zur Erinnerung
Welche Rolle Polens im Holocaust? Forschung zu Kollaborateuren :Willf√§hrige Beamte und M√∂rderbanden Das deutsche Besatzungsregime im Zweiten Weltkrieg f√ľhrte zu radikalen Formen der Kollaboration - insbesondere im Holocaust. Gastbeitrag zum Forschungsstand.

Grzegorz Rossolinski-Liebe 20.08.2019, 10:14 Uhr

Lemberg/Lw√≥w, am 1. August 1941. Der B√ľrgermeister von Lemberg Jurij Poljanskyj (Mitte) begr√ľ√üt Hans Frank, den Generalgouverneur...
Foto: Otto Rosner/Narodowe Archiwum Cyfrowe (NAC)/Creative Commons

Adam Cieplinński arbeitete als Wachtmeister bei der Stadtverwaltung von Pilzno. Im August 1943 nahm er zusammen mit zwei anderen Personen einen j√ľdischen Mann namens Kupfeld fest. Cieplinński f√ľhrte ihn zum Magistrat, wo ihn der B√ľrgermeister der Stadt Jan Kramarczyk √ľbernahm, in den Gemeindearrest einsperrte und die polnische Polizei benachrichtigte. Diese brachte ihn nach Debica, wo ihn die deutsche Polizei erschoss. Oftmals erschoss die polnische Polizei die festgenommenen Juden gleich selbst, um sich die Benachrichtigung der Deutschen zu sparen.

Allen Beteiligten, die J√ľdinnen und Juden festnahmen, zum Arrest f√ľhrten, sie einsperrten und der deutschen Polizei √ľbergaben, war klar, was mit den Juden geschehen w√ľrde, selbst wenn sie aus unterschiedlichen Gr√ľnden mit den deutschen Okkupanten kollaborierten. Antisemitismus geh√∂rte ebenso dazu wie eine spezifische lokale Gruppendynamik, Angst, die Ver√§nderung der Moral w√§hrend der Besatzungszeit und vieles mehr.

Asymmetrisches Verhältnis zwischen ungleichen Akteuren

Kollaboration wurde lange als ein normativer Begriff verstanden, der zur Erforschung bestimmter Verhaltensformen im Zweiten Weltkrieg und Holocaust nur bedingt angewendet werden konnte. Historiker vermieden ihn oder ersetzten ihn mit Begriffen wie "Kooperation". Im Gegensatz zu "Kooperation", das eine Zusammenarbeit zwischen gleichberechtigten Partnern suggeriert, dr√ľckt die "Kollaboration" allerdings ein unter spezifischen Besatzungsverh√§ltnissen zustande gekommenes asymmetrisches Verh√§ltnis zwischen ungleichen Akteuren aus. Das analytische Konzept der Kollaboration ist daher unabdingbar, um die Geschichte des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs komplex und differenziert zu erforschen.

Das Wort "Kollaboration" wurde erstmals in einem spezifischen politischen Kontext w√§hrend des Zweiten Weltkriegs bei dem Treffen zwischen Philippe P√©tain und Adolf Hitler am 24. Oktober 1940 in Montoire gebraucht. In Reden und Schriften, die diesem Treffen folgten, stellte P√©tain die Kollaboration als ein durchaus positives Programm seiner Regierung dar, das Frankreich aus dem "d√©b√Ęcle" gerettet habe und den Franzosen ein freies Leben im unbesetzten Teil des Landes erm√∂glichen werde.

Das Phänomen der "collaboration" war im besetzten Europa allgemein bekannt, wurde aber sehr unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Was in Paris bei vielen als normaler Umgang mit den Besatzern galt, wurde in Warschau durch den polnischen Untergrund als "Verrat" angeprangert. Obwohl nach dem Einmarsch der deutschen Armee sowohl Pariser als auch Warschauer die Besatzer in gleicher Weise als Feinde und Aggressoren verstanden, brachte der härtere Terror in Osteuropa doch eine andere Art der Kollaboration und einen anderen Umgang mit den Besatzern hervor.

Besetzte Völker waren sowohl Opfer als auch Täter

Die weitere Politisierung des Begriffs, die besonders intensiv in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten verlief, erfolgte erst nach dem Krieg. Der Begriff wurde insbesondere in den L√§ndern stark emotional gebraucht, in denen die deutschen Besatzer die Bev√∂lkerung rassistisch als "minderwertig" eingestuft und viele Verbrechen an ihr begangen hatten. In allen L√§ndern, die durch das NS-Regime besetzt worden waren oder kollaboriert hatten, wurden nach dem Krieg "Kollaborateure" vielfach gesellschaftlich angeprangert und vor Gericht gestellt. Dem√ľtigungen und Misshandlungen richteten sich oft gegen Frauen, die eine intime Beziehung mit deutschen Soldaten eingegangen waren. Beim "carnaval moche" wurden Frauen in Frankreich die K√∂pfe geschoren und sie wurden vom Mob durch die Stra√üen getrieben.

Besetzte V√∂lker waren sowohl Opfer als auch T√§ter. Sie nur zu Opfern des Nationalsozialismus zu stilisieren, greift zu kurz und ignoriert die Komplexit√§t des Holocaust. Der Holocausthistoriker Saul Friedl√§nder deutete die Notwendigkeit der Erforschung der Kollaboration an, indem er ihr Ausma√ü und ihre Bedeutung f√ľr den Verlauf des Zweiten Weltkriegs sowie die Politik der deutschen Besatzer betonte.

Auf dem gesamten Kontinent, so Friedländer, habe sich die deutsche Herrschaft auf eine Kollaboration verlassen können, die zum Teil von "rationalen" Erwägungen bestimmt gewesen sei, häufig aber auf bereitwilliger oder sogar begeisterter Anerkennung der Vorherrschaft Deutschlands. An einer derartigen Kollaboration beteiligt gewesen seien nationale und regionale Behörden und Institutionen, Hilfstruppen aller Schattierungen, Politiker wie Verwaltungsangestellte, Intellektuelle und Polizisten, Eisenbahnverwaltungen, Journalisten und Industrielle, Jugendorganisationen, Bauernverbände, Geistliche und Universitätsangestellte sowie organisierte oder sich spontan bildende Mörderbanden.

Ohne die Mitarbeit der einheimischen Polizei und ebenso der Verwaltung w√§ren die Besatzer nicht in der Lage gewesen, den Holocaust so umfassend sowohl in Ost- als auch Westeuropa durchzuf√ľhren. Dar√ľber hinaus kollaborierten Beamte und Banken in den besetzten L√§ndern beim Raub des j√ľdischen Eigentums. In all diesen Bereichen wirkten konkrete Akteure, die aus verschiedenen Motiven handelten und deren Beweggr√ľnde f√ľr die Erforschung der Kollaboration von zentraler Bedeutung sind.

Versteckte Kollaboration in der Ukraine

Ein Beispiel daf√ľr ist die versteckte Kollaboration zwischen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und den deutschen Besatzern im Holocaust. Fr√ľhere Arbeiten √ľber den Judenmord w√§hrend der deutschen Besatzung Ostgaliziens konnten diese Art der Kollaboration nicht erforschen, weil sie sich stark auf die Politik der Besatzer konzentrierten und das Handeln der OUN nicht im Detail studierten. Sie nahmen an, dass die OUN eine Widerstandsbewegung war und ihre Beteiligung am Holocaust durch den politischen Streit mit Hitler im Sommer 1941 unterbunden worden sei.

Neuere Forschungsarbeiten, in denen gezielt die Komplexit√§t der Interaktionen zwischen der OUN und der Besatzungsmacht untersucht wurde, haben jedoch gezeigt, dass selbst nach dem politischen Streit und der Verhaftung der F√ľhrung der OUN ihre Mitglieder weiter mit den deutschen Besatzern vor allem bei der Umsetzung des Holocaust kollaborierten. Denn die Ermordung der Juden war ein Aspekt ihres politischen Programms und sie verstanden ihn als einen sozialen "Gewinn" und eine politische Notwendigkeit. Demzufolge beteiligten sie sich am Judenmord als Polizisten oder sp√ľrten auch eigenst√§ndig Ghettofl√ľchtlinge auf und ermordeten sie.

F√ľr Polen zeigten Barbara Engelking und Jan Grabowski in ihren Forschungen zur letzten Phase des Judenmords, dass eine spezifische Dynamik zwischen den Besatzern und Besetzten zu "Judenjagden" und anderen Formen der Verfolgung durch Dorfschulzen, polnische Polizisten, Feuerwehrm√§nner und "gew√∂hnliche Polen" f√ľhrte. Zuvor hatte Jan Tomasz Gross mit seinen Untersuchungen √ľber den Pogrom in Jedwabne aufgedeckt, dass nicht Deutsche, sondern Polen unter spezifischen, durch die Besatzer geschaffenen Umst√§nden ihre j√ľdischen Nachbarn selbst ermordeten. Gross' Buch "Nachbarn" f√ľhrte in Polen zu einer heftigen Debatte √ľber Kollaboration und wirkte sich auf die Erforschung des Holocaust auch in anderen L√§ndern aus.

Schwierigkeiten bei einer eindeutigen Definition von Kollaboration entstehen immer dann, wenn entschieden werden soll, was als Kollaboration gilt und was als eine "notwendige" Zusammenarbeit oder ein "gew√∂hnliches" Zusammenleben mit den Besatzern betrachtet werden k√∂nnte. In den Besatzungsgesellschaften ging das Leben weiter. Dazu geh√∂rten alle T√§tigkeiten, die notwendig waren, um das t√§gliche Leben zu erhalten. B√§cker mussten Brot backen, √Ąrzte Patienten versorgen, Arbeiter zur Fabrik gehen, Polizisten auf Stra√üen patrouillieren und B√ľrgermeister Entscheidungen treffen, damit die kommunalen Verwaltungen nicht kollabierten.

Die Existenz von Grauzonen akzeptieren

Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg war beispiellos, weil bei allen fr√ľheren und sp√§teren Okkupationen keine transnationalen Genozide wie die Schoah begangen worden waren. Deshalb ist es sinnvoller, keine eindeutige Linie zu bestimmen, die eine legitime Zusammenarbeit von einer illegitimen Kollaboration scharf trennt, sondern die Existenz von Grauzonen zu akzeptieren.

Kollaboration gehört zur Geschichte der deutschen Besatzung und bedarf einer besonderen Beachtung bei der Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust. Vernachlässigt wurde sie in osteuropäischen Staaten, weil sie nicht zum Kanon der heroischen oder nationalen Themen gehörte. In Deutschland wurde sie bislang nicht zu einem wichtigen Forschungsfeld, weil sie die deutsche Schuld am Holocaust angeblich hinterfragte.

Vor wenigen Jahren, bei der Debatte um den ZDF-Mehrteiler "Unsere M√ľtter, unsere V√§ter" im Jahr 2013, brachte der deutsch-polnische Schriftsteller und Journalist Adam Soboczynski das Unbehagen mit dem Thema der Kollaboration und der transnationalen T√§terschaft auf den Punkt: "Kein Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich kann dadurch relativiert werden, dass es Kollaborateure in anderen L√§ndern gab. Umgekehrt kann sich kein Volk seiner Verantwortung f√ľr die eigenen Verbrechen entledigen, nur weil ein anderes weitaus gr√∂√üeres Unheil angerichtet hat."


Grzegorz Rossoliński-Liebe ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universit√§t Berlin. Sein Artikel beruht auf seinem aktuellen Beitrag f√ľr die Internetenzyklop√§die "Docupedia Zeitgeschichte" (docupedia.de) √ľber "Kollaboration im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust - Ein analytisches Konzept".


Quelle: tagesspiegel vom 20.08.2019


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