zur Erinnerung
Vietnamkrieg 1964 - 1975 Auf der Spur des Leids

Erschienen FP am 08.02.2019

"Napalm-Girl" Kim Phuc erhält den Friedenspreis von Dresden. Ihre Heimat Vietnam kennt viele Kriegszeugen.

Phong zeigt das Labyrinth von Cu Chi mit Klappen zum Schutz vor Giftgas und Wasser, Fallen, Abluft f√ľrs Kochen, Filtern gegen verr√§terischen Rauch und Geruch.
Foto: Michael Rothe

Dung entz√ľndet drei R√§ucherst√§bchen, steckt sie in eine mit Sand gef√ľllte Schale, wo schon Hunderte Bambussticks qualmen, schaut auf die Betongr√§ber im Rund des M√§rtyrerfriedhofs - und schweigt. Er, der als Reiseleiter so viel zu erz√§hlen hat √ľber Pagoden, Urw√§lder, Traumstr√§nde, Lebensfreude und unb√§ndigen Optimismus der vom Krieg geschundenen Vietnamesen.

Fast w√ľrden auch f√ľr ihn solche St√§bchen schwelen, mit denen Vietnamesen ihre Ahnen verehren. "Zweimal bin ich im Krieg verwundet worden", erz√§hlt der 72-J√§hrige, der Ende der 60er-Jahre in Dresden Maschinenbau studiert hatte und nach der R√ľckkehr f√ľnf Jahre an die Front musste. Das ist gut vier Jahrzehnte her, eine halbe Ewigkeit f√ľr ein Volk, das im Schnitt keine 30 ist. Dennoch, und obwohl sich die Natur langsam erholt und die Infrastruktur auch ohne US-Wiedergutmachung w√§chst, sind die Folgen von Bomben, Napalm und Entlaubungsgift Agent Orange auch noch drei Generationen sp√§ter allgegenw√§rtig: Verst√ľmmelte und missgebildete Menschen, Krebsleiden, vergiftete und verminte Gebiete. T√§glich sterben Menschen durch explodierende Blindg√§nger.

In Vietnam gibt es 3200 Soldatenfriedh√∂fe. Auf dem gr√∂√üten in Truong Son n√∂rdlich von Hue liegen √ľber 10.000 K√§mpfer. Auf diesem kleineren, auf halbem Weg von Hanoi zur Halong-Bucht mit fast 2000 Kalkfelsen in smaragdgr√ľnem Wasser, tragen rosafarbene Betongr√§ber die Inschrift "Liet Si" f√ľr M√§rtyrer, einige ein Foto, manche nicht mal einen Namen. Dung hat die Geschichte seines Volkes aufgeschrieben: 5000 Jahre auf 56 A-4-Seiten. Gut die H√§lfte erz√§hlt vom Krieg - gegen die Franzosen, vor allem aber gegen die Amerikaner. Speziell im Norden gibt es kaum Familien ohne Kriegstote. Quyen (56), der Touristen die alte Kaiserstadt Hue in Zentralvietnam zeigt, das pulsierende Da Nang, die Marmorberge und das bezaubernde Lampionst√§dtchen Hoi An, hat Vater und Bruder verloren. Zwei Schwestern starben, zehn- und zw√∂lfj√§hrig, im Bombenhagel - vier von 3,2 Millionen Vietnamesen, die der Krieg das Leben kostete. Auch mehr als 58.000 US-Soldaten wurden get√∂tet. "Wir vergessen nicht, schauen aber nach vorn", sagt Quyen - wie die meisten seiner Landsleute. Die Feinde von einst sind als Touristen, Investoren und Devisenbringer willkommen.

Flucht vor dem Napalm: Dieses Bild ist als Ikone des Leids in die Geschichte eingegangen.
(Bild: Nick Ut)

Mit gut sechs Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr geht es aufwärts. Das sieht, hört und riecht man auch an Millionen Mopeds, welche Fahrräder als wichtigstes Verkehrsmittel ablösten. Der Ex-Reisimporteur versorgt sich selbst und ist dank dreier Ernten im Jahr zweitgrößter Produzent der Welt - wie beim Kaffee. Und als Pfefferexporteur sind Ho Chi Minhs Erben sogar die Nummer 1.

Ostdeutsche Touristen k√∂nnen unter den Guides alte Bekannte treffen. Viele hatten in der DDR gelernt oder studiert, nach der R√ľckkehr aber keinen Job gefunden und sich als Fremdenf√ľhrer verdingt. Sie erz√§hlen auch von B-52-Bombern und Sirenengeheul, das mancher noch im Ohr hat..

Phong hatte Gl√ľck, das T√∂ten endete vor den Toren von Saigon. Der 48-J√§hrige kennt den Krieg nur vom H√∂rensagen, durch Touren zu den Tunneln von Cu Chi und F√ľhrungen im "Kriegsrestemuseum" seiner Heimatstadt, die offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt hei√üt. Dennoch ist er betroffen - und wenn Besucher √ľber das 250 Kilometer lange unterirdische Labyrinth der Partisanen staunen, sogar stolz. Blitzschnell scharrt ein Ranger ein paar Bl√§tter beiseite, √∂ffnet eine Klappe, verschwindet bis zum Hals. Mit so getarnten Einstiegen und Schie√üscharten waren die Tunnel eine gute Autostunde nordwestlich von Saigon der Albtraum f√ľr US-Soldaten. Dann √∂ffnet sich eine Klappfalle, in der Feinde von vergifteten Bambusst√§ben aufgespie√üt wurden. "Ein bisschen √ľbel", sagt Phong. "Der Krieg war schlimm - f√ľr beide Seiten."

Die Tunnel, durch dessen Reste sich heute im Entengang wei√üe Langnasen zw√§ngen, beherbergten Wohn- und Schlafr√§ume, Lazarette, Schulen und Werkst√§tten f√ľr 30.000 Bewohner. 8000, meist Frauen und Kinder, √ľberlebten. Da wirkt manches skurril: ein erbeuteter M-41-Panzer als Kletterger√ľst und Selfie-Kulisse, und am Schie√üstand k√∂nnen Touristen mit Maschinengewehren herumballern. 20 Kilometer rund um Cu Chi birgt jeder Quadratmeter im Schnitt drei Kilo Kriegsschrott.

Im "Kriegsrestemuseum", so der eigenwillige Name, ist es leise. Was es zu sehen gibt, nimmt Besuchern den Atem, treibt manchem Tr√§nen in die Augen, macht fassungslos. Dokumente, Kriegsrelikte und Fotos zeigen das Grauen - auch Bilder von 133 Reportern aus elf L√§ndern, die ihre Mission mit dem Leben bezahlten. Einige verlassen die Schau, brauchen eine Pause, fl√ľchten ins Erdgeschoss. Die Solidarit√§tsposter dort kennen gelernte DDR-B√ľrger...

Auf Vietnam fielen doppelt so viele Bomben wie im Zweiten Weltkrieg und im Korea-Krieg zusammen - symbolisiert an der Fassade √ľber dem Museumseingang. Hoffnungsvoll davor: eine wei√üe Taube.

Am Montag erh√§lt das "Napalm-M√§dchen" Phan Thi Kim Phuc den Dresdner Friedenspreis. Die 55-J√§hrige lebt heute in Kanada und engagiert sich als Botschafterin f√ľr den Frieden. 1972 war ihr Bild um die Welt gegangen, als sie als Neunj√§hrige verbrannt, nackt, schreiend mit anderen Kindern vor einer Napalmwolke flieht. In Trang Bang unweit der Tunnel von Cu Chi.


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