17.07.2026, 12:56 Uhr 3 Min
© Uncredited
Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau hat sich kürzlich einen überaus ambitionierten Nebenjob zugelegt: Sie ist nun auch als staatlich bestellte Kabarettkritikerin tätig. Uwe Steimle lässt auf der Bühne ein paar herrlich unverschämte, schwarzhumorige Pointen über Angela Merkel und Friedrich Merz vom Stapel - darunter den Evergreen "Wenn alle Stränge reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand" sowie den kleinen Sehnsuchtsruf "Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?". Und prompt wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet - wegen "Störung des öffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten".
Das Feine daran: Nicht die Betroffenen selbst waren so zartbesaitet, nach staatlich vollzogener Genugtuung zu schreien. Merkel und Merz haben offenbar noch genug Humor übrig. Stattdessen waren es - wieder einmal - besonders engagierte Privat-Denunzianten, die sich bemüßigt fühlten, den Staatsanwalt als ihren persönlichen Beschützer anzurufen. Respekt, Leute - so viel Zivilcourage in Zeiten von Netflix und Lieferando hätte man euch gar nicht zugetraut.
Und wo wir schon bei lustigen Vergleichen sind: Ich habe nie in der DDR gelebt, aber so stelle ich es mir ehrlich gesagt vor. Ein Kabarettist, der ein bisschen zu frech über Honecker oder die Planwirtschaft lästerte, bekam plötzlich Besuch von der Stasi, landete in Hohenschönhausen oder durfte erst mal ein paar Jahre zur Bewährung' in den Knast. Damals hieß es noch staatsfeindliche Hetze'. Heute heißt es Störung des öffentlichen Friedens' und Androhung von Straftaten'. Der Unterschied? Die Akten sind jetzt digital. Immerhin.
In der deutschen Rechtsprechung der letzten Jahre ist diese Entwicklung leider keine Ausnahme mehr. Wird Robert Habeck irgendwo als 'Schwachkopf' bezeichnet, wird sofort der wuchtige Anti-Beleidigungsapparat ein - inklusive Hausdurchsuchung bei Gefahr-Rentnern. Friedrich Merz kriegt 'Lackaffe' oder 'Lügenfritz' an den Kopf geworfen und schon hagelt es Strafbefehle und Geldstrafen nach § 188 StGB.
Ich finde ja, man sollte sich wenigstens so ehrlich machen und viel strenger werden. Dann wird 'Habeck hat mal wieder die Heizung auf 17 Grad runtergedreht' als Sabotage der Energiewende gewertet und führt zur Hausdurchsuchung. 'Merz sieht aus wie ein genervter Investmentbanker, dem der Bonus gekürzt wurde' gilt als schwere Beleidigung mit anschließender Razzia. Das NGO-System als 'Selbstbedienungsladen für grüne Moralapostel' zu bezeichnen wird zur Störung des öffentlichen Friedens. Und wer 'Die Grünen wollen uns alle auf dem Lastenrad sehen, während sie selbst im Dienst-SUV zum Bio-Laden düsen' twittert, landet am besten direkt wegen Volksverhetzung vor dem Richter.
Aber Spaß beiseite. Liebe Staatsanwaltschaft, liebe selbsternannten Hüter des vermeintlich guten Geschmacks: Satire, die niemanden ärgert, ist keine Satire - das ist nur lauwarme Hintergrundberieselung fürs Wartezimmer. Ihr einziger Job ist es, wehzutun, zu provozieren und heilige Kühe zu schlachten. Genau das macht Uwe Steimle.
23.07.2026, 06:51 Uhr 3 Min
© Norman Rembarz
Neue Runde im Streit um den sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle. Jetzt hat auch die Ostsee-Zeitung das Thema entdeckt und eine Anfrage an den Satiriker geschickt. Konkret geht es um einen kommenden Auftritt: Die Empörung über Steimle bei den Aktivisten der Initiative "Rügen für alle" ist groß, sie wollen einen geplanten Auftritt des Kabarettisten auf Hiddensee verhindern.
Steimle stellte uns die Fragen der OZ im Rahmen unserer Berichterstattung zur Verfügung - und seine Antworten gleich mit. Aus Transparenzgründen veröffentlichen wir sowohl die OZ-Anfrage als auch die Antwort des Kabarettisten ungekürzt im Wortlaut.
"Sehr geehrter Herr Steimle, wie Sie vielleicht mitbekommen haben, formiert sich gegen Ihren Auftritt auf Hiddensee Widerstand.
Es wird eine Absage gefordert. Der Grund sind Ihre Äußerungen über Angela Merkel und Friedrich Merz.
Zu dem Thema habe ich Fragen:
Ich bräuchte eine Antwort bis zum Freitag (24. Juli) um 11 Uhr. Bei Rückfragen erreichen Sie mich via Mail oder unter 017X XXX XXXX
Viele Grüße,
XXXXX XXXXX"
"Sehr geehrter Herr XXXXX,
wie Sie vielleicht mitbekommen haben, formiert sich gegen den Umgang der deutschen Medien mit einem Kabarettisten (ich) Widerstand (nicht nur auf Hiddensee).
Es wird ein Mindestmaß an historischem Wissen und ein Minimum an Humor gefordert. Anlass sind Berichte über drohende Auftrittsverbote sowie die Wahrheit verzerrende Artikel über Kabarettisten wie Uwe Steimle (ich), Monika Gruber oder Dieter Nuhr.
Zu dem Thema habe ich Fragen:
Ihnen/ der Ostsee-Zeitung wird Nähe zur SPD vorgeworfen, wie sehen Sie das? (Hintergrund: Die Ostsee-Zeitung ist Teil der Madsack Mediengruppe. Über eine Holding, die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft, hält die SPD eine indirekte Beteiligung von etwa 23 Prozent an dem Verlagshaus. Durch diese Struktur ist die SPD der größte Gesellschafter von Madsack - siehe Grafik).
© ddvg/ OAZ
Ich bräuchte eigentlich keine Antwort. Sicherlich wird es aber die Menschen sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch im Rest des Landes interessieren, was Sie zu meinen Fragen zu sagen haben.
Viele Grüße,
Uwe Steimle"