Brutal

Nach 30 Jahren ist Schluss: Waschmaschinenproduktion verlässt Ostdeutschland

Dagmar Möbius

20.06.2026, 18:32 Uhr 5 Min

Bosch schließt 2027 sein Waschmaschinenwerk im brandenburgischen Nauen. 450 Beschäftigte verlieren ihre Jobs. Wo werden sie künftig arbeiten?

Das war´s: 2027 stellt die BSH Group in Nauen ihre Produktion ein.
© Fotoillustration: Ostdeutsche Allgemeine. Fotos: Imago, Wikimedia Commons

Beim Arbeitgeber-Bewertungsportal kununu schneidet die BSH Hausgeräte Service Nauen GmbH mit durchschnittlich 2,2 Punkten schlechter ab als die Branche Transport/Verkehr/Logistik mit 3,4 Punkten. Zwar setzt sich das Ergebnis aus nur elf Bewertungen zusammen, dennoch zeigen sich Trends. Insbesondere das Betriebsklima verschlechtere sich seit Jahren deutlich. Leistung werde nicht anerkannt, Mitarbeitende würden nicht motiviert, keine Firmenfeiern, kein Dank.

"Nur noch Peitsche, ohne Zuckerbrot", schätzte eine im Bereich Logistik/Materialwirtschaft arbeitende Person im Juni 2019 ein. "Früher super, jetzt leider nur noch katastrophal ...", so das Fazit. Immerhin, das Gehalt kommt pünktlich, bestätigen die meisten Beschäftigten des Bosch-Siemens-Hausgeräte-Werks.

Moderne, schlanke Fabrik

Das Waschmaschinenwerk der BSH Group gehört zu den größten Arbeitgebern der 20.500-Einwohner-Stadt. Seit 1994 werden in Nauen Premium-Waschmaschinen hergestellt. Im Geschäftsbericht 1995 werden zwei neue, hochmoderne, schlanke Fabriken mit günstigen Kostenstrukturen erwähnt. Gemeint sind die Dunstabzugshaubenfabrik im badischen Bretten und der als Wäschetrocknerwerk im brandenburgischen Nauen gestartete Betrieb. Die Serienproduktion von Toplader-Waschmaschinen begann 1995. Rund 400.000 Geräte wurden in dem Jahr produziert, drei Viertel davon für den Export ins Ausland. Der damalige Werksleiter lobt den Arbeitseifer seiner Belegschaft, die in ihrer Freizeit sogar das Werksareal begrünten.

In Deutschland werden pro Jahr drei Millionen Waschmaschinen verkauft. Infolge der Wirtschaftskrise legten sich Verbraucher weniger Kühlschränke, Backöfen, Waschmaschinen, Elektrowerkzeuge und Gartengeräte zu. Laut Geschäftsbericht 2025 stieg der Gesamtumsatz zwar, in den Bereichen Kühlen sank er jedoch um vier Prozent, in der Wäschepflege um ein Prozent. In der aktuellen Finanzberichterstattung ist von einem dicken Minus in der Bilanz 2025 des Technologiekonzerns Bosch zu lesen. Stellenabbau und die US-Zölle werden als Hauptgründe genannt. Durch den Abbau von Personal und Strukturen sollen die fehlenden Milliarden eingespart und die künftige Wettbewerbsposition verbessert werden. Bereits im Vorjahr waren bundesweit tausende Stellen weggefallen. Konsequent und "so sozialverträglich wie möglich" solle das laut Geschäftsführung auch für die betroffene Hausgerätetochter BSH geschehen.

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Schon einmal gingen in Nauen 230 Arbeitsplätze verloren, verrät ein Blick ins zuletzt im Juli 2023 aktualisierte Werks-Wiki. Von 37 Fabriken in 50 Ländern (jährlicher Gesamtumsatz rund 15 Milliarden Euro) liegen mittlerweile sechs in Polen: drei in Lódz, zwei in Breslau und eine in Rzeszów. Vor 20 Jahren hatte BSH die Trocknersparte ins polnische Lódz verlegt. Auch die Waschmaschinen-Produktion der 2010 als Fabrik des Jahres in der Kategorie "Global Excellence in Operations" Ausgezeichneten soll nun aus Nauen nach Polen und Spanien verlagert werden.

Ob sich dieser Plan der Bosch-Tochter noch einmal ändern wird, ist trotz aktivem Widerstands inklusive Warnstreiks derzeit unwahrscheinlich. Den Arbeitgeber erwartet jedoch nicht nur in Nauen kräftiger Gegenwind. Mehr als 3000 polnische Arbeitskräfte haben bisher online ihre Jobsituation bewertet. Das Stimmungsbild ist durchwachsen, die Arbeit am Band hart. Von Druck, Ungleichheit, gesundheitlichen Problemen und Ausbeutung ist die Rede. Durchschnittlich 1,7 von 5 möglichen Punkten sind noch deutlich schlechter als das Ergebnis der wenigen deutschen Bewertungen aus Nauen.

Einziger ostdeutscher Standort schließt Ende Juni 2027

Mit dem Waschmaschinenwerk in Nauen macht der einzige Standort in Ostdeutschland dicht. Auch das Werk in Bretten ist von den Schließungsplänen betroffen. Mit einem solidarischen Laternenumzug reagierten Nauener Bürgerinnen und Bürger im November 2025 auf die einen Monat zuvor plötzlich angekündigte Schließung. Mit gewerkschaftlicher und politischer Unterstützung kämpfen die Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze.

Zahlreiche Protestaktionen folgten. Hoffnungsvolle Reaktionen bleiben weitgehend aus. Das erklärt, warum aktuell nicht eine der angefragten Personen mit der OAZ sprechen wollte. Auch die IG Metall verwies auf noch laufende Verhandlungen. Die zuletzt ins Boot geholte Partei Die Linke antwortete auf OAZ-Anfrage nicht. Focus online hatte einen heißen Draht zum Geschehen und dokumentiert die Entwicklung in einer Serie.

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Ende April 2026 verkündete die BSH Group per Pressemitteilung, dass sich die BSH Hausgeräte GmbH und die Arbeitnehmervertretung in Bezug auf die Schließung der BSH-Waschmaschinenfabrik in Nauen zum 30. Juni 2027 geeinigt hätten. Demnach wurden die Vereinbarungen nach intensiven und konstruktiven Verhandlungen in Form eines Interessenausgleichs und eines Sozialplans von beiden Seiten unterzeichnet. Das "umfassende Maßnahmenpaket" des Sozialplans sehe unter anderem die Gründung einer Transfergesellschaft vor, die den Mitarbeitenden bei der beruflichen Neuorientierung helfen soll, zudem Abfindungszahlungen, Weiterbildungsangebote sowie Vorruhestandsregelungen.

Der kaufmännische Geschäftsführer des BSH Hausgerätewerks Nauen, Knut Mittag, spricht von einer schmerzhaften Entscheidung und dankt allen Beschäftigten für ihr langjähriges Engagement. Dass der Standort nach Juni 2027 nur noch als reiner Logistikstandort betrieben wird, ändert nichts daran, dass die Waschmaschinenproduktion in Nauen in einem reichlichen Jahr enden wird und 450 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Zu spät werde der Belegschaft bewusst, ihre tariflichen Mitbestimmungsrechte im Betrieb nicht besser genutzt zu haben, auf Tarifverträge, Schichtzuschläge, Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld verzichtet und eine 50,5-Stunden-Woche akzeptiert zu haben - so wird es vom Treffen der "Arbeitsgemeinschaft Ostdeutschland" der Partei Die Linke und Nauener Betriebsräten im Deutschen Bundestag berichtet.

Für das als "Funkstadt mit Herz" bekannte Nauen im brandenburgischen Landkreis Havelland wird es eine enorme Herausforderung, binnen eines Jahres Hunderte neue geeignete Arbeitsplätze zu finden. Die Arbeitslosenquote beträgt sieben Prozent. Die aktuelle Bevölkerungsstatistik verweist auf die "weiter schwierige wirtschaftliche Lage, hohe Bau- und Energiekosten sowie die Auswirkungen der Inflation auf die verfügbaren Einkommen". Die Website der Regionalstatistik der Bundesagentur für Arbeit für Nauen ging schon jetzt teilweise in die Knie: "Aufgrund von Wartungsarbeiten steht diese Webseite aktuell nicht zur Verfügung. Wir bemühen uns, sie schnellstens wieder anzubieten, und bitten um Ihr Verständnis."


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