06.04.2026, 15:17 Uhr
Kay Nietfeld/dpa
Spätestens seit dem Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin tobt die Diskussion: Wann kehren die fast eine Million Syrer, die vor Assads Schreckensherrschaft nach Deutschland flüchteten, in ihre Heimat zurück und helfen dort beim Wiederaufbau?
Allein in Berlin leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes mehr als 40.000 syrische Staatsbürger. Sie haben einen Asylstatus, sind als Kriegsflüchtlinge eingestuft oder einfach nur geduldet. Für die Unterbringung und Verköstigung von Flüchtlingen gab das Land Berlin nach Angaben der der Sozialverwaltung allein im vergangenen Jahr rund 2,2 Milliarden Euro aus.
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Die Beträge kommen auch einem florierenden Asylgewerbe zugute, das seit 2015, als Angela Merkel die Flüchtlinge der Welt einlud, stetig wuchs: Sozialbetreuung, Sprach- und Integrationskurse, Catering, Wachgewerbe, Rechtshilfe - und vor allem das Beherbergungsgewerbe. Wer Flüchtlinge unterbringt, hat in der Regel ein staatlich garantiertes üppiges Einkommen, denn der Senat und die Bezirke suchen händeringend nach Unterkünften und zahlen hohe Preise. Das ist der Grund, warum Investoren kurzerhand Apartmenthäuser für Studenten in Flüchtlingsunterkünfte umwandelten, wie in Köpenick geschehen, und warum Hostelbetreiber statt Rucksacktouristen lieber Migranten aufnehmen.
Hohe Zimmerpreise zahlt der Staat auch für Mohammed L. (Name geändert). Der 33-jährige Syrer, der 2023 nach Deutschland kam und seitdem in Berlin lebt, möchte keinesfalls in seine Heimat zurückkehren. Der jetzige Diktator sei genauso schlimm wie der davor, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Er möchte gern auch seine Frau und seine drei Söhne - elf, acht und sechs Jahre alt - nach Berlin holen. Er hofft auf eine medizinische Behandlung für den Jüngsten, der einen Herzfehler hat. Die Frau und die Söhne sind noch in der Türkei.
Für Mohammed L. zahlt das Jobcenter Reinickendorf jeden Monat Bürgergeld in Höhe von 1620,10 Euro. Davon gehen jedes Mal 1057,10 Euro an seinen Vermieter, wie aus dem Bescheid hervorgeht, der der Berliner Zeitung vorliegt. Der Vermieter kassiert also pro Tag und pro Kopf 32,23 Euro, was im Vergleich zu anderen Anbietern noch günstig erscheint, weil in anderen Fällen pro Tag pro Kopf auch 50 Euro und mehr gezahlt werden.
Mohammed L. wohnt in einer Unterkunft nicht weit weg vom früheren Flughafen Tegel. Er beklagt sich über die Enge in dem Vier-Mann-Zimmer: "Das ist viel Stress, man kann nicht schlafen." Noch immer spricht er sehr schlecht Deutsch und muss ständig eine Übersetzer-App auf seinem Handy benutzen. 2025 machte er den Deutschtest für Zuwanderer und erlangte das Sprachzertifikat A1.
Das Beherrschen der Sprache ist die Voraussetzung für einen Job. Das sagt seine Betreuerin, die für einen Verein als Jobcoach arbeitet und anonym bleiben möchte. Sie erstellte mit Mohammed L. schon mehrere Bewerbungen. Die Frau beklagt, dass die meisten Unternehmen das Sprachzertifikat B1 verlangen, auch für einfache Tätigkeiten wie Gebäudereinigung. "Man findet nur für ganz wenige Geflüchtete Arbeit", sagt sie. Als Jobcoach betreute sie schon eine Frau, die aus einem kleinen Dorf in Syrien kam und als Köchin arbeiten wollte. Sie konnte nicht einmal lesen und schreiben. Deshalb bekam sie keine Anstellung. "Wenn sie wegen schlechter Sprachkenntnisse und mangelnder Ausbildung keine Arbeit finden, dann arbeiten sie eben schwarz für sieben Euro die Stunde", sagt die Jobvermittlerin.
Mohammed L. sagt, dass er seit einigen Monaten in einem Gemüsemarkt aushilft. Laut seinem Lebenslauf besuchte er in Aleppo die Grundschule. In Aleppo habe er in einer Schuhfabrik gearbeitet. Mohammed hat einen Führerschein Klasse B.
Mit seiner Frau ging er 2015 in die Türkei und arbeitete dort nach eigenen Angaben drei Jahre bei unterschiedlichen Schuhherstellern. Wenn seine Familie hier ist, würde er in Deutschland am liebsten als Bus- oder Lkw-Fahrer arbeiten oder als Krankentransport-Fahrer. Nur mit Führerschein Klasse B geht das aber nicht.
Mohammeds Traum passt damit in die Erzählung von Deutschland als dem gelobten Land. Grenzpolizisten und Sozialarbeiter berichten zum Beispiel von jungen Männern etwa aus Afghanistan, die daheim an Autos schraubten und denen Schlepper-Organisationen versprachen, dass sie deshalb einen Job bei Audi in Ingolstadt bekämen. Entsprechend groß sind dann Frust und Enttäuschung in Deutschland. Das alles ist kein Geheimnis, das wissen Flüchtlingslobbyisten und die "Seenotretter"-NGOs.
lSebastian Gollnow/dpa
Das weiß man auch in der boomenden Flüchtlingsbeherbergungsbranche. Anfang 2014 wurde das Haus, in dem Mohammed L. heute lebt, von einem Geschäftshaus in ein Flüchtlingsheim umgewandelt. Dem Bezirksamt Reinickendorf dient das Heim als sogenannte ASOG-Unterkunft. Nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz sind die Bezirke verpflichtet, Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind, unterzubringen. Nach Auskunft eines Bezirksamtssprechers hat das Heim 300 Plätze und ist in der Regel voll ausgelastet.
Der Heimbetreiber wechselte mehrmals beziehungsweise benannte sich mehrmals um. Laut der Plattform Northdata hat sich die Firma spezialisiert - auf das "Betreiben von Unterkünften für Flüchtlinge, Asylbewerber, Spätaussiedler und andere Personen, die darin ihren Wohnsitz begründen, wobei die Verpflegung dieser Personen durch die Gesellschaft ausgeschlossen ist". Der öffentlich ausgewiesene Jahresumsatz ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen - von fünf Millionen Euro im Jahr 2017 auf 13 Millionen im Jahr 2024. Es ist eines jener Unternehmen, die weder eine zentrale Telefonnummer haben noch eine offizielle Website benötigen. Denn die Kunden kommen auch so.
Mohammed L. will dort allerdings weg. Er könne nicht arbeiten, wenn er nicht schlafen kann, sagt er. Der Syrer und seine Betreuer bei Jobcenter und Bezirk suchen eine Wohnung für ihn. Der Syrer beklagt sich über "die Kakerlaken" in dem Heim. Auch eine der beiden Küchen sei verschlossen.
Die Aufsicht über das Heim hat das Bezirksamt Reinickendorf, das offensichtlich zufrieden ist. "Durch das Amt für Soziales finden regelhafte, anlassbezogene und unangekündigte Kontrollen durch geschulte Mitarbeitende der Fachstelle Soziale Wohnhilfe statt", teilt ein Sprecher des Bezirksamtes mit. Gravierende Mängel seien in dem Wohnheim bei den letzten Begehungen nicht festgestellt worden. Der Sprecher lobt die gute Zusammenarbeit zwischen der Fachstelle Soziale Wohnhilfe und dem Heimbetreiber. "Anliegen der Fachstelle werden vom Betreiber in der Regel zeitnah und verlässlich umgesetzt."
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Und eigentlich erzählen die Fotos von den Räumlichkeiten des Heims, die der Berliner Zeitung vorliegen, eine andere Geschichte als Mohammed. Weil der Wachschutz Fremde nicht ins Haus lässt, baten wir Mohammed, Fotos zu schicken. Das Zimmer, das auf den Bildern zu sehen ist, ist nicht besonders eng. In den Ecken stehen vier einzelne Betten. Allerdings fällt auf, dass die Bewohner des Zimmers in heilloser Unordnung leben: Kleidung liegt auf dem Boden. Neben den ungemachten Betten steht eine elektrische Heizplatte auf dem Teppich, dreckiges Geschirr mit Essensresten liegt auf dem Boden herum.
An eine der Küchentüren hat die Heimleitung einen Zettel gehängt: "Aufgrund des ständigen Vandalismus im Haus kann es zu Einschränkungen in der Benutzung der Küchen kommen. Wir bitten Sie, während der Benutzung der E-Herde anwesend zu sein, um eine Beschädigung dieser durch Überkochen von Speisen bzw. Brandbildung zu vermeiden."
Beherbergungsbetriebe wie den von Mohammed L. gibt es zuhauf. Inzwischen mischen auch ausländische Konzerne mit. Etwa eine europaweit tätige Firma aus Norwegen. Der Konzern mit Sitz in Oslo umfasst nach eigener Darstellung Bereiche wie Gesundheits- und Pflegedienstleistungen, Kindergärten, Integrationsdienste sowie Dienstleistungen für Einzelpersonen und Familien und ist in Norwegen, Schweden, Finnland, den Niederlanden, Polen und Deutschland tätig. Das Unternehmen, das 19.000 Angestellte hat, erwirtschaftete laut seinem Jahresbericht in den vergangenen Jahren rasant gestiegene Gewinne. Im vergangenen Jahr waren es 912 Millionen Euro. In Berlin betreibt der Konzern über ein Tochterunternehmen mehrere Heime des Landesamtes für Flüchtlingsunterkünfte.
So wird es wohl noch eine ganze Weile weitergehen. Nach Ahmed al-Scharaas Staatsbesuch in Berlin hatte es Verwirrung darüber gegeben, wer nun die Zielmarke von 80 Prozent bei der Rückkehr syrischer Flüchtlinge genannt habe - Bundeskanzler Merz oder der Gast aus Syrien. Clara Bünger von der Linke-Fraktion im Bundestag nahm dies schon mal zum Anlass, dem Kanzler vorzuwerfen, Ressentiments zu bedienen, um "seine rassistischen Vorstellungen vermeintlich zu untermauern".
Mohammeds Aufenthaltstitel als Asylbewerber in Deutschland läuft Ende August aus. Vier Wochen vor Ablauf kann er ihn per Online-Antrag erneuern lassen.