Jahreskalender
Donnerstag
08. Juni
2023

Unser Millenium ist eigentlich nur eine Laune

von Andreas Pecht


Schon im fr├╝hen ├ägypten galt die im Prinzip heute ├╝bliche Zeitrechnung nach Sonnenjahren. Als 525 ein Pabst die Jahresz├Ąhlung nach Christi Geburt einf├╝hrte, war der ├Ągyptische Kalender bereits ├╝ber zweieinhalbtausend Jahre alt.


Julius Caesar ├╝bertrug den ├Ągyptischen Kalender aufs R├Âmische Reich.

Vom Reiz der runden Zahl 2000 oder: Warum die Welt ebenso gut die Jahre 1421, 2753, 4040 oder 5760 feiern k├Ânnte

M├Âgen auch jene Recht haben, die den Beginn des neuen Jahrtausends auf den 1. Januar 2001 datieren, so ist alle Welt dennoch vom Millenniums-Sog erfasst: Gro├č gefeiert wird in der Nacht von 1999 auf 2000! Basta! Die Symbolik der runden Zahl fegt alle Bedenken beiseite. Und kaum einer schlie├čt sich aus, mag seine eigene Kultur oder Religion auch noch so wenig mit der christlichen Zeitrechnung zu tun haben, Sie ist die allgemeine Leit-Zeit, sp├Ątestens seit der Entwicklung des Handels zum Welthandel, endg├╝ltig seit der globalen Computer-Vernetzung.

Noch beim vorangegangenen Jahrhundertwechsel war die Begeisterung f├╝r die runde Zahl eine haupts├Ąchlich deutsche Erscheinung. Das Kaiserreich l├Ąutete am 1. Januar 1900 das 20. Jahrhundert ein, w├Ąhrend etwa die gesamte englischsprachige Welt, Greenwich-korrekt, erst 12 Monate sp├Ąter die Korken knallen lie├č. Jahrhundertwechsel scheinen in der Neuzeit weniger eine Frage des Kalenders, denn eine des Zeitgeistes zu sein.

Ansonsten k├╝mmert sich die Geschichte ohnehin nicht um

der Menschen Jahreszahlenspiele. Es mag den Untergangs- oder Aufbruchspropheten missfallen, aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen runden Kalenderdaten und welthistorischen Umbr├╝chen. 1765 (Erfindung der Dampfmaschine), 1789 (Franz├Âsische Revolution), 1848 (demokratische Revolution), 1917/19 (Ende des Feudalzeitalters), 1939, 1945, 1989 - unrunde Jahre allesamt, in denen historische Prozesse sich zu datierbaren Ereignissen von Weltbedeutung b├╝ndelten.

Schon der Ursprung unserer Zeitrechnung ist ein vages, wackeliges Ding. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts nach Christus erhielt Exiguus den p├Ąpstlichen Auftrag, das Geburtsjahr Jesu zu ermitteln. Entsprechend der ihm zur Verf├╝gung stehenden Quellen, ging er von Christi Geburt im 28. Regierungsjahr des Kaisers Augustus aus.

Nur verga├č der M├Ânch - so sehen es Historiker heute - dann bei seiner Rechnung, dass Augustus vier Jahre lang unter den Namen Octavianus geherrscht hatte. Ergo h├Ątten wir das christliche Millennium eigentlich bereits 1996 feiern m├╝ssen.


Am Anfang war Rom

Bedenkt man obendrein die sachlich-historische Fragw├╝rdigkeit von Exiguus┬Ĺ Quellen, so war die zuvor ├╝bliche Zeitrechnung wom├Âglich verl├Ąsslicher. Bis dahin n├Ąmlich hatten sich selbst christliche Chronisten auf das Gr├╝ndungsjahr der antiken Stadt Rom (angenommen 753 vor Christus) bezogen.
Keine schlechte Wahl, zumal das von Julius C├Ąsar im Jahre 46 vor Christus eingef├╝hrte - und nat├╝rlich auf die Gr├╝ndung Roms zur├╝ckrechnende - Kalenderverfahren bis heute fast unver├Ąndert gilt.

Papst Gregor XII. veranlasste Ende des 16. Jahrhunderts nur noch einige Feinkorrekturen.
C├Ąsars Kalender, genannt der Julianische, orientiert sich am 365 -t├Ągigen Sonnenjahr, mit einem Schaltjahr alle vier Jahre. Die Idee stammt ├╝brigens nicht von ihm selbst, er entdeckte dieses Verfahren bei seinem Einmarsch in ├ägypten, wo seit ├╝ber zwei Jahrtausenden derart die Zeit eingeteilt wurde. Demnach k├Ânnte man heuer wohl begr├╝ndet auch das Jahr 2753 r├Âmischer oder etwa das

Jahr 4040 alt├Ągyptischer Zeitrechnung feiern.
Doch unter Papst Johannes I. wurde 525 einfach festgelegt, dass die Zeit nunmehr vom (vermeintlichen) Geburtsjahr Christi an zu berechnen sei. So geschah es.

Aus Weitsicht k├Ânnten freilich rund zwei Drittel der Menschheit mit gleichem Recht eine ihrer religi├Âsen und kulturellen Pr├Ągung gem├Ą├če allgemeine Zeitrechnung verlangen. Warum nicht nach j├╝discher Zeit rechnen? Dieser Kalender bezieht sich auf die biblisch datierte Erschaffung der Welt 3760 Jahre vor Beginn der christlichen Zeit, er zeigt heute das Jahr 5760.

Warum nicht denn islamischen Kalender ├╝bernehmen, dessen Jahresz├Ąhlung mit der Hedschra des Propheten Mohammed (622 christlicher Zeit) beginnt und heute das Jahr 1421 schreibt? Warum nicht mit der Geburt von Buddha Shakyamuni (5. Jahrhundert v. Chr.) beginnen oder mit der Geburt des Konfuzius 551 vor Christus - den pr├Ągenden Geisteskr├Ąften des volkreichsten Kontinents auf Erden?


Sonnen- und Mondjahr

Mancher Kalender - etwa der j├╝dische und der muslimische - richtet sich nach dem Mondjahr. Der Nachteil ist, dass das Mondjahr allj├Ąhrlich um zehn Tage hinter dem jahreszeitlichen Sonnenjahr zur├╝ckbleibt. Fiele heute beispielsweise der Mond-Neujahrstag auf die dunkelste Jahreszeit, so l├Ąge er neun Jahre sp├Ąter schon mitten im Fr├╝hling, nach 18 Jahren im Hochsommer. . .

Deshalb benutzen heute auch muslimische oder j├╝dische Staaten zwei Kalender: Im religi├Âsen Bereich gilt der ihre, im weltlichen Bereich der allgemeine (christliche).

Ein Grund, warum die christliche Zeitrechnung heute globaler Leit-Kalender ist, liegt in Jahrhunderten weltweiter Missionierung und Kolonialisierung durch

das christliche Abendland. Und die hatten bekanntlich Licht- und Schattenseiten.

Ein anderer Grund: Der julianische Kalender ist einfach der praktischere - vor allem jetzt, da die Welt ein Dorf geworden ist. Irgendwann im Laufe der Geschichte h├Ątte er sich deshalb als weltweit-weltliche Zeitrechnungsart zwangsl├Ąufig durchgesetzt.

Dass unser Kalender aber von der Geburt Christi an z├Ąhlt, statt von der Gr├╝ndung Roms oder dem Beginn der ├Ągyptischen Zeit, das ist nur eine Laune der Geschichte, unerheblich f├╝r ihren Verlauf. Nichts anderes ist folglich auch die wunderh├╝bsche Jahreszahl 2000; blo├čer Zufall - und wahrscheinlich auch noch falsch berechnet.


Noch ein Fehler

Wie berechnet man die Jahreszahl? Dazu, und um es besser darzustellen, betrachtet wir die Altersberechnung beim Menschen.
Bei der Geburt ist das Alter 0 Jahre und nicht 1 Jahr. Nach 12 Monaten, also Vollendung des ersten Lebensjahres, begeht der Mensch den ersten Geburtstag. Jetzt hei├čt es: Er ist 1 Jahr alt. Fortf├╝hrend bedeutet das z.B.: Zum 30. Geburtstag hat man das

30. Lebensjahr vollendet und startet in das 31. Lebensjahr.

Analog ist es bei der Jahresberechnung. Das Jahr 2000 begann in Wirklichkeit mit dem Jahr 1999. Als die Menschheit das Millenium beging, war das Jahr 2000 schon vorbei. Aber das neue Jahrtausend am Neujahrstag von 1998 auf 1999 zu begr├╝├čen, l├Ąsst nat├╝rlich nicht die richtige Stimmung aufkommen.


Abendländische Hoffnung auf einen Neuanfang

Schon wehen wei├če F├Ąhnchen ├╝ber unseren Schreibtischen, erste Kollegen ├Âffnen den Bleistiftspitzer und streuen sich Aschenersatz ├╝bers Haupt, da tatzt Wolf Dieter Kirmaier aus Aichwald mit dem Lineal nach uns Wankelm├╝tigen. "Das Rechnen mit 0 und 1 ist zuweilen etwas schwierig", gibt er zu, empfiehlt aber zur Erkenntnis, dass die Wende 1999/2000 die wahre sei: "Ungl├Ąubige k├Ânnen einen handels├╝blichen Meterstab, 2 m = 2000 mm, zu Hilfe nehmen. 1 Jahr entspricht dann 1 mm. Bei 2 m (2000 mm) ist Schluss. Bereits der 1. weitere tausendstel mm geh├Ârt zum 3. Meter."

Nun schwirrt und wirbelt wieder alles, die ersten ├ťberl├Ąufer machen sich bereit, zum fr├╝hen Datum zur├╝ckzuwechseln. Da weist der Praktikant - der als Kind mehrfach den Kleinzirkus mit dem z├Ąhlenden Pferd besuchen durfte und darum als Mathematikinstanz der Redaktion gilt - dem letzten Beweisf├╝hrer Mogelei nach. 1 Zentimeter hie├če dann ein Zentimeter, wenn er seine zehn Millimeter voll habe. Ein Jahr aber d├╝rfe schon zu Beginn seinen Namen f├╝hren und die n├Âtigen 364 Tage erst nach und nach ansammeln. Das Jahrtausendsilvester tritt nun klar als Wende2000/ 2001 hervor.

Nun ist die Verwirrung heillos, wie es ├╝berhaupt, noch zu Fehlfeiern kommen k├Ânne. Da bringt eine E-Mail von Hermann Lohmiller Klarheit: "Der Zeitraum der ersten zw├Âlf Monate nach der Geburt Jesu", legt dieser Anh├Ąnger von

1999/2000 fest, "muss als das Jahr 0 unserer Zeitrechnung bezeichnet werden."

Damit ist offenbar, wie es zur Spaltung der Leserschaft und zum kalenderm├Ą├čigen Schiffbruch der Redaktion kam: alles ist eine Glaubensfrage.

Wer ├╝berzeugt ist, dass unsere Ahnen nach Christi Geburt im Jahr null lebten, nach zw├Âlf Monaten zu Silvester in die H├Ąnde spuckten und sagten: "Dann wollen wir mal mit dem Jahr eins anfangen", der muss nat├╝rlich von 1999 auf 2000 feiern. Wem vorschwebt, dass die Altvorderen dagegen zw├Âlf Monate nach Christi Geburt seufzten: "Ein Jahr rum seit dem Nullpunkt, machen wir uns ans zweite", der muss noch warten mit der Megaparty.

Ein Gro├čteil der Menschheit lebt sowieso unbek├╝mmert nach anderen Kalendern - die Chinesen und Muslime etwa. Das ganze Millenniumsfiebern ist ein abendl├Ąndisches Ph├Ąnomen von blo├čer Symbolkraft: eine Kulturgemeinschaft will sich da zu einem bestimmten Zeitpunkt das Gef├╝hl eines Neuanfangs, einer neuen Chance schenken.

Wer Laune hat, darf also schon kommendes Silvester auf den Putz zu hauen. Und wer sich lieber ein weiteres Jahr lang freut, dass die anderen ihr Fest schon verjuxt haben, ist dazu herzlich eingeladen.

Welcher Seite wir auch zuneigen, wir sollten der anderen nicht allzu gram sein: noch mal m├╝ssen wir diesen Streit nicht mitmachen.

Thomas Klingenmaier


Willkommen im neuen Jahrtausend


© infos-sachsen / letzte Änderung: - 01.02.2023 - 10:24