zur Erinnerung
In einer Propellermaschine fliegt eine Schweizer √Ąrztin fast f√ľnfzig Jahre lang durch Kenya, um die √Ąrmsten zu behandeln. Erst nach ihrem Tod wird bekannt, was sie w√§hrend des Zweiten Weltkriegs tat War ihr halbes Leben der Versuch, Busse zu tun?

Fabian Urech, Judith Kormann 17.02.2021, 05.30 Uhr

Anne Spoerry mit ihrer Propellermaschine im Jahr 1987, hier auf Mission auf einer kleinen Insel vor Kenyas K√ľste. 20 000 Patienten soll die Schweizer √Ąrztin j√§hrlich versorgt haben.
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Als Anne Spoerry stirbt, ist sie achtzig Jahre alt und eine Heldin. Im Februar 1999 erliegt die Schweizerin einem Schlaganfall. Seit beinahe f√ľnfzig Jahren hat sie zu diesem Zeitpunkt als √Ąrztin in Kenya gearbeitet, unerm√ľdlich, bis kurz vor ihrem Tod. "Mama Daktari" nennen die Menschen sie hier respektvoll, "Doktor Mama". Viele sehen in ihr eine Heilige. Zu den Gedenkanl√§ssen in Nairobi str√∂men Tausende, unter ihnen zahlreiche Minister und Diplomaten.

Auch in Europa ist Spoerry bekannt. Bereits in den 1970er Jahren erscheinen Filme, Medienberichte und Portr√§ts. Ihre Geschichte fasziniert: Erst mit 46 Jahren erwirbt sie den Flugschein. Sie kauft sich eine kleine Piper-Propellermaschine und fliegt fast t√§glich zu Patienten in die entferntesten Ecken Kenyas, meist allein, nicht selten mit erheblichem Risiko. Spoerry rettet viele Leben. "Sie macht die Arbeit eines ganzen Spitals", steht einmal in einem Artikel. Sie habe ein "Herz aus Gold", in einem anderen. "Verehrt und geachtet als legend√§re fliegende √Ąrztin", schreibt man nach ihrem Tod auf ihren Grabstein in Kenya.

Erst Jahre sp√§ter kommt heraus, dass das nicht die ganze Geschichte war. Die unerm√ľdliche "Mama Daktari"
√úberreste des Frauenkonzentrationslagers Ravensbr√ľck n√∂rdlich von Berlin. Anne Spoerry war hier w√§hrend rund sechzehn Monaten inhaftiert.
Christophe Gateau / DPA

Es ist der Herbst 1948, als Anne Spoerry ihren Wohnort M√§nnedorf am Z√ľrichsee verl√§sst. Im Hafen von Marseille steigt sie auf einen Frachter. Das Schiff geh√∂rt einem Freund ihres Vaters, er hat ihr einen Posten als Schiffs√§rztin verschafft. Zwei Jahre sp√§ter, mit Anfang dreissig, trifft Spoerry nach Zwischenstopps in Jemen und √Ąthiopien in Kenya ein - und beschliesst zu bleiben.

Wieso sie ihre Heimat drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlässt, ist unklar. "Es war die Zeit, als alle jungen Leute die Hoffnung hatten, eine andere Welt zu finden, wohin man vor den blutigen Auseinandersetzungen und den bösen Erinnerungen an den Krieg fliehen konnte", schreibt sie später in ihrer Autobiografie, die 1994 erscheint.

Dar√ľber, wie Spoerry die Kriegsjahre selbst erlebt hat, erf√§hrt man auf den knapp 300 Seiten kaum etwas. Fast beil√§ufig schreibt sie, dass sie w√§hrend des Kriegs rund zwei Jahre in Haft verbrachte, weil sie sich als Medizinstudentin in Paris in der franz√∂sischen R√©sistance engagierte. √úber ein Jahr war sie in Ravensbr√ľck interniert. Das Frauenkonzentrationslager n√∂rdlich von Berlin war das gr√∂sste seiner Art - und ein Ort des Schreckens. Die H√§ftlinge mussten Zwangsarbeit leisten, wurden erniedrigt und gefoltert, Zehntausende starben.

Floh Spoerry vor den Erinnerungen an den Krieg? Begann sie in Ostafrika ein neues Leben, weil sie die Erlebnisse in Ravensbr√ľck verfolgten?

Die ersten Jahre in Kenya verbringt die Schweizerin, die auch den franz√∂sischen Pass besitzt, auf einer Farm n√∂rdlich von Nairobi. Mit ihrem Peugeot 203 besucht sie jeden Tag ihre kenyanischen und europ√§ischen Patientinnen und Patienten. Mit Mitte vierzig schlie√üt sie sich einer Hilfsorganisation an, die √Ąrztinnen und √Ąrzte mit Kleinflugzeugen in abgelegene Gegenden des Landes bringt. Spoerry erwirbt den Flugschein, kauft eine Propellermaschine und fliegt fortan, sooft sie kann, in kleine D√∂rfer, meist im Norden Kenyas.

Wo Spoerry landet, warten oft Dutzende von Patientinnen und Patienten. Manchmal ist monatelang kein Arzt in den entlegenen Orten gewesen. Auf Filmaufnahmen tr√§gt sie oft eine Baseballm√ľtze und ein blaues Hemd. "Mama Daktari" stellt ihren kleinen Behandlungstisch direkt neben das Flugzeug oder unter einen Baum. Sie nimmt die Medikamente aus ihrer schwarzen √Ąrztetasche, dann beginnt die Konsultation. Zuerst kommen die Kinder und die M√ľtter an die Reihe, dann alle anderen. Spoerry verabreicht Impfungen, reisst Z√§hne heraus, richtet Knochenbr√ľche.

Weggef√§hrten beschreiben sie als abenteuerlustig und anpassungsf√§hig, bisweilen soll sie ruppig und aufbrausend sein, aber stets bem√ľht, Gutes zu tun. Besonders oft wird Spoerry als unerm√ľdlich beschrieben. 20.000 Patienten versorge sie j√§hrlich, hei√üt es. Manche sagen sp√§ter, niemand habe zu jener Zeit in Afrika so viele Leben gerettet wie sie.

Die unbeantwortete Frage
Anne Spoerry bei der Behandlung einer Patientin an Kenyas K√ľste. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987.
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Es dauert nicht lange, bis Journalisten auf Spoerry aufmerksam werden. Einen zieht die fliegende √Ąrztin besonders in ihren Bann, den Amerikaner John Heminway. "Ich war neugierig, fasziniert. Ich wollte herausfinden, was sie antrieb", sagt er heute am Telefon.

Zum ersten Mal begegnet er der Schweizerin 1980, in ihrem B√ľro, einem kleinen Bungalow beim Wilson Airport in Nairobi. Spoerry nimmt ihn im Flugzeug mit in den Norden Kenyas, sie l√§sst ihn f√ľr einige Tage bei ihrer Arbeit zuschauen. Als Heminway sie eines Abends nach ihren Erlebnissen w√§hrend des Krieges fragt, wird Spoerry w√ľtend. "Sie sagte, das habe nichts mit ihrer Arbeit hier zu tun. Ich sei schlie√ülich da, um √ľber ihr Leben in Afrika zu berichten. Nur das z√§hle", erinnert sich der Journalist.

In den Folgejahren berichtet Heminway immer wieder √ľber Spoerry. Die beiden werden Freunde. Heminway spricht den Krieg noch einige Male an, doch Spoerry blockt stets ab. Anderen Journalisten ergeht es gleich. In einem Interview in den 1980er Jahren sagt Spoerry √ľber ihre Haft in Ravensbr√ľck: "Es ist vorbei. Es hat keinen Sinn, dar√ľber zu reden."

"Ich dachte, sie wollte nicht √ľber die Zeit sprechen, weil es so schmerzhaft f√ľr sie war", erinnert sich Heminway. "Ich dachte, dass sie von den Deutschen gefoltert wurde, vielleicht verst√ľmmelt. Und dass mich das nichts angeht."

Heminway irrte sich.

Ein Jahr nach Spoerrys Tod √ľbergibt ihm der Neffe der √Ąrztin, Bernard Spoerry, einen Papierstapel. Er habe ihn nach dem Tod seiner Tante in ihrem Safe gefunden. "Eines der Dokumente raubte mir den Atem", sagt Heminway. Es ist eine Liste mit Namen, erstellt von den Westalliierten. Darauf finden sich fl√ľchtige Personen, die unter dem Verdacht stehen, bis 1945 Kriegsverbrechen begangen zu haben. Acht Schweizer und eine Schweizerin sind aufgef√ľhrt.

Die Schweizerin ist Anne Spoerry, "gesucht wegen Folter".

Schwere Vorw√ľrfe

Was tat Spoerry w√§hrend des Kriegs? Was ist die Geschichte, die sie nie erz√§hlen wollte? Die Geschichte, die sie in Europa zur√ľcklie√ü, als sie nach Afrika ging.

Wer heute, rund 75 Jahre sp√§ter, nach Antworten sucht, findet sie in einem k√ľhlen Betonbau im Irchelpark am Fusse des Z√ľrichbergs. In wei√üen Mappen, nach Datum geordnet und sauber durchnummeriert, sind die Gerichtsakten zum Fall Spoerry im Staatsarchiv des Kantons Z√ľrich abgelegt. Dank dieser akribischen Archivierung l√§sst sich Spoerrys Geschichte ziemlich genau rekonstruieren.

An einem milden Januarsonntag im Jahr 1947 trifft im Bezirksgefängnis von Meilen um 18 Uhr ein Gefangenentransport ein. Im Wagen: Anne Spoerry. Die 29-Jährige ist einige Stunden zuvor in einem Ferienhaus in Lenzerheide verhaftet worden. Einen Tag später durchsucht die Polizei das Wohnhaus der Inhaftierten im Nachbarort Männedorf, ein stattliches Patriziergebäude an der Seestraße. Am selben Tag wird Spoerry drei Mal einvernommen.

Umschlag der Akte zur Strafuntersuchung in Meilen gegen Anne Spoerry.
Staatsarchiv Kanton Z√ľrich

Die Vorw√ľrfe wiegen schwer: "Wegen Mord in Untersuchungshaft versetzt", steht im Protokoll der Bezirksanwaltschaft. Hinzu kommen Gehilfenschaft bei Mord, K√∂rperverletzung und T√§tlichkeit. Heute spr√§che man von Kriegsverbrechen; dieser Tatbestand findet aber erst zwanzig Jahre nach Spoerrys Verhaftung Eingang ins schweizerische Strafrecht.

Spoerry soll die Straftaten w√§hrend ihrer Zeit in Ravensbr√ľck begangen haben. Dort war sie als H√§ftlings√§rztin bald nach ihrer Ankunft f√ľr die medizinische Versorgung in ihrem Block zust√§ndig. Doch laut der Anklage tat Spoerry in mehreren F√§llen das Gegenteil von dem, was √Ąrzte normalerweise tun: Sie misshandelte andere Frauen, schickte sie in den Tod und t√∂tete selbst.

Die Protokolle der ersten Verh√∂re vermitteln den Eindruck einer Frau ohne Reue und Selbstkritik. "Das macht mich lachen. Ach nein, das stimmt nicht", antwortet sie auf die Frage, ob sie t√∂dliche Injektionen an H√§ftlingen vorgenommen habe. Auch den Vorwurf, Insassinnen f√ľr die Vergasung selektioniert zu haben, bestreitet sie. Spoerry gibt aber zu, H√§ftlinge geschlagen und im Winter im Waschraum mit kaltem Wasser √ľbergossen zu haben. "Ob sich die Frauen dadurch erk√§lteten, wei√ü ich nicht", sagt sie.

"Grauenhaftes Verhalten"

Zehn Tage nach Spoerrys Verhaftung wird in Meilen die erste Belastungszeugin einvernommen. Die ehemalige Mitinsassin beschreibt Spoerrys Verhalten als "grauenhaft". Sie beschuldigt die √Ąrztin, f√ľr den Tod zahlreicher Frauen verantwortlich zu sein. Die von Spoerry durchgef√ľhrte Zwangsma√ünahme im Waschraum beschreibt sie so: "Die H√§nde wurden den Frauen mit einem Lederriemen auf den R√ľcken gebunden. Im Waschraum dr√ľckte man sie in einen gro√üen Trog mit Wasser und lie√ü eiskaltes Wasser vom Hahnen √ľber die Kranken laufen."

Insgesamt kommen die Ermittlungen am Z√ľrichsee im Fr√ľhjahr 1947 nur schleppend voran. Ein Grund daf√ľr ist der schwierige Zugang zu weiteren Zeuginnen. Ein anderer ist die Staatsanwaltschaft selbst: Ihr Wille zu weitergehenden Ermittlungen h√§lt sich in Grenzen. Bereits sechs Wochen nach Spoerrys Inhaftierung scheint die Meinung des zust√§ndigen Bezirksstaatsanwalts gemacht. "Ich glaube kaum, dass der Fall zu einer Anklage kommen wird", schreibt er in einer Notiz. Die bis dato einzige Belastungszeugin h√§lt er f√ľr unglaubw√ľrdig. Schlie√ülich habe es gegen sie selbst schon gerichtliche Ermittlungen gegeben, au√üerdem sei sie "zum 4. Mal verheiratet".

Am 7. M√§rz 1947 wird Anne Spoerry gegen eine Kaution von 30.000 Franken aus der Haft entlassen. Die Ermittlungen laufen bis Dezember weiter. Dann, einen Tag vor Weihnachten, schlie√üt die Staatsanwaltschaft ihren Ermittlungsbericht ab. Wenig sp√§ter wird das Verfahren "mangels schl√ľssigen Schuldbeweises" definitiv eingestellt.

Knapp ein Jahr sp√§ter wandert Spoerry nach Afrika aus. Ihre Vergangenheit l√§sst sie zur√ľck - bis zu ihrem Tod spricht sie nie mehr √∂ffentlich √ľber ihre Erlebnisse in Ravensbr√ľck.

Schweigt sie, weil sie doch nicht unschuldig war?

Der "schwarze Engel"

Als John Heminway im Jahr 2000 die Akten aus Spoerrys Safe erh√§lt, macht er sich auf die Suche nach einer Antwort. Er besucht Archive in Frankreich, Grossbritannien und in der Schweiz. Der Journalist versucht zu rekonstruieren, was in den sechzehn Monaten geschah, die Spoerry in Ravensbr√ľck verbrachte.

Bei seiner Recherche f√§llt ihm der Name einer weiteren Schweizerin auf: Carmen Mory. Die Frau aus Adelboden ist in Ravensbr√ľck inhaftiert, weil sie als deutsch-franz√∂sische Doppelagentin gearbeitet haben soll. Als Spoerry in dem Konzentrationslager der Gefangenenbaracke 10 zugewiesen wird, ist Mory dort Block√§lteste, also Gefangene mit Aufsichtsfunktion.

Die beiden Schweizerinnen freunden sich an, bald teilen sie ein Zimmer. Mitinsassinnen reden sp√§ter gar von einer Liebesbeziehung. Spoerry √ľbernimmt unter Mory die medizinische Versorgung der Mith√§ftlinge in Block 10 - und steht dabei offenbar in deren Bann. Mory gilt als skrupellos, manipulativ und gewaltbereit. Ihre Mitinsassinnen nennen sie den "schwarzen Engel". Was das hei√üt, erf√§hrt die Welt zwei Jahre nach Kriegsende: Vor einem britischen Milit√§rgericht in Hamburg wird Mory wegen mehrfacher T√∂tung und Misshandlung in Block 10 zum Tod verurteilt. Kurz darauf begeht sie Suizid.

Alle Verbrechen, die Spoerry sp√§ter in der Schweiz angelastet werden, soll sie w√§hrend der knapp f√ľnf Monate in Block 10 begangen haben - unter Morys Leitung, teilweise in Zusammenarbeit mit ihr. Ein "Teufel" sei sie, der sie "verw√ľnscht" habe, soll Spoerry laut einer Mitinsassin √ľber Mory gesagt haben, nachdem sie Block 10 verlassen hatte.

Heminways Recherchen scheinen das zu best√§tigen. Er trifft drei Franz√∂sinnen, die mit Spoerry in Block 10 inhaftiert waren. Eine der Frauen erz√§hlt ihm, wie Spoerry einem polnischen M√§dchen eine t√∂dliche Injektion verabreicht habe. "Sie z√∂gerte nicht", sagt sie, "ich war sprachlos." Eine andere beschreibt, wie eine Insassin gestorben sei, nachdem Spoerry sie geschlagen und mit kaltem Wasser √ľbersch√ľttet habe.

Carmen Mory w√§hrend des Ravensbr√ľck-Prozesses im Jahr 1947 im Hamburger Curio-Haus. Die Schweizerin wurde wegen ihrer Vergehen in Block 10 zum Tode verurteilt, entzog sich aber der Vollstreckung des Urteils durch Suizid.
DPA

Heminway ist geschockt. Ist tatsächlich die Frau gemeint, die er in Kenya so bewundert hatte?

Fast zehn Jahre lang befasst sich der Journalist mit dem Fall. 2018 ver√∂ffentlicht er seine Recherche als Buch.* Darin vermag er zwar nicht alle Fragen zu Spoerrys Zeit in Block 10 zu beantworten. F√ľr ihn gibt es aber wenig Zweifel an ihrer Schuld: "Ob Spoerry all das tat, was ihr vorgeworfen wurde, kann ich nicht sagen. Klar aber ist: Sie tat schlimme Dinge."

Profitierte Spoerry vom Nachkriegs-Zeitgeist in der Schweiz?

Dass man bei den Ermittlungen am Z√ľrichsee 1947 zu einem anderen Schluss kommt, hat verschiedene Gr√ľnde: das Fehlen handfester Beweise, der schwierige Zugang zu Zeuginnen, Spoerrys umtriebiger Anwalt, der gar ein graphologisches Gutachten zur Diskreditierung einer Belastungszeugin anfertigen l√§sst.

Vor allem aber l√§sst der 51-seitige Schlussbericht der Beh√∂rden in Meilen vermuten, dass Spoerry entscheidend von der damaligen geistigen Haltung in der Schweiz profitiert. Eine kritische Reflexion zur eigenen Rolle im Krieg gibt es hierzulande 1947 noch kaum. Weder die Bev√∂lkerung noch die Justiz zeigt ein Interesse daran, das Wirken der Schweiz in Nazideutschland geb√ľhrend aufzuarbeiten.

Vor diesem Hintergrund √ľberrascht es nicht, dass Spoerry von den Ermittlern als Opfer, nicht als T√§terin gesehen wird - und dass Graut√∂ne offenbar ausgeblendet werden. Sie zeichne sich durch "bemerkenswerten Mut und unersch√ľtterliche Tapferkeit" aus, steht im Schlussbericht. Auch "Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit" werden ihr zugeschrieben.

Ganz anders sch√§tzen die Z√ľrcher Ermittler die vier weiteren Belastungszeuginnen ein, deren Aussagen ihnen nur schriftlich vorliegen. Diese - in der Mehrheit Kommunistinnen, wie ohne Beleg behauptet wird - h√§tten "aus einer gewissen Animosit√§t heraus Tatbest√§nde und Sachbest√§nde aggraviert". Zudem spiele das "Pathos die √ľberwiegende Rolle in ihren Aussagen und beeintr√§chtigt daher die Sachlichkeit".

Zwei der Zeuginnen, die im Schlussbericht aus Meilen erw√§hnt werden, hat John Heminway rund sechzig Jahre sp√§ter getroffen. Seine Einsch√§tzung ist eine andere: "Sie waren sehr √ľberzeugend."

Getrieben von dem Wunsch, Busse zu tun?

Spoerry versorgt Patienten bis kurz vor ihrem Tod, die meisten beschreiben sie als unerm√ľdlich. "Sie f√ľhlte sich nur gut, wenn sie arbeitete", sagt ihr Neffe.
Thomas Goisque

Was genau sich Anne Spoerry in Ravensbr√ľck zuschulden kommen lie√ü, ist nicht mehr zu eruieren. Ihre Wandlung von der mutma√ülichen Kriegsverbrecherin im deutschen KZ zur Wohlt√§terin in Kenya wirft vor allem Fragen auf: Waren die Taten, die sie in Ravensbr√ľck begangen haben soll, angesichts der schrecklichen Zust√§nde im Lager entschuldbar - vielleicht sogar √ľberlebensnotwendig? War ihre Reise nach Kenya eine Flucht vor der Justiz, aber auch vor alten Weggef√§hrten, die √ľber ihre Zeit in Block 10 Bescheid wussten? Wollte Spoerry in Afrika Busse tun? War ihr zweites Leben der unerm√ľdliche Versuch, ihr erstes vergessen zu machen?

"Anne h√§tte sicher nicht √ľberlebt, wenn sie nicht getan h√§tte, was Carmen Mory ihr sagte", sagt Bernard Spoerry, der Neffe. Der heute 72-J√§hrige verbringt seit langem einen Teil seines Lebens in Kenya. Dort sah er seiner Tante zu, wie sie Gutes tat. Die beiden hatten eine enge Beziehung.

Von den Geschehnissen in Ravensbr√ľck habe Bernard erst kurz vor Anne Spoerrys Tod erfahren. Einmal habe ein Onkel erw√§hnt, dass Anne sich f√ľr ihre Taten vor Gericht habe verantworten m√ľssen. Sp√§ter habe ihm eine Mitinsassin erz√§hlt, was seiner Tante zur Last gelegt wurde. "Da hat vieles Sinn ergeben", sagt Bernard Spoerry. Das Schweigen seiner Tante √ľber jene Zeit, auch die Stille der Familie. Doch Wut oder Best√ľrzung h√§tten die Anschuldigungen bei ihm nicht ausgel√∂st. "Wenn ich in einer solchen Situation gewesen w√§re, h√§tte ich alles getan, um meine Haut zu retten."

F√ľr den Journalisten John Heminway sind die Dinge komplizierter. "Ihr Verhalten in Ravensbr√ľck war entsetzlich. Es war diabolisch, extrem b√∂sartig", sagt er. Er glaubt, dass Spoerry nach Kenya ging, um ihrer Vergangenheit zu entkommen. Gefragt, ob er ihr verzeihen k√∂nne, erz√§hlt Heminway von einer der Frauen, die er f√ľr sein Buch interviewt hat. Als Mitinsassin im Block 10 hatte sie Spoerrys Taten aus der N√§he erlebt. "Wenn ich sie nach dem Krieg auf der Stra√üe gesehen h√§tte, h√§tte ich ihr den R√ľcken gekehrt und mich geweigert, ihre Existenz zur Kenntnis zu nehmen", sagte sie dem Journalisten. "Aber heute, mit dem, was ich nun √ľber ihr Leben in Afrika wei√ü, w√ľrde ich sie umarmen." So √§hnlich gehe es auch ihm, sagt Heminway. "Ihr Leben in Afrika kam dem einer Heiligen nahe."

Anne Spoerry im Cockpit ihres Flugzeugs (undatierte Aufnahme): Die Schweizerin flog oft allein und nahm bei ihren Reisen erhebliche Risiken in Kauf.
Thomas Goisque

"Es gibt keine Abk√ľrzung"

Und Spoerry selbst? Hat sie sich am Ende mit ihrer Vergangenheit vers√∂hnt? Klar scheint, dass sie bis zuletzt glaubte, dass ihre Arbeit in Kenya noch nicht zu Ende war. "Sie war getrieben", sagt Heminway. Als "zwanghaft" bezeichnet ihr Neffe Bernard ihren Eifer. "Sie f√ľhlte sich nur gut, wenn sie arbeitete."

"Es gibt keine Abk√ľrzung. Man setzt sich erst zur Ruhe, wenn man seinen Job nicht mehr machen kann", sagte Spoerry wenige Jahre vor ihrem Tod in einem Interview. "Wenn man aufh√∂rt zu arbeiten, ist das wie eine Niederlage."

Kann ein Mensch Untaten abgelten, indem er später Gutes tut? Vielleicht hat auch Anne Spoerry sich diese Frage immer wieder gestellt. Vielleicht hat sie bis zuletzt keine Antwort gefunden. Und deshalb einfach immer weitergemacht.


Quelle: * John Heminway: In Full Flight - A Story of Africa and Atonement. Verlag Knopf, Februar 2018. | nzz vom 17.02.2021


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