Dienstag, 21.04.2026, 21:04
"Statistisch ist es für Frauen nachteilig, in einer heterosexuellen Beziehung zu sein", sagt Grünen-Co-Parteichef Felix Banaszak im Interview mit der "Welt".
Im Titelbild sehen wir, wie er auf einem gelben Sofa sitzt, in sich zusammengesunken. Gequälter Blick. Märtyrerhaft, so wirkt es, nimmt er sich in Sippenhaft für etwas, das er gar nicht getan hat. Ein befremdliches Bild.
"Es ist Frauen wahrlich nicht zu verübeln, wenn sie gerade mit Misstrauen und Sorge auf ihre Partner, Freunde und in die Familie schauen", führt er weiter aus.
Nach dem schockierenden Schicksal von Gisele Pelicot und den Vorwürfen von Collien Fernandes scheint das Urteil über die Hälfte der Bevölkerung gefällt: der Mann als Täter. Der Feind im eigenen Bett.
Zumindest hat dieses Narrativ im progressiven Spektrum, zu dem sich Banaszak stolz zählt, Hochkonjunktur. Ausgerechnet dort, wo in anderen Kontexten - etwa bei straffälligen Migranten - vor Pauschalisierung gewarnt wird, ist der Generalverdacht plötzlich gesellschaftsfähig.
In der Psychologie ist das ein bekanntes Muster: Wenn das Unfassbare geschieht, sucht der Mensch nach einfachen Antworten. Wo das Grauen die Vorstellungskraft sprengt, entstehen Pauschalurteile. Nicht als Erkenntnis, sondern aus Überforderung.
Zustimmung erhält Banaszak vom Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow. Frauen in heterosexuellen Beziehungen werden häufiger Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt, besagt die Statistik.
Gut, selbsterklärend. Wo kein Gegenüber, da kein Täter. Wer in keiner Beziehung lebt, sieht sich auch mit keinen Konflikten im eigenen Zuhause konfrontiert.
Problematisch wird es, wenn ein Politiker diese Binse nutzt und damit implizit das Fundament unserer Gesellschaft infrage stellt: die Partnerschaft zwischen Mann und Frau.
Ist das wirklich die Lebensrealität der allermeisten Frauen? Dass jede männliche Bezugsperson zur potenziellen Gefahr wird? Denn so stellt es Banaszak im Interview dar, ohne Einschränkungen. Bei aller Empathie für Opfer von Gewalt: Dieses pauschale Misstrauen fühlt sich falsch an. Latente Unterstellungen verhärten Fronten, statt Probleme zu lösen.
Es ist schade, denn eigentlich will der Grünen-Chef Brücken bauen. Junge Männer auf der Suche nach Orientierung müssten unterstützt werden, sagt er sinngemäß. Das stimmt. Nur: Genau diese Orientierung wird schwieriger.
Ich beobachte ein Muster: Männer geraten unter Generalverdacht und wissen gleichzeitig nicht mehr, welches Verhalten noch erwünscht ist. Ein Kompliment? Verdächtig. Eine Tür aufhalten? Übergriffig. Eine Frau in der Dunkelheit nach Hause begleiten? Bevormundend.
Natürlich zieht jede Frau ihre Grenze anders. Aber wenn selbst alltägliche Gesten misstrauisch gelesen werden, entsteht kein Miteinander mehr, sondern Unsicherheit.
Ist es denkbar, dass die Renaissance patriarchaler Denkmuster auch eine Reaktion auf diese Verunsicherung ist?
Rechtspopulisten werben gezielt mit traditionellen Rollenbildern, und nicht wenige junge Männer sind dafür empfänglich. Einer Umfrage zufolge halten 31 Prozent der Unter-30-Jährigen es für legitim, dass sich die Frau unterordnet.
Dem sollte eine liberale Gesellschaft selbstverständlich entgegentreten. Dazu gehört aber auch die Benennung der Ursachen. Genau dem verschließt sich Banaszak an dieser Stelle.
Der Elefant im Raum: Die Zuwanderung, vor allem die aus muslimisch geprägten Ländern, hat problematische Entwicklungen verstärkt.
Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 zeigt: 8,5 Prozent mehr Sexualdelikte im Vergleich zum Vorjahr. Migrantische Tatverdächtige sind deutlich überrepräsentiert, besonders aus Syrien und Afghanistan. Diese Realität gehört zu einer ehrlichen Analyse.
Stattdessen kreist die Debatte aus Sicht von Leuten wie Banaszak um die Frage, ob ein Mann schon "Komplize" ist, wenn er über einen schlechten Witz lacht. Bei allem Respekt vor "Wehret den Anfängen" - hier stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht mehr.
Banaszak hat eine Chance verpasst. Er warnt zwar vor Kampfbegriffen wie "toxischer Männlichkeit", die Männer aus der Debatte vertreiben, fordert aber im nächsten Atemzug deren Selbstverzwergung. Wie das aussieht, lässt sich an seinem Titelbild ablesen.
Wie sich der 36-Jährige inszeniert, bleibt natürlich ihm selbst überlassen. Doch eine gesellschaftliche Schablone, in die sich jeder unbescholtene Mann pressen muss, um nicht als misogyn zu gelten, darf es nicht geben.
Wir brauchen einen geschlechterübergreifenden Konsens, abseits von Ideologie. Vielleicht so: Der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen muss besser werden. Er richtet sich gegen Täter, nicht gegen die Gesamtheit aller Männer. Männlichkeit ist nicht per se toxisch. Sie wird es dort, wo sie in Geringschätzung kippt. Gleiches gilt übrigens auch für Weiblichkeit.