21.10.2026, 06:00 Uhr 4 Min
Diese gegenläufige Entwicklung sorgt für scharfe Kritik aus der Wirtschaft. "Was läuft hier falsch?", fragt Thomas Rudolff, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg, in einem Beitrag auf LinkedIn. "Ein Land kann seinen Wohlstand nicht dauerhaft durch den Ausbau des öffentlichen Dienstes sichern, während seine industrielle Basis schrumpft", kritisiert er - und fordert: "Deutschland braucht wieder mehr Wertschöpfung statt immer mehr Verwaltung."
Der industrielle Stellenabbau trifft zentrale Branchen der deutschen Wirtschaft. Autobauer und Zulieferer verloren rund 123.500 Beschäftigte, Hersteller von Metallerzeugnissen 115.600 und der Maschinenbau 64.500. Zusammen stehen diese drei Wirtschaftszweige für rund 60 Prozent des Nettoverlusts. Insgesamt sank die Industriebeschäftigung innerhalb von sieben Jahren um 7,1 Prozent.
"Die neuen Jobs entstehen meist nicht dort, wo Deutschland besonders produktiv und innovativ ist. Das kann unser Wachstumspotenzial künftig bremsen", erklärt Studienautor Joachim Ragnitz. Der stellvertretende Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden vermutet hinter dem Beschäftigungsrückgang in fast allen Industriebranchen eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere gegenüber China.
IHK-Vertreter Rudolff verlangt wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie und bessere Investitionsbedingungen. Statt neuer Vorschriften und Dokumentationspflichten müssten Unternehmen entlastet werden. "Ohne eine starke Wirtschaft gerät auch ein leistungsfähiger Sozialstaat unter Druck", schreibt er.
Auch bei der Produktion fällt Deutschland zurück: Eine Eurostat-Auswertung der Berliner Zeitung zeigt, dass die Industrie 2025 preisbereinigt knapp elf Prozent weniger produziert hat als 2015. Fast alle Nachbarländer haben sich besser entwickelt.
Die Produktionsdaten erfassen neben dem Verarbeitenden Gewerbe auch Bergbau und Energieversorgung. Sie beziehen sich zudem auf einen längeren Zeitraum als die Ifo-Untersuchung zur Beschäftigung. Aus ihnen lässt sich ablesen, wie sich die Produktion entwickelt hat, nicht jedoch, wie sich Umsätze und Gewinne verändert haben.
Die Produktionsschwäche begann bereits vor der Energiekrise: 2021 lag Deutschlands Industrieproduktion rund 4,1 Prozent unter dem Stand von 2015. Bis 2025 sank sie von diesem Niveau aus nochmals um rund sieben Prozent.
Trotz der industriellen Verluste entstanden laut Ifo zwischen Ende 2018 und Ende 2025 insgesamt rund 1,7 Millionen zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Der Dienstleistungssektor gewann ohne Zeitarbeit rund 2,24 Millionen Beschäftigte hinzu. Davon entfielen rund 391.000 auf das Gesundheitswesen, 357.000 auf das Sozialwesen einschließlich Heimen und 236.000 auf IT- und Telekommunikationsdienstleister.
Allerdings ist nicht jede zusätzliche Stelle im öffentlichen Dienst ein Verwaltungsjob: Auch Lehrkräfte und Polizisten zählen dazu. Unter "öffentliche Dienstleistungen" erfasst das Ifo-Institut außerdem Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen bei privaten und gemeinnützigen Trägern. Deren Personalaufbau ist kein Beleg für wachsende Bürokratie.
Den starken Personalaufbau in der öffentlichen Verwaltung bewertet Ragnitz dennoch kritisch. Soweit dort Menschen eingestellt würden, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, könnten diese der Wirtschaft fehlen. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Verwaltungswachstum und Industrieabbau weist die Untersuchung allerdings nicht nach.
Für betroffene Industriebeschäftigte bieten neue Stellen gleichzeitig nicht automatisch eine Perspektive. Berufliche Qualifikationen und regionale Beschäftigungsmöglichkeiten passen laut Ragnitz nicht immer zusammen. Er sieht deshalb das Risiko von Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel - und fordert neben besseren Investitionsbedingungen Unterstützung bei Umschulungen und Qualifizierungen.