Der Autor
Gregor Gysi
Dr. Gregor Gysi wurde 1948 in Berlin geboren. Er studierte Jura und arbeitete als Anwalt. Bis1993 war er Parteivorsitzender der PDS und bis 2015 Vorsitzender der Bundestagsfraktion Die Linke, bis 2019 Vorsitzender der Partei der EuropÀischen Linken und Mitglied des Bundestages.
02.10.2020, 15:02 Uhr
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Dabei gab es Felder, in denen der Osten dem Westen voraus war. WĂ€ren sie ĂŒbernommen worden, hĂ€tte dies das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestĂ€rkt und den Westdeutschen positive Vereinigungserlebnisse ermöglicht. Im Fall von Liebe und SexualitĂ€t galt das sogar im Wortsinne. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, nahm man in der ersten HĂ€lfte der 90er-Jahre sogar ein unterschiedliches Sexualstrafrecht bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Kauf. SpĂ€ter wurde klammheimlich eine dem DDR-Recht Ă€hnliche Regelung deutschlandweit eingefĂŒhrt.
Erwachsene MĂ€nner in der DDR - und nach der Einheit weiter im Ostteil Berlins und den ostdeutschen LĂ€ndern - durften junge MĂ€nner ab 14 Jahren ungestraft lieben. Strafbar war es nur dann, wenn es auch fĂŒr heterosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen strafbar war, zum Beispiel in einem AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis. Im Westen hingegen war es fĂŒr die erwachsenen MĂ€nner immer eine Straftat. FĂŒr Schwule stand diesbezĂŒglich die Mauer auch nach dem 3. Oktober 1990 noch in Berlin, und so begab man sich zum Vollzug der Liebe halt in den Osten.
Gesellschaftlich gab es in beiden Teilen Deutschlands durchaus vergleichbare Vorbehalte, wie es 1989 der grandiose Film "Coming Out" von Heiner Carow zeigte. Aber der rechtliche Rahmen war im Osten freier. Dies betraf noch mehr die gesellschaftlichen Bedingungen fĂŒr eine selbstbestimmte SexualitĂ€t von Frauen. SchwangerschaftsverhĂŒtung und -abbruch waren ab den 70er-Jahren deutlich besser geregelt als im Westen. Ăbrigens war das entsprechende Gesetz eines der wenigen, das die Volkskammer mit Gegenstimmen und Enthaltungen beschloss. Diese kamen aus den Reihen der CDU. Pille wie Abbruch der Schwangerschaft kosteten die DDR-Frauen nichts. Es gab auch keinen Beratungszwang.
Noch entscheidender aber war die wirtschaftliche SelbstĂ€ndigkeit der Frauen. Sie ermöglichte, bei der Partnerwahl individuelle Kriterien anzulegen. Die ökonomische Absicherung durch den Mann verlor Bedeutung. Undenkbar, dass der Ehemann - wie im Westen noch bis 1977 - einer beruflichen TĂ€tigkeit seiner Ehefrau zustimmen musste, diese sogar kĂŒndigen durfte. Die Ehe war in der DDR nicht als Versorgungsinstitut angelegt, auch wenn der Staat sie mit dem sogenannten Ehekredit durchaus förderte. Das war eher ein Anreiz, Kinder zu bekommen, denn die zurĂŒckzuzahlende Summe verringerte sich pro Kind bis auf null beim dritten.
Die wirtschaftliche SelbstĂ€ndigkeit machte es Frauen leichter, Partnerschaften zu beenden, wenn diese nicht mehr ihren Vorstellungen entsprachen. Nach meinen Erfahrungen als Anwalt spielten auĂereheliche Beziehungen bei Scheidungen in den 80ern etwa je zur HĂ€lfte bei MĂ€nnern und Frauen eine Rolle, wĂ€hrend es auch in der DDR in frĂŒheren Jahrzehnten ĂŒberwiegend die MĂ€nner betroffen hatte. Alleinerziehende, auch in der DDR zumeist Frauen, konnten diese Stellung deutlich leichter als im Westen ertragen, weil sie ökonomisch und sozial anders in die Gesellschaft eingebunden waren. Heute ist mit dieser Rolle nicht selten ein dramatischer sozialer Abstieg verbunden.
All dies fĂŒhrte dazu, dass gesellschaftliche Verklemmungen hinsichtlich der SexualitĂ€t im Osten auf breiterer Basis und eher evolutionĂ€r als revolutionĂ€r ĂŒberwunden wurden. Im Westen geschah dies erst mit den 68ern - und nur fĂŒr einen Teil der Gesellschaft. Ein Beispiel dafĂŒr ist die groĂe Akzeptanz der Freikörperkultur in der DDR. Auch wenn man davon natĂŒrlich nicht direkt auf den Umgang mit SexualitĂ€t schlieĂen kann, ist dieses weithin ungezwungene VerhĂ€ltnis zur Nacktheit dennoch ein Fingerzeig fĂŒr ein sexuell offeneres Leben. Dass nach der deutschen Einheit viele FKK-StrĂ€nde wieder Bekleidungsnormen unterworfen wurden, ist in meinen Augen ein Kulturverlust.
Im Westen geriet SexualitĂ€t an den Rand der Gesellschaft oder in streng umgrenzte Gebiete. SpĂ€ter und erst recht heute im Internetzeitalter wurde die SexualitĂ€t als zentrale Werbebotschaft deutlich offener dargestellt. Im Osten war SexualitĂ€t viel frĂŒher selbstverstĂ€ndlicher und im besten Sinne alltĂ€glicher, wenngleich deutlich zu wenig öffentlich diskutiert. Dass dies wohl nicht zuletzt auch mit der besseren Gleichstellung der DDR-Frauen zusammenhing, scheint mir schlĂŒssig. Und wenn es im vereinigten Land immer noch MĂ€nner gibt, die eine Vergewaltigung in der Ehe fĂŒr nicht strafbar halten, wird einem bewusst, wie weit der Weg noch ist, auch in Liebe und SexualitĂ€t Gleichberechtigung zu verwirklichen. Ein kleiner Blick zurĂŒck gen Osten kann dabei durchaus helfen.
