Analyse von Ulrich Reitz Ausgerechnet Robert Habeck legt eine astreine Analyse zu Trump und Grönland hin

Ulrich Reitz

Dienstag, 13.01.2026, 08:08

Der "Senior Analyst" am Dänischen Institut für Internationale Studien spricht wirklich gut Deutsch. Der Mann mit dem leicht dänischen Akzent ist ein Experte für die sicherheitspolitischen Folgen des globalen Klimawandels. Und als solcher hat Robert Habeck ein klares Bild davon, was Donald Trump gerade in Grönland vorhat.

Trumps Grönland-Ambitionen sollten wir besser ernst nehmen. Denn selbst haben die Europäer in der Arktis wenig zu bieten - sagt Robert Habeck. Er ist jetzt Analytiker.

Sein Bundestagsmandat hat Habeck zurückgegeben, nach der verlorenen Bundestagswahl. Es war ein doppelter Verlust für die Grünen, aber ein dreifacher Verlust für Habeck. Die Grünen verloren nicht nur ihr Regierungsmandat und mussten in die Opposition. Sie verloren auch ihren einstigen Vormann - hört man Habeck (und seinen Nachfolgerinnen) heute zu, erkennt man schnell, welche intellektuelle Lücke er den Grünen hinterlassen hat.

Robert Habeck: Vom Vizekanzler zum Grönland-Experten

Habeck selbst hat obendrein auch noch seinen Wahlkreis verloren. Den hatte er davor direkt gewonnen, was heißt: Eine Mehrheit der Bevölkerung hatte sich für ihn als Bundestagskandidaten ausgesprochen. Und dann entzog das Volk seinem Tribun das Vertrauen. Habeck hatte Grund, seine Zelte abzubrechen - ähnlich wie sein Widersacher im Kabinett Scholz, Christian Lindner. Während der Liberale eine neue Karriere in der Wirtschaft gestartet hat, fängt der Ex-Vizekanzler Deutschlands im internationalen Wissenschaftsbetrieb neu an.

Grönland, das ist keine Marotte von Trump. Es ist nicht die übergriffige Idee eines verrückten US-Präsidenten. Grönland, das haben die Amerikaner "seit 150 Jahren immer wieder versucht". Diese Feststellung ist schon einmal die erste unbequeme Nachricht von Habeck für alle linken Trump-Verachter.

Geostrategie in der Arktis: Warum Trump kein "Verrückter" ist

Habeck erinnerte - am Montagmorgen im Deutschlandfunk - seine deutschen Zuhörer daran, dass die amerikanische militärische Präsenz in Grönland etwas mit Adolf Hitler zu tun hat - denn im Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner Grönland besetzt, nachdem Hitlers Schergen Dänemark besetzt hatten. Dass die Amerikaner dort landeten, hatten sie dem damaligen dänischen Botschafter in Washington zu verdanken - der sich kurzerhand nach der Besetzung durch die Nazis zum eigentlichen Regierungschef erklärte.

Die Amis setzten sich auf der größten Insel der Welt fest. Die sollte nicht in Nazi-Hände fallen - ein Blick auf die Weltkarte zeigt, wie groß die Gefahr für die Amerikaner selbst tatsächlich gewesen wäre. Die Bedeutung Grönlands für die Amerikaner ist keine Erfindung von Trump. Was damals die deutschen Nazis waren, sind heute Russen und Chinesen, die um die Macht in der Arktis ringen - und das führt zu einem Problem, und zwar für die Europäer, denn: Russen und Chinesen ringen um die Arktis mit den Amerikanern. Die Europäer spielen gar keine Rolle - völlig egal, wem Grönland gehört.

Das Versagen der EU: Arktis-Politik ohne europäische Rolle

Die "europäische Arktis gibt es als definierten Raum nicht", sagt Habeck und spricht klar aus, was die Europäer hinter lauter diplomatischen Schwurbel-Formeln verstecken: ihr weitgehendes geostrategisches Versagen. Trump hat die herausragende Bedeutung Grönlands für die Sicherheit - auch Europas - erkannt. Die Europäer hatten gar nichts erkannt - darauf läuft Habecks Analyse hinaus. "Es ist richtig, muss man leider sagen, wie Trump sagt, dass diese Region ein neues Konfliktfeld werden kann", so Habeck. Deshalb sei es gut, wenn nun der deutsche Außenminister, Johann Wadephul, und die Europäer sähen, dass dies "nicht irgendeine Trump-Idee ist, wie goldene Plaketten irgendwo hinzuhängen".

Der Sicherheitsanalytiker geht in seiner ungeschminkten Bestandsaufnahme aber noch einen entscheidenden Schritt weiter - und fragt: Wer sind - in Bezug auf Grönland - die Europäer überhaupt? Überall heißt es, die Europäer stünden bei Grönland gegen die Amerikaner. Schon wird darüber geraunt, die Europäische Union könnte - im Fall eines militärischen Eingreifens von Trump auf Grönland - den europäischen Beistandsartikel 42, Absatz 7 mobilisieren - Europäer gegen Amis. Dabei: "Grönland ist nicht Teil der Europäischen Union." Das ist eine simple Tatsache; nach dem "Grönexit" ist der europäische Status Grönlands nur noch zollrechtlich definiert als "assoziiertes überseeisches Land".

Unabhängigkeit von Dänemark: Trumps Angebot an die Grönländer

Geopolitischer Zündstoff: Grönland ist weit mehr als nur ewiges Eis.
picture alliance/dpa | Steffen Trumpf

Wie sollte die Europäische Union den Nato-Artikel 5 vergleichbaren Artikel aus dem EU-Vertrag gegen die Amerikaner ausrufen, wenn Grönland noch nicht einmal EU-Mitglied ist? Es ist nur Wortgeklingel, wie so oft, wenn sich Brüssel oder einzelne Europäer bedeutungsschwanger "dicke tun". Norwegen und Großbritannien, die beiden wichtigen Verteidiger dänischer Territorialinteressen auf Grönland, sind ebenfalls keine EU-Mitglieder. Habeck weiter: "Und dann besteht die EU aus Ländern, die wenig Interesse an der Arktis haben" - Spanien, Frankreich etc. Man müsse doch erst einmal klären, "wer hier solidarisch mit Dänemark ist".

Folgt man der richtigen Analyse von Habeck, dann fällt das gorillahafte Brustgetrommel der Europäer in sich zusammen wie ein erkaltetes Soufflé. Zumal auch Grönland selbst völkerrechtlich nicht mehr vollständig zu Dänemark gehört. Politisch gilt das ohnehin, denn die Grönländer haben moralpolitisch noch eine Riesenrechnung offen mit den Dänen.

100.000 Euro Kopfprämie? Der finanzielle Poker um die Insel

Rechtlich ist es so: Grönland hat einen Autonomiestatus, der sehr weit reicht. Die Dänen sind im Grunde nur noch in der Außenpolitik den Grönländern "vorgesetzt". Den Rest bestimmen die Grönländer selbst. Was das zur Folge haben kann, ließ sich bei der Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft verfolgen: Die Dänen waren mit Mehrheit dafür, also wurde Dänemark Mitglied der Europäischen Union. Die Grönländer aber durften ihre eigene Volksabstimmung machen und entschieden sich mit großer Mehrheit dagegen. Also wurde 1985 der Austritt der Grönländer aus der EU offiziell per Vertrag besiegelt. Die Dänen sind drin, die Grönländer sind draußen.

Die Grönländer dürfen selbst bestimmen, ob sie - völkerrechtlich - zu Dänemark gehören wollen - oder eben nicht. Und genau auf diesen Umstand zielt jetzt Trump. Damit rechnet nicht nur Habeck, darüber laufen auch die Intensivverhandlungen der Amerikaner mit den Dänen.

Schon an diesem Mittwoch wird US-Außenminister Rubio in Dänemark erwartet. Habeck rechnet mit einem finanziellen Angebot der USA an Grönland: Die Insel könnte Mitglied in der amerikanischen Freihandelszone Nafta werden, ergo zollfrei mit den USA, Kanada und Mexiko Handel betreiben können. Die USA könnten ihre Armee für Grönländer öffnen - was der einheimischen Bevölkerung lukrative Karrierechancen eröffnen würde. Die Amerikaner könnten Investitionen in die Infrastruktur anbieten - in Grönland gibt es zwischen den dünn besiedelten Städten und Regionen keine Straßen, auch keine Bahn. Sie könnten den Grönländern auch, im Fall einer Entscheidung für die USA in einer Volksabstimmung, eine "Kopfprämie" avisieren - etwa von 100.000 Euro.

Kolonialgeschichte Dänemarks: Das dunkle Erbe belastet die Beziehung

Denn tatsächlich ist Grönland aus sich selbst heraus nicht überlebensfähig und daher existenziell abhängig von dänischen Finanzzuweisungen. Da ist die Rede von 600.000 Dänenkronen (Dänemark ist nicht Mitglied im Euro) jährlich - umgerechnet 80 Millionen Euro. Für die USA wären das "Peanuts". Hat Dänemark eine Art moralischen Anspruch auf Grönland? Das ist eine Wertungsfrage. Tatsächlich gibt es zwischen Dänemark und Grönland eine die beiderseitigen Beziehungen belastende, üble Kolonialgeschichte.

Zwischen 1966 und 1991, ein Vierteljahrhundert lang, fuhren dänische Behörden ein brutales, menschenrechtswidriges Programm zur Reduzierung der Geburtenrate in Grönland. Während dieses Vierteljahrhunderts wurde jeder zweiten grönländischen Frau, auch Mädchen, ohne deren Wissen eine Schwangerschaftsverhütungsspirale eingesetzt.

Für dieses große Unrecht und dieses Leid, das unter dänischer Regierungsverantwortung grönländischen Frauen angetan wurde, entschuldigte sich inzwischen die sozialdemokratische dänische Regierungschefin Mette Frederiksen. Im August 2025 - sechs Jahre, nachdem Trump zum ersten Mal Anspruch auf Grönland erhoben hatte - sagte sie: "Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen. Deshalb möchte ich im Namen Dänemarks sagen: Es tut mir leid."

Weltpolitische Neuordnung: Putin, Trump und der Deal ohne Europa

In einer Pressemitteilung der dänischen Staatskanzlei hieß es: "Wir sind uns bewusst, dass der Spiralfall bei vielen Grönländern und vielen Familien in Grönland sowohl Wut als auch Trauer auslöst. Und er hat natürlich Auswirkungen auf die Wahrnehmung Dänemarks und des dänischen Königreichs."

Polit-taktisch ist es jetzt so: Die Arktis wird strategisch wichtig. Die Europäer hätten längst ein Konzept dafür haben können. Sie haben aber keins.

Grönland ist weitgehend autonom - und die Europäer brauchen die Amerikaner als Risikolebensversicherung heute mindestens ebenso dringend wie in den Jahren zuvor. Amerikanische Geheimdienste verhindern den Großteil der Terroranschläge in Europa, und amerikanische Atomwaffen schützen den alten Kontinent vor den Russen. Alles verbale Säbelrasseln und alle Empörungsrhetorik ("Imperialismus Trumps") ist nur der ohnmächtige Versuch, von dieser Tatsache abzulenken.

Sogar Putin ist wohlinformiert über US-Ansprüche auf Grönland

Was auch Wladimir Putin weiß. In einem Vortrag vor russischen Eliten zeigte sich Russlands Präsident wohlinformiert über die amerikanischen Ansprüche auf Grönland - en detail sogar besser als Dänen-Analytiker Habeck.

Die Amerikaner wollten Dänemark "in den frühen 1860er Jahren annektieren, aber diese Idee fand zu dieser Zeit nicht die Rückendeckung im Kongress". Den nächsten Versuch habe es dann 1910 gegeben, referierte Putin - auf der Basis lange geheim gehaltener amerikanischer Akten. Ein Gebietsaustausch zwischen den Vereinigten Staaten, Deutschland und Dänemark - es kam nicht dazu. Jedenfalls, so Putin, sicher mit Blick auf die eigene Erzählung über die Ukraine: Die Pläne der US-Regierung hätten "tief historische Wurzeln".

Zuletzt berichtete die "Washington Post", Putin habe Trump einen "Deal" angeboten: für die Amerikaner Venezuela, für die Russen die Ukraine. Putins Ausführungen über Grönland legen nahe, dass auch Grönland Teil eines geostrategischen Plans zur Aufteilung der weltweiten Einflusszonen der Großmächte sein könnte. Was auch immer gerade passiert: Es passiert ohne Europäer.


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