zur Erinnerung
Vietnamkrieg 1964 - 1975 Reise auf den Spuren des Leids Der Vietnamkrieg politisierte eine ganze Generation - auch den Basler Peter Sutter. Vierzig Jahre nach Kriegsende besuchte er die Orte des Schreckens in Vietnam. Ein Reisebericht.

Peter Sutter, 66, war Wirt des "Goldenen Fasses" in Basel und in den letzten Jahren freier Mitarbeiter des Seminars fĂŒr Soziologie der Uni Basel.

Roland Schmid

28.04.2015, 07:23 Uhr

VIETNAM. Dieses Wort schrieb ich am Tag meiner Entlassung in grossen Lettern an die Zellenwand des GefĂ€ngnisses, in das ich wegen militĂ€rischer Befehlsverweigerung eingesperrt worden war. Es war im FrĂŒhjahr 1975. Die nordvietnamesischen Truppen hatten SĂŒdvietnam vollstĂ€ndig besetzt - die Amerikaner hatten den Krieg verloren.

Relikte des "amerikanischen Kriegs" in Ho-Chi-Minh-City: Eroberte oder zurĂŒckgelassenen Panzer, Hubschrauber, Kampfbomber und ArtilleriegeschĂŒtze stehen in Reih und Glied im Kriegsmuseum.
(Bild: Roland Schmid)

Der zweite Vietnamkrieg, der 1964 mit dem offiziellen Eingreifen der USA begann, hat mein Weltbild geprÀgt - wie das vieler Leute meiner Generation. Der "amerikanische Krieg", wie ihn die Vietnamesen nannten, beeinflusste die westliche Kultur nachhaltig. Als 1965 die ersten amerikanischen Bomben auf nordvietnamesische StÀdte fielen, veröffentlichten The Who gerade ihre erste Single mit dem Titel "My Generation" - ein Protestsong.

Der Soundtrack des Widerstands

Die Gleichzeitigkeit des von den USA im Namen der Freiheit in SĂŒdostasien gefĂŒhrten Krieges und des Aufbruchs der 68er-Generation im Westen wurde zum bestimmenden Merkmal einer Epoche, in der vieles anders wurde. Die Beatles und die Rolling Stones gaben musikalisch den Takt an. Ihre Musik wurde zum Soundtrack einer Generation, die den alten Mief hinter sich lassen wollte.

Dossier Vietnamkrieg: Wunden, die nie heilen
Flucht vor dem Napalm: Dieses Bild ist als Ikone des Leids in die Geschichte eingegangen.
(Bild: Nick Ut)

Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg. Seine Folgen sind bis heute sichtbar. Viele Gebiete sind vermint, und das von den USA eingesetzte Gift Agent Orange fĂŒhrt noch immer zu organischen Missbildungen. Ein RĂŒckblick auf einen Krieg, der eine ganze Generation politisierte und die 68er-Bewegung begrĂŒndete.

Die historische Tragik dieser Zeit bestand damals fĂŒr viele darin, dass ĂŒber 500.000 Junge in einen ideologisch getriebenen Krieg nach SĂŒdostasien zogen, wĂ€hrend im Westen Gleichaltrige gegen ebendiesen Krieg protestierten. Der kollektive Widerstand einer ganzen Generation - von konservativen Politikern gerne als "zweite Front" bezeichnet - sowie die erschĂŒtternden Bilder in der Presse, die damals praktisch unzensuriert aus Kriegsgebieten berichten konnte, besiegelten nebst der erstaunlichen WiderstandsfĂ€higkeit der Vietnamesen die spĂ€tere Kriegsniederlage der USA.

Das Bild des nackten MĂ€dchens, das schreiend vor den Rauchschwaden der Napalmbomben flĂŒchtet und die Fotografie der Hinrichtung eines angeblichen Vietkong-KĂ€mpfers auf offener Strasse durch den Polizeichef von Saigon sind zu Ikonen menschlichen Leids geworden.

Mit diesen Bildern im Kopf und vielen anderen mehr aus den Filmen ĂŒber diesen Krieg reiste ich im vergangenen November nach Vietnam, um erstmals jene Orte zu besuchen, die mich damals so sehr beschĂ€ftigten.

Eine Rast beim "B-52"-See

Skurrile Szenerie mitten in Hanoi: Überreste eines B-52 Bombers im Hu-Tiep-See.
(Bild: Roland Schmid)

Der erste Tag im Land weckt noch wenige Erinnerungen an den grossen Krieg. Der per Mail organisierte Abholdienst vom Flughafen Noi Bai klappt wunderbar. Nach einer halbstĂŒndigen Fahrt erreichen wir unser Hotel mitten in der Altstadt von Hanoi.

Schon unterwegs nehmen wir den zunehmend dichteren Verkehr wahr, bei jedem Stopp ist unser Wagen umringt von Motorrollern. Wir staunen ĂŒber die maximale Auslastung der Zweiradfahrzeuge. Viele transportieren ganze Familien, ein Kind stehend, ein Kind eingeklemmt zwischen zwei Erwachsenen.

Bei der anschliessenden Entdeckungstour zu Fuss lernen wir die Raumnutzung und den Verkehr nach vietnamesischer Art kennen. Die engen Strassen in der City lassen kein Parkieren von grösseren Fahrzeugen zu. Die im rechten Winkel zur Strasse parkierten Motorroller auf den Trottoirs zwingen die FussgĂ€nger auf die Strasse, zumal der restliche Trottoirraum meistens entweder Handwerkern als Arbeitsplatz dient oder von kleinen GarkĂŒchen besetzt ist.

Bald haben wir genug von Verkehrsgewusel und HuplĂ€rm und begeben uns an den See Hoam Kien, der am Rand der Altstadt gelegen ist. Hier finden jeden Abend öffentliche Tai-Chi-Übungen statt. Und natĂŒrlich wollen wir einen anderen berĂŒhmten See sehen: den Hu Tiep.

Hier werden wir das erste Mal mit einem Relikt des Krieges konfrontiert. Aus dem Wasser ragt das Wrackteil eines abgeschossenen amerikanischen B-52 Bombers.

Am 19. Dezember 1972 schossen die Nordvietnamesen das riesige Flugzeug ĂŒber Hanoi ab. Der "B-52-See" im Ba-Dinh-Distrikt ist zur Touristenattraktion geworden. Die Wrackteile sind nachts beleuchtet und geben eine surreale Skulptur ab.

In den kommenden Tagen machen wir uns auf die Spuren des Krieges. Die gefĂŒhrte Tour in die entmilitarisierte Zone auf dem 17. Breitengrad startet in der alten Kaiserstadt HuĂ©. An der Genfer Indochina-Konferenz von 1954 wurde Vietnam entlang dieses Breitengrades in einen unabhĂ€ngigen Norden und einen SĂŒden unter französischem Einfluss geteilt.

Wir fahren Richtung Laos, vorbei am Rock Pile, einer ehemaligen Beobachtungsstation der Amerikaner. Weiter hinten im Tal markiert ein Denkmal einen Streckenabschnitt des Ho-Chi-Minh-Pfades.

Das grösste Schlachtfeld des Vietnamkriegs

Die ehemalige Basis der US-Marines bei Khe Sanh ist heute eine Touristenattraktion. Hier fand 1968 die grösste Schlacht des Vietnamkriegs statt.
(Bild: Roland Schmid)

Unser Ziel ist aber das Hochplateau von Khe Sanh. Die 1962 erstellte Landepiste wurde im Laufe des Krieges als befestigtes Basislager fĂŒr US-Elitetruppen ausgebaut. Im Januar 1968 geriet das Camp im Rahmen eines Ablenkungsmanövers der geplanten Tet-Offensive unter Dauerbeschuss der nordvietnamesischen Armee (NVA). Daraus entwickelte sich eine der grössten Schlachten des Vietnamkrieges.

ErwÀhnung findet der umkÀmpfte Ort Khe Sanh auch im Song "Born In The U.S.A." von Bruce Springsteen. Um eine Niederlage ihrer Truppen zu verhindern, warfen die Amerikaner 100.000 Tonnen Bomben und 10.000 Tonnen Napalm auf das Hochtal.

Die Bilanz der ĂŒber zwei Monate dauernden Schlacht waren 10.000 Tote auf Seiten der NVA, 500 tote US-Soldaten, eine unbekannte Anzahl von Zivilpersonen sowie eine total zerstörte Landschaft. Unsere ReisefĂŒhrerin erwĂ€hnt, dass es im ganzen Tal bis heute keine Tiere mehr gebe.

Auf dem GelÀnde dokumentiert ein Museum die Kriegsereignisse. Zu sehen sind auch Flugzeuge, Bombenschrott und die ehemaligen Befestigungsanlagen der US-Armee. Der Anblick eines Riesenhelikopters in dieser Umgebung hat immer noch etwas Bedrohliches, auch wenn seine Rotoren nicht mehr drehen und die Motoren nicht mehr knattern.

US-Transportflugzeug Hercules C-130 auf der ehemaligen Basis der US-Marines. Die Schlacht um Khe Sanh fand vom 21. Januar bis 9. Juli 1968 statt.
(Bild: Roland Schmid)

FĂŒr die jĂŒngeren Teilnehmer der Tour ist ein Panzer ein willkommenes Kletterspielzeug und Selfie-Sujet. Leid tun mir die unvermeidlichen SouvenirverkĂ€ufer mit ihren KriegserinnerungsstĂŒcken. Sie verstehen nicht, warum ich ihnen als vermeintlicher Amerikaner nichts abkaufen will. DafĂŒr kaufen wir am Eingang als sinnvollere Alternative ein Paket Arabica-Kaffeebohnen, die aus den umliegenden Kaffeeplantagen stammen.

Nun geht die Reise auf derselben Strecke zurĂŒck zum nĂ€chsten Kriegsschauplatz. Die liebliche Landschaft mit den sanften HĂŒgeln und der sattgrĂŒnen Vegetation zeigt Ă€usserlich wenig Spuren von den massiven Bombardierungen des Krieges. Vielleicht sind aber einige Lichtungen nicht der Forstwirtschaft, sondern den Napalm-AbwĂŒrfen geschuldet. ReisefĂŒhrer warnen denn auch vor AusflĂŒgen ohne FĂŒhrung in dieser Gegend. Zu gross ist hier die Gefahr von unentdeckten BlindgĂ€ngern.

Fischerdorf im Untergrund

Unsere nĂ€chste Station ist Vinh Moc, ein Fischerdorf im Untergrund. Eine dem Dorf vorgelagerte Insel im SĂŒdchinesischen Meer wurde von den Amerikanern als wichtige Station fĂŒr den Waffennachschub des Vietkongs identifiziert. Aus diesem Grund war der KĂŒstenabschnitt Ziel von FlĂ€chenbombardierungen durch B-52-Flugzeuge, die sĂ€mtliche Fischerdörfer zerstörten.

Die Bewohner von Vinh Moc verlagerten ihr Dorf unter die Erde in ein System von Tunneln, das auf unterschiedlichen Ebenen eine GesamtlĂ€nge von 40 Kilometern ausweist. Darin befand sich die ganze Infrastruktur, die fĂŒr das tĂ€gliche Leben von Wichtigkeit war: Krankenstationen, VersammlungsrĂ€ume, Schulen und SanitĂ€ranlagen.

Bis zum RĂŒckzug der Amerikaner im Jahre 1972 spielte sich das Leben der Dorfbevölkerung in diesem Tunnelsystem ab. 17 Kinder sollen dort zur Welt gekommen sein. Einer Familie stand lediglich ein zwei Quadratmeter grosser Raum zur VerfĂŒgung. FĂŒr die Besucher von heute werden in einem 300 Meter langen TeilstĂŒck exemplarisch einzelne Ausschnitte des damaligen Lebens gezeigt.

Es braucht Überwindung, die steilen Treppenstufen hinabzusteigen und in den schwach beleuchteten GĂ€ngen gebĂŒckt die Hinterlassenschaften der ehemaligen Bewohner zu besichtigen. Und man staunt ĂŒber die Raffinesse dieses Systems und fragt sich, mit welchen Mitteln und mit welchem Zeitaufwand die Dorfbewohner wohl die GĂ€nge in den harten Laterit-Boden gegraben haben.

Nach einem weiteren Abstieg gelangt man in einen Gang, der zu einem von aussen gut getarnten Ausgang direkt ans Meer fĂŒhrt. Mit Erleichterung atmet man die frische Luft ein und freut sich am Tageslicht. Ähnlich muss es wohl den damaligen Bewohnern in einer Gefechtspause zumute gewesen sein.

Auf den Feldern des Todes

Letzte Station unserer Tour ist der Nationalfriedhof Truong-Son, genannt nach der Einheit, die auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad zum Einsatz kam. Rund 10.000 nordvietnamesische Soldaten fanden hier ihre letzte RuhestĂ€tte. Auf den weissen Grabsteinen steht die Inschrift "liĂȘt sî" fĂŒr MĂ€rtyrer, einige GrabstĂ€tten sind leer und tragen den Namen eines der 30.000 als vermisst geltenden Soldaten.

Soldatenfriedhöfe lösen beklemmende GefĂŒhle aus. Spontan fĂ€llt mir eine Zeile aus einem Lied von Wolf Biermann ein: "Soldaten seh'n sich alle gleich, lebendig und als Leich." Im Vietnamkrieg fielen eine Million nordvietnamesische und rund 60.000 US-Soldaten sowie zirka zwei Millionen Zivilpersonen.

Starke Nerven fordert auch der Besuch des Kriegsmuseums in Ho-Chi-Minh-Stadt. Hier werden die Schrecken des Krieges schonungslos mit erschĂŒtternden Bildern und Exponaten dokumentiert. Im Aussenbereich ist die Hinterlassenschaft der amerikanischen Kriegsmaschinerie zu sehen. Eroberte oder zurĂŒckgelassene Panzer, Hubschrauber, Kampfbomber und ArtilleriegeschĂŒtze stehen in Reih und Glied.

Bis zum RĂŒckzug der Amerikaner im Jahre 1972 spielte sich das Leben der Dorfbevölkerung von Vinh Moc in diesem Tunnelsystem ab.
(Bild: Roland Schmid)

Ho-Chi-Minh-City: Im Kriegmuseum spielen behinderte Musiker auf - spÀte Opfer des Agent-Orange-Gifteinsatzes der Amerikaner.
(Bild: Roland Schmid)

Auf der linken Seite des Eingangsbereiches sind nachgebaute GefÀngniszellen zu sehen. Foltermethoden und Verhörpraktiken der US-Armee sind aufgelistet und weisen mit den entsprechenden GerÀten auf die grausamen Praktiken hin.

Im Inneren des Museums werden auf drei Stockwerken die Geschichte und die Folgen des Vietnamkrieges anhand von Dokumenten und Kriegsrelikten dargestellt. Im ersten Stock widmet sich ein Abteil dem Thema Agent Orange, in einem anderen Abteil werden Greueltaten wie jene von My Lai gezeigt, wo US-Soldaten die wehrlose Bevölkerung eines ganzen Dorfes ausgelöscht hatten.

Selbst wenn man meint, schon vieles ĂŒber diesen Krieg zu wissen, ĂŒbertreffen die gezeigten Bilder jedes Vorstellungsvermögen. Die Stimmung hier ist gedĂ€mpft, manche Besucherinnen und Besucher können ihre TrĂ€nen nicht zurĂŒckhalten.

Poster aus aller Welt und in allen Sprachen bezeugten SolidaritÀt mit den Vietnamesen.

Als tröstliche Gegenposition mag die Ausstellung im Erdgeschoss dienen. Sie zeigt Poster und Fotos der weltweiten Antikriegs-Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Die vielen Plakate in allen Sprachen zeugen von der SolidaritĂ€t mit den Vietnamesen, die immer wieder gegen ĂŒbermĂ€chtige Gegner fĂŒr ihre UnabhĂ€ngigkeit kĂ€mpfen mussten. Die Franzosen kapitulierten 1954 in Dien Bien Phu, die USA und SĂŒdvietnam 1975 in Saigon.

Vor diesen Exponaten stehend, erinnere ich mich an diese fernen Jahre zurĂŒck. Damals, als die Kunde des vietnamesischen Sieges zu uns jungen Menschen im Westen gelangte, schien plötzlich alles möglich.


Quelle: tageswoche vom 28.04.2015


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