Wolfgang Kubicki "Diskutieren Brandmauer, als sei sie Teil der Verfassung. Ist sie aber nicht"

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Jacques Schuster

Thorsten Jungholt

Stand: 21.04.2026 07:45 Uhr Lesedauer: 9 Minuten

FDP-Vorsitzkandidat Kubicki sagt, dass viele Bürger angesichts der "Problemlösungskompetenz" von Schwarz-Rot verzweifelten. Die "Brandmauer" erklärt er für grundfalsch: Die AfD werde gewinnen, wenn Koalitionen immer auf Union plus irgendwer hinausliefen.

Wolfgang Kubicki
Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

Wolfgang Kubicki, 74, ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP. Der frühere Bundestagsvizepräsident kandidiert für den Parteivorsitz.

WELT AM SONNTAG: Herr Kubicki, am Montag feierte sich die Koalition selbst - wegen der befristeten Steuersenkung um 17 Cent auf den Liter Benzin und der Möglichkeit steuerfreier Einmalzahlungen der Arbeitgeber. Inwieweit erinnern Sie Auftritt und Ergebnis an Ihre Zeit in der Ampelkoalition?

Wolfgang Kubicki: Auch die Ampel-Koalition vermochte rhetorisch den Eindruck zu erwecken, man sei ausgesprochen stark in der Bewältigung der Wirtschaftskrise. Das Gegenteil ist eingetreten. Bei der aktuellen Regierung ist es noch schlimmer, weil das Gesagte mittlerweile das genaue Gegenteil dessen ist, was die Menschen erleben. Union und SPD sprechen von Entlastung, aber tatsächlich bleibt sie aus. Wenn 60 Prozent des Benzin- und Dieselpreises aus staatlichen Abgaben und Steuern bestehen, dann sind von der Differenz zwischen dem Preis vor dem Krieg und dem heutigen Preis 36 Cent staatlich bedingt. Gesenkt wird nicht mal um die Hälfte dessen, was der Staat zusätzlich hat, das ist eine Schweinerei.

Dann wird von Entlastung geredet, indem man Arbeitnehmern 1000 Euro verspricht, die der Arbeitgeber zahlen soll - obwohl viele Unternehmen mit ihrer Kostenstruktur jetzt schon kaum noch zurechtkommen. Dass bei den Menschen die blanke Verzweiflung über mangelnde Problemlösungskompetenz der politischen Klasse herrscht, ist da kein Wunder.

WAMS: Auch Sie haben starke marktwirtschaftliche Reden gehalten. Aber als Sie in der Regierung waren, hat die FDP ebenfalls Tankrabatt und Einmalzahlung beschlossen.

Kubicki: Ich saß in keiner Regierung. Sie können sagen, die FDP war an der Koalition beteiligt. Das stimmt. Aber meine Möglichkeiten waren begrenzt. Das Schicksal ist gelegentlich so, dass Sie bloß Rufer in der Wüste sind. Die wird nicht deshalb bewässert, weil Sie rufen. Dann müssen Sie raus aus der Wüste. Ich stand also mehrmals vor der Frage: die Veranstaltung sprengen oder weiter loyal mittragen? Ich bin oft an die Grenze gegangen.

WAMS: Im letzten Jahr sagten Sie voraus, Christian Lindner werde zurückkommen. Ist Ihre Entscheidung, jetzt doch Parteivorsitzender zu werden, auch eine Reaktion darauf, dass Lindner definitiv gesagt hat: Ich mache es nicht?

Kubicki: Ich habe nicht gesagt, Christian Lindner kommt innerhalb eines halben Jahres zurück. Immerhin äußert er sich mittlerweile wieder politisch. Er wird kein parteipolitisches Amt übernehmen, aber sich allgemein politisch einmischen - und die Tatsache, dass er mich angeschrieben und mit mir telefoniert hat, um zu sagen: "Du musst es machen", deutet darauf hin, dass ihm die FDP nicht egal ist, obwohl er sich aus den innerparteilichen Diskussionen wirklich raushält.

WAMS: Warum glauben Sie, dass ausgerechnet Ihnen gelingen kann, die Partei wieder auf Erfolgskurs zu bringen?

Kubicki: Weil Sie gerade mit mir reden. Das würden Sie nicht tun, wenn Sie die FDP für abgeschrieben hielten.

WAMS: Zuweilen sprechen wir auch mit Verlierern.

Kubicki: Seit Ostern hatten wir mehr Medienpräsenz als im gesamten letzten Jahr zusammen. Ich habe meine Kandidatur erklärt, und plötzlich sind wir in den Hauptnachrichtensendungen. Mit Kommentaren, in denen ernsthaft erörtert wird, ob Kubicki das wieder schaffen könnte. Da sagte meine Frau: Die Republik fliegt aus den Angeln, es gibt Kriege überall - und jetzt kommst du und wirst mit der FDP Topmeldung. Das Problem bislang war doch, dass die Menschen die Partei seit über einem Jahr gar nicht mehr wahrnehmen. Wahrnehmbarkeit ist aber die erste Voraussetzung dafür, dass man Menschen überhaupt erreichen kann.

WAMS: Ihre Lebensplanung war eine andere. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, es nun doch zu machen?

Kubicki: Meine Frau. Sie war am Ende diejenige, die sagte: Ich will nicht mit einem Mann zusammen sein, der sich selbst und mir vorwirft, er habe den Verein, in dem er seit 56 Jahren tätig ist und der politische Heimat ist, vor die Hunde gehen lassen, ohne die Rettung wenigstens versucht zu haben. Unser bisheriger Vorsitzender Christian Dürr war sehr engagiert, aber er ist leider nicht ausreichend durchgedrungen.

Und wenn ich glauben würde, dass mein Gegenkandidat Henning Höne genauso schnell in der Lage wäre wie ich, die FDP auf Bundesebene wieder präsent zu machen, dann würde ich sagen: Mach es. Aber sein Bekanntheitsgrad ist noch nicht ausreichend. Das braucht auch Zeit. Selbst ich habe sehr lange dafür gebraucht. Wenn ich gewählt werde, würde ich mich freuen, wenn Henning als Stellvertreter weiter macht.

"Weder Wolfgang Kubicki noch ich wollen den Liberalismus neu erfinden"

FDP-Politiker und NRW-Landesvorsitzender Henning Höne bewirbt sich trotz Konkurrenz durch Wolfgang Kubicki weiter um den Parteivorsitz. Damit spitzt sich der Machtkampf zu. Höne fordert einen Neustart, aber keine neue Definition des Liberalismus.
Quelle: WELT TV

WAMS: Nach den jüngst verlorenen Landtagswahlen hatte Ihnen Marie-Agnes Strack-Zimmermann angeboten, mit ihr zusammen eine Doppelspitze zu bilden. Warum haben Sie abgelehnt?

Kubicki: Erstens: Satzungsrechtlich ist eine Doppelspitze so schnell gar nicht möglich. Zweitens: Sie hat mich vorher nicht gefragt. Es widerstrebt meinem Charakter, wenn andere Leute über mich verfügen wollen. Und drittens, weil ihre Erklärung war, sie habe in Europa zu viel zu tun, deshalb werde sie Bundesvorsitzende, und die Arbeit solle der andere machen. Diese Arbeitsteilung finde ich nur begrenzt attraktiv. Außerdem glaube ich nicht, dass wir in allen inhaltlichen Fragen zusammenpassen. Sonst mag ich sie ja, weil sie forsch ist. Wir können robust streiten, ohne uns wechselseitig beleidigt zu fühlen.

WAMS: Warum ist die Partei geistig und personell so ausgeblutet, dass Sie mit 74 Jahren ranmüssen?

Kubicki: Ich bestreite, dass sie geistig und personell ausgeblutet ist. Wir haben eine ganze Reihe junger, dynamischer und guter Kräfte. Von denen werden sich einige für die Hauptrolle herausbilden.

WAMS: Sie selbst sagten eben, wie wenig Ihre Parteifreunde im vergangenen Jahr in der Öffentlichkeit durchdrangen und wie floskelhaft vieles ist.

Kubicki: Ja, das liegt daran, dass wir uns jetzt alle unterhaken und beisammenbleiben wollen. Niemanden zu verlieren heißt am Ende aber oft, alle zu verlieren. Zu wenige bei uns haben verinnerlicht, dass man vor Shitstorms keine Angst haben muss. Wenn etwas gemacht werden muss und es Ärger geben könnte, sagen immer alle: Der Kubicki soll vor die Kameras. Dann kann ich auch gleich den Vorsitz machen.

WAMS: Man hat nicht den Eindruck, der Liberalismus werde in Deutschland vermisst.

Kubicki: Das kann ich so nicht bestätigen. Die Vielzahl der Einladungen, die ich gerade bekomme, hat doch etwas damit zu tun, dass die Leute nicht nur ein lustiges Kerlchen sehen wollen, sondern sich wiederfinden wollen in einem Zukunftsoptimismus und in der Verteidigung eines bestimmten Gesellschaftsbildes. Wir sollten wieder ein bisschen mehr Ludwig Erhard wagen. Wir sollten uns wieder zu den Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft bekennen. Der Staat darf nicht Player auf dem Spielfeld sein, sondern Schiedsrichter. Mehr staatliche Eingriffe führen nicht zu mehr Wohlstand, sondern zu weniger. Die Schweiz hat eine Staatsquote von 32 Prozent, Deutschland eine von 51 Prozent. Noch Fragen?

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WAMS: Guido Westerwelle hatte einst das "Projekt 18". Was schwebt Ihnen vor?

Kubicki: Zunächst schwebt mir vor, die FDP nach einem Jahr bitterböser Bedeutungslosigkeit wieder in die Nähe von fünf Prozent zu heben. Das ist die erste Voraussetzung. Momentan legen wir in den Umfragen zu. Das ist noch kein Kubicki-Effekt. Der Kubicki-Effekt beginnt bei sechs Prozent. Dann ist die Hürde überwunden. Was mir vorschwebt? Wir haben 2017 10,7 Prozent geholt, 2021 11,4 Prozent. Ein Anspruch darunter ist für einen Kampfsportler wie mich kein wirklicher Anspruch.

WAMS: Sehen Sie in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern noch Chancen für die FDP?

Kubicki: Ich gebe nichts verloren. Denn nicht alle, die dort momentan AfD wählen wollen, gehören in einen rechtsradikalen Haufen. Viele sind einfach frustriert. Genau das erklärt die Angst der Union. Stellen Sie sich mal vor: SPD, Grüne und FDP fliegen dort aus dem Landtag. Dann hat die Union nur noch die Chance auf eine Art Volksfrontregierung mit der Linken gegen die AfD. Wenn das die einzige Alternative ist, dann gewinnt die AfD, weil die Leute die Nase voll davon haben, immer nur von Union plus irgendwem regiert zu werden.

WAMS: Ein verbreitetes Erklärungsmuster der Politikwissenschaftler lautet: Wenn Wolfgang Kubicki FDP-Chef wird, öffnet sich die Partei dem Rechtspopulismus und bereitet einer Zusammenarbeit mit der AfD den Weg. Ist das so?

Kubicki: Politikwissenschaftler? Das sind Meister der Nachanalyse. Wenn ich politischer Konkurrent der FDP wäre, würde ich das auch behaupten. Wenn ich ein interessiertes Medium wäre - etwa der "Spiegel" -, würde ich das ebenfalls tun. Rudolf Augstein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er feststellen müsste, dass das Eintreten für Meinungsfreiheit und Grundrechte plötzlich rechtspopulistisch sein soll.

WAMS: Bauen Sie an der "Brandmauer" zur AfD mit? Anders gefragt: Wie lange kann man eine Partei, die 20 Prozent der Stimmen bekommt, ignorieren?

Kubicki: Ich kenne keine Brandmauer. Wir diskutieren sie, als sei sie Teil der Verfassung. Ist sie aber nicht. Ich stelle auch immer wieder fest, dass mit dem Begriff Unterschiedliches verbunden wird. Ich bin für eine harte politische Abgrenzung zur AfD, aber nicht für eine Ausgrenzung. Wir machen die AfD doch nicht kleiner, indem wir erklären, sie sei böse und rechtsradikal, und man müsse sich mit ihren Argumenten gar nicht befassen.

Ich muss mich vor der AfD nicht verstecken. Ich lasse mich von denen nicht beeindrucken. Ich weiche keiner Diskussion aus und setze mich mit der AfD in der Sache auseinander. Austritt aus der EU, Abschaffung des Euro, Abzug der US-Armee aus Deutschland - die AfD ist in vielen Punkten schlicht irre und deshalb überhaupt nicht koalitionsfähig.

WAMS: Welche drei Themen wollen Sie als Parteichef, falls Sie gewählt werden, in den Vordergrund stellen?

Kubicki: Erstens: Wir müssen in Deutschland wieder eine Mentalität entwickeln, in der wir stolz auf Erfolg sind, statt ihn zu neiden. Zweitens: Bildung. Es ist ja nicht nur die Ausstattung und die Lehrerausbildung. Wenn Sie Schulen haben, in denen drei Viertel der Kinder kein Deutsch sprechen, was soll aus diesen Kindern werden? Drittens: Verteidigung des Rechtsstaats und Schutz von Familie und Eigentum. Beides ist im Grundgesetz besonders geschützt; deshalb sind Vorhaben wie die Abschaffung des Ehegattensplittings oder höhere Erbschaftsteuer rechtlich wie politisch ein Riesenproblem.

WAMS: Wenn Sie Parteivorsitzender werden - wie lange wollen Sie es bleiben?

Kubicki: Wir stellen uns jetzt erst einmal für ein Jahr zur Wahl. Und am Ende dieses Jahres wird sich zeigen, ob es gelungen ist, die FDP aus der Bedeutungslosigkeit herauszuführen. Wenn wir im Mai nächsten Jahres in Umfragen immer noch bei zwei Prozent stehen, dann kann auch Wolfgang Kubicki nicht mehr helfen. Kurz: Ich bin nicht die Zukunft der FDP. Aber ich will, dass die Partei eine Zukunft hat.

WAMS: Sehen Sie auch die Möglichkeit, externe Persönlichkeiten für die Partei zu gewinnen?

Kubicki: Ja. Das ist sogar mein Ziel. Ich bin mit einigen auch schon in Gesprächen. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Aber wir leiden wie jede politische Partei nicht unter zu viel Kompetenz.


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