12.04.2026, 14:05 Uhr
Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung
Auf den ersten Blick wirken Christine Prayon und Felicia Binger ein wenig angespannt - eben so wie es von einem Interview sein sollte -aber keineswegs so als würden sie sich unwohl fühlen. Dabei leiden die beiden nach eigenen Angaben unter Impfschäden, auch Post-Vac-Syndrom (PVS) genannt.
Seit Januar 2022 gab es zahlreiche Medienberichte, die Impfschäden und das Post-Vac-Syndrom thematisierten, in denen auch Prayon und Binger zu Wort kamen. Am 24. April präsentieren die beiden Schauspielerinnen ihr eigenes satirisches Bühnenprogramm "Testzentrum" in der Dresdner Schauburg. Am 27. Januar 2027 treten sie bei den Academixern in Leipzig auf. Die OAZ wollte wissen: Wie werden Post-Vac-Erkrankte wahrgenommen? Wird Corona-Politik immer noch tabuisiert? Und wie sie mit Reaktionen auf ihr Theaterstück umgehen.
Frau Prayon, Frau Binger, Sie sagen, dass man Ihnen die Krankheit nicht ansieht. Was macht diese Unsichtbarkeit so belastend im Alltag?
Felicia Binger: Dass man oft nicht ernst genommen wird. Dabei ist es egal, in welchem Bereich, ob bei Ärzten, im beruflichen Umfeld oder im privaten Umfeld. Das, was einem nicht bekannt ist, dass man das nicht so ganz einordnen kann.
Wie verändern Ihre Erfahrungen denn das Vertrauen in Ärzte und Öffentlichkeit?
Binger: Mich hat es extrem geschockt. Viele chronisch Kranke, nicht nur Impfgeschädigte und Patienten mit ME/CFS und generell, merken, dass man teilweise besser informiert ist, als die Ärzte selbst. Manchen Ärzten muss man sogar bestimmte Begrifflichkeiten erklären. Das ist extrem beängstigend.
Haben Sie das Gefühl, dass Kritik an der Corona-Politik immer noch tabuisiert wird?
Christine Prayon: Es gab so eine Art Scheinaufarbeitung im Jubiläumsjahr. Aber da saßen in den Talkrunden auch die immer gleichen, die sich auch während der Corona-Zeit geäußert haben und äußern durften. Die wirklich kritischen Stimmen sind nicht zu Wort gekommen. Im Gegenteil, die Plattformen wurden dazu genutzt, zu legitimieren, was man in der Zeit entschieden hat. Und die gleichen Narrative wurden auch immer noch mal bemüht und verstärkt. Das Einzige, was ich an Kritik gehört habe in der Zeit, war Selbstkritik in Bezug auf die Kinder. "Das hätten wir ein bisschen besser machen können, mit den Schulschließungen", hieß es da. Das ist nur das Feigenblatt, das man genommen hat, um sich selbstkritisch zu zeigen.
Ihr Bühnenprogramm wird auch als "Theaterabend gegen das Schweigen" beschrieben. Gegen welches Schweigen richten Sie sich da konkret?
Prayon: Gegen das gesellschaftliche Schweigen. Die Impfschäden werden kleingeredet oder totgeschwiegen. Sie werden subsummiert unter ferner liefen. Wenn überhaupt, dann wird etwas für Long Covid getan, aber auch das ist viel zu wenig. Post-Vac findet offiziell nicht statt. Damit findet ein Verschweigen statt. Nach wie vor sind die Impfgeschädigten nicht sichtbar. Wir versuchen an diesem Abend ihnen eine Stimme zu geben.
Binger: Impfgeschädigte werden ganz konkret diskriminiert.
Warum haben Sie versucht, Ihre Erfahrungen in eine künstlerische Form zu bringen?
Prayon: Damit erreicht man mal die Menschen oft direkter. Es geht uns ja nicht darum, eine Botschaft oder Fakten zu vermitteln, es darf auch auf der emotionalen Ebene was passieren. Es ist der Versuch, sich mal für eine halbe Stunde nicht spalten zu lassen, sondern zu schauen, wie kann man das damals auch gesehen haben - ohne, dass da gleich mit Schaum vorm Mund reagiert wird.
Gibt es denn auch Reaktion aus dem Publikum, die sie erschüttert oder irritiert haben?
Prayon: Erschüttert hat mich da bislang noch gar nichts. Es gibt manchmal Leute, die unbedingt etwas loswerden wollen, was vielleicht für nach unserem Dafürhalten nicht wirklich in den Abend gehört. Trotzdem wollen die Leute das loswerden. Es gibt ja nicht nur Betroffene, die das Stück besuchen, sondern auch Leute, die mit der Corona-Politik gehadert haben und sich dort nicht gehört gefühlt haben und die vielleicht einfach auch den Eindruck haben, dass man an so einem Abend insgesamt wieder ein bisschen miteinander ins Gespräch kommt, ohne dass jemand gleich in irgendeine Ecke gestellt wird mit seiner Meinung. Das ist völlig in Ordnung.
Sie stehen gemeinsam auf der Bühne - ist die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden auch eine Form von gegenseitiger Stabilisierung?
Prayon: So ein Abend ist immer auch Therapie. Nicht nur für die Leute, die kommen, sondern auch für uns. Ich glaube, dass Kunst sowieso immer was Therapeutisches hat. Uns kostet der Abend Energie, gibt sie uns aber im gleichen Maße auch.
Binger: Das ist die eine, schöne, positive Sache, die sich aus all dem Mist ergeben hat. Die eine Sache, bei der man aus etwas ganz Schlimmen etwas Gutes schaffen konnte.
Vielen Dank für das Gespräch.