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Zeitenwende

Lügen, Angst und Massenmord: Wo heute die Nato steht, begann der Nazi-Krieg im Osten

Frank Schumann

17.06.2026, 09:22 Uhr 9 Min

85 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion stehen heute deutsche Nato-Soldaten vor der Grenze Russlands und leisten einen "Beitrag zur Abschreckung".

Die Steinskulptur "Monumet Muzhestvo" in Belarus erinnert an die Soldaten, die den deutschen Überfall abwehrten.
© Arkadij Schell/imago

Vor wenigen Tagen, am 6. Juni, wurde meine Mutter 100. Sie war also 15, als Deutschland und seine Verbündeten am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfielen. Sie lebte damals im ostpreußischen Trakehnen. In dem Gestüt, das als das bedeutendste des Deutschen Reiches galt, wurden seit 1732 Pferde für die Kavallerie gezüchtet. Ihr Vater arbeitete dort, seine Vorfahren waren aus Litauen eingewandert.

Etwa vierhundert Kilometer südlich von Trakehnen lag Brest. Gegründet vor etwa tausend Jahren im Kiewer Rus, zeitweise mal litauisch, mal polnisch besetzt, seit 1795 gehörte Brest zum russischen Zarenreich. Zur Sicherung seiner Westgrenze errichteten die Russen dort eine gewaltige Festung, mit vier Quadratkilometern Ausdehnung die größte im russischen Reich des 19. Jahrhunderts. Entworfen hatte sie übrigens Karl Iwanowitsch Oppermann, ein russischer Militäringenieur deutscher Herkunft.

Bollwerk gegen den Ansturm aus dem Westen

In dieser Festung von Brest-Litowsk wurde am 3. März 1918 das Ende des Ersten Weltkrieges an der Ostfront besiegelt. Um Frieden zu bekommen, gab Sowjetrussland ein Viertel seines Territoriums in Europa her. Fast anderthalb Millionen Quadratkilometer und sechzig Millionen Menschen, dazu noch sechs Milliarden Goldmark als Entschädigung für deutsche Unternehmen.

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Im September 1939, als sich die deutsche Wehrmacht auf den Weg gen Osten machte, rückte die Rote Armee gen Westen vor - bis hin zu jener Linie, die 1919 in Versailles vom britischen Außenminister Curzon als Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion markiert, aber damals von beiden Seiten nicht akzeptiert worden war. Im Oktober 1939 wurde Brest am Bug erneut Grenzstadt und die Festung Bollwerk gegen den erwarteten Ansturm aus dem Westen.

An jenem 22. Juni 1941 befanden sich etwa neuntausend Rotarmisten in der Festung, am jenseitigen Ufer des Grenzflusses lagen etwa doppelt so viele deutsche Soldaten.

Die 45. Infanterie-Division hatte Befehl, die Festung im Handstreich zu nehmen. Der Handstreich misslang. Die Russen setzten sich mutig zur Wehr. 32 Tage nach dem Überfall wurde der letzte Verteidiger der Festung, ein Major Pjotr M. Gawrilow, gefangengenommen.

Der Veteran Major Pjotr M. Gawrilow (M.) verteidigte die Festung Brest-Litowsk. Hier bei der Parade zum 30. Jahrestag der Befreiung am 9. Mai 1975 in Moskau
© Imago

Anfang 1980 wurde ich als Geschichtsredakteur der Tageszeitung Junge Welt nach Brest geschickt. Ich sollte zum 35. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus etwas über die Heldenfestung schreiben, zu der die Gedenkstätte einige Jahre zuvor erklärt worden war. Also setzte ich mich in die Bahn, ich hatte auch einen Fotografen dabei.

Die Schatten der Toten

Gawrilow war im Vorjahr 78-jährig verstorben und neben seinen Kameraden in Brest bestattet worden. Nach dem Krieg hatte er in Sibirien ein Lager für japanische Kriegsgefangene geleitet, 1957 war er als Held der Sowjetunion geehrt worden. Es fanden sich aber andere interessante Gesprächspartner, und es gab viel zu entdecken.

Die Festung: ein weitläufiges Areal mit Mauerresten und imposanten Mahnmalen, dominiert von einer gewaltigen Betonnadel, gleichsam ein überlanges Bajonett. Beeindruckend das Cholmer Tor mit seinen Zinnen und Erkern aus rotem Backstein. Die Ziegel: zernarbt von den Kugeln und den Granaten der Angreifer, zerschunden und zermahlen, aber standhaft. Ich konnte furchtlos durch das Tor schreiten. In den Katakomben waren Schatten von Menschen zu sehen. Stehende, Liegende, Hockende, verbrannt und verdampft in der Glut deutscher Flammenwerfer. Ihre Körper hatten verhindert, dass die Oberfläche der Ziegelwand hinter ihnen geschmolzen und glasiert war wie die übrige Fläche.

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Im Friedensmuseum von Hiroshima sah ich Gleiches: Steine, in die der Lichtblitz der Atombombe Silhouetten menschlicher Körper eingebrannt hatte. Und das vier Jahre nach Brest. Die gleichen Bilder, die gleiche Barbarei, die gleiche Idiotie.

Zur Gegenwart komme ich noch.

Ich schrieb also für die Zeitung über meine Wahrnehmungen und über die Stadt Brest. Sie zählte damals, als wir Deutschen 1941 über sie kamen, vielleicht fünfzigtausend Bewohner. Zwei Drittel davon waren Juden. Brest war seinerzeit eines der größten kulturellen Zentren des Judentums. Noch bevor in Deutschland die Synagogen brannten, gab es dort antijüdische Ausschreitungen - Mitte der dreißiger Jahre, als Brest polnisch war, mehr als hundert. Im Mai 1937 starben bei einem Pogrom viele Menschen, anderthalbtausend jüdische Geschäfte wurden von polnischen Nachbarn heimgesucht, zerstört und geplündert, Werkstätten und Wohnhäuser angezündet.

Gestapo-Terror

Und als 1941 Brest von der Wehrmacht genommen war, rückte das Polizei-Bataillon 307 ein und massakrierte etwa viertausend Juden. Der ersten Welle folgte eine Einheit der faschistischen Sicherheitspolizei, einer Bande aus Gestapo und Kriminalpolizisten. Ihrem Terror fielen von Juli bis September 1941 in Brest fast neuntausend Menschen zum Opfer.

Drei Jahre später, im Juli 1944, wurde Brest von der Roten Armee befreit.

Das von den Nazis dort eingerichtete Ghetto war schon lange liquidiert, das heißt deren Insassen ermordet. Die meisten starben in Bronnaja Gora. Wir wissen so gut wie nichts über diese Mordstätte bei Brest, die schon bald nach dem deutschen Überfall unweit einer Bahnstation eingerichtet worden war. Es gab keine Überlebenden und kaum deutsche Quellen. Historiker vermuten, dass dort mehr als fünfzigtausend Menschen erschossen wurden, darunter vermutlich fünfzehn- bis zwanzigtausend Juden aus Brest.

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Daran erinnern einige Denkmale am Ort des Verbrechens. Auf Russisch, Hebräisch, Jiddisch und Englisch heißt es da: "Im Gedenken an die mehr als 50.000 sowjetischen Bürger und Bürger aus Ländern Westeuropas, größtenteils jüdischer Nationalität, die in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 bestialisch von den Faschisten ermordet wurden."

Das ganze Drama begann am 30. Januar 1933, als der NSDAP - der Alternative zur bürgerlich-parlamentarischen Republik - die Regierungsgewalt übergeben wurde. Und am 22. Juni 1941 wurde mit dem Überfall auf die Sowjetunion der imperialistische Wille vollstreckt, Raum und Rohstoffe im Osten zu erobern. Der "Kreuzzug gegen den jüdischen Bolschewismus", das Unternehmen Barbarossa, begann mit über drei Millionen Soldaten, die auf breiter Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer die sowjetische Grenze überschritten. Bei diesem deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg halfen die europäischen Staaten Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien, Kroatien, Slowakei und sogenannte Freiwillige aus Norwegen, Belgien, Spanien und den Niederlanden. Die deutsche Propaganda log und behauptete, es handele sich um einen Präventivkrieg.

Die Lüge von der sowjetischen Invasion

Am 27. Juni wurde nämlich verbreitet, die sowjetische Armee habe zum Angriff auf Europa bereitgestanden, und am 29. Juni meldete Berlin, dass die deutschen Truppen in den sowjetischen Aufmarsch hineingestoßen seien. In einer Sondermeldung am gleichen Tag hieß es, wahrscheinlich sei es gerade noch in letzter Minute gelungen, den mitteleuropäischen Raum vor einer sowjetischen Invasion zu bewahren. "Das deutsche Volk ist seinen tapferen Soldaten wahrhaft zu tiefstem Dank verpflichtet."

Am Tag des Überfalls fand im Berliner Olympiastadion das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft statt. Das Spiel wurde für die Wochenschau gefilmt. Deren erste Ausgabe nach dem 22. Juni begann nicht etwa mit Bildern vom neuen Krieg im Osten, sondern von diesem Fußballspiel.

Soldaten der Bundeswehr während einer Übung der Litauen-Brigade in Litauen.
© Kay Nietfeld

Meine Mutter, die heute Hundertjährige, verließ Ende 1944 Ostpreußen mit den Trakehnern, den zwei- und den vierbeinigen. Sie strandeten in Graditz bei Torgau, einem anderen preußischen Gestüt. Im Morgengrauen des 25. April 1945 flohen die Graditzer vor der heranrückenden Front. Sie passierten die Brücke über der Elbe, die flog unmittelbar hinter ihnen in die Luft. Deutsche Durchhaltekrieger hatten sie gesprengt. Am Nachmittag lagen sich Russen und Amerikaner auf den Trümmern in den Armen. (Die später wieder errichtete Brücke ließ Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf in einer heimlichen Nacht- und Nebelaktion am 16. April 1994 gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung sprengen. Das Denkmal der Begegnung aber steht noch immer.)

Krankenbesuch vom Rotarmisten

Irgendwann kehrten meine Mutter und die anderen nach Graditz zurück. Von den dort stationierten Rotarmisten kam oft ein junger Bursche zu ihnen. Irgendein Iwan oder Sascha oder Kolja, keine Ahnung. Er kam ohne Arg, ohne böse Absicht. Seine Geschichte kannte niemand, er sprach nicht deutsch und die Familie kein Russisch. Er sei ein lieber Kerl gewesen, anhänglich. Die Mutter meiner Mutter, eine resolute, praktische Frau Mitte vierzig, wusch ihm die Kragenbinden und die Uniform, setzte Flicken und stopfte Löcher, und er revanchierte sich für die mütterliche Fürsorge mit Essbarem.

Eines Tages war "Muttr" weg, was ihn sichtlich verstörte. "Hospital", sagten die anderen.

Später erzählte meine Oma diese Geschichte wieder und wieder. Sie lag mit einer Gallenkolik im Torgauer Krankenhaus, ein Saal mit zwanzig und mehr Betten. Plötzlich flog die Tür auf und ein Russe mit Waffe rückte ein. Geschrei aus den Betten, die Frauen fürchteten sich vor dem, was nun passieren würde. War ja kein Geheimnis. Doch der Soldat schritt davon unbeeindruckt durch den Gang und musterte die Patientinnen.

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Ganz hinten entdeckte er "Muttr". Die lag blass im Bett, mit einem Schlauch im Mund und konnte nur mit den Augen sprechen. Der junge Russe blickte sie bang an, hilflos, ratlos. Dann griff er in seine Hosentasche und förderte einen schmutzigen, unansehnlichen Zuckerklumpen ins Freie. Und den reichte er ihr. Was für ein absurdes Angebot - und was für eine anrührende menschliche Geste. Er wollte Gutes tun, helfen, Mitgefühl zeigen. Wie viel Leid hatten diese Russen durch unsere Landsleute an Leid und Bitterkeit erfahren müssen. Und wie gingen sie danach mit uns um ...

Trakehnen heißt heute Jasnaja Poljana und hat die Nato als Nachbarn, die Grenze zu Polen und Litauen ist keine dreißig Kilometer fern. Panzer mit dem Balkenkreuz zerfurchen litauischen Boden, fünftausend deutsche Soldaten leisten dort dauerhaft einen "Beitrag zur Abschreckung". Diese Litauen-Brigade, so der deutsche Verteidigungsminister, sei "das Leuchtturmprojekt der Zeitenwende". Da kann einem nur schwarz vor Augen werden, wenn man die Geschichte kennt.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.

Dieser Text ist eine Rede, die Frank Schumann bei der Veranstaltung "Dankbarkeit, die ein Leben lang währt" im Theater Ost. Anlass ist der 85. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Karten und Informationen unter www.theater-ost.de


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