Montag, 14.09.2026, 16:12
IMAGO, A. Friedrichs / FOCUS online
Wolfgang Dibelius ist Leid und Schmerzen gewohnt. Er ist SPD-Mitglied und Notfallsanitäter. Als SPD-Mitglied leidet und hadert er mit seiner siechenden Partei. Als Sanitäter sind Schmerzen Teil seines Berufs. Beides kumuliert auf bizarre Weise in seinen Erfahrungen mit Clan-Mitgliedern.
Dibelius heißt eigentlich anders, sein richtiger Name ist FOCUS online bekannt. Doch der 38-Jährige, der in den vergangenen Jahren tausende Rettungsdienst-Einsätze gefahren ist und parallel in der Notaufnahme eines Brennpunkt-Krankenhauses im Herzen von Berlin arbeitet, hat auch so schon genug Ärger.
Ärger, wenn er im Krankenhaus mit Kollegen und Ärzten darüber spricht, dass Rettungseinsätze schnell zur doppelten Notlage werden. Dann nämlich, wenn Personen aus Clanfamilien medizinischer Hilfe bedürfen.
"Wenn ich das offen im Krankenhaus oder bei gewissen Kollegen auf der Wache ausspreche, dass bei solchen Rettungseinsätzen im Gegensatz zu jenen mit deutschstämmigen Patienten sowohl unsere Hilfe als auch unsere eigene körperliche Unversehrtheit manchmal massiv gefährdet sind, handele ich mir schnell den Vorwurf ein, ich sei ein Rassist", sagt Dibelius. Dabei stelle er seit etlichen Jahren immer wieder "deutliche Unterschiede" im Umgang mit Erkrankungen und Tod je nach soziokulturellem Umfeld fest.
Die zunehmenden Probleme bei Rettungseinsätzen beschränkten sich im Übrigen nicht nur auf Familienclans aus dem arabischen Kulturkreis.
Als Beispiel schildert der 38-Jährige einen Einsatz, der ihn in die Wohnung eines Clans führte. "Ich bin nicht zimperlich und weiß mich zu verteidigen. Aber an jenem Tag war ich mir erstmals nicht mehr sicher, ob wir da wieder heil rauskommen würden."
Schon als der Notruf in der Rettungsleitstelle eingegangen war, sei klar gewesen, dass jener Einsatz problematisch werden könnte. Durch die Leitstelle sei als Hinweis "viel Hektik im Gespräch" vermerkt worden. Als er und seine zwei Kollegen mit dem Notarzt dann in der Altbauwohnung angekommen waren, seien bereits etwa 20 Personen vor Ort gewesen und hätten um eine leblose, auf dem Boden liegende Person herum gestanden.
Um den 60 Jahre alten Patienten, bei dem es sich offenbar um den Familienvater handelte, habe "Hektik und Aufregung" geherrscht. Manche hätten neben ihm gekniet und ihn geschüttelt. Es sei schwierig gewesen, an den Patienten heranzukommen. "Sie riefen: 'Machen Sie was, gebt Strom, macht das mit dem Schock!'".
Mit Unterstützung eines anderen Mannes sei es dann jedoch gelungen, die Masse ins Wohnzimmer zu drängen, um die Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten. Getrennt seien sie und die Familie lediglich durch eine Schiebetür mit Milchglasscheiben gewesen. Da die Unruhe der Familienmitglieder anhielt, hätte das Rettungsteam dann Hilfe von der Polizei angefordert.
dpa
Nach einer halben Stunde hatten die Retter jedoch feststellen müssen, dass die Maßnahmen ohne Erfolg waren. Dies sollte der Familie mitgeteilt werden. Als der Notarzt die Todesnachricht überbringen wollte und die Schiebetür öffnete, hätten die im Wohnzimmer stehenden Personen den Leichnam des Mannes sehen können. Beatmungsschlauch im Hals, Blut von erfolglosen Versuchen, einen Venenzugang an den Armen zu finden - das Bild einer Person, die reanimiert wurde, sei "für Außenstehende ein furchtbarer Anblick", so Dibelius.
Dann sei der Tumult wieder von vorne losgegangen. Alle hätten durcheinander geschrien. Zudem war den Rettern entgangen, dass sich die Personenzahl auf rund 50 erhöht hatte. "Einige Personen stürzten sich direkt auf meinen Notarzt, bedrängten und bedrohten uns, brüllten: 'Er ist nicht tot, ihr macht jetzt sofort weiter'. Sie rissen an der Kleidung, schoben und schubsten uns. Einen Moment dachte ich, der Clan würde uns lynchen, wäre der Bruder des Verstorbenen nicht so beherzt dazwischengegangen, um uns zu helfen und die Menge zurückzudrängen."
Verletzt worden sei am Ende zum Glück keiner. Inzwischen eingetroffene Polizisten hätten das Rettungsteam dann sicher aus dem Gebäude bis zu den Fahrzeugen geleitet.
Bei einem anderen Einsatz in dem Haus eines Familienclans, der nicht aus dem arabischen Kulturkreis stammte, sei ein Familienmitglied am Kopf verletzt worden. "Kopfwunden sehen schnell sehr gefährlich aus, obwohl sie es oft nicht sind. Das war auch bei diesem Einsatz der Fall", erzählt der Notfallsanitäter.
Doch erste beschwichtigende Worte seien einfach verpufft. "Nachdem wir schon grob aus dem Wagen rausgezerrt worden waren, weil es den Leuten nicht schnell genug ging, sind wir sehr schnell bedroht worden. 'Digga, du hilfst ihm jetzt, und wenn du das nicht machst, dann werde ich dich finden'", sei ihm gedroht worden.
Am Ende sei auch bei jenem Einsatz zwar nichts weiter passiert. "Aber irgendwann habe ich gedacht, geht es vielleicht nicht mehr so glimpflich aus. Irgendwann könnte es mal schiefgehen. Berichte über verletzte Kollegen hören wir ja regelmäßig über den Funk der Wachen."
Offizielle Statistiken, die die Gewaltzunahme in Bezug auf Clans belegen, gibt es zwar bislang nicht. Laut einer Umfrage im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) berichteten im vergangenen Jahr jedoch 66 Prozent der Krankenhäuser von einer steigenden Zahl von Übergriffen, von denen zu 95 Prozent die Notaufnahmen betroffen seien.
In Berlin hatten 2024 und 2020 zwei Clan-Zwischenfälle an Krankenhäusern zu Großeinsätzen der Polizei geführt. Im August hatte der Pfleger einer Berliner Brennpunkt-Klinik diese Entwicklung bestätigt, wie die "Welt" berichtete.
Laut Dibelius kenne er Kollegen und Ärzte, die die Notfall-Problematik mit Familien-Clans genauso sähen wie er, viele aber eben auch nicht. Das ärgert den Notfallsanitäter sehr. "Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Thema Migration in Deutschland gescheitert ist. Und zwar nicht wegen vorhandener Migration, sondern wegen fehlender Integration", sagt der Notfallsanitäter.
Dem Retter ist es jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in diesen Kulturkreisen auch Aspekte gebe, die er bewundere. "Was den Zusammenhalt der Familien angeht, kümmern sie sich auf eine Art um die Pflege der Alten, die man bei uns vergeblich sucht."
Teilweise seien Menschen, die von Familien gepflegt werden, in besserem pflegerischen Zustand, als wenn sie aus den unterbesetzten Pflegeheimen der Stadt abgeholt oder gebracht würden. "Das ist wirklich sehr beeindruckend", so Dibelius.
Dibelius schmerzt besonders, dass sich aus seiner Sicht Parteien des linken Spektrums wie die SPD damit schwer täten, diese Entwicklung anzuerkennen und klar zu benennen. "Die SPD ist für mich inzwischen zu einer Minderheitenpartei geworden, weil sie deren Probleme viel zu sehr in den Vordergrund rückt. Dinge wie Antidiskriminierung und Gendern scheinen ihr wichtiger zu sein, statt Antworten auf Parallelgesellschaften und daraus resultierende Kriminalität zu finden."
Als tragisches Beispiel nennt er Neuköllns in weiten Teilen der Bevölkerung anerkannten Bürgermeister Martin Hikel. Der 40-Jährige stellt sich am 20. September nicht mehr zur Wiederwahl, nachdem seine Partei ihn nach acht Jahren Amtsführung mit einem Nominierungsergebnis von nur 68,5 Prozent abgestraft hatte.
Er selbst sei bereits "oft und regelmäßig beleidigt, bedroht oder auch tätlich angegriffen" worden. Einige Fälle habe er auch zur Anzeige gebracht. Doch nur in einem Fall sei es zu einer Verhandlung mit "mildem Urteil" gekommen. Die anderen Sachverhalte seien aufgrund einer vorliegenden Unzurechnungsfähigkeit eingestellt worden.