14.02.2026, 17:51 Uhr
Ukrinform/ABACA/imago
Während sich die Ukraine mit enormem militärischen und gesellschaftlichen Einsatz gegen die russische Invasion verteidigt, wird das Land von einem innerstaatlichen Problem geschwächt, das sich nicht bombardieren lässt. Es ist kein Werk des Kremls, hat nichts mit der Rückkehr Donald Trumps oder den aus ukrainischer Sicht oft zögerlichen Hilfen aus Europa zu tun. Es handelt sich um ein strukturelles Virus, das tief in den Machtmechanismen der Ukraine verankert ist: Korruption.
Vor diesem Hintergrund fällt der neue Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) von Transparency International ernüchternd aus. Zwar verbesserte sich die Ukraine um einen Punkt und belegt nun Rang 104 von 182 Staaten. Doch der minimale Zuwachs dürfte weniger ein Reformdurchbruch sein. Die NGO selbst spricht von keinem strukturellen Fortschritt im kriegsgebeutelten Land. Die Ukraine befindet sich im Index somit zwischen Ländern wie Belize und Sri Lanka.
"Das vergangene Jahr war kein Jahr tiefgreifender Antikorruptionsveränderungen", sagt Andrii Borovyk, Geschäftsführer von Transparency International Ukraine, gegenüber der Ukrajinska Prawda. Der Index spiegle vor allem eine veränderte Wahrnehmung wider - ausgelöst durch gesellschaftlichen Druck und einzelne Ermittlungen -, nicht aber eine konsistente politische Strategie gegen Korruption.
Die Regierungspolitik unter Präsident Wolodymyr Selenskyj kommt bei den Antikorruptionsexperten im Land grundsätzlich nicht gut weg. Der beim Index erreichte Punktgewinn wirke daher eher wie ein Vertrauensvorschuss. "Wir erleben ein vollständiges ethisches Nein der ukrainischen Gesellschaft zur Korruption. Dieser Faktor ist für die politische Führung inzwischen unmöglich zu ignorieren", so Borovyk.
Oleksandr Khomenko/imago
Doch dieser gesellschaftliche Druck ist kein Verdienst der politischen Führung in Kiew. Im Gegenteil: Rückblickend auf das Jahr 2025 fällt es selbst wohlwollenden Beobachtern schwer, grundlegende Reformen auszumachen. Mehrere Gesetzesvorhaben zur Stärkung der Antikorruptionsbehörden wurden verschleppt oder verwässert. Besonders deutlich wurde dies im vergangenen Sommer, als ein Gesetzentwurf im Parlament die Unabhängigkeit des Nationalen Antikorruptionsbüros (Nabu) und der Spezialstaatsanwaltschaft (Sapo) beschneiden sollte. Erst nach massiven öffentlichen Protesten und Warnungen internationaler Partner wurden die weitreichendsten Passagen von Selenskyjs Mannschaft zurückgenommen.
"Die Aktivität der Strafverfolger ist nicht das Ergebnis politischen guten Willens oder innerer Selbstreinigung", betont Borovyk. Vielmehr seien die Korruptionsfunde Ausdruck der institutionellen Autonomie von Nabu, Sapo und den Antikorruptionsgerichten. Diese hätten Ermittlungen selbst dann vorangetrieben, "als der politische und administrative Druck spürbar zunahm", so Borovyk. Dass ausgerechnet Personen aus dem engeren Umfeld des Präsidenten ins Visier von Ermittlungen gerieten, habe die Nervosität in der politischen Elite zusätzlich erhöht. Stichwort: Andrij Jermak.
Der aufsehenerregendste Fall war die Minditsch-Affäre im Herbst, bei der es um Korruption im Energiesektor und im Umfeld staatlicher Beschaffungsstrukturen ging. Der Fall fügte sich in eine Serie von Skandalen ein, die den Eindruck verstärkten, dass Korruption nicht nur ein historisches Erbe für die Ukraine ist, sondern sich unter den Kriegsbedingungen ganz neue korrupte Systeme geschaffen haben. Die Historikerin und Ukraine-Expertin Marta Havryshko, die auch für die Berliner Zeitung als Kolumnistin tätig ist, sagt im Gespräch: "Die korruptionsanfälligsten Sektoren sind jene, die mit dem Krieg und dem Wiederaufbau verbunden sind: Infrastruktur, Energie sowie Sicherheit und Verteidigung."
Gerade dort konzentrierten sich enorme staatliche Ausgaben und internationale Hilfsgelder. "Diese Bereiche bieten erhöhte Möglichkeiten für Rent-Seeking, Fehlallokationen und komplexe Korruptionsschemata", sagt Havryshko. Dies betreffe insbesondere die Beschaffung und Projektvergabe. Da ein erheblicher Teil westlicher Finanz- und Militärhilfen in diese Sektoren fließe, steige nicht nur das finanzielle Risiko, sondern auch das politische. "Für internationale Partner wird es zunehmend schwieriger, zwischen notwendiger Geheimhaltung im Krieg und intransparenter Mittelverwendung zu unterscheiden", so die Ukraine-Expertin.
Für die westlichen Unterstützer der Ukraine wird Korruption damit zunehmend zu einem strategischen Problem. Milliardenhilfen sollten die Ukraine beim Krieg unterstützen und den Wiederaufbau vorbereiten. Stattdessen landen Gelder in einem System, dessen Transparenz selbst ukrainische Experten infrage stellen. In Brüssel und Washington wächst die Befürchtung, dass man über Jahre ein Fass ohne Boden finanziert hat. Insgesamt haben EU und die Mitgliedstaaten seit Februar?2022 etwa 193 Milliarden Euro an Unterstützung für die Ukraine mobilisiert.
Entsprechend gedämpft fallen die Erwartungen für eine nachhaltige Verbesserung in Korruptionsfragen aus. Havryshko spricht von einer inkonsistenten und politisierten Arbeit zentraler Antikorruptionsstellen. "Ermittlungsergebnisse sind schwer vorhersehbar und verlieren dadurch an Glaubwürdigkeit", sagt sie. Hinzu komme ein mediales Phänomen: Ranghohe Korruptionsenthüllungen entwickelten sich zunehmend zu seriellen Skandalen mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Echte juristische Konsequenzen seien jedoch begrenzt. Das untergrabe die Abschreckungswirkung und schade dem Investitionsklima.
Auch Borovyk warnt vor falschem Optimismus. Der Korruptionsindex messe nicht das tatsächliche Ausmaß von Bestechung, sondern die Wahrnehmung von Experten und Unternehmen im In- und Ausland. Dass diese Wahrnehmung sich leicht verbessert habe, sei auch Ausdruck dessen, dass Ermittlungen und Proteste sichtbar geworden seien. "Ohne funktionierende Institutionen hätte niemand diese Behörden verteidigt. Stattdessen kam es zum ersten großen sozialen Protest seit Beginn des russischen Großangriffs."
Lian Yi/imago
Transparency International verweist dennoch darauf, dass der Punktzuwachs nicht völlig zufällig zustande kam. Besonders deutlich sei dies in Teilaspekten geworden, die die tatsächliche Verantwortlichkeit von Amtsträgern messen. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung habe die Ukraine gleich mehrere Punkte hinzugewonnen. So erkennen auch andere Organisationen, dass Ermittlungen, Anklagen und Verfahren immer stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. "Dieser Punkt wurde nicht durch politische Versprechen gewonnen, sondern durch konkrete prozessuale Schritte", so Borovyk.
Zugleich bleibt die Lage im Land fragil. Ohne systemische Reformen lasse sich selbst die engagierteste Ermittlungsarbeit nicht verstetigen, warnt Transparency International Ukraine. Für 2026 fordert die Organisation unter anderem die uneingeschränkte Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden, effizientere Vermögenskonfiskationen, eine Reform der Strafprozessordnung und die vollständige Umsetzung der staatlichen Antikorruptionsstrategie. Der eine zusätzliche Punkt im Index sei daher kein großer Erfolg, sondern eher eine Mahnung an kommende Jahre, so der Tenor in der ukrainischen Presse.
"Korruption ist für die Ukraine längst keine moralische Frage mehr, sondern eine der physischen Sicherheit", sagt Borovyk. Schließlich seien systemrelevante Bereiche wie die Energieversorgung, Verteidigungsfähigkeit und das Vertrauen der Bevölkerung betroffen. Und natürlich das Vertrauen der westlichen Partner.