Macht der Feminismus Mütter unglücklich?

Von Tobias Becker

25.08.2026, 05.46 Uhr o aus DER SPIEGEL 35/2026

Kinder zu bekommen, kostet einen Preis. Denn Kinder zu bekommen, bedeutet, nicht mehr allein zu sein. Kann es sein, dass dieser Preis heute als höher empfunden wird als früher?

Foto: Marcus Engler

Wer feministische Mutterbücher lese, müsse sich wundern, warum Frauen überhaupt noch freiwillig Mutter werden, schreibt Marlen Hobrack in ihrem neuen, provokanten Sachbuch "Stolz und Zweifel". Mutterschaft scheine heute vor allem einen Verzicht zu bedeuten, einen Verlust an Autonomie, Fürsorge für das Kind kein Quell der Freude zu sein, sondern Care-Arbeit, die zur Erschöpfung führt. Zur Selbstaufgabe.

Selbstaufopferung ohne Selbstverlust

Hobrack wendet sich in ihrem Buch gegen schriftstellernde Klagemütter, auch gegen das Selbstmitleid in der Mütter-Bubble auf Social Media, in der es zum guten Ton gehört, sich als Opfer zu inszenieren, bevorzugt als Opfer des Patriarchats. Elternschaft wird zurzeit öffentlich ja eher erlitten als erlebt.

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Hobrack hingegen bekennt sich zum Glück der Mutterschaft, zum Stolz und der inneren Erfüllung, ja dem Genuss, der paradoxerweise darin liegen kann, die Bedürfnisse einer anderen Existenz, nämlich die des Kindes, zeitweise vor die eigenen zu stellen. So erzählt sie von der Selbstverwirklichung, die in der Fremdverantwortung liegen kann, vom Glück der Selbstaufopferung, die keinen Selbstverlust bedeuten muss. "Ich fühle mich nicht erschöpft, wenn ich Liebe gebe."

Hobrack, geboren 1986 im sächsischen Bautzen, ist bekannt geworden mit Sachbüchern über Klassismus. Sie hat selbst drei Kinder, das jüngste noch ein Kleinkind, das älteste bereits ausgezogen, denn Hobrack ist schon mit 19 Mutter geworden, ungeplant und damals alleinerziehend, sodass sie gar nicht erst in Versuchung kam, der Illusion immerwährender Selbstbestimmtheit zu erliegen.

Kann es sein, dass das vielen Müttern heute anders geht? Dass die Mutterschaft viele Frauen deshalb härter trifft als früher, weil sie kollidiert mit dem zeitgenössischen Ideal absoluter Unabhängigkeit und totaler Subjektsouveränität? Hobrack sieht das so und verortet eine Wurzel des Ideals im Feminismus. Tatsächlich predigt der seit Jahrzehnten die autonome Frau. Aber kann es wirklich sein, dass ausgerechnet der Feminismus Frauen die Möglichkeit verstellt, glücklich Mutter zu sein?

Folgt der Feminismus einem neoliberalen Ideal?

Der Feminismus, argumentiert Hobrack, habe dauergestresste Mütter erzeugt, indem er erstens ihre Bedeutung gegenüber Vätern und anderen "Bezugspersonen" kleingeredet, das besondere biologische Band zwischen Mutter und Kind negiert und so die Belohnungen für die Zumutungen der Mutterschaft zerstört habe, die symbolische Anerkennung. Und indem er Mütter zweitens zur Erwerbsarbeit gedrängt habe, möglichst auf voller Stelle, statt das Primat der Erwerbsarbeit insgesamt infrage zu stellen.

Feministischer Protest in Berlin 2019: Gute Gründe, den Muttermythos früherer Jahrzehnte skeptisch zu beäugen
Foto: snapshot-photography / K.M.Krause / IMAGO

Nun gibt es viele gute Gründe dafür, den Muttermythos früherer Jahrzehnte skeptisch zu beäugen, die damalige Alleinzuständigkeit vieler Frauen in Erziehungsfragen zu kritisieren. Auch aus Perspektive der Kinder übrigens. Und es gibt mindestens so viele gute Gründe dafür, das Idealbild der berufstätigen, der finanziell und auch emotional autonomen Mutter zu propagieren. Hobrack sieht diese Gründe, all die ehrenwerten Motive - und argumentiert trotzdem dagegen. Das Überraschende: Sie argumentiert nicht aus einer konservativen, sondern aus einer radikal progressiven, dezidiert linken Position.

Das entscheidende Hindernis zum Mutterglück sieht Hobrack nämlich nicht im Patriarchat, sondern im Kapitalismus. Das überwertige Autonomie-Ideal vieler Feministinnen nennt sie neoliberal. "Wir Feministinnen haben uns verrannt, als wir glaubten, die Antwort auf die konservative 'Hausfrau' sei eine Vollzeit arbeitende Frau, die exakt so agiert wie ein Singlemann."

Sorgearbeit ist gar nicht automatisch Fronarbeit

Autorin Hobrack: "Ich fühle mich nicht erschöpft, wenn ich Liebe gebe"
Foto: dts-Agentur / picture alliance

Hobrack hat ein Gespür für die ambivalente Kraft des feministischen Begriffs der Sorgearbeit: Einerseits hilft er, all die unbezahlten, immer noch mehrheitlich von Frauen erledigten Familienaufgaben sichtbarer zu machen, also aufzuwerten. Andererseits läuft er Gefahr, auch Herzensaufgaben unfreiwillig zu entwerten, indem er sie einer zweckrationalen Logik unterwirft.

Hobrack öffnet den Blick wieder dafür, dass Fürsorge nicht automatisch Fronarbeit bedeutet, dass sie im Gegenteil oft sehr erfüllend ist. Die sogenannte Sorgearbeit für ihre drei Kinder, so stellt sie fest, möge zwar anstrengend sein, aber unterscheide sich doch in einem wesentlichen Punkt von normaler Lohnarbeit: Sie sei nie entfremdend. "Wenn ich bei ihnen bin, bin ich stets bei mir." So argumentiert sie dafür, die eigenen Bedürfnisse auch mal hintanzustellen - aber eben nicht aus Selbstlosigkeit, sondern aus Eigeninteresse. Sie findet Selbstverwirklichung auch in der Sorge für andere.

Und wo bleiben bei all dem die Väter? Der Feminismus, findet Hobrack, habe den Frauen fatalerweise nahegelegt, männlicher zu werden. Sie hingegen wirbt dafür, dass alle mütterlicher werden sollen, auch die Männer. Dass alle eine andere, eine fürsorglichere Haltung zur Welt einnehmen mögen - Mütterlichkeit als politisches Programm, als Modell für eine Macht, die nicht egoistisch ist. Sondern ethisch.


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