Ifo-Institut: Unternehmen wollen Personal abbauen Stellenabbau statt Fachkräftemangel: Was wirklich auf dem deutschen Arbeitsmarkt passiert

Von: Lennart Niklas Johansson Schwenck

Stand: 04.05.2026, 19:50 Uhr

In Deutschland werden immer mehr Stellen abgebaut, nicht aufgebaut. Der Fachkräftemangel ist auf dem Rückzug. Der deutsche Arbeitsmarkt erlebt 2026 eine Zäsur.

München - Jahrelang war es das beherrschende Thema in deutschen Personalabteilungen, und das Hauptargument für die Zuwanderung: Der Fachkräftemangel. Kein Personal zu finden, überall Engpässe, händeringendes Suchen nach qualifizierten Arbeitskräften. Doch die Zahlen, die das Münchner ifo Institut im Frühjahr 2026 vorlegt, widerlegen das alteingesessene Narrativ. Der viel beschworene Fachkräftemangel schrumpft - während gleichzeitig Stellen in einem Tempo gestrichen werden, das zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie zu beobachten war.

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Laut der Konjunkturumfrage des ifo Instituts beklagten zuletzt nur noch 22,7 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Im Oktober 2025 lag dieser Wert noch bei 25,8 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit fünf Jahren. Zum Vergleich: 2022 meldeten Betriebe über zwei Millionen offene Stellen. Heute ist die Zahl offener Stellen innerhalb eines Jahres um rund 19 Prozent auf etwa eine Million gefallen. ifo-Forscher Klaus Wohlrabe erklärt die Entwicklung so: "Eine Rolle spielt weiterhin die schwache konjunkturelle Entwicklung. Gleichzeitig verändert der technologische Wandel, vor allem die künstliche Intelligenz, zunehmend den Arbeitsmarkt." Faktisch sei kein flächendeckender Arbeitskräftemangel mehr vorhanden. Die Unternehmen prüfen heute sehr genau, welche Positionen und Qualifikationen tatsächlich gebraucht werden - und besetzen nicht mehr automatisch nach, wenn eine Stelle frei wird.

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Der Rückgang des Fachkräftemangels verläuft dabei nicht gleichmäßig. Besonders deutlich entspannte sich die Lage im Bereich Transport und Logistik. Der Anteil der betroffenen Unternehmen fiel laut ifo Institut von 42,7 auf 30,6 Prozent. In der Industrie berichten noch 16,6 Prozent der Betriebe von Engpässen. Im Automobilsektor und bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen liegt der Wert sogar knapp unter zehn Prozent. Im Maschinenbau sind es rund 19 Prozent. Im Handel hat sich die Lage ebenfalls etwas entspannt: Rund 18 Prozent der Unternehmen berichten von Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung - im Einzelhandel 21,6 Prozent, im Großhandel 16,2 Prozent. Dagegen bleibt das Bauhauptgewerbe mit 30,4 Prozent weiterhin stark betroffen. Spitzenreiter beim Fachkräftemangel sind Rechts- und Steuerberater (58,4 Prozent) sowie Leiharbeitsfirmen (56,6 Prozent) - Bereiche, in denen spezialisierte Qualifikationen kaum kurzfristig ersetzbar sind.

Während der Fachkräftemangel abnimmt, verschärft sich der Stellenabbau. Das ifo Beschäftigungsbarometer sank im April 2026 auf 91,3 Punkte - nach 93,4 Punkten im März. Das ist laut ifo Institut der niedrigste Wert seit Mai 2020, dem ersten Corona-Frühjahr. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen, benennt die Ursache klar: "Die geopolitische Unsicherheit greift auf die Personalplanungen der Unternehmen über. Es werden mehr Arbeitsplätze ab- als aufgebaut."

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Die Trendwende ist spürbar - auch im Bewerbungsalltag. Noch vor wenigen Jahren nahmen Unternehmen fast jeden, der halbwegs passte. Heute prüfen sie sehr genau, wer zur Wertschöpfung beiträgt.
(Archivbild) © Soeren Stache/dpa

Neben der allgemeinen Konjunkturschwäche wirken zwei weitere Kräfte auf den deutschen Arbeitsmarkt ein: geopolitische Verwerfungen und technologischer Wandel. ifo-Präsident Clemens Fuest: "Die Iran-Krise trifft die deutsche Wirtschaft hart." Stark gestiegene Treibstoffpreise belasten vor allem die Logistikbranche massiv und zwingen Unternehmen zu Anpassungen beim Personal. Gleichzeitig verändert die künstliche Intelligenz die Nachfrage nach Qualifikationen. Bestimmte Aufgaben, die früher Fachkräfte erforderten, lassen sich heute automatisieren. Das hat unmittelbare Auswirkungen darauf, welche Stellen neu besetzt werden - und welche nicht.

Trotz des Rückgangs beim gemessenen Fachkräftemangel warnt das ifo Institut vor voreiligen Schlüssen. Ifo-Forscher Wohlrabe betont: "Der Rückgang darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass strukturelle Herausforderungen bestehen bleiben. Die Alterung der Bevölkerung trifft auf einen tiefgreifenden technologischen Wandel - das wird die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen weiter verschieben." (ls mit Daten des ifo-Instituts)


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