: Trotz der Unterschiede zwischen damals und heute gibt es eine deutliche Analogie zur gegenwĂ€rtigen Situation.

Zwar sind die barbarischen Invasionen, die das Römische Reich zu Fall brachten, eine andere Erfahrung als die heutigen Migrationsströme, aber eines haben beide Szenarien gemeinsam: die demografische Krise. Auch die EU sieht sich heute mit dieser RealitĂ€t konfrontiert: niedrige Geburtenraten, eine alternde Bevölkerung und ein GeburtenrĂŒckgang, bei dem mehr Menschen sterben als geboren werden. Dieses PhĂ€nomen betrifft nahezu alle europĂ€ischen LĂ€nder.

Es handelt sich um eine komplexe Problematik, die mit einer Vielzahl von Faktoren - wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen - zusammenhÀngt. Statt diese Faktoren zu adressieren, hat man versucht, der demografischen Krise mit verstÀrkter Zuwanderung entgegenzuwirken. Doch die Erfahrungen des Römischen Reiches sollten uns zu denken geben, wenn wir feststellen, dass eine zunehmende Migration in einem Zeitraum sinkender Geburtenraten potenziell fatale Folgen haben könnte.

Anne Schönharting/Ostkreuz Zur Person
Paolo Becchi (Genua, 1955) ist Philosoph und lebte lĂ€ngere Zeit in Deutschland, erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fĂŒr Rechts- und Sozialphilosophie und am Lehrstuhl fĂŒr praktische Philosophie der UniversitĂ€t des Saarlandes, dann als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Er war ordentlicher Professor fĂŒr Rechtsphilosophie an der UniversitĂ€t Genua.

Im Jahr 2024 umfasst die Bevölkerung der EU etwa 449 Millionen Menschen, darunter rund 45 Millionen Migranten aus Nicht-EU-Staaten - das entspricht etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dies mag zunĂ€chst wenig erscheinen, doch es handelt sich um einen Zuwanderungsstrom, der der GrĂ¶ĂŸe eines mittelgroßen europĂ€ischen Landes wie DĂ€nemark entspricht.

Der Trend setzt sich fort und wĂ€chst noch weiter. WĂ€hrend die Zuwanderung aus Nicht-EU-LĂ€ndern zunimmt, verlassen gleichzeitig gut ausgebildete EuropĂ€er die Union und wandern in LĂ€nder außerhalb der EU aus. FĂŒr 2024 wird eine Zahl von ĂŒber 600.000 Menschen erwartet, und auch fĂŒr 2023 gibt es entsprechende BestĂ€tigungen dieser Tendenz.

Irgendetwas lĂ€uft also nicht richtig in der Union, doch niemand scheint dies wirklich zu bemerken. Die fĂŒhrenden Politiker der EU schĂŒren die Angst vor Russland und einer angeblichen russischen "Übernahme".

Migranten kommen am Hafen der Insel Lampedusa an.
Cecilia Fabiano/LaPresse/AP/dpa

Doch in Wahrheit ist die "Invasion" lĂ€ngst im Gange, nicht durch die Russen, sondern durch Migranten aus Afrika und muslimischen LĂ€ndern. Diese Menschen sprechen nicht nur die Sprachen der europĂ€ischen LĂ€nder nicht, sondern teilen auch nicht die religiösen, kulturellen oder traditionellen Werte der meisten europĂ€ischen Gesellschaften. Ich möchte keineswegs ein Urteil ĂŒber diese Bevölkerungsgruppen fĂ€llen, sondern nur darauf hinweisen, wie schwierig es ist, ihre Kulturen und Traditionen mit unseren zu vereinen.

Europa hat einen langen Prozess der SĂ€kularisierung und Modernisierung durchlaufen, der Jahrhunderte gedauert hat. Die Migranten hingegen kommen oft aus Gesellschaften, in denen noch restriktive soziale und familiĂ€re Normen das tĂ€gliche Leben bestimmen. Dies fĂŒhrt zwangslĂ€ufig zu Konflikten.

"Das sanfte Monster BrĂŒssel"

Ist dies das Ende Europas? Unsere RealitĂ€t scheint immer grenzenloser zu werden. Einerseits sind die Nationalstaaten gezwungen, ihre SouverĂ€nitĂ€t zugunsten einer zunehmend unklaren IdentitĂ€t der EuropĂ€ischen Union aufzugeben, dem "sanften Monster BrĂŒssel", von dem Hans Magnus Enzensberger sprach. Andererseits werden sie von einer riesigen Zahl von Menschen ĂŒberflutet, mit denen wir nur noch - und das ist bestimmt nicht wenig - die gemeinsame Zugehörigkeit zur Menschheit teilen.

NatĂŒrlich können wir uns noch im Sinne des kantischen Kosmopolitismus in der gemeinsamen Menschlichkeit wiedererkennen. Aber dieser "abstrakte Universalismus", wie Hegel ihn nannte, reicht nicht aus, um friedlich in einer politischen Gemeinschaft zu leben. WĂ€re es fĂŒr die Welt eine Bereicherung, wenn alle Unterschiede der verschiedenen Völker in einer gleichgĂŒltigen Einheit verschwinden?

Das Ergebnis dieser Entwicklung könnte sein, dass nicht nur - wie bereits Rousseau feststellte - keine Franzosen, Deutschen, Spanier und so weiter mehr existieren werden, sondern dass am Ende vielleicht sogar keine EuropĂ€er mehr ĂŒbrig sind. Ist das das Schicksal, das uns bevorsteht? Wird der EuropĂ€er der Zukunft ein Mischling sein?

Es ist heute legitim, sich diese Fragen zu stellen. Das Problem liegt jedoch nicht in den Fragen selbst, sondern darin, dass es keine Antworten gibt. Die EuropÀische Union riskiert ernsthaft, das gleiche Ende wie das Römische Reich zu erleiden. Es wird nicht das Ende der Geschichte sein, aber es wird sicherlich der Beginn einer ganz anderen Geschichte.

Die Europa Saga


Quelle:


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 16.01.2023 - 16:22