US-Diplomat über Nato-Osterweiterung: "Russland musste nun schon dreimal Scheiße von uns fressen"

Von Klaus Wiegrefe

02.05.2026, 15.28 Uhr
aus DER SPIEGEL 19/2026

Strobe Talbott, Freund von Bill Clinton, setzte als US-Staatssekretär einst die Nato-Osterweiterung durch. Ein deutscher Historiker konnte sein Tagebuch auswerten. Es zeigt deutlich, wie Washington auf Russland blickte.

Diplomat Talbott, Ministerpräsident Putin in Moskau 1999: Vorbild Amerika
Foto: ITAR-TASS / IMAGO

Am 24. März 1995 notierte Strobe Talbott, damals stellvertretender US-Außenminister, wie er auf das krisengeschüttelte Russland blickte: von ganz oben herab. Vier Jahre zuvor war die Sowjetunion untergegangen, der Kalte Krieg hatte ein Ende gefunden. Talbott schrieb in sein digitales Tagebuch: "Fakt ist, wir und die Sowjetunion sind uns nie auf Augenhöhe begegnet, und wir werden das mit Russland genauso wenig machen. Entweder Russland richtet sich nach uns oder eben nicht. Und dann wird es genauso untergehen wie die UdSSR."

Talbott, geboren 1946, ist der wohl berühmteste Russlandspezialist seiner Generation: preisgekrönter Journalist ("Time") und Bestsellerautor ("Raketenschach"), später Diplomat und langjähriger Präsident der Denkfabrik Brookings Institution in Washington, D.C., gesuchter Interviewpartner, auch des SPIEGEL. Ein groß gewachsener, sportlicher Mann mit hoher Stirn und Brille, aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen in Ohio, ehrgeizig und durchsetzungsstark.

Freunde Clinton, Talbott in South Carolina 1993: Historische Gelegenheit nutzen Foto: James Finley / AP / (Bildausschnitt)

Schon als Student im englischen Oxford wurde Talbott international bekannt. Er übersetzte im Auftrag von "Time" die Memoiren des einstigen Kremlchefs Nikita Chruschtschow, die ein Mittelsmann aus der Sowjetunion geschmuggelt hatte. Talbotts Mitbewohner in Oxford war Bill Clinton, gleicher Jahrgang und ab 1993 Präsident der USA. Die beiden Männer sind bis heute befreundet. Clinton ernannte Talbott zum Sonderberater in Sachen Russland und dann zum stellvertretenden Außenminister, was er bis zum Ende der Präsidentschaft 2001 blieb.

Ein erstrangiger Zeitzeuge für das Auf und Ab der Clinton-Jahre also und für das Verhältnis der USA zu Russland: zunächst die Hoffnung auf eine Demokratisierung Russlands, dann die Abkühlung des Verhältnisses noch unter Präsident Boris Jelzin, schließlich der Übergang zum heutigen Autokraten Wladimir Putin. Beinahe täglich tippte Talbott in den Rechner, was er gedacht, gesagt oder gehört hatte. Knapp 5000 Seiten für die zehn Jahre ab 1991.

Journalist Talbott um 1985: Wohl berühmtester Russlandspezialist seiner Generation
Foto: Courtesy Strobe Talbott

Der Mannheimer Historiker Stephan Kieninger hat diese Aufzeichnungen und zahlreiche andere unbekannte Dokumente für eine Studie über Talbotts Rolle unter Clinton ausgewertet, die in den USA erschienen ist. Kieninger hat lange dort geforscht, ein gemeinsamer Bekannter hat ihn mit Talbott zusammengebracht, der fasste offenkundig Vertrauen zu dem Deutschen.

Das Material ist erstaunlich. Einiges hatte Talbott selbst vor Jahren in den USA veröffentlicht, doch vieles ist neu. Die Papiere bezeugen das überbordende Macht- und Sendungsbewusstsein, mit dem US-Repräsentanten den Russen begegneten - nicht durchgehend, aber immer wieder. Und damit sogar prowestliche Reformer in Moskau gegen sich aufbrachten.

Kritik an der Breitbeinigkeit der US-Außenpolitik

Talbott war erst wenige Monate im Amt, da fuhr ihn Moskaus Außenminister Andrej Kosyrew an: "Es ist schon schlimm genug, dass ihr uns sagt, was ihr tun werdet, egal ob wir es mögen oder nicht. Aber setzt dem bitte nicht noch die Krone auf und erzählt uns, es sei in unserem Interesse, euren Anordnungen zu folgen." Kosyrew galt damals als Liberaler und ist heute ein scharfer Putin-Kritiker; er lebt in den USA.

Die Russen standen mit der Kritik an der Breitbeinigkeit der US-Außenpolitik nicht allein. So schrieb etwa Deutschlands Nato-Botschafter Hermann von Richthofen am 22. November 1994 nach Bonn, die US-Vertreter würden nach der Devise "My way or no way" handeln. Ihr Weg oder keiner. Europäische Spitzenpolitiker wie Kanzler Helmut Kohl (CDU) mahnten immer wieder an, Russland nicht als zweitrangige Macht zu behandeln.

Präsidenten Jelzin, Clinton in Vancouver 1993: "Ich nehme Europa"
Foto: Larry Downing / Sygma / Getty Images

Talbott und Clinton glaubten, der verbliebenen Supermacht USA biete sich die historische Gelegenheit, "eine Weltordnung zu schaffen, die unsere Interessen fördert und unsere Ideale reflektiert", wie Talbott es formulierte. Es war bezeichnend für die Triumphstimmung in Washington, dass jemand wie er sich gegen Kritik der oppositionellen Republikaner verteidigen musste, er sei zu nachgiebig gegenüber Russland.

Dabei trieb Talbott zunehmend entschlossen die Nato-Osterweiterung voran, die Polen und andere osteuropäische Staaten eingefordert hatten. Den Russen gegenüber lautete die Sprachregelung, dieser Schritt sei nicht gegen sie gerichtet. In den Aufzeichnungen notierte Talbott, eigentlich müsste man den Russen sagen: "Wenn ihr euch benehmt und euch weiterhin in die Richtung entwickelt, die unseren Standards und Interessen entspricht, wird sich die Nato nicht gegen euch richten." Mehr war für Moskau nicht drin.

Wie diese Haltung mit den zeitweiligen Erwägungen Clintons zusammenpasst, auch Russland in die Nato aufzunehmen, die kürzlich bekannt wurden, bleibt unklar.

Talbott kommentierte jedenfalls Forderungen Jelzins, auf den Erweiterungsprozess Einfluss zu nehmen, kühl: "Wir haben Russland für nichts zu entschädigen oder ihm etwas zu bieten. Es handelt sich nicht um einen Gefallen, wenn es die Nato-Ausdehnung hinnimmt." Diese in Washington verbreitete Sicht blieb kein Geheimnis. Russische Außenpolitiker fanden entsprechend offizielle Erklärungen unglaubwürdig - etwa von Clintons Außenministerin Madeleine Albright -, wonach die USA und die Nato "Russland als Großmacht und nicht als besiegte Macht" betrachteten.

Zugeständnisse der Nato, insbesondere der Verzicht auf die Stationierung von Atomwaffen in den Beitrittsländern und die Begrenzung der ausländischen Truppen dort, änderten nichts an der russischen Ablehnung der Nato-Osterweiterung. Auch das lässt sich in Talbotts Notizen über seine Gespräche mit Kremlvertretern nachvollziehen. Als der Amerikaner einmal direkt mit Jelzin verhandelte, schimpfte dieser: "Ich mag es nicht, wenn die USA mit ihrer Überlegenheit protzen." Russlands Schwierigkeiten seien nur vorübergehend. Das Land verfüge über Atomwaffen und eine wirtschaftliche, kulturelle, geistige Kraft und habe daher einen Anspruch darauf, gleichberechtigt behandelt zu werden.

Am Ende fügte sich der russische Präsident den machtpolitischen Gegebenheiten und stimmte der Nato-Osterweiterung 1997 zu. Erzwungenermaßen, wie er zu Clinton sagte.

"Gib doch einfach Europa an Russland"

Kreml-Herrscher Jelzin in Moskau 1996: Streit um die Ukraine
Foto: dpa / picture alliance

Allerdings zeigen die Quellenfunde von Historiker Kieninger auch, dass es gute Gründe gab, der Entwicklung in Moskau zu misstrauen. Selbst prowestliche Reformer erklärten dort offen, Belarus, Kasachstan oder Usbekistan seien "nicht wirklich unabhängige Staaten".

Schon damals war die Ukraine, gegen die Russland heute Krieg führt, ein besonders strittiges Thema. In einem Schlagabtausch mit dem neu ins Amt gekommenen antiwestlichen russischen Außenminister Jewgenij Primakow erklärte Talbott: "Eine unserer roten Linien ist es, dass kein Land von einer Nato-Mitgliedschaft ausgeschlossen wird, und schon gar nicht durch ein Drittland." Das gelte auch für die Ukraine. Wenn Russland diese rote Linie nicht akzeptiere, werde man "in einer Sackgasse, wenn nicht sogar in einer Katastrophe enden".

Und dann die bedrohlichen Forderungen des alkoholabhängigen Präsidenten Jelzin, bei denen offen blieb, inwieweit sie ernst gemeint waren. 1999 etwa sagte er zu Clinton: "Gib doch einfach Europa an Russland ... Du kannst alle anderen Staaten haben und dich um deren Sicherheit kümmern. Ich nehme Europa und werde für dessen Sicherheit sorgen. Also nicht ich persönlich. Sondern Russland …" So steht es im offiziellen amerikanischen Gesprächsprotokoll (mehr dazu lesen Sie hier ).

Im Rückblick stellt sich die Frage, ob es nach dem Untergang der Sowjetunion jemals einen echten Konsens zwischen Moskau und dem Westen über eine europäische Sicherheitsordnung gegeben hat, wie die Charta von Paris 1990 suggerierte, die beide Seiten unterschrieben hatten.

Talbott kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, Putin früh mit Skepsis begegnet zu sein. Dieser fiel ihm erstmals 1996 negativ auf. Putin war damals stellvertretender Bürgermeister von Sankt Petersburg, und Clinton begann einen Russlandbesuch in der Stadt an der Newa. Der Amerikaner ärgerte sich, dass die Gastgeber ihn dort von der Bevölkerung isolierten. Talbott war dabei, als Clinton seinem Ärger intern Luft machte, und notierte die Worte des Präsidenten in seinen Aufzeichnungen: "Sie haben mich in einen verdammten Kokon gesperrt."

Dabei liebte Clinton das Bad in der Menge. Doch die Kolonne mit seiner Limousine hielt nicht, er konnte nicht aussteigen. Und das Dinner fand in einem Restaurant statt, welches Talbott Jahre später als "Verlies" bezeichnete - ein Raum ohne Fenster. Als am Tag darauf in Moskau Passanten dem vorbeifahrenden US-Präsidenten auch noch den Mittelfinger zeigten, glaubte Clinton, es sei eine Reaktion der Bevölkerung darauf, dass man ihn abschottete wie einst die Zaren. Talbott machte Putin für die Organisation verantwortlich.

Im Jahr 2000 bereitete Talbott den ersten (und letzten) Gipfel auf Präsidentenebene zwischen dem frisch gewählten Putin und Clinton vor. Talbott warnte den Freund im Weißen Haus: "Putin respektiert dich, aber er sieht in dir auch einen Gegner."

Putins notorisches Misstrauen gegenüber dem Westen führte er auf dessen Arbeit im Bereich Gegenspionage im sowjetischen Geheimdienst KGB zurück. Dort sei es üblich gewesen, immer vom Schlimmsten auszugehen, so Talbott, dann war man auf der sicheren Seite. Putin habe sich diese Weltsicht zu eigen gemacht.

Den Russen einiges zugemutet

Seit dem Großangriff Putins auf die Ukraine 2022 streiten Politiker, Historiker, Journalisten vehement über Versäumnisse des Westens. Eine offene Frage lautet, inwieweit die USA und ihre Verbündeten mit ihrer Politik die liberalen Kräfte in Russland geschwächt und dem dortigen Nationalismus Auftrieb gegeben haben. Haben sie womöglich selbst in Teilen zu jener Bedrohung beigetragen, der man sich heute gegenübersieht?

Historiker Kieninger bestreitet das. Er weist ausdrücklich Putins Behauptung zurück, der Westen habe die Schwäche Russlands in den Clinton-Jahren ausgenutzt.

Gedenken an Opfer des russischen Angriffs in Kyjiw: Debatte um Versäumnisse des Westens
Foto: Daniel Yovkov / Hans Lucas / AFP

Flaggenwechsel am Kreml kurz vor Auflösung der Sowjetunion 1991: Russland als besiegte Macht behandelt
Foto: epa / picture alliance / dpa

Strobe Talbott zumindest war sich bewusst, dass er und Clinton den Russen einiges zugemutet hatten. Am 24. April 2000 tippte er in sein Tagebuch: "Russland musste nun schon dreimal Scheiße von uns fressen, und das ganz ohne Zuckerguss."

Er meinte damit die Nato-Osterweiterung, zudem die Neuausrichtung des einstigen Verteidigungsbündnisses, das fortan auch außerhalb des Bündnisgebiets intervenierte, und schließlich den Kosovokrieg 1999. Die Nato hatte die Truppen des brutalen serbischen Machthabers Slobodan Milosevic - ein Verbündeter Russlands - bombardiert. Milosevic musste schließlich eine Uno-Verwaltung des Kosovo und die dortige Stationierung der internationalen Kfor-Truppe unter Führung der Nato akzeptieren.

Ursprünglich hatte Talbott gehofft, beides sei möglich, die Verfolgung amerikanischer Interessen und zugleich ein gutes Verhältnis zu Russland. Zum Ende der Clinton-Regierung scheint von dem Optimismus wenig geblieben zu sein. Einige Wochen vor seinem Ausscheiden 2001 sagte Talbott zu einem britischen Diplomaten, man habe zwar mit Moskau viel erreicht, doch "der Westen muss jetzt möglicherweise den Preis dafür zahlen, dass er in den letzten sieben Jahren Jelzins entschiedene "Neins" in widerstrebende "Okays" gedreht hat". Putin werde einen anderen Weg verfolgen.

Die Prognose erwies sich als zutreffend.


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