LKA warnt vor kriminellen Großfamilien: Syrischer Clan-Chef hat in Leipzig 32 Kinder

Johannes Proft

Thomas Fischer

23.08.2026 - 08:58 Uhr

"Der Bund wird künftig auch nach Syrien und nach Afghanistan abschieben." (aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung vom 5. Mai 2025).

Polizei-Einsatz an der Eisenbahnstraße. Hier haben syrische Clans das Kommando übernommen
Foto: SPM Gruppe/Tom Richter

Eine dringende Warnung des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA) hat in dieser Woche für Schlagzeilen gesorgt: In Leipzig haben sich vier syrische Großfamilien, "Clans", mit insgesamt bis zu 1000 Mitgliedern breitgemacht. Immer und immer wieder fallen Clan-Mitglieder durch Straftaten auf: von Verkehrsdelikten über Drogenhandel, Geldwäsche, Schleusung und Bedrohung bis zu gefährlicher Körperverletzung, Raub und Sozialbetrug.

Gefährliches Netzwerk: Dieses Geflecht stellt die Beziehungen in dem syrischen Clan dar
Foto: LKA Sachsen

Der Clan mit 32 Kindern

Eine der vier syrischen Großfamilien steht dabei besonders im Fokus der Ermittler. Fast zwei Drittel der Kernfamilie sollen bereits mit Straftaten aufgefallen sein. Ihr Oberhaupt, der Patriarch, soll nach islamischem Recht mit mindestens drei Frauen verheiratet sein. Nach Angaben des LKA hat der Patriarch mindestens 32 Kinder und mindestens 25 Enkel. Für 32 Kinder kommen in Deutschland allein fast 100.000 Euro Kindergeld im Jahr zusammen. Wären z. B. fünf Kinder schon erwachsen, kämen für die restlichen 27 knapp 84.000 Euro zusammen.

Der Clan ist jedoch kein Einzelfall. Das sächsische Innenministerium bestätigt gegenüber BILD: "Die Polizei registrierte ca. 130 Personen, die dem syrischen Clan-Milieu im Raum Leipzig zuzurechnen sind, als aktenkundig."

Markus Lanz (57) und Dennis Radtke (47, r.) am 20. August im TV
Foto: ZDF und Cornelia Lehmann

Am Donnerstagabend erklärte der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke (47) in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" zur Geschichte des Patriarchen mit den 32 Kindern: "Natürlich ist das unerträglich. Und es ist auch schwer zu akzeptieren, dass sich der Rechtsstaat in vielen Fällen, im Übrigen auch durch Gerichtsentscheidungen, an diesen Leuten die Zähne ausbeißt."

Wer ist der Patriarch von Leipzig?

Zur Identität des Patriarchen hält sich das LKA, Dezernat Organisierte Kriminalität, bedeckt. Der Grund: Datenschutz - schließlich seien nicht alle Mitglieder des Clans Straftäter. Aber viele. So ist über das Clan-Oberhaupt so gut wie nichts bekannt, er ist ein Gespenst sozusagen. Dafür haben die Regionalzeitungen "Leipziger Volkszeitung" und "Sächsische Zeitung" schon viel über drei erwachsene Söhne des Patriarchen berichtet.

"King Bilal" - dieses Graffiti wurde in der Torgauer Str. an eine Waschstraße geschmiert
Foto: Silvio Buerger

Vor allem über Bilal A. (inzwischen 21), der sich in Leipzig per Graffiti als "King Bilal" verewigt hat. Der King, der keine Fahrerlaubnis hat, raste im März 2023 mit einem dicken Mercedes auf der B87 bei Eilenburg vier Menschen tot. Er selbst überlebte verletzt, flüchtete von der Unfallstelle, wurde geschnappt. Das Urteil: dreieinhalb Jahre Jugendhaft. Bilal A. ging natürlich in Berufung und fuhr weiter Auto, ließ sich erneut ohne Führerschein am Steuer erwischen. Hinzu kamen weitere Vorwürfe und Verfahren wegen Drogenhandels, Bedrohung und Sachbeschädigung.

"Er hat nie Reue gezeigt", sagt Rechtsanwalt Jan Siebenhüner, der die Hinterbliebenen zweier Unfallopfer vor Gericht vertrat. Er erklärte der "Sächsischen Zeitung" vor einem Jahr, wie die Clan-Mitglieder sich auch nach schweren Straftaten vor einer drohenden Abschiebung schützen: "Manche schauen, dass sie deutsche Staatsbürger werden." Die Alternative: Nachwuchs zeugen. "Der Artikel 6, der Schutz der Familie, ist ein sehr scharfes Schwert", so Siebenhüner. Heißt: Sind Kinder da, kann die Familie nicht zerrissen werden, die Kleinen kann man ja auf keinen Fall nach Syrien abschieben.

In Deutschland ist Bilal A. seit 2015, illegal eingereist. Der damals Minderjährige wurde seinem bereits früher nach Deutschland geflüchteten Vater zugewiesen.

Anwalt Jan Siebenhüner hat eine Opferfamilie des von Bilal A. verursachten Unfalls vor Gericht vertreten
Foto: Christian Schroedter

Im Lokal "Goldener Löwe" kam es am 11. Juni 2025 zu einer Drogenrazzia. Das Lokal ist inzwischen geschlossen, soll zur Familie A. gehört haben
Foto: NEWS5

Task Force gegen Clan-Kriminalität

Die im Oktober 2023 beim LKA gegründete "Task Force Clan" hat bereits mehr als 40 größere Einsätze durchgeführt. Es geht um "Gewalt- und Eigentumsdelikte, Betäubungsmittelhandel, Geldwäsche, Steuerdelikte, Urkundenfälschungen sowie Sozialleistungsbetrug". In einem der Prozesse gegen die Söhne des Patriarchen hat ein Leipziger Amtsrichter die Familie so charakterisiert: eine "Parallelgesellschaft ohne jedes Integrationsbemühen".

Auch Bilals ältere Halbbrüder Mohamed A. und Rami A. tauchen immer wieder in Gerichtsakten auf. Mohamed A. war u. a. an einem Überfall auf einen Fahrgast in einer Straßenbahn beteiligt. 2022 bereitete er einen Drogendeal mit fast fünf Kilogramm Crystal Meth vor. Ermittler stoppten den Mercedes-AMG mit der hochgefährlichen synthetischen Droge. Im Auto auch: ein Aluminium-Baseballschläger, Rundhölzer und Messer. Das Urteil: viereinhalb Jahre Haft wegen bewaffneten Handels mit Drogen.

Rami A. geriet ebenso wegen Gewaltdelikten und Drogenhandels ins Visier der Ermittler. Außerdem soll er Sozialleistungen kassiert haben, obwohl er zugleich in einer Bar der Familie ("Goldener Löwe", inzwischen geschlossen nach erfolgreichen Drogenrazzien) arbeitete.

Viele Verfahren gegen Clan-Mitglieder eingestellt

Viele Verfahren gegen Clan-Mitglieder wurden im Laufe der Jahre eingestellt: Zeugen erschienen nicht vor Gericht. Komisch. In anderen Fällen wurden Taten nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung nicht weiter verfolgt, weil in einem anderen Verfahren eine höhere Strafe zu erwarten war. Heißt: Eine Körperverletzung wird nicht weiterverfolgt, wenn dem Beschuldigten auch noch Drogenhandel vorgeworfen wird. Das nennt man Ökonomie.

Syrer-Clans schleusen Landsleute nach Deutschland

Bilal A. (r.) zeigt sich vom deutschen Rechtssystem unbeeindruckt
Foto: Privat

Festnahme eines Verdächtigen. In Leipzig durchsuchte die Polizei am 21. April rund 50 Gebäude. Hintergrund war, dass Syrer Ausweisdokumente in ihr Heimatland geschickt haben sollen
Foto: NEWS5

Zum Geschäft der Syrer-Clans gehört auch die Schleusung von Landsleuten: Im April 2026 gab es eine große Razzia: 50 Wohnungen und Geschäfte in Leipzig und Umgebung wurden durchsucht. Gegen rund 50 Syrer wird ermittelt, weil sie ihre eigenen Ausweise nach Syrien geschickt haben sollen, damit ähnlich aussehende Landsleute mit den Dokumenten unter falscher Identität nach Deutschland einreisen konnten.

Was ist also mit dem Koalitionsversprechen der Bundesregierung? Im Dezember 2025 wurde zum ersten Mal ein Schwerverbrecher nach Syrien abgeschoben. Einer. Drei weitere Abschiebungen von syrischen Straftätern soll es im Januar 2026 gegeben haben. Der Bürgerkrieg in Syrien ist vorbei, Diktator Assad längst nach Moskau geflüchtet.

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Bilal A. (2017 als Flüchtling anerkannt) sitzt seit Kurzem dann doch in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen ein. Hat der "King" immer noch ein Recht, in unserem Land geschützt zu werden? Mandy Peschang von der Landesdirektion des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF): "Gegenwärtig ist ein Widerrufsverfahren beim BAMF anhängig, solange besteht Schutzstatus."

Ob der Patriarch seinen Sohn schützen kann, wird man kaum erfahren. Es gilt der Datenschutz.


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