RKI-Protokolle entschlüsselt Drei Tage vor dem ersten Lockdown änderte das RKI plötzlich seinen Standpunkt

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Anna Kröning Redakteurin

Veröffentlicht am 22.08.2024 Lesedauer: 11 Minuten

Schulschließungen, Impfempfehlungen für gesunde Fünfjährige: Das Durcharbeiten der ungeschwärzten RKI-Protokolle offenbart einen dramatischen Umgang mit Kindern während der Corona-Zeit. Ein Ex-Stiko-Mitglied berichtet von erheblichem Druck.

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Kinder und Jugendliche waren weder Treiber der Pandemie noch besonders gefährdet - und dennoch beschloss die Politik in Deutschland Schulschließungen, Impfprogramme, Masken- und Testpflichten im großen Stil. Auch als längst ungefährliche Varianten des Virus im Umlauf waren, legte man nach. Dies belegen die entschwärzten Protokolle des Krisenstabs des Robert-Koch-Instituts (RKI), die WELT vorliegen. Und auch, wie groß der politische Druck war, dem wissenschaftliche Gremien wie die Ständige Impfkommission (Stiko) ausgesetzt waren. Die Impfempfehlung für gesunde Fünf- bis Elfjährige gegen das Coronavirus im Mai 2022 etwa bezeichnen Stiko-Mitglieder im Hintergrundgespräch mit WELT als "überflüssig".

Soziale und psychische Leiden der strengen Maßnahmen sind die Folge bei Kindern und Jugendlichen, so mancher Schulstoff ist bis heute nicht aufgeholt worden. Dabei zeigten schon im Laufe des Jahres 2020 Daten aus dem Ausland, dann auch aus Deutschland, dass die vermeintlichen Infektionsherde - Schulen und Kindergärten - keine waren. Der Virologe Klaus Stöhr formuliert es in seiner Analyse so: Man habe "Kollateralschäden der Maßnahmen für die Gesellschaft billigend in Kauf genommen".

Die Rolle von Kindern in der Pandemie

So wurde in einer der ersten RKI-Sitzungen am 26. Februar 2020 ein Bericht aus China besprochen. In dem Protokoll dazu heißt es: "Kinder kein (sic!) wichtigen Glieder in Transmissionsketten ... Rolle der Kinder eher untypisch untergeordnet (anders als Influenza), mehr Studien müssen erfolgen." Am 12. März 2020 bezog sich das Protokoll auf die Forderungen der Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Michael Kretschmer (CDU), Schulschließungen in Bayern und Sachsen vorzunehmen. Zunächst hieß es noch: "Das RKI hält Schulschließungen nur in besonders betroffenen Gebieten für sinnvoll."

In der Sitzung des Krisenstabs vom 13. März 2020 änderte sich diese Ansicht. Drei Tage später wurde der erste Lockdown beschlossen. Nun ging es um das gesamte Infektionsgeschehen und potenzielle Übertragungsketten. "In einer weiteren Publikation (zitiert von Herrn Drosten) wurde die Effektivität von Schulschließungen modelliert ... . Publikation bezieht sich aber auf Influenza." Daraufhin übernahm das RKI diesen Impuls: "In Analogie zu Influenza machen die Schulschließungen Sinn. Während einer Influenzapandemie ist dies ein wichtiger Faktor zum Bremsen des Ausbruchsgeschehens."

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Früh bekam das RKI offenbar politischen Druck: "Herr Spahn (Anm. d. Red.: der damalige CDU-Gesundheitsminister) hat angeordnet, dass eine Passage zu Schulschließungen in die Kriterien für die Risikoeinschätzung von Großveranstaltungen eingefügt wird." Schon am folgenden Tag verkündeten die Bundesländer nacheinander, die Schulen dichtmachen zu wollen. Begleitet wurde dies von der umstrittenen Kinder-Studie des Virologen Christian Drosten, der am 29. April 2020 vor einer unbegrenzten Wiederöffnung warnte. Während skandinavische Länder nach der Maßgabe "Kinder zuerst" vorgingen, prophezeite der damalige SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach am 4. Mai 2020 auf Twitter: "Regulärer Unterricht fällt für mindestens 1 Jahr aus."

So kam es zwar nicht. Mitte Mai öffnete Sachsen seine Schulen wieder, einige andere Länder folgten. Am 26. Mai 2020 kam das RKI zudem zu dem Schluss, dass es zu wenige Studien zu Kindern gebe. Im August stellte das RKI fest, die Rolle von Kindern im Gesamtgeschehen sei "nicht geklärt". Außerdem stellte am 30. August 2020 der RKI-Fachbereich F36 klar: "Jedoch muss der Meinung, dass Schulen und Kinder Superspreader sind, entgegengetreten werden." Trotzdem blieben Kinder und Jugendliche im Fokus der Corona-Maßnahmen, auch Schulen und Kitas sollten erneut schließen.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI, links), Karl Lauterbach, SPD, und Minister Jens Spahn (CDU) im Januar 2021
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"Die Kinder wurden damals schon dazu benutzt, um Aktionismus zu demonstrieren", sagt die Ärztin Andrea Knipp-Selke, die in Köln praktiziert. "Es ging nicht um ihre Belange, sondern immer nur um das Eindämmen des Infektionsgeschehens." Knipp-Selke gehört zusammen mit dem Virologen Stöhr der "Info-Plattform Corona" an, einem losen Verbund von Ärzten und Wissenschaftlern, die sich regelmäßig kritisch zu politischen Vorgängen in den Corona-Jahren äußerten.

Dass Familien litten, kam damals auch beim RKI an. Es gab zahlreiche Beschwerden von Eltern über strikte Quarantäne-Vorgaben der Gesundheitsämter, wie die Protokolle zeigten. Am 20. November 2020 ergab dann eine Untersuchung von mehr als 100 Kinderkliniken, dass es keine erhöhte Dunkelziffer von Corona-Infektionen bei Kindern gab. Zeitgleich ordneten Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzleramtsmitarbeiter Helge Braun eine Maskenpflicht für Schüler und halbierte Klassengrößen an, auch wollten sie die "Ein-Freund-Regel" durchsetzen, die von Ländern und Verbänden abgewendet wurde.

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Am 30. November 2020 kamen das RKI erneut zu dem Schluss: "Schulen sind eher nicht die treibenden Quellen und Schulschließungen würden die Lage wohl noch eher verschärfen." Entgegen dieser Erkenntnis ordnete die Bundesregierung zwei Wochen später einen Lockdown mit Schulschließungen oder Aussetzung der Präsenzpflicht an, der bis Mitte Februar 2021 andauern sollte. Vor allem der Deutsche Lehrerverband und der Verband Bildung und Erziehung hatten immer wieder hohe Sicherheitsstandards gefordert. Das RKI fasste dazu am 18. Januar 2021 zusammen: "Maßnahmen in Schulen und Kitas können nicht verhindern, dass es zu Ausbrüchen kommt."

Schließlich wurden im Februar 2021 regelmäßige Corona-Tests in Schulen und später auch in Kitas eingeführt - mit dem Argument, Schließungen zu vermeiden. Lehrer und Schüler berichteten von entwürdigenden Prozeduren, bei denen Kinder bloßgestellt und ausgegrenzt wurden. Schon damals waren die mentalen Folgen der Maßnahmen erkennbar. Die "Copsy"-Studie der Hamburger Uniklinik zeigte im Januar 2021, dass fast jedes dritte Kind unter psychischen Auffälligkeiten litt. Demnach nahmen Sorgen und Ängste ebenso wie depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden zu. Im Winter 2021/2022 setzten einige Länder die Präsenzpflicht an Schulen aus.

Der Streit um die Impfungen

Relativ frühzeitig ging es im RKI aber nicht nur um Maßnahmen, sondern auch um die Frage, ob und wann Kinder geimpft werden sollten. Virologen wussten einige Monate nach der Entwicklung der Impfstoffe Ende 2020, dass diese einen gewissen Eigenschutz, aber keinen signifikanten Fremdschutz bieten. Unklar hingegen waren die Nebenwirkungen. Auch dies geht aus den Protokollen des RKI hervor, das am 7. Mai 2021 eine "erhöhte Aufmerksamkeit" für Myokarditis als Impfnebenwirkung bei jungen Männern anmahnt. Noch bevor sich das RKI oder die Fachgesellschaften äußern konnten, schaltete sich die Politik ein.

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Am 19. Mai 2021 äußerte der damalige Gesundheitsminister Spahn in der RKI-Sitzung Pläne zur Kinderimpfung: "Auch wenn STIKO die Impfung für Kinder nicht empfohlen (sic!) wird, BM Spahn plant trotzdem ein Impfprogramm."

Gesellschaftlich wurde vermittelt, dass Kinder zwar nicht selbst schwer erkranken, aber Oma und Opa gefährden könnten. Seit Mai 2021 war dann auch die Kinder-Impfung Dauerthema in den RKI-Sitzungen. Minister Spahn kündigte medial an, er werde Kindern auch ohne Stiko-Empfehlung ein "Impfangebot" machen. Der damalige Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens widersetzte sich öffentlich, man würde "keine Bonbons verteilen". Im Juni 2021 empfahl sein Gremium die Impfung - allerdings nur für vorerkrankte Zwölf- bis 17-Jährige. Mertens selbst sorgte im Dezember mit der Bemerkung für Aufsehen, er selbst würde sein siebenjähriges Kind aufgrund der fehlenden Datenlage nicht impfen lassen.

Pro-Impf-Kampagnen noch vor Stiko-Entscheidung

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Der nach dem Regierungswechsel neu ernannte Bundesgesundheitsminister Lauterbach verkündete im November 2021, es spreche nichts gegen die Impfung von Kindern. Ministerpräsident Söder sprach sich Anfang Dezember 2021 sogar für eine Impfpflicht für Kinder ab zwölf Jahren aus. Die Vorbereitungen für Impfaktivitäten für Kinder ab fünf Jahren begannen, ohne, dass die Stiko sich in den RKI-Sitzungen entsprechend äußerte. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung habe ein "Merkblatt zum Thema Impfen ab 5" erarbeitet, heißt es etwa in der Sitzung vom 17. Januar 2022.

Wenige Tage später sprach die Stiko eine Empfehlung für den Booster bei Kindern und Jugendlichen ab zwölf aus, am 28. Januar 2022 hieß es im RKI-Protokoll: "Update Kinderimpfung für 5-11-Jährige: mögliche Boosterung sowie Ausdehnung der Empfehlung auf alle Kinder dieser Altersgruppe." Dies geschah zu einem Zeitraum, in dem sich die mildere Omikron-Variante ausbreitete und hinlänglich bekannt war, dass das Virus keine Gefahr für Kinder darstellte. In der RKI-Runde am 14. Februar 2022 wurde die Stiko um eine Stellungnahme zum "Off-Label-Use" - Nutzung außerhalb des zugelassenen Gebrauchs - bei vorerkrankten Kindern unter fünf Jahren gebeten.

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Indes diskutierte die Stiko intern kritisch über eine Impfempfehlung für gesunde Fünfjährige, wie WELT erfuhr. Dies geht auch aus knappen Einträgen in den RKI-Protokollen hervor: "Die Diskussion ist noch offen", heißt es am 7. März 2022. Zu einem Zeitpunkt also, an dem die dänische Regierung die Impfempfehlungen für Kinder gänzlich zurückzog. Mitte Mai entschloss sich die Stiko dann doch zur Impfempfehlung für Kinder ab fünf Jahren, im November 2022 für vorerkrankte Kinder von sechs Monaten bis vier Jahren.

Die Kehrtwende vollzog die Stiko am 7. Dezember 2022. Vier Monate, bevor die letzten Maßnahmen endeten, zog sie alle Corona-Impfempfehlungen für Kinder zurück: "Die STIKO relativiert ihre bisherige Empfehlung und rät dazu, nach individueller Abwägung und unter Berücksichtigung des Wunsches der Eltern zu entscheiden, ob eine Impfung durchgeführt werden sollte."

Mertens äußerte sich nicht zur Frage nach möglichem Einfluss der Politik auf die Stiko. WELT sprach mit anderen früheren Mitgliedern aus dem Gremium. Es habe "keine direkte Vorgabe des Bundesgesundheitsministeriums an die Stiko" bezüglich der Kinderimpfung gegeben, sagte eines der Ex-Mitglieder, das nicht namentlich genannt werden will. Die Runde habe "intern kritisch über die Kinderimpfung diskutiert", zumal die Auswirkungen der mRNA-Impfstoffe speziell auf den kindlichen Organismus unklar gewesen seien. Die Stiko habe sich aber "in einer Druckblase" der politischen Eliten befunden, die alle Stiko-Repräsentanten wahrgenommen hätten. "Unterm Strich haben wir uns aber noch recht wehrhaft gezeigt", resümiert er.

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Medizinische Gründe für eine Impfempfehlung seien im Frühjahr 2022 nicht mehr vorrangig gewesen, obwohl feststand, dass Kinder durch das Virus nicht gefährdet seien. Auch der Fremdschutz der Impfung sei längst widerlegt gewesen. "Hätten wir aber die Empfehlung für Über-Fünfjährige nicht abgegeben, dann hätten wir eine Diskussion führen müssen, mit der wir uns selbst ins gesellschaftliche Abseits gestellt hätten." Er erklärt das Umschwenken Ende 2022 zur Rücknahme der Impfempfehlung: "Wir haben versucht, das möglichst schnell zu korrigieren." Es wäre besser gewesen, zu kommunizieren, auf welch "dünnem Boden" bestimmte Empfehlungen standen, statt der Politik ein "Gütesiegel" zu liefern.

Auch Virologe Klaus Stöhr spricht vom "Druck durch die Politik" auf die Stiko. Dieser drohte auch in diesem Gremium "Mauern einzureißen". Er kritisierte gegenüber WELT die Impfempfehlung sowohl für kleine Kinder als auch für über Zwölfjährige: "Der Nutzen der Impfung für diese Gruppen ist bestenfalls marginal angesichts der sehr geringen Anzahl an schweren Verläufen. Und genau diese kann und soll die Impfung ja verhindern." Kinder und Jugendliche hätten in Deutschland dauerhaft im Fokus der Politik für die Impfung gestanden, kritisiert Stöhr - obwohl die Immunisierung bei Älteren das beste "Kosten-Nutzen-Verhältnis" aufwiese.

Unterm Strich folgten wenige Eltern der Impfempfehlung ihrer Fünf- bis Elfjährigen. Nur rund ein Fünftel Kinder dieser Altersgruppe ist einmal gegen Sars-Cov-2 geimpft worden. Doch die Folgen sind bis heute spürbar. Ärztin Knipp-Selke glaubt, dass die Corona-Zeit und die Entscheidungen der Stiko deren Ansehen geschadet haben. Sie erlebt seither, dass viele Eltern misstrauisch bei neuen Stiko-Impfempfehlungen sind. In ihre Praxis kämen außerdem täglich Jugendliche, die psychische Probleme hätten, in einem Ausmaß, wie das vor der Pandemie nicht der Fall war. Eine Entschuldigung bei den Kindern und Jugendlichen der Politik hält sie für dringend notwendig, um das Erlebte zu verarbeiten: "Es ist unsere Aufgabe, auch, um die Gesellschaft zu befrieden."

Lehrerverband weist jede Kritik zurück

Doch wie hoch ist die Bereitschaft, die eigene Rolle zu hinterfragen? Stefan Düll, amtierender Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DLLV), sieht keine Fehler bei der Lehrerschaft: "Ein Diskurs, der alle Corona-Maßnahmen verteufelt, trägt nicht dazu bei, Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte zu schützen oder in einem erneuten Pandemiefall Infektionszahlen so im Zaum zu halten, dass die Schulen offenbleiben können." Zudem seien die Schulen "zur Umsetzung der Maßnahmen verpflichtet" gewesen, sagte er WELT.

Der Verband habe stets auf die Auswirkungen der Maßnahmen hingewiesen, Wechselunterricht vorgeschlagen sowie Tests an Schulen gefordert: "Alle Maßnahmen haben die Öffnung der Schulen ermöglicht und ein gewisses Sicherheitsgefühl vermittelt, was gerade auch für viele durch die vermeintliche Ausweglosigkeit der Pandemie und ihre tödliche Bedrohung verunsicherte Menschen - Eltern, Lehrkräfte, Lernende - wichtig war."

Düll zog sogar eine positive Bilanz der Corona-Zeit: Der Distanzunterricht habe die digitale Ausstattung der Schulen verbessert.

Kinderschutzbund fordert Aufarbeitung

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB), der sich während der Pandemie wenig kritisch zu Einschränkungen für Kinder zeigte, verweist auf die "großen Herausforderungen" im Umgang mit dem neuartigen Virus. DKSB-Präsidentin Sabine Andresen sagte WELT: "Das zwang auch uns, permanent zwischen den unklaren Risiken für alle und den Rechten von Kindern und Jugendlichen auf Teilhabe abzuwägen." Bestimmte Vorschläge wie die "Ein-Freund-Regelung" habe man "abgelehnt und verhindern können", so Andresen. Schulschließungen habe man anfangs für vertretbar gehalten. Als sich aber 2021/2022 zeigte, dass die Öffnung von Restaurants oder Einkaufszentren "großzügiger gehandhabt werden sollten, während zugleich Schulschließungen stattfanden", habe der Verband "vehement protestiert".

Die Bundesregierung ließ die Fragen nach Aufarbeitung und einer möglichen Entschuldigung bei Kindern und Jugendlichen unbeantwortet. Die junge Generation habe "Opfer gebracht", erklärte eine Sprecherin von Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne). Sie verwies auf Aufholprogramme, eine Kummer-Telefonnummer sowie ein Programm gegen "Einsamkeit", das die Ministerin dem Kanzler vorgelegt habe und das "mit über 100 Maßnahmen" sensibilisiere.

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Das RKI wies eine politische Einflussnahme zurück. Es gebe "Empfehlungen aus infektionsepidemiologischer Sicht" ab, sagte eine Sprecherin. "Welche Maßnahmen ergriffen werden, sind aber Entscheidungen der Politik, die viele verschiedene zusätzliche Faktoren berücksichtigen muss."

Heike Riedmannn, Vorsitzende der "Initiative für Familien", forderte eine ernst gemeinte Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen. Deutschland habe sich weder an den Nationalen Pandemieplan noch an die Kinderrechtskonvention gehalten, die rechtlich bindend sei. Stattdessen habe eine "eklatante Missachtung der Rechte von Kindern und Jugendlichen" stattgefunden. Kinder seien "zum Spielball der Politik geworden, ihre Rechte zur Verhandlungsmasse", sagte Riedman WELT. Dass Schulen und Kitas geschlossen und teilweise erst nach Frisören oder Fußballstadien wieder öffnen durften, zeige den Stellenwert in Deutschland: "Kindern wurde eine Verantwortung aufgeladen, die eigentlich die erwachsene Gesellschaft für sie hätte tragen müssen."


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