26.07.2026 - 09:40 Uhr
Athen. Steuervorteile, Subventionen, Jobbörsen und Werbeveranstaltungen im Ausland: Griechenland betreibt einen ungewöhnlich großen Aufwand, um gut ausgebildete Fachkräfte zurückzugewinnen, die während der Staatsschuldenkrise das Land verlassen haben.
Der Erfolg ist beachtlich. Fast zwei Drittel der Ausgewanderten sind inzwischen zurückgekehrt. Doch ausgerechnet die finanziellen Anreize spielen dabei nur eine Nebenrolle. Ausschlaggebend sind vielmehr familiäre Bindungen, Lebensqualität und die emotionale Verbundenheit mit der Heimat. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie der OECD und des griechischen Nationalen Dokumentationszentrums (EKT).
Der Braindrain der 2010er-Jahre war der größte Exodus, den ein europäisches Land seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte. Mehr als 700.000 Griechinnen und Griechen verließen ihre Heimat, weil sie dort keine berufliche Perspektive sahen. Die meisten zog es nach Deutschland oder Großbritannien.
Griechenland ist seit dem 19. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland. Zwischen 1960 und 1974 verlor das Land rund ein Fünftel seiner Bevölkerung an das europäische Ausland. Damals zogen vor allem ungelernte Arbeitskräfte aus den ärmeren Regionen ins Ausland, überwiegend nach Deutschland.
Während der Schuldenkrise wanderten dagegen vor allem gut ausgebildete Fachkräfte und junge Akademiker aus. Auf dem Höhepunkt der Krise im Frühjahr 2013 lag die Arbeitslosenquote in Griechenland bei 27,5 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen fanden sogar 65 Prozent der Arbeitsuchenden keinen Job.
Im Zeitraum 2012 bis 2019 verließen pro Jahr bis zu 56.000 Griechinnen und Griechen ihre Heimat - mehr als 150 am Tag. Die Zahl der im Ausland tätigen griechischen Ärzte verdreifachte sich in den 2010er-Jahren.
Seit ihrem Amtsantritt 2019 versucht die konservative Regierung, diese Entwicklung umzukehren. Rückkehrer zahlen sieben Jahre lang nur auf die Hälfte ihres Einkommens Einkommensteuer. Zudem unterstützt der Staat Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen mit Zuschüssen, damit sie Rückkehrern international wettbewerbsfähige Gehälter anbieten können.
Herzstück der Strategie ist die Plattform Rebrain Greece, die als Jobbörse für Rückkehrwillige dient. Dort können Interessenten ihre Profile einstellen, Unternehmen veröffentlichen offene Stellen. Ergänzt wird das Angebot durch Rekrutierungsveranstaltungen in Städten mit großer griechischer Diaspora wie London, Amsterdam, New York, Düsseldorf und Stuttgart.
Dort informieren Regierung und Unternehmen über Karrierechancen und steuerliche Vorteile und bringen Bewerber mit Arbeitgebern zusammen. An der jüngsten Veranstaltung in London nahmen im Mai 3107 Interessenten teil; Vertreter von 35 großen griechischen Unternehmen führten dort Bewerbungsgespräche.
Gesucht werden vor allem Fach- und Führungskräfte in den Bereichen IT, Technologie, Finanzen, Consulting und Wirtschaftsprüfung. Auch Energieunternehmen, Pharmafirmen und das Gesundheitswesen leiden unter Fachkräftemangel. Rückkehrer sind besonders gefragt, weil sie neben ihrer fachlichen Qualifikation internationale Berufserfahrung und Managementskills mitbringen.
Die Regierung verfolgt mit dem Programm allerdings nicht nur arbeitsmarktpolitische Ziele. Sie will auch dem demografischen Niedergang entgegenwirken. Die Geburtenrate sank von 10,1 Geburten je 1000 Einwohner im Jahr 2007 auf 6,7 im vergangenen Jahr. Zu den Gründen gehören die Auswanderung, die hohe Arbeitslosigkeit und die Einkommenseinbußen der Krisenjahre. Der Bevölkerungsschwund belastet langfristig nicht nur die Rentensysteme. Er gefährdet auch das Wirtschaftswachstum, das Griechenland zum weiteren Abbau seiner hohen Staatsschulden benötigt.
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Nach Angaben von Arbeitsministerin Niki Kerameus haben in den vergangenen 15 Jahren rund 734.000 Menschen Griechenland verlassen. Davon sind inzwischen 473.000 zurückgekehrt - fast zwei Drittel. Seit 2023 wandern unter dem Strich wieder mehr Menschen ein als aus. Aus dem Braindrain ist nach Darstellung der Regierung ein "Braingain" geworden. 2024 überstieg die Zahl der Rückkehrer die der Auswanderer um rund 20.000 Personen.
Die OECD-/EKT-Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Rückkehrer zwischen 20 und 39 Jahre alt ist. Rund 60 Prozent verfügen über einen Hochschulabschluss, 47 Prozent arbeiten in hochqualifizierten Berufen.
Bei den Gehältern bleibt Griechenland allerdings wenig konkurrenzfähig. Fachkräfte verdienen laut Eurostat und dem Eures-Arbeitsmarktportal der EU-Kommission durchschnittlich 43 Prozent weniger als im EU-Durchschnitt. Bei Führungskräften ist der Rückstand etwas geringer, beträgt aber immer noch 30 bis 35 Prozent.
Dass dennoch viele zurückkehren, hat andere Gründe. Laut der Studie von OECD und EKT steht die Familienzusammenführung an erster Stelle. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Forschungsinstituts Kapa Research: 82 Prozent der befragten Rückkehrer nennen die Nähe zu Familie und Freunden als wichtigstes Motiv. Für 63 Prozent sind das mediterrane Klima, die Natur und die hohe Lebensqualität ausschlaggebend. Lediglich 16 Prozent gaben an, dass die steuerlichen Vergünstigungen der entscheidende Grund für ihre Rückkehr waren.