12.08.2026, 20:23 Uhr 5 Min
© Benjamin Hotz
Was für ein Aufwand für so wenig Outcome, wie man heute so schön sagt. Da werden extra die Koryphäen der deutschen Gegenwartsdebatte ins ZDF eingeladen, die Transformationsforscherin Maja Göpel etwa und der Philosoph Philipp Hübl, aber allen bleibt nur ganz wenig Zeit für ein paar salbungsvolle Sätze, die wir in verschiedenen Abwandlungen schon etliche Male gehört haben. Allein, es ist zu spät dafür: Das Land steht kurz vor einem politischen Erdbeben, die AfD greift in zwei Landesparlamenten nach der Macht.
Nun kann man sagen: Nachdem wir uns alle nun seit mehreren Jahren politisch nur noch angiften und missverstehen, versucht der ÖRR wenigstens auf den letzten Drücker, noch etwas zu retten. Man kann aber auch sagen: Und wie fällt es mit der Selbstkritik aus, ZDF? Entstammen eure Redakteure nicht vornehmlich einem städtisch-akademischen Milieu, zumeist links oder grün wählend, das mit dafür verantwortlich ist, dass man sich inzwischen der Selbstzensur beim Sprechen unterwirft?
Und was machen eigentlich Menschen, die immer wieder diffamiert und von oben herab agitiert werden, irgendwann? Deren Sicht auf die Welt immerzu als "reaktionär" und im Subtext als "zurückgeblieben" etikettiert wird? Richtig, sie werden bockig, zeigen einem den Stinkefinger, und wählen erst recht nicht so, wie es das fordernde Milieu gern hätte. Vor allem haben sie keinen Nerv dafür, sich jetzt eure Klage darüber anzuhören, ZDF, dass wir ach so gespalten sind. So geht nicht Aufklärung, so geht Schuldumkehr.
Dass diese Sendung nun endlich auch mal die zu Wort kommen lässt, die man früher - und vornehmlich im ÖRR - nur mit der Kneifzange angefasst und sie auch schnellstmöglich abgeurteilt hat, nämlich als Verschwörungstheoretiker, Meinungsfreiheitsschwurbler und Covidioten, soll es jetzt auf den letzten Meter alles richten. Einen Teufel wird es tun.
Denn mit dieser Art der Abstempelung habt ihr, ZDF, doch alle in einen Topf gehauen: die wirklichen und nachweisbaren Demokratiefeinde mit denen, die nur andere Fragen hatten als ihr, die ihr euch für politisch korrekt haltet und nicht den geringsten Selbstzweifel hegt. Und war es nicht der Philosoph Hübl, der in seinem Spiegel-Bestseller "Moralspektakel" sinnbildlich schrieb, dass vor allem progressive Milieus und akademisch Gebildete besonders stark dazu neigen, moralische Positionen als Identitäts- und Statussignal einzusetzen? War er. Und da habt ihr ihn nun in eurer Sendung, ZDF, und fühlt euch natürlich nicht gemeint.
© Benjamin Hotz
Und deswegen ist "Zwischen uns die Wahrheit" eine schlechte Sendung. Und leider auch eine, wie man sie vom ZDF nicht anders erwartet hat. (Obwohl, neulich hat sogar "Aspekte" eine respektable und nicht wertende Sendung zum Thema Meinungsfreiheit gemacht.) Denn allein durch die Tatsache, dass dort in epischer Breite Menschen im Mittelpunkt stehen wie der Corona-Maßnahmenkritiker, Kommunalpolitiker und inzwischen gerichtlich verurteilte Zahnmediziner Fritz Düker, oder eine gewisse Claudia, die nach dreizehn Jahren aus einer Sekte und der Produktion des verschwörungsnahen "Kla.TV" ausgestiegen ist, richtet den Fokus allein schon wieder nur auf die "Abweichler" und die "Umstrittenen".
Natürlich sind Verschwörungserzählungen ein Problem. Und natürlich können sie Menschen in eine abgeschlossene Weltsicht führen, in der alles miteinander zusammenhängt und am Ende nur noch Gut und Böse übrig bleiben (das ist gar nicht so entfernt von der "richtigen" Weltsicht). Die Sendung erklärt das anschaulich und Claudia schildert ihren Weg in eine solche Welt und wieder heraus durchaus eindrucksvoll. Aber warum ist das eigentlich die zentrale Erklärung für die gesellschaftliche Spaltung?
Was wäre - andersherum gefragt -, wenn auch etablierte Medien Informationen bevorzugen, die zum eigenen Weltbild passen, wie wir eingangs schon erwähnten? Warum stellt man sich diese Frage in der Doku nicht? Das ist keine verrückte Frage, wenn man wenigstens im Besitz der psychologischen Grundkenntnis ist, dass zur Störung einer Beziehung immer alle Beteiligten beitragen, nicht nur die, die das Label "böse" von denen verpasst bekommen, die sich für "gut" halten.
Fritz Düker eignet sich jedenfalls hervorragend für den Beleg "vom rechten Wege abgekommen". Er wirkt leicht wirr und zerzaust, hat durch einen selbst verschuldeten Unfall seine Frau und eine Tochter verloren, was ihn sicher auch destabilisierte, aber er ist ganz sicher keiner, der die Demokratie abschaffen will, im Gegenteil: Er will sie wieder fühlen. Auch mit einer falschen Meinung, denn sogar eine solche ist in der Demokratie erlaubt, es braucht sie sogar aus systemimmanenter Hygiene heraus. Und gerade deshalb hätte man genauer fragen müssen: Wie wurde jemand wie Düker zu dem, der er heute ist? Und nicht: Wie konnte er nur so werden? Da ist die Wertung gleich schon wieder angelegt.
Und wenn zudem ein öffentlich-rechtlicher Sender erklärt, warum Menschen auch den Medien misstrauen, müsste er sich selbst fragen, ob es dafür möglicherweise Gründe gibt, die über TikTok-Algorithmen und Verschwörungsideologien hinausgehen. Und ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt untersucht, sollte nicht nur fragen, warum die anderen ihm nicht mehr vertrauen. Er sollte sich auch fragen, ob und warum sie vielleicht einen Grund dafür haben.
37 Grad: Zwischen uns die Wahrheit. In der ZDF-Mediathek.