20.06.2026, 19:10 Uhr 8 Min
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Geografisch gesehen liegt Berlin-Neukölln im Osten Deutschlands. Sozialgeschichtlich betrachtet ist es ein Teil des Westens. Seit dem Mauerfall vor 37 Jahren ist dieser westlich an Treptow angrenzende Stadtbezirk auch für Ostdeutsche zugänglich. Hier ist für jeden Besucher mit Händen greifbar, was landläufig als "kulturelle Überfremdung" bezeichnet wird.
Was ostdeutsche Besucher beim erstmaligen Durchqueren dieses Stadtteils gesehen und erlebt haben, begründete bei vielen grundlegende Bedenken gegenüber einer ungeregelten Einwanderung. Sie wollen nicht, dass ihre Städte so werden, wie Neukölln ist.
Dass ihnen ihre Sorge um die Errungenschaften der europäischen Kultur als Fremdenhass und Rassismus ausgelegt wird, bewirkt hier Wut und Empörung. Die einzigen Argumente der Migrationsbefürworter und -beförderer, die sie gelten lassen, sind das der Hilfsbereitschaft für in Not geratene Menschen und das der Solidarität mit politisch Verfolgten - also die klassischen Motive des Asylrechts. All die anderen Argumente, wie das der kulturellen Bereicherung, dass der Fachkräftegewinnung oder das der Weltoffenheit, hält man in der Regel für vorgeschoben, oft auch für zynisch.
Eines dieser als vorgeschoben wahrgenommenen Argumente ist, dass wir gar nicht genug Migranten bekommen können, weil diese mehrheitlich jung sind und so die demografische Lücke auffüllen können, die die überalterten Deutschen durch ihre Kinderarmut aufgerissen haben. Im Klartext: Wir brauchen die Zuwanderer, damit sie unsere Renten erwirtschaften. Nun glauben viele nicht, dass unter den Migranten der Anteil derer, die mehr in die Sozialsysteme einzahlen, als sie ausgezahlt bekommen, größer ist als der Anteil jener, bei denen es sich umgekehrt verhält. Doch diese Frage soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Auch nicht die berechtigte Frage, warum wir in unserem Land nicht genügend eigene Leute zu Fachkräften ausbilden.
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Schauen wir uns die Erwartungshaltung, dass unsere Renten von Migranten erwirtschaftet werden sollen, einmal näher an: In Wirklichkeit ist das eine zynische Haltung, die mit Solidarität und Hilfestellung gegenüber Vertriebenen nicht viel zu tun hat. Neben purem Egoismus offenbart diese Ansicht einen sehr engen Horizont, ja, ein provinzielles und kurzfristiges Denken.
Unter dem Stichwort "Demografie" wird im heutigen Europa vor einer Überalterung der Bevölkerung und deren wirtschaftlichen und sozialen Folgen gewarnt. Im Kern geht es darum, dass infolge von jahrelang rückläufigen Geburtenraten immer weniger jüngere Menschen die Renten für immer mehr ältere Menschen erwirtschaften müssen. Viele Politiker meinen, nur durch eine offensive Einwanderungspolitik dieses Problem lösen zu können.
Im globalen Maßstab stellt sich das "demografische Problem" jedoch umgekehrt dar: Je stärker die Weltbevölkerung wächst, desto knapper werden die verfügbaren Ressourcen und der Lebensraum pro Kopf.
Mit dem Aufkommen des Umweltbewusstseins in den 1970er-Jahren hatte man die Grenzen des Wachstums noch nicht ausschließlich ökonomisch gemeint. Bei der Frage nach der ökologischen Tragfähigkeit unseres Planeten spielte das Bevölkerungswachstum damals noch eine zentrale Rolle. Für den Mitbegründer der Grünen, Herbert Gruhl, war die aus seiner Sicht viel zu hohe Bevölkerungsdichte eine Hauptursache für die ökologische Krise. Auch für Deutschland forderte er eine rigorose Geburtenkontrolle und eine restriktive Einwanderungspolitik.
In vielen Weltregionen ist die Bevölkerungszunahme so drastisch, dass daraus nicht nur ein enormer Migrationsdruck erwächst, sondern die betroffenen Länder sich selbst vor akute Existenzprobleme gestellt sehen. Um dem Problem gegenzusteuern, geht es dort um Geburtenkontrolle, um Ein-Kind-Politik und Ähnliches. Die entsprechenden Anstrengungen der Entwicklungs- und Schwellenländer liegen nicht allein in deren Interesse, sondern im Interesse der gesamten Menschheit, also auch der entwickelten Länder.
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Wir sollten dabei eines bedenken: Jede erfolgreiche Geburtenbegrenzung ist zwangsläufig mit einer vorübergehenden Überalterung der Bevölkerung verbunden. Wie sollen wir von den armen Ländern dieser Welt erwarten, einen solchen Weg einzuschlagen, wenn wir in den reichen Ländern nicht Modelle entwickeln, wie die Gesellschaft mit einer vorübergehenden Überalterung leben kann?
Wir in Mitteleuropa sollten wirtschaftlich und kulturell dazu in der Lage sein, Wege für einen zivilisierten Umgang mit einer vorübergehenden Überalterung der Gesellschaft zu bahnen, die letztlich auch für ärmere Länder gangbar sind.
Ein wichtiger Schritt könnte darin bestehen, die Privatisierung der Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen rückgängig zu machen, damit eine öffentliche Kontrolle gewährleistet und eine wirtschaftliche Ausplünderung verhindert wird.
Solange sich ein Großteil der Pflegeheime im Besitz von - teils ausländischen - Konzernen befindet, die sich mehr um ihre Aktiengewinne sorgen als um eine menschenwürdige Pflege alter Menschen und um eine angemessene Vergütung der Pflegekräfte, können wir nicht erwarten, dass die Pflegeversicherungsbeiträge wirklich denen zukommen, für die sie bestimmt sind.
Wenn wir bei uns nicht das Nötige tun, um aus eigener Kraft eine zeitweilige Überalterung der Gesellschaft zu bewältigen, sondern die produktive Elite aus Entwicklungsländern abziehen, um unsere Rentenkassen aufzufüllen, dann wird die Politik der Geburtenkontrolle auch dort scheitern bzw. aufgegeben. Doch was sind die Folgen einer weiteren "Explosion" der Weltbevölkerung? Es werden Rohstoffe und Nahrungsmittel verknappen und zugleich die ohnehin schon kritische Umweltbelastung eskalieren.
Wenn die Menschheit eine menschengemäße Zukunft haben soll, darf die Weltbevölkerung nicht weiter wachsen, sie muss sich vielmehr verringern. Der einzig humane Weg dazu ist eine Politik, die eine von den Eltern selbstbestimmte Herabsetzung bzw. Begrenzung der Geburtenrate fördert. Diese ist zwangsläufig mit der Folge einer temporären Überalterung der Gesellschaft verbunden, die ihrerseits der Allgemeinheit - vorübergehende - Mehrkosten abverlangt. Hierfür sozialverträgliche Modelle zu entwickeln, sollte zuallererst eine Aufgabe der Europäer und Nordamerikaner sein. Und zwar eine aktuelle Aufgabe.
© Joy Saha/dpa
Die massenhafte Migration ganzer Bevölkerungsgruppen über Tausende Kilometer stellt nicht nur die Einwanderungsländer vor außergewöhnliche Herausforderungen. Auch die Auswanderungsländer verlieren meist zu einem überproportionalen Anteil die Leistungsträger ihrer Gesellschaften. In besonderer Weise führt eine Distanzmigration aber bei den Betreffenden selbst - und oft auch noch bei ihren Kindern - zu Entwurzelung und Entfremdung.
Bedauerlich ist, dass der solidarische Gedanke, Menschen aus anderen Weltregionen hier auszubilden, damit sie dann zurückkehren und ihre Heimatländer wirksam unterstützen können, in der Migrationsdebatte kaum noch eine Rolle spielt. Die Ursachen der heutigen Völkerwanderungen abzubauen, bedeutet, dass eine von neokolonialen Eigeninteressen befreite Entwicklungshilfe nicht Verstädterung und Entwurzelung fördern darf. Es muss hier mehr darum gehen, regional angepasste, kleinbäuerliche oder nomadische Wirtschaftsformen zu unterstützen, die den Menschen ein ausreichendes Auskommen und ein naturverbundenes Leben in ihrer Heimat sichern.
Jeder Mensch und jedes Volk hat Anspruch auf eine Zukunft in seiner eigenen angestammten Region. Weil der gegenwärtige Migrantenansturm auf Europa auch ein Echo auf die europäische Kolonialgeschichte ist, hat Europa hier eine besondere Verantwortung.
Noch einmal zurück nach Neukölln: Einer, der mit ostdeutschen Augen durch diesen West-Berliner Stadtbezirk gegangen ist, ist der Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk. In seinem Buch "Tau" beschreibt er eine Beobachtung zweier Kindergartengruppen und weist uns darauf hin, dass eine andere Kultur immer noch besser ist als gar keine Kultur: Die eine Kindergruppe wird von zwei sehr leger gekleideten jungen Frauen begleitet, die den Anschein erwecken, als hätten sie nichts miteinander zu tun, auch nicht mit den hilf- und bindungslos wirkenden Kindern neben ihnen. "Niemand spricht, die Frauen nicht, die Kinder nicht, keine Berührung."
Die andere Kindergruppe wird von zwei Frauen im langen Gewand der Musliminnen geführt, die an jeder Hand ein Kind halten, das an der anderen Hand ein weiteres Kind hält. Krawczyk schreibt: "Es ist durchaus vorstellbar, dass die Frauen der ersten Kindergartengruppe den Kindern vor dem Mittagessen noch eine Seite aus der Broschüre über Geschlechtsumwandlung vorlesen, in einfachster Sprache, während die Frauen der zweiten Kindergartengruppe ihren Kindern vor dem Mittagessen irgendetwas Beruhigendes sagen, vielleicht ein Gebet."
Um eine tragfähige Alterssicherung zu etablieren, brauchen wir eine generationenübergreifende Verantwortung. Und diese erwächst nicht aus Berechnung, sondern aus einem sozialen Verbundenheitsgefühl, das im frühen Kindesalter geprägt wird - oder auch nicht.
Bezugnehmend auf den britischen Philosophen Roger Scruton schreibt der Publizist Sebastian Kleinschmidt in seinem Werk "Resonanzen": Gesellschaft sei "eine Verbundenheit der Toten, der Lebenden und der noch Ungeborenen. Sie gründet nicht in einem Vertrag, sondern entsteht durch etwas, das der Liebe nahekommt. Wir Lebenden sollten uns als Glieder einer langen Kette von Gebenden und Nehmenden verstehen."
Und so ist auch die Alterssicherung kein eigennütziges Projekt. Sie darf weder die von unseren Vorfahren geschaffene Kultur verderben noch die physischen Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zerstören.