zur Erinnerung
Vietnamkrieg 1964 - 1975 Das Leiden der Vietnamesen nimmt kein Ende Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg. Noch heute leiden Hunderttausende von Menschen an den Sp√§tfolgen. Vor allem wegen dem von den USA eingesetzten hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange. Es verursacht genetische Sch√§den √ľber Generationen.

Peter Jaeggi

Roland Schmid

23.04.2015, 23:58 Uhr/

Hoang Thi The: Die 77-J√§hrige muss noch heute f√ľr ihre beiden schwerstbehinderten erwachsenen Kinder sorgen (im Bild: Sohn Tran Duc Nghia).
(Bild: Roland Schmid)

Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg. Noch heute leiden Hunderttausende von Menschen an den Sp√§tfolgen. Vor allem wegen dem von den USA eingesetzten hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange. Es verursacht genetische Sch√§den √ľber Generationen.

Ein B√ľffet aus massivem Holz, R√§ucherst√§bchen, Buddha auf einer Lotosbl√ľte, Porzellangef√§sse f√ľr Opfergaben, k√ľnstliche Blumen. Im Haus der alten Mutter Hoang Thi The steht gleich hinter dem Eingang der Ahnenaltar. Darauf ein Foto von Tran Ran, ihrem Mann, gestorben 2002.

Im Vietnamkrieg geriet er als Meldel√§ufer des Widerstandes oft mit dem hochgiftigen dioxinhaltigen Entlaubungsmittel Agent Orange in Ber√ľhrung. Das Herbizid wurde von den US-Truppen √ľber W√§ldern und Reisfeldern verspr√ľht, um dem Feind die Deckung und die Nahrungsgrundlage zu rauben.

Ahnenaltäre stehen in Vietnam unabhängig von einer Religion und gelten als Mittler zwischen Lebenden und Toten. Diese Schreine fehlen in keinem Haushalt, in keinem Geschäft. Da fast jede Familie im Land durch den Krieg Angehörige verloren hat, bilden diese Ahnenaltäre eigentlich das grösste Kriegsdenkmal der Welt.

St√ľtzpunkt des Todes

Wir befinden uns in Da Nang. Postkartenstr√§nde, Luxusresorts, die ber√ľhmten Marmorberge mit ihren H√∂hlen und buddhistischen Heiligt√ľmern. Kaum etwas erinnert daran, dass hier einst die Tore zur H√∂lle weit aufgerissen wurden.

Die heutige Millionenstadt im tropischen Zentralvietnam war w√§hrend des Krieges eine wichtige Marinebasis der US-Armee. Hier lag auch ihr gr√∂sster Luftwaffenst√ľtzpunkt. Von hier aus starteten die Flugzeuge mit ihrer t√∂dlichen Fracht.

13 Millionen Tonnen Bomben fielen auf Vietnam. Von hier aus flogen die C-123-Maschinen, die das hochgiftige, dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange √ľber S√ľdvietnam verspr√ľhten.

Der Postkartenstrand von Da Nang: Nichts deutet auf den Schrecken hin, der einst von diesem Ort ausging.
(Bild: Roland Schmid)

Auch 40 Jahre nach dem Krieg sind die tragischen Folgen sichtbar. Hunderttausende von kranken Menschen, Nachkommen der Vietnamsoldaten mit schwersten Missbildungen. Das Dioxin ist teilweise noch immer in der Nahrungskette und sch√§digt das Erbgut √ľber Generationen hinweg. Der Vietnamkrieg - ein Krieg ohne Ende.

Als Behinderte geboren

Die 77-j√§hrige Mutter Hoang Thi The lebt einem sumpfigen Aussenquartier von Da Nang, zusammen mit ihren beiden schwerstbehinderten, erwachsenen Kindern, beide sind Dioxinopfer. Das Haus mit Wellblechdach ist heruntergekommen, die R√§ume sind dunkel und feucht. An den Betonw√§nden zeigen schmutzige Striche den Wasserstand der letzten √úberschwemmungen. Sieben Mal mussten die Bewohner im vergangenen Jahr vor√ľbergehend ausziehen, um nicht im eigenen Bett zu ertrinken.

Tochter Tran Thi Ty Nga, 33, kann sich mit einer Art klapprigem Rollator und mit Mutters Hilfe m√ľhsamst noch etwas fortbewegen. Auf einem vorsintflutlichen Ger√§t, gebastelt aus Holz und Metall, absolviert sie t√§glich ihre Bewegungstherapie. Seit Geburt h√§lt sie ein St√ľtzkorsett aufrecht. Bis sie neun Jahre alt war, konnte sie noch einige Schritte gehen.

Ihre Mutter ist seit Jahrzehnten am Limit. Manchmal st√ľrze ihre Tochter, sagt sie. Nga ist √ľbergewichtig. "Alleine schaffe ich es nicht, sie hochzuheben und muss Nachbarn holen."

Nachdem ihr Mann aus vier Jahren Kriegsgefangenschaft heimkehrte, habe er im Wasserwerk gearbeitet und gut verdient, erzählt die Mutter. "Ich konnte mir sogar goldene Ohrringe kaufen. Doch dann wurden unsere Kinder krank. Wir fuhren zur Behandlung immer wieder ins weit entfernte Saigon. Um die Rechnungen bezahlen zu können, mussten wir alles verkaufen. Den Schmuck, das Haus, das Land."

Heute ist alles weg. Geblieben ist ein Leben in grosser Armut. Es reicht nicht einmal f√ľr eine ausgewogene Ern√§hrung und f√ľr Medikamente. Und geblieben sind Kinder, die nicht gesund geworden sind.

In der Region von Da Nang gibt es laut der √∂rtlichen Opfervereinigung noch immer um die 5000 Menschen, die an den Sp√§tfolgen von Agent Orange leiden. Und immer wieder die Sorge der Mutter: "Ich werde √§lter und √§lter und sorge mich sehr um die Zukunft meiner Kinder. Wer wird sich einst um sie k√ľmmern, wenn ich nicht mehr da bin? Das ist meine gr√∂sster Kummer."

Eine L√∂sung sind Verwandte. Doch meist ist die B√ľrde zu gross. Spezialisierte Heime gibt es noch keine. Und so endet das ohnehin schwierige Leben vieler Agent Orange-Opfer eines Tages in vielleicht weit entfernten Altersheimen, von denen es in Vietnam erst wenige gibt. Allerdings nur f√ľr zahlungskr√§ftige B√ľrger.

Genaue Opferzahl ist unbekannt

Heute leben bereits drei Generationen Menschen mit Agent Orange bedingten Schäden. Über wie viele weitere Generationen sich die Erbschäden auswirken werden, weiss man nicht.

Pham Thanh Tien von der lokalen Opfervereinigung DAVA in Da Nang, da wo die alte Mutter mit ihren beiden behinderten Kinder wohnt: "Fast zwei Drittel der betroffenen Kinder in Da Nang geh√∂ren zur ersten Generation. Je etwa ein Viertel aller Opfer zur zweiten und dritten. Die Opfer der dritten Generation sind unter 15 Jahre alt. Die meisten Betroffenen werden kaum √ľber 30."

Wie viele Agent-Orange-Opfer es gibt, weiss niemand. Erst jetzt beginnen Bem√ľhungen zur genauen statistischen Erfassung. Die Sch√§tzungen gehen sehr weit auseinander. Die nationale Opfervereinigung spricht von landesweit drei Millionen und das vietnamesische Rote Kreuz von etwa einer Million.

Chuck Searcy, geboren 1944, ist amerikanischer Kriegsveteran und lebt seit Jahrzehnten in Hanoi. W√§hrend sein Land sich bis heute jeglicher Wiedergutmachung widersetzt, engagiert er sich mit anderen US-Veteranen auf privater Basis f√ľr die Linderung von Kriegssp√§tfolgen. Scearcy ist Vizepr√§sident der internationalen Agent-Orange-Arbeitsgruppe. Bei ihr laufen alle F√§den zum Thema zusammen.

USA weigern sich, die Verantwortung f√ľr Opfer und Sch√§den zu √ľbernehmen.

Zu den Opferzahlen sagt Scearcy: "Wie diese Schätzungen zustande kommen, ist unklar. Wie kann man wissen, ob eine bestimmte Krankheit oder eine Missbildung wegen Agent Orange entstand oder nicht? Unmöglich, den klaren Beweis zu erbringen."

Trotzdem: Die Indizien seien unmissverständlich. "Wenn ein Vater oder eine Mutter während des Krieges immer wieder mit dem Herbizid in Kontakt kam und sie dann Eltern werden von zwei, vier oder sechs schwer behinderten Kindern - da können Sie sich Ihren eigenen Reim darauf machen."

Das Fehlen streng wissenschaftlicher Beweise sei vergleichbar mit der jahrzehntelangen Debatte dar√ľber, ob Rauchen Krebs errege oder nicht. "Auch da gilt: Die Indizien sind doch ziemlich √ľberzeugend."

Es gibt viele Gr√ľnde weshalb es so schwierig ist, den Agent-Orange-Tatbeweis zu erbringen. Einen nennt Le Ke Son. Er leitete bis 2014 w√§hrend zehn Jahren das nationale "Steering Commitee 33", die Agent-Orange-Koordinationsstelle der Regierung. Er war sozusagen der oberste Agent-Orange-Beamte Vietnams. "Unser Land hat nicht gen√ľgend Geld, um die Beweise zu beschaffen. Der Nachweis von Dioxin im Blut ist sehr teuer, rund tausend Dollar pro Probe."

Mangelnde Beweise

Mangelnde Beweise sind auch der Grund daf√ľr, dass bis heute alle gerichtlichen Klagen von Opfern scheiterten. Seit den 1970er-Jahren gab es Hunderte von Wiedergutmachungsklagen gegen die USA und die Herstellerfirmen von Agent Orange, allen voran Monsanto und Dow Chemical. Fast alle Klagen wurden mit der Begr√ľndung abgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang von Agent Orange und Krankheiten sowie Missbildungen nicht bewiesen sei.

Fehlende Glieder, Gaumenspalten, Krebs, Diabetes, Chlorakne, Depressionen, Immunschwächen, die auch bei harmlosen Krankheiten tödlich enden können: Rund 140 Gesundheitsschäden werden heute mit Dioxin in Verbindung gebracht.

Doch auch wenn Dioxin im Blut nachgewiesen wird, belegt dies noch nicht zweifelsfrei, dass es von Agent Orange stammt. Dioxinhaltige Gifte gibt es auch sonst in der Umwelt, zum Bespiel in einigen Pflanzenschutzmitteln, zudem entstehen Dioxine bei Verbrennungsprozessen.
In einem sind sich viele Experten einig: Wer die Agent-Orange-Frage allein streng wissenschaftlich und legalistisch angeht, schafft unter den Opfern sehr viel Leid.

Was ist Agent Orange?

Agent Orange ist eine 50-zu-50-Mischung der zwei Herbizide 2,4-D (2,4-Dichlorphenoxyessigsäure) und 2,4,5-T (2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure). Diese Komponenten waren in der US-Landwirtschaft alltäglich angewandte Unkrautvertilger.

Bei der Herstellung von 2,4,5-T entsteht als unerw√ľnschtes und unvermeidbares Nebenprodukt das Dioxin 2,3,7,8-Tetrachlordbenzoparadioxin oder kurz TCDD. Bei der √ľbereilten Produktion von Agent Orange kam es zu einer verh√§ngnisvollen Pfuscherei und deswegen zu einer sehr viel gr√∂sseren Kontamination mit Dioxin (TCDD) als vorgesehen.

In den Herstellungsprozessen f√ľr die US-Landwirtschaft enthielt dasselbe Herbizid eine weit geringere Konzentration als das in Vietnam verwendete. N√§mlich bis zu 50 ppm (parts per million) anstelle der √ľblichen 0,05 ppm. Deshalb war die Kontamination mit Dioxin in vietnamesischen Zielgebieten bis zu tausend Mal h√∂her als auf amerikanischen √Ąckern. Dioxine sind bereits in geringsten Mengen hoch toxisch.


Quelle: tageswoche vom 23.04.2015


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