Warum wir bei Sexualdelikten auch über die Herkunft der Täter sprechen müssen

Der SPIEGEL-Leitartikel von Lucia Heisterkamp
Redakteurin im Ressort Crossmedia beim SPIEGEL

21.04.2026, 12.07 Uhr

Wer Frauen besser vor Gewalt schützen will, muss sich auch damit befassen, wie die Tatverdächtigen sozialisiert wurden.

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Am Montag hat das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vorgestellt. Wie schon in den vergangenen Jahren ist der Anteil ausländischer Tatverdächtiger überproportional hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ausländer als Tatverdächtiger erfasst wird, ist 2,6 Mal so hoch wie bei einem Deutschen. Ausländerrechtliche Verstöße sind bei diesen Zahlen bereits herausgerechnet.

Einige Nationalitäten, darunter etwa Syrien und die Türkei, stechen in der PKS bei der Gewaltkriminalität hervor. Ähnliches - und hier wird es relevant, wenn es darum geht, Frauen vor Gewalt zu schützen - lässt sich bei Sexualstraftaten beobachten. Während die registrierte Gesamtkriminalität im vergangenen Jahr um gut fünf Prozent sank, gab es einen Anstieg von fast 9 Prozent bei den erfassten schweren Sexualstraftaten. Der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger bei Vergewaltigungen lag bei 38 Prozent. Das Dunkelfeld ist bei solchen Taten besonders groß, was die Aussagekraft der Statistik einschränkt. Eine aktuelle Studie zu Femiziden in Deutschland mit Daten aus 2017 ergab jedoch ebenfalls, dass rund ein Drittel der Täter und Opfer Ausländer waren.

Ähnlich schlecht lief es mit der Stadtbilddebatte

Insofern lag Bundeskanzler Friedrich Merz richtig, als er kürzlich in einer Bundestagsdebatte zum Thema Gewalt an Frauen darauf hinwies, dass "ein beachtlicher Teil" davon "aus den Gruppen der Zuwanderer kommt". Hat er damit eine wichtige Debatte angeregt? Leider nein. Denn so wie der Kanzler das Thema hochzog, wirkte es fehl am Platz. Viele in Deutschland diskutierten zu diesem Zeitpunkt über digitale Gewalt, weil Schauspielerin Collien Fernandes ihrem deutschen Ex-Ehemann vorgeworfen hatte, er habe sie "virtuell vergewaltigt". Und der deutsche Kanzler zeigte mit dem Finger auf Migranten.

Ähnlich schlecht lief es mit der Stadtbilddebatte. "Fragen Sie mal Ihre Töchter", empfahl der Kanzler, der wieder einmal Differenzierung beim Thema Migration vermissen ließ. Sogleich bildete sich ein Kollektiv "Töchter gegen Merz", das Protestaktionen organisierte. Welche junge Frau will sich schon von der CDU vor den Karren spannen lassen, um Stimmung gegen Menschen mit Migrationsgeschichte zu machen?

Dabei liegt hier ein wichtiges Thema, wenn es um den Schutz von Frauen geht. Die Kriminalstatistiken zeigen seit Jahren eine Überrepräsentanz von Ausländern. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Eine Rolle spielt, dass junge Männer einen hohen Anteil der Zugewanderten ausmachen. Diese sind - auch wenn sie einen deutschen Pass besitzen - häufiger straffällig als andere Bevölkerungsgruppen. Als weitere Risikofaktoren gelten soziale Ursachen: Viele Migranten, die nach Deutschland kommen, sind arm und ungebildet und haben oftmals selbst Gewalt erlebt. Bei manchen Delikten werden Verdächtige mit Migrationshintergrund offenbar eher angezeigt. All das erklärt einen erheblichen Teil der Überrepräsentanz von Ausländern bei Straftaten - jedoch nicht alles.

Länder ohne Rechtsstaat

Weil sich viele jenseits des rechten Spektrums - unabhängig von den Anwandlungen des Kanzlers - schwer mit dem Thema tun, fehlt dort häufig ein Faktor in der Aufzählung: die Sozialisierung im Herkunftsland. "Gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen", wie Soziologen es nennen, sind für Frauen weltweit eine Gefahr. Wer in Ländern ohne Rechtsstaat wie Afghanistan oder Syrien aufwuchs, in denen Frauen kaum Rechte haben und Gewalt zum Alltag gehört, der kann anfälliger dafür sein, nach deutschem Recht Straftaten zu begehen. Realistisch gesehen legt keiner an der Grenze einfach seine Werte ab.

Viele der jungen Männer, die etwa als Geflüchtete nach Deutschland kommen, sind in fundamentalistischen Regimen aufgewachsen. Ihnen wurde ein patriarchales, oft antisemitisches und frauenverachtendes Wertesystem vermittelt. Das heißt nicht, dass alle Syrer oder Afghanen, die hierherkommen, ein solches Mindset besitzen oder gewaltbereit wären. Viele fliehen ja gerade vor der Gewalt in ihrer Heimat. Die Mehrzahl der Migranten in Deutschland begeht keine Straftaten und ist gut integriert. Doch gerade deshalb ist es wichtig, die Kriminalstatistiken ehrlich zu betrachten. Ansonsten überlässt man die Deutungshoheit der AfD.

Viele im linken Spektrum tun sich mit dem Thema schwer

Zurzeit sind es Rechtspopulisten, die die Debatte befeuern. Aus der Überrepräsentanz nicht deutscher Tatverdächtiger in der Statistik leiten sie eine Art Kollektivschuld ab - und tun so, als seien alle Ausländer gefährlich. Das ist rassistisch und falsch. Ebenso fehlgeleitet ist es, Kriminalität auf das Thema Migration zu reduzieren - die Mehrheit der Straftaten wird von deutschen Staatsbürgern begangen.

Aber aus Angst, Rechtsextremen Argumente für ihr Weltbild zu liefern, tun sich viele im linken Spektrum schwer damit, Herkunft als einen Faktor anzuerkennen. Doch nur, wer ein Problem benennt, kann darauf Antworten finden. Die Rezepte der Rechtspopulisten gegen Ausländerkriminalität sind bekannt: Abschottung, Abschiebung, Abschreckung. Was fehlt, sind Ansätze, die Zuwanderung nicht per se infrage zu stellen und dennoch anzuerkennen, dass es kulturspezifische Prägungen gibt. Und zwar nicht nur positive.


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