27.02.2026, 18:50 Uhr
Markus Wächter/Berliner Zeitung
Aus den Lautsprechern dröhnt "Schüsse in die Luft" von Kraftklub. Trillerpfeifen schrillen, immer wieder raunt ein "Buuuuh" durch die Reihen. Vor dem Berliner BASF-Servicezentrum in der Storkower Straße in Lichtenberg stehen an diesem Freitagmittag mehrere Hundert Beschäftigte dicht gedrängt, um für ihre Jobs zu kämpfen.
"Your jobs to India - what do you think about that?" (Eure Jobs nach Indien - was haltet ihr davon?), ruft ein Redner ins Mikrofon.
Die Antwort aus dem Publikum: "Buuuuh!"
BASF mit Sitz in Ludwigshafen ist der weltweit größte Chemiekonzern. Der Konzern plant, seine Global Business Services - darunter Finanz- und Personaldienstleistungen - in einem Hub in Indien zu bündeln, um "wettbewerbsfähige Servicesstrukturen" zu schaffen. Das könnte deutliche Verlagerungen von Stellen aus Berlin zur Folge haben.
Markus Wächter/Berliner Zeitung
Nicole Preuß steht zwischen Kolleginnen und Kollegen, seit 17 Jahren arbeitet sie bei BASF, heute als Teamspecialist in der Stammdatenpflege. Als der Standort in Berlin vor rund 20 Jahren aufgebaut wurde, begann sie über eine Zeitarbeitsfirma, wurde später übernommen. "Wir haben hier mit niedrigeren Löhnen und längeren Arbeitszeiten angefangen", sagt sie.
Das sei die Grundlage gewesen, damit der Standort überhaupt entstehen konnte. Berlin sollte günstiger sein als der Stammsitz in Ludwigshafen. Man habe geliefert, gespart und effizient gearbeitet. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich hier in Rente gehe", sagt sie. Elf Jahre liegen noch vor ihr. Die Nachricht von der möglichen Verlagerung traf sie unerwartet. "Alles sehr überraschend und enttäuschend."
Markus Wächter/Berliner Zeitung
Justus Horsch, 36, arbeitet seit 2020 bei BASF Services Europe im Bereich Datenmanagement für Pflanzenschutzregistrierung. Auch er spricht von einer überraschenden Wendung. "Bisher hieß es auf Vorstandsebene immer, das Unternehmen stehe wirtschaftlich gut da. Es wurden Stellen aufgebaut. Ich hatte einen positiven Eindruck von der Entwicklung hier in Berlin", sagt er.
Gerade weil der Standort vor rund 20 Jahren gegründet worden sei, um Kosten zu senken, treffe die Ankündigung viele unerwartet. "Wir haben einen eigenen Tarifvertrag abgeschlossen, der andere Bedingungen vorsieht als in Ludwigshafen. Dass der Kostendruck jetzt trotzdem so hoch sein soll, ist eine große Neuigkeit."
In den vergangenen Wochen habe die Stimmung im Unternehmen bedrückt gewirkt, sagt er. "Vielleicht auch ein bisschen ausgeliefert." Die Kundgebung, organisiert durch die Chemie-Gewerkschaft IGBCE, sende jedoch ein anderes Signal: "Heute ist die Stimmung kämpferisch. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen."
Der Betriebsrat spricht von "zermürbender Ungewissheit". Viele Beschäftigte fragten sich, welche Stellen wegfallen könnten und wer konkret betroffen sei. "Wir sind enttäuscht und haben Angst. Das ist ein Vertrauensbruch." Der Betriebsrat fordert Transparenz und eine wirtschaftliche Prüfung möglicher Alternativen. Man wolle wissen, ob die Maßnahme wirtschaftlich notwendig sei - oder ob sie allein der Gewinnmaximierung diene. Über Jahre hätten die Beschäftigten in Berlin ihren Beitrag zur Wirtschaftlichkeit des Standorts geleistet.
Erst vor Kurzem kündigte die Traditionmarke Eberswalder Würstchen das Aus für ihren Produktionsstandort in Brandenburg an. Hunderte Arbeitsplätze stehen dort auf dem Spiel. Auch in Sachsen kam es zuletzt zu Kürzungen - etwa bei Volkswagen in Zwickau oder an Bosch-Standorten, mit Kurzarbeit und auslaufenden Verträgen. In der ostdeutschen Chemie- und Zulieferindustrie warnen Verbände vor weiterem Druck durch Energiepreise, schwache Nachfrage und internationale Konkurrenz.
Auffällig ist dabei ein Muster: Viele ostdeutsche Standorte sind keine Konzernzentralen. Sie sind Serviceeinheiten, Produktionsbetriebe oder ausgelagerte Geschäftsbereiche. Strategische Entscheidungen fallen oft anderswo. Wenn global gespart wird, geraten solche Standorte schneller unter Druck. "Die Stärke von Standorten in Deutschland ist qualifiziertes Personal und hohe soziale Standards", sagt Justus Horsch. "Man setzt ein Zeichen, wenn man hier sozial handelt."
Unterstützung kommt auch aus der Landespolitik: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) stellt sich bei der Kundgebung demonstrativ an die Seite der Belegschaft. Er habe sich an den BASF-Vorstand gewandt und sei "zutiefst besorgt". "Ihr habt den Berliner Senat an Eurer Seite", sagt er auf der Bühne. Auch Vertreterinnen und Vertreter der Grünen und der Linken sind vor Ort.
"Wir sind hier, um für jeden einzelnen Arbeitsplatz in Berlin zu kämpfen", heißt es von der Bühne. Die letzten Tage hätten gezeigt, wie ernst die Lage sei, doch sie hätten auch gezeigt, wie groß der Zusammenhalt ist. Nicole Preuß blickt in die Menge. "Ich bin grundsätzlich Optimistin", sagt sie. Der Standort soll nicht komplett geschlossen werden, heißt es aus Unternehmenskreisen.
Wie viele Arbeitsplätze konkret betroffen sind, ist bislang offen. Es gehe um Auslagerungen, und sie hofft, dass Verhandlungen Alternativen bringen und sie die elf Jahre bis zur Rente noch bei BASF in Berlin verbringen kann.