Polizist packt über Abschiebungen aus: "Wer gewalttätig wird, wird belohnt"

Frank Schneider

04.06.2026 - 19:44 Uhr

Die EU hat sich darauf verständigt, Abschiebungen zu erleichtern. Doch in Deutschland laufen diese immer noch schleppend. Hier erzählt ein Polizist, was schiefläuft.

Ein Beamter führt einen ausreisepflichtigen Migranten zu seinem Abschiebeflug nach Pakistan - oft verlaufen diese Rückführungen alles andere als problemlos
Foto: Boris Roessler/dpa

Uwe Schmitz (*Name geändert) arbeitet seit über zwei Jahrzehnten bei der Bundespolizei. Früher war der Ende-40-Jährige im Flugzeug als sogenannter "Personenbegleiter Luft" dabei, wenn Illegale zurück in ihr Heimatland gebracht wurden. Mittlerweile ist er am Boden zuständig für größere Sammelabschiebungen durch die Bundespolizei.

Der erfahrene Beamte und mehrfache Familienvater erklärt in BILD, warum es immer noch so schwierig ist, illegale Migranten abzuschieben. Selbst dann, wenn die Gerichte entschieden haben, dass sie Deutschland verlassen müssen.

"So kann ein Rechtsstaat nicht funktionieren."

Erstaufnahmezentrum für Asylsuchende in Eisenhüttenstadt: "Es fehlt dann plötzlich ein Kind aus der Familie"
Foto: picture alliance/dpa

"Bei meiner Tätigkeit am Flughafen habe ich oft eine absurde Erfahrung gemacht: Wer bei der Abschiebung gewalttätig wird und sich wehrt, wird belohnt. Denn wer um sich schlägt, die Flugzeugbesatzung bedroht oder versucht, sich selbst zu verletzen, wird oft nicht mitgenommen. Der Pilot weigert sich dann, aus Sicherheitsgründen. Noch absurder ist, was in einem Brief der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen an die Bundespolizei am Flughafen Düsseldorf stand: Wenn sich der Betroffene weigert, in das Flugzeug zu steigen oder auf eine andere Art versucht, sich der Abschiebung zu widersetzen (aktiver/passiver Widerstand), kann dieser auf freien Fuß gesetzt werden und eigenständig zu der ihm zugewiesenen Unterkunft zurückreisen. Jemand, der so der Abschiebung entgeht, fährt natürlich nicht freiwillig in die Unterkunft zurück, sondern taucht unter. So kann ein Rechtsstaat nicht funktionieren."

Der Hauptkommissar kennt auch Fälle, in denen Kollegen massiv angegriffen wurden und die Ausländer so ihre Abschiebung verhinderten. "Kollegen hatten einen illegal Aufhältigen aus der Elfenbeinküste, sollten ihn am Flughafen Düsseldorf in den Flieger begleiten. Auf dem Rollfeld flippte er plötzlich aus, verletzte einen Polizisten durch Faustschläge gegen den Kopf und einen weiteren Kollegen durch einen Biss in die Hand. Beide mussten mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus: Verdacht auf Gehirnerschütterung sowie eine tiefe Bisswunde. Und der Täter wurde praktisch belohnt und blieb hier."

"Wir kämpfen jeden Tag mit bürokratischem Irrsinn."

Aber nicht nur bei der Abschiebung selbst gibt es viele Probleme, auch im Vorfeld erschweren unnötige Hindernisse den Prozess. Bundespolizist Uwe Schmitz: "Wir kämpfen jeden Tag mit bürokratischem Irrsinn. Wenn zum Beispiel die Kollegen einen zur Festnahme ausgeschriebenen, illegalen Migranten festnehmen, dann aber beim zuständigen Ausländeramt niemanden erreichen können, was ja abends, nachts und am Wochenende fast immer der Fall ist, müssen wir ihn mit einer Meldeauflage wieder laufen lassen.

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Er soll dann freiwillig mit einem Laufzettel von uns zum Ausländeramt fahren und sich dort erneut melden. Das macht natürlich niemand. Das nächste Problem: Der illegale Migrant weiß jetzt, dass er gesucht wird, und taucht in der Regel unter."

Außerdem fehlen in Deutschland Abschiebehaftplätze. "Was wir brauchen, sind bundeseigene Abschiebezentren in Berlin und Frankfurt, eine Sechs-Monats-Frist in Abschiebehaft zur Beschaffung von Passersatzpapieren und die Zuständigkeit der Bundespolizei für die Abschiebungen, egal wo der Illegale aufgegriffen wird. Dann könnten wir endlich wirkungsvoll und spürbar abschieben."

"Abschiebeoffensive bleibt eine rhetorische Floskel"

Auch dass die Abschiebung oft schon Wochen vorher angekündigt wird, hält der Bundespolizist für grundfalsch. "Wenn du Menschen, die in Deutschland bleiben wollen, vorher sagst, wann du sie abholen und abschieben willst, ist natürlich niemand zu Hause, wenn wir kommen. Oder es fehlt dann plötzlich ein Kind aus der Familie, das wird bei Verwandten versteckt. Und dann dürfen wir auch nicht den Rest der Familie abschieben. Wir dürfen eine Mutter nicht von ihrem Kind trennen. Und das wissen die Betroffenen, sie werden natürlich von Nichtregierungsorganisationen und Anwälten beraten."

Manuel Ostermann (35) ist Vorsitzender der Bundespolizeigewerkschaft: Er fordert, dass Zuständigkeiten gebündelt werden
Foto: WELT TV

Was den Bundespolizisten auch ärgert, ist der Streit um Passersatzpapiere. "Viele, die illegal eingereist sind, haben vorher ihre Pässe weggeworfen. Und dann sagen sie nicht, woher sie kommen, oder sie behaupten, sie kämen aus einem ganz anderen Land. Das Ausländeramt muss dann Passersatzpapiere beschaffen, damit wir sie überhaupt abschieben können. Doch häufig kann man schwer herausfinden, woher sie stammen. Wenn die Mitarbeiter des Ausländeramtes dann einmal ins Handy schauen wollen, um zu erkennen, woher sie anhand der Geodaten kommen oder in welcher Sprache sie kommunizieren, machen uns Gerichte einen Strich durch die Rechnung. So entschied sogar das Bundesverwaltungsgericht, man dürfe nicht in das Handy eines Asylbewerbers gucken, auch nicht, um die Herkunft zu klären. Somit wird natürlich jede Abschiebung mehr oder weniger unmöglich gemacht."

Das sieht auch Manuel Ostermann von der Bundespolizeigewerkschaft so: "Eine echte Abschiebeoffensive kann es in Deutschland nicht geben, solange die strukturellen Probleme bestehen bleiben. Der Bund verfügt nicht über ausreichende Zuständigkeiten, die Länder geben ihre Kompetenzen nicht ab und die Bürokratie bremst jede wirksame Umsetzung aus. Solange Zuständigkeiten nicht klar gebündelt und Verfahren vereinfacht werden, bleibt die angekündigte Abschiebeoffensive vor allem eines: eine rhetorische Floskel."


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