Medienkolumne Wie Ben Berndt mit seinem Podcast "Ungeskriptet" den ganzen ÖRR alt aussehen lässt

Alexander Teske

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Alexander Teske hat 21 Jahre für die ARD gearbeitet. Erst für den MDR in Leipzig, dann beim NDR in Hamburg. Über seine Beobachtungen und Erlebnisse hat er den Bestseller "Inside Tagesschau" geschrieben. Gemeinsam mit zwei weiteren Medien-Experten, Annekatrin Mücke und Peter Welchering, berichtet er wöchentlich aus dem Inneren des journalistischen Maschinenraums in dem Podcast "Sachlich richtig".

29.06.2026, 21:23 Uhr 9 Min

Der Auftritt von Björn Höcke bei "Ungeskriptet" ist mit über acht Millionen Aufrufen der bisher erfolgreichste Podcast in Deutschland. Zeit für eine Bilanz.

Der Content-Creator Ben Berndt hat mehr Reichweite als alle öffentlich-rechtlichen Podcasts zusammen.
© Ungeskriptet

Vor einem Jahr erhielt ich eine Mail. Ob ich Lust hätte, in den Podcast von Ben Berndt namens "Ungeskriptet" zu kommen. Ich kannte den Podcast nicht und war unsicher. Lohnt sich das? Extra auf eigene Kosten von Hamburg nach Köln und zurück fahren? Das muss man sich als Freiberufler erst einmal leisten können. Der Nachsatz der Einladung irritierte mich: Maximilian Krah sei auch schon da gewesen. Ich war sehr skeptisch. Durch meine Kritik an der "Tagesschau" und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde ich ohnehin schon in eine Ecke einsortiert, in der ich mich nicht sehe.

Für viele ist Medienkritik immer rechts, oft rechtspopulistisch, manchmal rechtsradikal. Das ist natürlich Quatsch. Trotzdem: Wer mich googelt, erhält hinter meinem Namen als ersten Vorschlag der Autovervollständigung die AfD. Dabei war ich noch nie in einer Partei, habe noch nie für eine gearbeitet oder geworben, stehe keiner nah. Aber offenbar müssen sich viele erst einmal mittels Suchanfrage vergewissern, dass es keine Verbindung zwischen mir und der AfD gibt.

Angst vor Kontaktschuld

Ich googelte Ben Berndt. Kaum Treffer in der Medienwelt. Angesichts der Reichweite seiner Kanäle überraschte mich das. Ich schaute mir seinen Podcast an. Es redeten vor allem Menschen, die im Mainstream nicht mehr vorkommen oder es noch nie dorthin geschafft hatten. Die Titel lauteten: "Sie zensieren die Wahrheit", "Die wirklich Mächtigen sind unsichtbar" oder "Alle wollten direkt Sex!"

Ich habe nichts gegen abseitige Themen, habe aber wie so viele Angst vor der Kontaktschuld. Wer der Einladung eines Mediums folgt, wird auch für die anderen Gäste mitverantwortlich gemacht. Ganz so, als hätte man bei deren Auswahl mitzureden. Als ich die Anfrage schon höflich ablehnen wollte, entdeckte ich, dass auch Gregor Gysi, Christian Lindner, Sahra Wagenknecht oder Julia Klöckner zu Gast waren. Na dann darf ich die Einladung ja wohl auch annehmen.

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Das Studio liegt am Stadtrand in einem neugebauten Gewerbegebiet. Ich war vermutlich der erste Gast, der mit der Bahn, Bus und per pedes anreiste. Ben war freundlich, wir redeten über Privates und gingen zum Du über. Er machte alles allein, bediente auch die Kameras selbst. Das nötigte mir einerseits Respekt ab, war ich es doch von der ARD gewöhnt, stets von Technikern umgeben zu sein. Andererseits fragte ich mich, wie gut er sich auf den Gesprächsinhalt konzentrieren kann, wenn er gleichzeitig auf Bildausschnitt, Schärfe und Tonpegel achten muss. Es gelang ihm erstaunlich gut. Auch wenn er mein Buch, wie einige andere Interviewer auch, vermutlich nicht gelesen hatte, stellte er die üblichen, naheliegenden Fragen. Doch mit zunehmender Dauer des Gesprächs bohrte er nach und verließ die ausgetretenen Pfade.

Warum nicht Björn Höcke sprechen?

Ben, der gerne Formulierungen wie "Das ist doch alles völlig Banane" benutzt, brachte mich nach über zwei Stunden in Schwierigkeiten und ich begann, etwas unruhig mit den Kopfhörern auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen. Erstens ist es eine Herausforderung, nach 30 Jahren im Job die Seiten zu wechseln und nicht mehr hinter, sondern vor dem Mikrofon zu sitzen. Zweitens beginne ich langsam zu unterzuckern, nachdem ich zwei Stunden konzentriert Fragen beantwortet habe.

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Ich musste damals jeden Satz abwägen, saßen doch die Juristen des NDR mit gespitztem Bleistift vor dem Monitor, um Falschbehauptungen meinerseits sogleich abzumahnen. Es gibt Hörer, die glauben, in langen Podcast-Formaten wie "Jung und Naiv" (Tilo Jung) oder "Alles gesagt" (Zeit), die schon mal sechs Stunden gehen, komme man besonders gut in die Tiefe und der Wahrheit nahe. Ich finde eher, mit zunehmender Dauer steigt die Gefahr, Unsinn von sich zu geben, weil man nicht mehr ganz bei der Sache ist.

Der Grund meiner Unruhe damals: Ben sprach von Zensur, Propaganda und davon, dass das Gute und das Böse nicht immer klar zu erkennen seien. Es ging um Adolf Hitler, Eichmann und die Banalität des Bösen. Und dann sagte ich sinngemäß: Ich möchte mit allen im Gespräch bleiben und mich mit ihnen an den Tisch setzen, mit Björn Höcke aber eher nicht. Sofort fragte Ben Berndt nach: Warum? Weil er so überzeugt von seiner Sache ist, dass er sich keinen Millimeter bewegen würde und kein Austausch möglich sei, argumentierte ich.

Gesagt, getan

Die Kommentare unter der Folge waren entsprechend: Ich hätte an diesem Punkt meine Maske fallen lassen, die öffentlich-rechtliche Erziehung und mein links-grünes Weltbild seien mir anzumerken, Ben habe meine Verlogenheit enttarnt und nun sei es doch eigentlich folgerichtig, Björn Höcke als nächsten Gast in den Podcast einzuladen. Es dauerte etwas, aber es passierte dann tatsächlich. "Ich habe mich getraut", kündigte Ben diese Folge schließlich an.

Und die medialen Reaktionen auf das fünfeinhalbstündige Gespräch waren entsprechend. Auch in der Berliner Zeitung erschien eine Besprechung. Extra 3 vom NDR produzierte gar die Persiflage "Unkritisch". Und Saskia Esken von der SPD rief im Bundestag Werbetreibende dazu auf, ihr Engagement für den Podcast eingehend zu überdenken. Das ist insofern erstaunlich, als das Gespräch streckenweise langatmig und wenig aufregend ist. Aber viele Menschen haben offenbar das Bedürfnis, auch umstrittenen Personen wie Höcke einmal ungefiltert lauschen zu dürfen. Denn wenn AfD-Politiker einmal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeladen werden, können sie kaum einen zusammenhängenden Gedanken äußern, da sie spätestens nach dem dritten Satz unterbrochen werden.

Am Ende sind sie alle eitel

Was viele Journalisten alter Schule in den Leitmedien immer noch nicht begriffen haben: Die Zeit ihrer Deutungshoheit nähert sich langsam, aber sicher dem Ende. Was es früher nicht in die "Tagesschau" geschafft hatte, war nicht existent. Der Deutschlandfunk bestimmte, wer ein Experte für ein Thema war. Es waren klassische Gatekeeper. Heute können Nutzer auf die Einordnung von Süddeutscher, T-Online und Taz gut verzichten. Sie möchten sich ihr eigenes Bild von Sachverhalten oder Personen machen.

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Für Ben hat sich das Interview, das durchaus ein Wagnis war, in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Zum einen hat er damit eine sechsstellige Summe verdient und seine Reichweite weiter gesteigert, sodass er jetzt einer der erfolgreichsten deutschen Podcaster ist. Zum anderen ist er im Mainstream angekommen. Vor der Folge gab es so gut wie keine Artikel über ihn. Nun gibt es Porträts im Spiegel, in der FAZ und im Stern.

Einspruch von der Landesmedienanstalt

Allerdings bekam nun die "ungeskriptet media GmbH" auch Post von der Landesmedienanstalt NRW. Diese verlangt von Berndt, die Folge mit Höcke zu bearbeiten, da sie eine falsche Tatsachenbehauptung enthält. So hatte Höcke im Podcast behauptet, die SA habe kein Motto gehabt. Dies sei eine "Tatsachenbehauptung, die dem Beweis zugänglich ist", argumentiert die vom Rundfunkbeitrag finanzierte Behörde. Hintergrund ist Höckes Verurteilung für das SA-Motto "Alles für Deutschland".

Gleichzeitig verlangt die Landesmedienanstalt von Berndt, alle seine bisherigen 300 Folgen auf die journalistische Sorgfaltspflicht zu prüfen. "Wer Themen auswählt, Gespräche führt, Rückfragen stellt, Inhalte aufbereitet und präsentiert, gestaltet ein Angebot journalistisch-redaktionell - unabhängig davon, ob eine große Redaktion dahintersteht oder nicht", begründete die Justiziarin Laura Braam von der Landesmedienanstalt das Vorgehen gegenüber dem Nachrichtenportal t-online. Tatsächlich sind die 14 Landesmedienanstalten, bisher für privaten Rundfunk zuständig, nun mit der Aufsicht über Internetangebote beauftragt.

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Wie weit diese Befugnisse reichen, wird nun juristisch zu klären sein. Denn Berndt will der Aufforderung der Landesmedienanstalt nicht nachkommen. "Da habt ihr euch den Falschen ausgesucht", kommentiert er das Schreiben. Er hat den Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel beauftragt, sich zu verteidigen. Steinhöfel hat in ähnlichen Prozessen bisher äußerst erfolgreich agiert. Er hat der Landesmedienanstalt u.a. geantwortet: "Sie maßen sich eine Prüfungs-, Bewertungs- und Korrekturkompetenz für politische Interviews an, die Ihnen von Verfassungswegen nicht zusteht… Eine Behörde, die einem Presseanbieter mitteilt, welche Aussagen eines politischen Gesprächspartners er zu kommentieren, richtigzustellen oder mit Hinweisen zu versehen hat, nimmt die Funktion einer Zensurbehörde wahr."

Trotzdem oder gerade deshalb: Gäste, die seine Einladungen, in den Podcast zu kommen, bisher ausgeschlagen haben, geben sich nun die Klinke in die Hand. Auch Linke. Denn am Ende sind sie alle eitel und wollen von der enormen Popularität des Formats profitieren.

Und für Politiker sind Podcasts mittlerweile Pflichtformate. Ein Trend, der in den USA schon länger zu beobachten ist. Joe Rogan ist dort und weltweit die Nummer eins. Aber auch Tucker Carlson und Alex Cooper spielen wichtige Rollen, möglicherweise sogar wahlentscheidende. Drei Stunden lang präsentierte sich Donald Trump im Wahlkampf bei Rogan. "Sehr freundlich, wenig kontrovers und lohnenswert für Gast und Gastgeber", wie die "Tagesschau" kommentierte. 46 Millionen Abrufe verzeichnete die Folge nur auf YouTube. Kamala Harris schlug eine Einladung von Rogan dagegen aus. Möglicherweise ein Mosaikstein für ihre krachende Niederlage.

Meinungsbildung nach § 26 des Medienstaatsvertrags

Auch in Deutschland suchen Politiker mittlerweile abseits des alten, analogen Fernsehens die große Bühne bei Podcastern wie Anne Will oder Paul Ronzheimer. Olaf Scholz checkte als Bundeskanzler allein dreimal im "Hotel Matze" ein. "Sehr freundlich und wenig kontrovers" waren auch diese Gespräche. Der eher links-grüne Gastgeber Mathias Hielscher lädt nun auch Konservative wie Mathias Döpfner und Ulf Poschardt ein. Ben Berndt ist noch konsequenter und gibt Stimmen des einen Spektrums wie Jan van Aken, Riccarda Lang oder dem Vater der wegen Gewalt verurteilten linksextremen Person Maya T. eine Bühne, genauso wie dort Frauke Petry, Harald Martenstein und Joachim Steinhöfel zu hören sind.

Ben Berndt hat mit "Ungeskriptet" gerade die Zahl seiner Abonnenten auf über eine Million gesteigert - allein auf der Plattform YouTube. Zum Vergleich: Der RBB hat dort 370.000, das ZDF 138.000 und der MDR 366.000 Abonnenten. Dabei haben einige Sender wie FUNK sehr viel Geld der Gebührenzahler in die Hand genommen, um erfolgreiche YouTuber für ihre öffentlich-rechtlichen Formate einzukaufen. Meistens hat das aber nicht funktioniert, selten folgen die Fans ihren Idolen auf die öffentlich-rechtliche Plattform. Oder aber die YouTuber geben ob der inhaltlichen und organisatorischen Eingriffe durch die Sender entnervt auf. Jüngstes Beispiel ist Alexander Prinz alias "Der dunkle Parabelritter", der nach zwei Jahren die Zusammenarbeit mit FUNK beendete. Grundsätzlich stellt sich die Frage, warum inhaltlich flache Unterhaltung wie der Podcast "Brave Mädchen" mit sehr viel Gebührengeld unterstützt werden muss.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie ein einzelner unabhängiger Content-Creator wie Ben Berndt eine größere Reichweite aufbauen konnte als drei öffentlich-rechtliche Sender zusammen. Das dürfte auch etwas mit sinkendem Vertrauen zu tun haben. Und das soll den Verantwortlichen in den Sendern, aber auch den Medienpolitikern in den Ländern zu denken geben. Ihr Handeln ist dringend gefordert, wollen sie den Absturz des öffentlich-rechtlichen Systems in die Bedeutungslosigkeit verhindern.


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