Von Kathrin Werner
16.07.2026, 07.46 Uhr o aus
DER SPIEGEL 30/2026
Foto: Martin Pötter / DER SPIEGEL
Klaus Blettner steht am Fenster seines Büros im vierten Stock und schaut hinab auf den Schutthaufen. Gerade wurde ein marodes Hochhaus abgerissen, samt Rathaus, Einkaufszentrum und Parkgarage. Jetzt schaufeln Bagger und Bulldozer die Trümmer zusammen. "Wir hatten kurz überlegt, ob es unsere Finanzen rettet, wenn wir hier Sitzplätze aufstellen und Tickets verkaufen", witzelt der Oberbürgermeister. "Aber es hätte sich nicht gerechnet."
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Der Stadt, die der CDU-Politiker seit Januar regiert, ist ihre Geschichte anzusehen. Ludwigshafen wuchs in Zeiten sprudelnder Gewinne der Fabrik, die Blettner am Horizont sieht: des größten zusammenhängenden Chemiestandorts der Welt, lange Garant von Wohlstand und Identifikation. "Aniliner" nennen sich stolz seine Mitarbeitenden, benannt nach einem der wichtigsten chemischen Grundstoffe. Die 1865 gegründete Firma trägt ihn bis heute im Namen: Badische Anilin- & Soda-Fabrik, kurz BASF.
Doch die Zeiten des Wirtschaftswunders sind lange vorbei. Heute sieht man in Ludwigshafen vor allem Trümmer, Müll, Verfall, Leerstand, Niedergang. Die Stadt ist seit Jahrzehnten pleite. Die Gesamtschuldenlast liegt bei rund 1,4 Milliarden Euro. In einer Realschule in Ludwigshafen veranstalten die Schüler einen Spendenlauf für neue Klos. Und bei BASF schrumpfen Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzahl - auch wenn es zwischen April und Juni etwas besser lief als im Vorjahresquartal.
"Es ist eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Ludwigshafen und der BASF."
Klaus Blettner, Oberbürgermeister
"Es ist eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Ludwigshafen und der BASF", sagt Blettner. "Mal ist es mehr Schicksal, und mal ist es mehr Gemeinschaft. Im Moment ist es eher Schicksal."
Die Chemieindustrie steckt in einer tiefen Krise: hohe Energie- und Rohstoffpreise, schwache Nachfrage von Kunden wie der Bau- oder Autoindustrie, wachsende Konkurrenz aus China. Immer mehr kleinere Unternehmen rutschen in die Pleite, größere schließen nach und nach ihre Anlagen.
Der BASF-Vorstand hat seine Strategie zwar "Winning Ways" getauft. Wer genau gewinnt, ist aber nicht klar, jedenfalls nicht die Stadt Ludwigshafen und nicht die Mitarbeitenden hier. Deren Zahl sinkt in diesem Jahr wohl erstmals seit den Fünfzigerjahren unter 30.000.
Die größte Einzelinvestition seiner Geschichte hat der Konzern nicht hier getätigt, sondern im Wachstumsmarkt China. Fast neun Milliarden Euro steckte BASF in das Werk in Zhanjiang, das im März eröffnet wurde.
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In Ludwigshafen fürchten viele, dass sich der Konzern nach und nach verabschiedet. Und im ganzen Land wächst die Sorge, dass BASF und seine Heimatstadt die Vorboten einer deutschen Zukunft sein könnten. Seit 2019 sind in Deutschland 341.500 Industriejobs verloren gegangen, ein Rückgang um gut sechs Prozent. Nicht nur in der Chemieindustrie, auch in anderen Branchen gehen Unternehmen pleite, verlagern Fabriken ins Ausland - und zahlen ihre Gehälter und Steuern künftig woanders.
Wird bald ganz Deutschland aussehen wie Ludwigshafen, auch Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt? Ist das hier der Anfang der Deindustrialisierung?
Die Suche nach Antworten führt zu fünf Menschen.Klaus Blettner ist ein Mann mit weißen Turnschuhen und Lederarmband, 58 Jahre alt. Die Stadt sei sehr autofreundlich ausgebaut worden, erzählt der CDU-Oberbürgermeister. Die Aniliner sollten so schnell wie möglich zum Werk kommen. "Geld spielte keine Rolle." Nach amerikanischem Vorbild entstanden binnen kürzester Zeit breite Hochstraßen, die "relativ schnell relativ marode" wurden. Jetzt baut die Stadt die Highways ab, darunter soll bald die neu entwickelte Helmut-Kohl-Allee entstehen. Die Bagger rollen, doch das Geld ist knapp.
Ludwigshafen ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Das eine zeigt eine noch wohlhabende BASF-Welt: Die Mitarbeitenden leben um das weltgrößte zusammenhängende Chemiegelände in hübschen Werkswohnungen. Im BASF-eigenen Weinkeller kaufen Menschen ein, die ihren BASF-Ausweis noch am Gürtel tragen. Es gibt Riesling "BASF exklusiv". Das BASF-Restaurant "Gesellschaftshaus" serviert Wolfsbarsch mit Kokosschaum. SPIEGEL-Redakteurin Kathrin Werner hat sogar im BASF-eigenen Hotel übernachtet. Doch es gibt auch die andere Welt: Im Zentrum zeigt sich der Verfall der einst so stolzen Stadt, der man es ansieht, dass sie zu hohe Ausgaben und zu geringe Einnahmen hat. Tourguide Helmut van der Buchholz hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei seinen Spaziergängen durch "Deutschlands hässlichste Stadt" die ungeschminkte Wahrheit zu zeigen. Die hängt auch damit zusammen, dass BASF am Stammwerk schon länger keine Gewinne mehr schreibt. Wird Deutschland auch an anderen Orten bald aussehen wie Ludwigshafen?
BASF macht am Stammsitz in Ludwigshafen schon seit Jahren keine Gewinne mehr. Und wer keine Gewinne schreibt, zahlt in der Regel auch keine Gewerbesteuern. Hinzu kommt, dass die noch immer zahlreichen und gut verdienenden Aniliner oft im Umland leben, in Mutterstadt, Maxdorf, Mannheim oder Neustadt an der Weinstraße. "Wenn alle Menschen ihr Einkommen dort versteuern müssten, wo sie es erarbeiten, dann hätte Ludwigshafen kein Problem", sagt Blettner. Das Haushaltsdefizit seiner Stadt sei "ein strukturelles Problem, das uns früher erreicht hat als andere". Die Schulden wachsen, weil die Kommune so viele Pflichten habe, etwa die Leistungen für die vielen Grundsicherungsempfänger.
Sparen helfe da kaum. Klar, man könne die Temperatur im Schwimmbad um ein Grad senken - das bringe rund 15.000 Euro. Aber die Stadt könne nicht beliebig kürzen, ohne sich selbst aufzugeben. Von BASF komme Kultursponsoring, für das Filmfest zum Beispiel. Aber gerade bringe der Konzern "große Unsicherheit".
Auch weil BASF 4400 Werkswohnungen verkaufen will, was Blettner, im früheren Leben BWL-Professor, zwar "betriebswirtschaftlich nachvollziehen kann". Für "die Menschen", sagt er, fühle es sich aber an "wie der Verkauf von Tafelsilber". Das Bieterverfahren läuft, auch die Stadt hat ein Angebot für einen Großteil der Wohnungen gemacht, weil sie verhindern will, dass ein Miethai sie übernimmt.
Blettner sagt, er habe sich vorgenommen, nicht nur schlecht über die Stadt zu sprechen, die er mag, "weil man hier die Nase nicht allzu hoch trägt". Wenn er auf den Schutt vor seinem Bürofenster blickt, versucht er nicht nur die Zerstörung zu sehen, sondern auch das, was daraus erwachsen kann. Aber woher soll das Geld dafür kommen? Kann er mit BASF noch planen?
"Ich bin kein Vertreter dieser apokalyptischen Überlegungen, dass die BASF irgendwann mal den Standort Ludwigshafen schließt", sagt er. "Es wird immer einen Kern geben."
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Wenn jemand weiß, wie groß dieser Kern in Zukunft noch sein wird, dann diese Frau. Katja Scharpwinkel, 57, Mitglied des Vorstands bei BASF und Standortleiterin für das Werk Ludwigshafen, empfängt in ihrem Büro in einem der ältesten Backsteingebäude auf dem Werkgelände. Sommerkleid, Apple-Watch, fester Händedruck. Sie verantwortet das Sparprogramm im BASF-Stammwerk, dem 2024 rund 800 Jobs zum Opfer fielen, 1225 weitere im Jahr 2025. 2026, sagt die Vorständin, werde sich der Stellenabbau "noch mal beschleunigen". Betriebsbedingte Kündigungen hat BASF bis 2028 ausgeschlossen. Bislang gelingen die Kürzungen über Renteneintritte und Aufhebungsverträge.
"Der Standort hat eine sehr, sehr starke Basis."
Katja Scharpwinkel, BASF-Vorständin
BASF hatte ursprünglich zum Ziel, bis Ende 2026 eine Milliarde Euro in Ludwigshafen einzusparen. Das Sparprogramm laufe so gut, dass es sogar 1,2 Milliarden werden dürften, sagt Scharpwinkel, auch durch bessere Prozesse, Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Trotzdem bleibt die Grundfrage: Welche Zukunft hat ein Standort, der bei den Energiepreisen im weltweiten Vergleich nicht mithalten kann, schon gar nicht mit dem glänzenden neuen Werk in Zhanjiang?
Scharpwinkel hat als Antwort einen Slogan, den sie immer wieder bemüht: "Schlanker, aber stärker."
Viele der Anlagen in Ludwigshafen, etwa für Chemikalien wie Adipinsäure, Cyclododecanon und Cyclopentanon, hat BASF bereits heruntergefahren. Scharpwinkel sagt, sie denke positiv: Immerhin seien 80 Prozent der rund 180 Produktionsstätten im Werk wettbewerbsfähig. "Tendenz steigend." Noch schreibe der Standort pro Jahr rund eine Milliarde Euro Verlust. Aber: "Tendenz fallend."
Manchmal spricht sie mit leichtem Ruhrpott-Einschlag, sie kommt aus Hagen, liebt Fußball, vor allem Borussia Dortmund. Meist ist sie es, die den Anilinern die schlechten Nachrichten überbringt, etwa wenn eine Anlage schließt, in der sie arbeiten. "Das geht nur mit Ehrlichkeit", sagt Scharpwinkel. Die Gleichzeitigkeit von Sparen in Deutschland und Investieren in China und im kleineren Ausmaß auch in Deutschland, von Stellenabbau hier und Zukunftsversprechen dort, sei für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft schwer zu begreifen. "Das will ich überhaupt nicht beschönigen." Und gleichzeitig versuche man zu vermitteln: "Der Standort hat eine sehr, sehr starke Basis."
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Bei der riesigen China-Investition handele es sich nicht um einen schleichenden Abzug aus Deutschland, sagt die Managerin. "Wir haben nichts verlagert." Den Standort in China habe BASF gebaut, weil der Chemiemarkt dort am schnellsten wachse und die bestehenden Fabriken das Marktwachstum "überhaupt nicht begleiten" könnten. Aus Ludwigshafen würden die europäischen Kunden beliefert - und die brauchten im Moment nicht so viele chemische Produkte. Zhanjiang dagegen produziere für China.
"Ich sehe kein Untergangsszenario", sagt Scharpwinkel. "Wir haben in Europa und auch in Deutschland noch viel in unserer eigenen Hand." Und: "Eine BASF ohne Ludwigshafen können wir uns nicht vorstellen."
Was soll sie sonst auch sagen? Sie ist ja zuständig dafür, das Schrumpfen zu verwalten - und irgendwie das Beste daraus zu machen. Scharpwinkel wohnt außerhalb Ludwigshafens.
Ein Vormittag Ende April, BASF hat ein paar Journalisten ins Stammwerk eingeladen. Zwei neue Anlagen sind fertig, sie produzieren Duftstoffe: Menthol und Linalool, das nach Waschmittel riecht. Kein großer Festakt, kein Politikerbesuch, kein rotes Band. So groß ist das Investment nicht, gerade im Vergleich mit Zhanjiang, aber immerhin: ein dreistelliger Millionen-Euro-Betrag. Rund 60 Jobs sind entstanden. Die Beteiligten wollen zur Feier zusammen grillen.
Scharpwinkel ist auch zur Pressekonferenz gekommen, spricht von "einem klaren Bekenntnis zum Standort Ludwigshafen". Es ist aus BASF-Sicht kein großer Durchbruch, aber immerhin mal etwas Positives zu verkünden. So ist das eben in Deutschland: eine Investition hier, ein erfolgreiches Start-up da. Aber immer nur Hoffnungsschimmer, nie der ganze große Aufbruch.
"Stadt in der Stadt"
BASF über das Werk in Ludwigshafen
Die neuen Duftstoffanlagen, silbrig glänzend in der Sonne, liegen in der Mitte des riesigen Werks, an der Kiesstraße, Ecke Hochdruckstraße. Die Wege zwischen den Anlagen sind nach Chemikalien, Rohstoffen und Prozessen benannt: Indigostraße, Benzolstraße, Ethylstraße. Die zehn Quadratkilometer des Werks nennt BASF eine "Stadt in der Stadt". 1900 Lastwagen fahren täglich über 106 Kilometer Straßen. Rohrleitungen winden sich in einem 2850 Kilometer langen Gewusel über das Gelände. Nachts ist es hier neonhell. Auch wegen des Werks ist Ludwigshafen die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands.
Negativrekorde wie dieser sind das Geschäft von Helmut van der Buchholz, 66. Der Diplomingenieur für Architektur und Städtebau ist in Ludwigshafen aufgewachsen, war nie weg und bietet eine Stadtführung namens "Germany's Ugliest City Tour" an, ein Streifzug durch Deutschlands hässlichste Stadt. Der Superlativ wurde Ludwigshafen 2018 vom Fernseh-Satiremagazin "Extra 3" verliehen.
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Das Kulturamt habe Buchholz auf die Idee mit der Stadttour gebracht, in einem Anfall von Selbstironie, erzählt er und zeigt dabei auf das berühmte "Loch", eine Baugrube, die seit elf Jahren in der Fußgängerzone klafft. Das "Große Loch" hat sogar einen Eintrag bei Google Maps, samt Bewertungen wie "erhabenes Monument kommunaler Entschlusskraft" oder "wenn du nur ein Loch in Deutschland besichtigen kannst, nimm dieses".
Buchholz verkauft auch Ansichtskarten vom Loch. "Als ich ein Kind war, stand hier die Tortenschachtel, der Kaufhof, damals das Herz der Stadt", erzählt er. Dann folgte ein Kaufhausbetreiber dem nächsten, alle scheiterten, nach einigem Leerstand kam ein Investor, der abreißen ließ, einen Neubau plante und "das Blaue vom Himmel versprach", dann jedoch ebenfalls pleiteging.
Es gibt einen neuen Investor, neue Baupläne, Teile von Oberbürgermeister Blettners Stadtverwaltung sollen einziehen, auf den Plakaten steht "Verfügbar ab 2027". "Das wird sportlich", sagt Buchholz. Schuld am Niedergang seien auch Lokalpolitiker, die dem Niedergang seit Jahrzehnten zusehen. "Es fehlt entschlossenes Handeln."
Seine Stadttour führt durch karge Hinterhöfe, vorbei an blinden Fenstern und Bauschutt. In der Fußgängerzone viel Leerstand, daneben ein Euro-Shop, ein Späti, ein "Best-Preis-Markt", eine Spielothek. Am Bürgerhof liegt eine volle Windel auf einem kaputten Stromkasten, den eine Plastikplane vor Regen schützt. Vor vielen Häusern türmt sich Sperrmüll. "Es gibt Leute, die ihn aus dem Fenster schmeißen", sagt Buchholz. Die Fassade des Arbeitsamts ist gelbgrün wie Galle. "Robuste Farbe", sagt Buchholz. "Wird uns noch lange erhalten bleiben." An der Haltestelle Danziger Platz, seit Dezember 2008 stillgelegt, hat jemand das "D" mit einem "R" übermalt.
"Es fehlt entschlossenes Handeln."
Helmut van der Buchholz, Architekturexperte
Besucher wollten sich entweder ihre Vorurteile bestätigen lassen - das seien oft die Mannheimer von der anderen Rheinseite. Oder sie treibe die Faszination des Hässlichen, sagt der Tourguide. "So wie manche Menschen anhalten und einen Verkehrsunfall filmen." Manchmal seien 200 Leute bei seiner Stadtführung dabei.
Der Niedergang habe vor Jahrzehnten begonnen. "Plötzlich ging überall das Geld aus." Ob das an BASF lag? Nachweisen könne er das nicht, sagt Buchholz. "Aber gleichzeitig begann es, dass multinationale Konzerne ihre Steuern da zahlen, wo sie denken, dass das gut für sie ist." BASF sei nun einmal ein globaler Konzern, kein Ludwigshafener.
"In der Verwaltung weiß man, dass man die BASF braucht. Ludwigshafen wird krank, wenn die BASF niest", sagt Buchholz. Aber die Stadt habe sich irgendwie damit abgefunden, dass sie nicht viel von BASF bekomme. Der Konzern sei zwar allgegenwärtig, aber "trotzdem ist die BASF wie eine Insel. So ganz weiß man nie, was da los ist."
Besuch bei Sinischa Horvat, der sich auf dieser Insel besser auskennt als die meisten anderen.
Horvat ist Betriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratschef, geboren 1976 und seit 1993 bei BASF. Ein gemütlicher Typ mit Bart und weichem Pfälzer Dialekt. Er ist einer der mächtigsten Menschen im Konzern, aber man unterschätzt ihn leicht. In seinem Büro außerhalb des Werks gegenüber Tor 1 hängt ein Poster, das ein Küken zeigt: "Kann Karate". Doch was kann ein Arbeiterführer ausrichten, wenn die Arbeit fehlt?
Foto: Martin Pötter / DER SPIEGEL
Seit sieben Jahren sei BASF im Krisenmodus. Erst Corona, dann der Ukrainekrieg und die Energiekosten, jetzt die weltweiten Überkapazitäten. "Das macht was mit den Menschen." Die älteren Kollegen gehen über die Abfindungsprogramme, die Jüngeren haben Angst um ihren Job, Angst vor der nächsten Sparrunde. "So viel Veränderung ist schwer auszuhalten." Viele Aniliner spürten ein Ohnmachtsgefühl, das entstehe, "wenn man kämpft ohne Ende, und dann wird es durch äußere Bedingungen immer noch schwieriger".
Horvat sieht, dass BASF weiter in Ludwigshafen investiert, versprochen sind bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr bis Ende 2028. Aber das Geld fließe nicht vorrangig in neue Anlagen wie die für Duftstoffe, sondern vor allem in Infrastruktur, in ein neues Gefahrenabwehrzentrum, in die grüne Transformation. "Die Investitionen sind durchaus ein Zeichen, dass man an den Standort glaubt", sagt er. "Aber sie führen nicht dazu, dass wir einen Standort haben, der nachhaltig wächst."
Für Horvat drehen sich die Gedanken bei BASF und in der gesamten deutschen Industrie viel zu sehr um Kosten und Sparen. "Das ist ein ständiges Rennen, bei dem mir schleierhaft ist, wie man das gewinnen soll", sagt er. "Was ich fast nie höre, ist die Frage, wie wir wieder besser werden können als die anderen." BASF müsse die Stärken Ludwigshafens gezielt nutzen, hier seien "die besten Leute konzentriert am größten Chemieareal der Welt".
Wenn BASF wegbricht, sagt er, verschwänden nach und nach auch Folgeindustrien. "In den vergangenen Jahrzehnten hat es Deutschland stark gemacht, dass vieles lokal hergestellt wird." Es gebe immer weniger Gründe, überhaupt noch etwas in Deutschland zu produzieren, "wenn man alles erst herschippern muss". Die Werke gingen dorthin, "wo der Eingangskanal ist".
Sieben Jahre Krise zehrten an ihm, zehrten an der eigentlich so stolzen Belegschaft. "Klar, es macht müde", sagt er. Aber er sei Optimist, müsse er sein in seinem Job. "Wir können ja nicht aufgeben."
Foto: Kathrin Werner / DER SPIEGEL
Friederike Rüd hat eine Idee, wie BASF weitermachen könnte: mit dem selbst verdienten Geld. Rüd, 74, ist BASF-Rentnerin und politisch aktiv für die Partei Die Linke. Sie hat ihre Jahresboni stets in Mitarbeiteraktien umgewandelt, nun nutzt sie ihren Aktionärsstatus für Widerstand gegen Entscheidungen, die sie falsch findet - obwohl sie von ihnen profitiert.
Man trifft sie am Lutherplatz. Kinder planschen im Brunnen, ein bröckelnder Kirchturm spendet Schatten, an der Absperrung hängen Banner eines Demokratieprojekts, das BASF sponsert. "So was machen sie lieber, als Steuern zahlen", sagt Rüd. Besonders ärgern sie die Dividenden- und Steuerpolitik des Unternehmens, für das sie drei Jahrzehnte gearbeitet hat.
BASF will im Zeitraum von 2025 bis 2028 über Dividenden und Aktienrückkäufe mindestens zwölf Milliarden Euro an die Aktionäre ausschütten. Vor allem in besseren Zeiten hätte es mehr investieren müssen, vor allem in die grüne Transformation, und höhere Rücklagen bilden müssen, kritisiert Rüd. "Das große Gejammer, dass es der BASF so schlecht geht, kann ich nicht mehr ertragen."
Bei der Hauptversammlung vor zwei Jahren hat sie eine Rede gehalten und die "Steueroptimierung" kritisiert. Sie zitierte eine Studie der Europäischen Grünen, die für den Zeitraum von 2010 bis 2014 herausgefunden haben will, dass BASF mehr als 900 Millionen Euro Steuern vermieden habe durch "ein perfides System", das vor allem darauf fuße, Gewinne in Steueroasen zu besteuern. Die BASF-Manager antworteten, der Konzern halte sich an geltendes Recht.
Demokratieprojekte zu fördern sei schön, sagt Rüd, aber reiche nicht. "Man kann das doch niemandem erklären: Hier sitzt ein Unternehmen, das über Jahrzehnte hinweg Milliarden verdient und ausgeschüttet hat", sagt sie. "Und gleichzeitig müssen sie in Ludwigshafen die Fenster an Schulen zunageln, damit die Scheiben nicht rausfallen." Hier Steuern zu zahlen, sagt Rüd, sei wirklich gut für die Demokratie.
Kriselnder Chemiekonzern: BASF-Chef verteidigt Milliardeninvestitionen in China 2 Min
Fünf Menschen, fünf Antworten. Die gemeinsame Erkenntnis: Die deutsche Deindustrialisierung hat begonnen. Schrumpfen und Sparen werden nicht reichen, um sie aufzuhalten. Es braucht Ideen und Investitionen. In Deutschland, nicht in China.