Ein Interview von Juliane von Mittelstaedt o
29.06.2026, 08.05 Uhr
SPIEGEL: Herr Mor, wie bringt man einen Iraner dazu, zum Spion für Israel zu werden?
Mor: Oft ist es Geld. Manche wollen nach Europa oder Amerika auswandern. Oder jemand aus der Familie braucht eine Operation, die in Iran nicht möglich oder zu teuer ist. Dabei helfen wir. Und nicht selten sind die Leute auch gegen das Regime. Es wird aber nie richtig Druck ausgeübt. Jemand, der mithilfe von Drohungen oder Erpressung angeworben wurde, ist nicht vertrauenswürdig.
Jonathan Mor, Ende sechzig, wurde in den Niederlanden geboren, konvertierte zum Judentum, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an. Anfang der Achtzigerjahre absolvierte er seinen Armeedienst in Israel und wurde vom Militärgeheimdienst rekrutiert. Später machte er eine Ausbildung als Hotelmanager, zog wieder in die Niederlande, wo ihn der Mossad im Jahr 2001 anwarb. Seine Aufgabe: als Geschäftsmann auftreten und Zielpersonen umwerben. Nach rund 20 Jahren schied er aus dem Dienst aus, nun hat er ein Buch über sein Leben als Spion veröffentlicht, zusammen mit dem niederländischen Journalisten Silvan Schoonhoven (im Bild rechts). Der SPIEGEL hat von Mor zur Verfügung gestellte Unterlagen geprüft; ein Ex-Mossad-Mann hat zudem bestätigt, dass dieser in der beschriebenen Position tätig war. Einzelne Operationen konnten nicht überprüft werden. Jonathan Mor ist ein Pseudonym, dem SPIEGEL ist sein wahrer Name bekannt.
SPIEGEL: Wie haben Sie diese Leute gefunden?
Mor: Das wird im Mossad-Hauptquartier in Tel Aviv entschieden. Sie überlegen sich, dass sie jemanden in einem bestimmten Bereich rekrutieren wollen, etwa einen hochrangigen Mitarbeiter einer Telefongesellschaft in Iran. Diese Person suchen sie, hören wochen-, vielleicht sogar monatelang ihre Telefongespräche ab, lesen ihre Mails. Sie stellen eine Akte zusammen, die an eine Mossad-Station geht, etwa in Berlin oder Brüssel. Zusammen mit den dortigen Kollegen habe ich dann überlegt, wie wir an diese Person herankommen.
SPIEGEL: Und wie?
Mor: Meine Aufgabe war es, den reichen Geschäftsmann zu spielen, aus Südafrika, Belgien, Österreich oder Deutschland. Unsere Zielperson hat einen Bruder, sagen wir, in Dänemark? Gut, dann kontaktieren wir diesen Bruder, schlagen ihm ein Geschäft mit unserer Tarnfirma vor oder heuern ihn als Berater an. Es gibt vier, fünf Treffen in verschiedenen Städten in Europa oder Asien, wo er von uns verwöhnt wird: beste Restaurants, Clubs, Hotels. Er wird von uns bezahlt für seine vermeintliche Arbeit. Und eines Tages sagen wir, dass wir auch in Iran gern Geschäfte machen wollen. Ob er da nicht jemanden kennt, der vielleicht helfen kann? Meist sagt er dann, ich habe da diesen Bruder, der hat zwar einen guten Job, der würde aber gern noch etwas zusätzlich verdienen. Er überzeugt seinen Bruder, nach Europa zu kommen, und dann treffen wir uns.
SPIEGEL: Wie lange dauert es, das Vertrauen solcher Leute zu gewinnen?
Mor: Monate, manchmal bis zu zwei Jahre, bis jemand wirklich rekrutiert ist und weiß, dass er für einen Geheimdienst arbeitet. Am Anfang erwecken wir manchmal den Eindruck, dass wir auf Industriespionage aus sind. Das finden viele nicht so schlimm. Sie liefern Informationen - und werden mehr und mehr hineingezogen. Nach jedem Treffen wird ein Bericht für die Zentrale in Tel Aviv geschrieben. Dort wird auch entschieden: Okay, jetzt ist die Person so weit, wir können den nächsten Schritt machen.
"Wir wissen, was unsere Zielperson sich wünscht, weil wir sie abhören."
Jonathan Mor, Ex-Agent
SPIEGEL: Schildern Sie doch einmal den Moment, in dem Sie jemandem sagen, dass Sie ihn für den Mossad anwerben wollen.
Mor: Auch diese Entscheidung treffen wir nicht selbst, sondern die höheren Offiziere in Tel Aviv, zusammen mit Psychologen. Oft lenken wir unsere Gespräche vorher schon mal wie zufällig in diese Richtung, um zu hören: Wie denkt unsere Zielperson über Israel? Über das Regime in Iran? Der Moment an sich ist schon aufregend. Häufig ist es so, dass ein anderer Agent dazukommt. Ich sage: Das ist ein Freund von der CIA, der will mal mit dir reden und der kann dir dabei helfen, deine Familie aus Iran herauszuholen. Oder etwas anderes in dieser Art. Wir wissen ja, was unsere Zielperson sich wünscht, weil wir sie abhören.
SPIEGEL: Wie oft schöpfen solche Leute Verdacht, dass der Mossad sie anwerben will?
Mor: Sehr selten. In all den Jahren ist es mir nur zweimal passiert, dass jemand gesagt hat: Ich weiß, wer ihr seid - und das Ganze abbricht.
SPIEGEL: Wie viele Personen haben Sie in Ihrer Zeit beim Mossad angeworben?
Mor: Zwischen 50 und 60. Es waren viele Wissenschaftler, manchmal auch Militärs. In der Mehrheit Iraner, aber auch Libanesen, Syrer, Sudanesen und im Ausland lebende Mitglieder der Hamas.
Foto: Irib News Agency / AFP
SPIEGEL: An Tötungsoperationen waren Sie nicht beteiligt?
Mor: Nein, das machen die jungen Kämpfer, die Kidonim. Aber zwei-, dreimal habe ich mit ihnen zusammengearbeitet. Einmal im Sudan, da habe ich mich als Führungskraft von TUI ausgegeben und mit einem Mann eine Geschäftsbeziehung aufgebaut, dem ich vorgemacht habe, wir wollten Touristen zum Tauchen ins Land bringen. Wir wussten, dass er in Waffenschmuggel nach Gaza involviert war. Ich habe ihn gesehen, bevor er zu einem Treffen mit einem Hamas-Mann aufbrach - dann wurden die beiden von einer Rakete getötet.
SPIEGEL: Wie stehen Sie heute zu dieser Aktion?
Mor: Ich habe in den Wochen danach oft darüber nachgedacht und hatte auch eine Sitzung mit einem Psychologen des Mossad. Wir sprachen über die Zahl der Israelis, darunter Kinder, die durch Waffen aus früheren, ähnlichen Lieferungen getötet worden waren. Wenn diese Waffenlieferung Gaza erreicht hätte, hätte sie ebenfalls viele unschuldige Zivilisten getötet. Ich empfinde für diese Mission daher weder Reue noch Bedauern.
"Die Iraner haben keine Vorstellung davon, wie tief ihre Systeme infiltriert sind."
Jonathan Mor, Ex-Agent
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie einem iranischen Techniker für Belüftungsanlagen, der an einer Messe in Europa teilnahm, Viren auf seinen Laptop spielten. Der Mossad wusste, dass er auch Arbeiten in Irans Atomanlagen erledigt. Was geschah danach?
Mor: Der Mann hat nicht gemerkt, was auf seinem Laptop installiert ist. Er ist zurück nach Iran gereist, und nach ein paar Wochen arbeitete er in den Anlagen, brachte seinen Laptop mit rein und schloss ihn wohl an
Foto: AP/ IIPA
SPIEGEL: Und infizierte die Anlagen mit Stuxnet, der Schadsoftware, die einen Teil der Zentrifugen so schnell laufen ließ, dass sie zerstört wurden?
Mor: Das weiß ich nicht. Es gab über all die Jahre verschiedene Versionen von Stuxnet, der Virus wurde immer wieder weiterentwickelt, auch mit den Amerikanern zusammen. Wir haben nie von Stuxnet gesprochen. Wir wussten, dass es Viren gibt. Aber meine Aufgabe war lediglich, den USB-Stick in den Laptop unserer Zielperson zu kriegen. Ich wusste nie, was genau sich darauf befand. Der Mossad hat in diesen Jahren viele Versuche unternommen, an Leute heranzukommen, die als Mitarbeiter oder Subunternehmer in den Atomanlagen arbeiteten. Und nicht nur da. Ich habe auch eine hochrangige Person im Finanzministerium rekrutiert - sie weiß bis heute nicht, dass wir sie benutzt haben. Die denkt immer noch, dass sie ein halbes Jahr gutes Geld verdient hat, 50.000 Dollar für einen Beratungsjob, für ein paar Präsentationen. Aber sie weiß nicht, dass wir in der Zeit ihren Laptop infiziert haben.
SPIEGEL: Warum war ein Funktionär im Finanzministerium ein interessantes Ziel?
Mor: Es ging darum, in zentralen Systemen Hintertüren zu schaffen, über die man von Israel aus hereinkommen kann. So kann man Systeme ausschalten.
SPIEGEL: Das wäre noch heute möglich?
Mor: Ja. Manche Hintertüren haben die Iraner gefunden, ich schätze zehn Prozent, aber der Mossad und die CIA haben immer noch Zugriff auf das Finanz-, Strom- und Wassersystem in Iran. Wenn sie wollten, könnten sie die iranische Wirtschaft stilllegen, ja, vernichten. Die Iraner haben keine Vorstellung davon, wie tief ihre Systeme infiltriert sind.
Foto: Khoshiran / Middle East Images / IMAGO
SPIEGEL: Im Zwölftagekrieg 2025 und wohl auch zu Beginn des diesjährigen Krieges hatte Israel iranische Helfer vor Ort, die Ziele ausspioniert und Raketenanlagen ausgeschaltet haben. Wie wurden diese rekrutiert?
Mor: Zu meiner Zeit lief das meist über Werbeanzeigen auf Facebook. Wir haben Stellen für Sicherheitsjobs ausgeschrieben, oft ging es um die Bewachung von Pipelines in Aserbaidschan. Da haben sich vielleicht 100 Männer beworben, von denen hatten wir dann ihre Telefonnummern, hörten sie ab, sortierten aus - und von den 100 wurden dann 25 für ein Gespräch eingeladen. Von diesen 25 blieben vielleicht 5 übrig. Oft sagten wir ihnen, dass wir von der CIA oder dem MI6 sind. Sie bekamen dann ein militärisches Training in Aserbaidschan. So wurden über die Jahre Hunderte Leute rekrutiert. Heutzutage geschieht die Rekrutierung aber überwiegend anders.
SPIEGEL: Im Buch beschreiben Sie ein KI-gestütztes System, das bei der Auswahl hilft.
Mor: Inzwischen melden sich viele Iraner freiwillig, vor allem, nachdem Anfang dieses Jahres viele Demonstranten getötet wurden. Sie werden von einem System namens Shadchan überprüft und gefiltert. Erst im letzten Schritt reden sie mit jemandem vom Mossad.
"Grundsätzlich bin ich stolz auf das, was ich gemacht habe."
Jonathan Mor, Ex-Agent
SPIEGEL: Hat der Mossad auch einige der von Ihnen rekrutierten Iraner jüngst eingesetzt?
Mor: Ich gehe davon aus. Sie haben über Jahre Drohnen und Waffen über die Grenze nach Iran geschmuggelt und dort gelagert. Eine meiner Operationen bestand darin, einen abgelegenen Steinbruch in der Wüste zu kaufen. Ich trat als reicher Südafrikaner auf, der Platinminen besitzt und Geschäfte in Iran machen will. Mindestens zehn solcher Orte hatte der Mossad, dort wurden Drohnen gelagert und kurz vor dem israelischen Angriff im Juni 2025 mit Lastern nach Teheran oder zu Militärbasen gebracht.
Foto: Hassan Ghaedi / Anadolu / Getty Images
SPIEGEL: Haben Sie manchmal Angst vor dem, was Sie da mitgeschaffen haben?
Mor: Angst nicht, aber ich mache mir Sorgen. Wenn der Krieg wieder aufflammt, könnte Israel sich womöglich entscheiden, das Finanzsystem zu zerstören oder den Strom im ganzen Land abzuschalten. Das würde vor allem die normalen Iraner treffen. Aber wenn das iranische Volk sich gegen Israel wendet, ist das das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen. Unser Ziel sollte es sein, gute Beziehungen zu den Iranern aufzubauen, so wie vor 1979. Ich hoffe daher, dass diese Waffen nicht eingesetzt werden.
SPIEGEL: Bereuen Sie etwas, was Sie in Ihrer Zeit für den Mossad gemacht haben?
Mor: Grundsätzlich bin ich stolz auf das, was ich gemacht habe. Aber eine Sache gibt es: Zwei Iraner, die ich rekrutiert habe, sind wohl gefasst worden. Der eine wurde gehängt, der andere ist verschwunden. Der Mann, der gehängt wurde, war unvorsichtig, dadurch hat das Regime ihn aufgespürt. Er hatte schon vorher Fehler gemacht - und wir hätten rechtzeitig entscheiden müssen, ihn in Sicherheit zu bringen. Das versäumt zu haben, bereue ich.
SPIEGEL: Wieso haben Sie sich entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen?
Mor: Ich wünsche mir eine Form der Anerkennung für die vielen Opfer, die ich gebracht habe. Die Geheimhaltung, der Stress, die langen Arbeitswochen fern von zu Hause und die Gefahren - das hat meiner Familie und mir viel abverlangt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich ihnen eine Erklärung schuldig bin, sie wussten all die Jahre oft nicht, was ich tat, wo ich war und warum. Zusätzlich wollte ich bekannt machen, dass meine Karriere beim Mossad wegen einer Mission endete, die durch Verschulden eines Mitarbeiters scheiterte, dem seine eigene Karriere wichtiger war als meine Sicherheit. Ich wurde bei dieser Operation enttarnt, das machte es für mich danach praktisch unmöglich, mit iranischen Zielpersonen zu arbeiten.
SPIEGEL: Könnte das, was Sie in Ihrem Buch beschreiben, Mossad-Operationen gefährden?
Mor: Nein, ich habe Namen von noch lebenden Beteiligten geändert und ihre Identitäten verschleiert. Die meisten der Operationen sind inzwischen beendet, und fast alle genannten Kollegen haben andere Aufgaben oder sind im Ruhestand. Viele der geschilderten Details sind einer breiten Öffentlichkeit vielleicht nicht bekannt, aber irgendwo bereits beschrieben worden.