Offener Brief Faschismusdebatte im Bundestag: Sie setzte 1938 und 1949 gleich - ein DDR-Zeitzeuge widerspricht

Siegfried Wein

30.06.2026, 11:18 Uhr 9 Min

Siegfried Wein war von 1983 bis 1985 Chefdramaturg am Theater der Freundschaft, von 1985 bis 1990 Intendant an diesem Theater, 1990 wiederum Intendant am Theater im Palast. Von 1990 bis 2000 brachte er sich als Mitgründer und Intendant am Theater im Palais (Palais am Festungsgraben, Unter den Linden) ein.

In der Aktuellen Stunde zum Linke-Parteitag nannte Mechthilde Wittmann (CSU) 1938 und 1949 gleichermaßen verhängnisvoll. Siegfried Wein hält das für eine Verzerrung der Geschichte.

Mechthilde Wittmann (CSU) im Bundestag.
© IMAGO/Revierfoto

Offener Brief zur Aktuellen Stunde im Bundestag am 24.6.2026

Sehr geehrte Frau Mechthilde Wittmann, sehr geehrter Herr Linnemann,

aufmerksam folgte ich vor kurzem Ihren Reden während der Aktuellen Stunde des Bundestages zum Parteitag der Linken.

Die Frage, wo beginnt Faschismus und wie erwehren wir uns aller faschistischen Tendenzen, wie bewahren wir unsere Demokratie vor diesen Übeln, bewegt nicht erst seit heute. Sie begleitet mich mein nun bereits langes Leben. In meiner Kindheit lernte ich noch, einen Herrn Hitler zu grüßen, verfolgte mich ein Kohlenklau bis in meine Träume, verkündeten furchtbare schwarze Gestalten "Psst, Feind hört mit", gab es russische Untermenschen, vor denen ich mich zu fürchten hatte, gab es die "dreckigen Polacken", die Kinder klauen. In Kinderbüchern trieben Männer mit riesigen Nasen und großen Ohren ihr Unwesen.

Mit dem Verlust meiner Heimat, dem erzwungenen Verlassen meines schlesischen Dorfes, mit dem langen Marsch aus dem nun "Nicht-mehr Deutschland" in das verbliebene Deutschland verschwanden auch diese Albträume. Es blieb der Hunger. In der Hoffnung auf ein anderes Leben ertrug ich ihn. Noch fehlten in meiner kindlichen Fantasiewelt die großen Begriffe Freiheit und Demokratie. Eins aber wusste ich: Mit denen, die meinen Vater in den Tod geführt hatten, wollte ich nichts mehr zu tun haben.

In einem Nebensatz, den zu denken und zu sprechen Ihnen, verehrte Frau Wittmann, offensichtlich leichtfällt, setzen Sie die Daten 1938 und 1949 als gleichermaßen verhängnisvoll für die deutsche Geschichte. Ist Ihnen bewusst, dass Sie damit die Lebenserfahrungen der vielen verletzen, die in dem anderen, kleinen Deutschland versuchten, ein neues Miteinander zu gestalten? Dass sich dieser Traum - ich spreche hier bewusst von einem Traum - nicht erfüllte, wissen wir. Es gab viele Gründe, die zu beschreiben hier nicht der Platz ist.

Mit dem Blick auf Ihre Familiengeschichte spreche ich Ihnen aber, verehrte Frau Wittmann, entschieden das Recht ab, so leichtfüßig über mein Leben und das Leben vieler anderer zu urteilen. Dabei besorgt es mich besonders, dass Sie mit dieser überheblichen Geschichtsbetrachtung unverhohlen jene Kräfte stärken, die erneut ansetzen, im Namen Deutschlands ein friedliches und vernünftiges Zusammenleben zu zerstören.

Sie wollten uns nicht als Bürger der DDR akzeptieren

Zu Ihrer bereits angesprochenen Familiengeschichte. Ihr Vater, Fritz Wittmann, war in den 50er-Jahren Landesvorsitzender des RCDS in Bayern. Ich erinnere mich an eine Begegnung von Vertretern des RCDS, des Rings Christlich-Demokratischer Studenten, mit Studenten der Humboldt-Universität Anfang der 60er-Jahre in West-Berlin. Das zufällig entstandene Treffen endete in einem Eklat. Die Teilnehmer seitens des RCDS stellten sich als Angehörige unterschiedlicher schlagender Verbindungen vor. Sie wollten uns nicht als Bürger der DDR akzeptieren, lehnten selbst die als möglichen Konsens vorgeschlagene Bezeichnung "Ostdeutschland" ab. Diese gelte für die deutschen Gebiete, die gegenwärtig unter polnischer Verwaltung stünden, und patriotisch-deutsche Pflicht sei es, sie wieder in ein kommendes "Deutsches Reich", möglicherweise auch gewaltsam, einzugliedern.

Es ist nicht anzunehmen, dass Ihr Vater, der einer nichtschlagenden farbentragenden Korporation angehörte, dabei war. Dennoch wirft diese Randbegegnung ein Licht auf damaliges westdeutsches Gedankengut, das auch von der CDU/CSU mitgetragen wurde. Wie sehr daran auch Ihr Vater, ein mehrjähriger Abgeordneter des Deutschen Bundestages, beteiligt war, lässt sich möglicherweise aus einigen seiner anderen Funktionen vermuten. Zu nennen wären der Vorsitz in einem wehrpolitischen Arbeitskreis der CSU, die Präsidentschaft für den Bund der Vertriebenen und, in diesem Zusammenhang besonders interessant, seine Rolle als stellvertretener Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

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Für diese mag es durchaus ehrenhafte Anliegen geben, wie etwa einen Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen zu suchen. Tatsache aber ist, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft unter dem Einfluss des Witikobundes gegründet wurde. Eine in eigener Beschreibung "nationale Gesinnungsgemeinschaft der Sudetendeutschen", die sich noch immer für die völkische Linie innerhalb der Vertriebenenverbände einsetzt. Von Ausgleich und Verständigung ist keine Rede mehr. Deutsche Interessen seien zu wahren. Das alles zu einer Zeit, in der meine Mutter mich ermahnte, dass man wegen eines Hauses keinen Krieg führt. Das Haus, das wir einst besaßen, gehöre jetzt denen, die darin wohnen.

Der Witikobund wurde bis 1967 im Bundesverfassungsschutzbericht als rechtsextrem eingestuft und steht noch heute unter dem Verdacht rechtsextremer Bestrebungen. Sicherlich zu Recht, da er einst von nachgewiesen ehemaligen Anhängern des Gauleiters Konrad Henlein gegründet wurde. Zwar distanzierte sich 2015 die Leitung des Sudetenbundes vorsichtig vom Witikobund, indem man ihm die Eigenschaft einer "sudetendeutschen Gesinnungsgemeinschaft" aberkannte. In diesem Jahr versuchte der Witikobund eine Neuausrichtung. Ob sie gelang, ist nach wie vor umstritten. Nicht unwichtige Mitglieder der CDU/CSU blieben Witikonen. So der ehemalige thüringische Staatssekretär und langjährige Berater des Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Wolfgang Egerter, und der umtriebige Verleger Herbert Fleissner. Beide waren selbstverständlich Mitglieder der CDU/CSU.

Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen

Das Innere der Berliner Synagoge in der Fasanenstraße nach dem Brand am 9. November 1938
© Pictures From History/IMAGO

Festzuhalten aber bleibt: In den Jahren, in denen Ihr Vater, verehrte Frau Wittmann, als stellvertretender Vorsitzender die Geschicke des Sudetendeutschen Bundes verantwortete, standen die Witikonen noch fest zu ihrer völkischen Gesinnung.

Bitte verstehen Sie mich richtig, all dies werfe ich Ihnen nicht vor. Seine Eltern kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Aber sprachen Sie nicht in Ihrer Rede während besagter Bundestagsdebatte davon, dass die CDU/CSU auf extremistische Positionen sofort und "umgehend" mit einem Parteiausschlussverfahren reagieren würde? Vielleicht bewerten Sie die rückwärtsgerichtete Gedankenwelt des Witikonen nicht als extremistisch? Ich habe jedenfalls nichts von einem Parteiausschlussverfahren in diesem Zusammenhang gehört.

Sehr geehrter Herr Linneman, in Ihrer Rede verweisen Sie auf die christdemokratischen Gründerväter und -mütter Ihrer Partei. Deren Anliegen war, wie es in dem Gründungsaufruf zu lesen ist, aus heißer Liebe zu dem deutschen Volk die christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zum Aufbau einer neuen Heimat zu gewinnen. Sie nennen neben vielen anderen Andreas Hermes. An ihn zu erinnern, der bisher in Ihrer Partei fast vergessen schien, ist aller Ehren wert und für Sie vielleicht auch mutig.

Hermes gehört in den Kreis aufrechter Widerstandskämpfer. Vom Volksgerichtshof wurde er zum Tode verurteilt, die Rote Armee rettete ihm mit ihrem Einmarsch in Berlin am 24. April 1945 das Leben. Mit seinen christlich-sozialen Ideen konnte er sich in der Gründungsphase seiner Partei nicht gegen Konrad Adenauer durchsetzen. Obwohl er in der Folge verdienstvoll wirkte, verschwand er in der zweiten Reihe und bisher auch aus dem Gedächtnis Ihrer Partei.

Abgelegt unter: "unterschiedliche Geschichtsauffassung"

Zur Geschichte Ihrer Partei gehört aber auch der Name Theodor Oberländer. Dieser war gemeinsam mit dem nun in der Ukraine gefeierten Stepan Bandera - Chef der OUN-B, des bewaffneten Arms der UPA, der Selenskyj den Heldenstatus verlieh - an den Lemberger Pogromen und weiteren Massakern gegen polnische und ukrainische Juden beteiligt. Als "Ostforscher" der NSDAP behauptete er, dass "für ganz Europa ... das Anschwellen der gesamtslawischen Bevölkerung zu einer ernsten Gefahr" werden könnte, ebenso wie das Judentum, das in Osteuropa den Kommunismus verbreite.

Gegenwärtig kulminieren diese Vorgänge in einem weitreichenden polnisch-ukrainischen Konflikt, der in Verbindung mit dem Namen Oberländer auch zu einem deutschen wird. Nicht unheikel. Möglicherweise ist das auch der Grund, dass dieser Streit in unseren zur sachlichen Berichterstattung verpflichteten Medien unter der Rubrik "unterschiedliche Geschichtsauffassung" abgelegt und möglichst kleingehalten wird.

Dieser Herr Oberländer, ein einst von Konrad Adenauer protegierter Bundesminister für Vertriebene, musste 1960 zurücktreten, nachdem er von einem Gericht der DDR in Abwesenheit zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Er blieb aber mit Unterbrechung bis 1965 Mitglied des Bundestages. 1981 machte er noch einmal von sich reden mit der Unterzeichnung des sogenannten Heidelberger Manifestes gegen "eine Unterwanderung des deutschen Volkes" und die "Überfremdung" der deutschen Sprache und Kultur. Auch in dieser Zeit war er geachtetes Mitglied der CDU und blieb es bis zu seinem Tod. Ein Parteiausschlussverfahren gab es nie, schon gar nicht "umgehend". Zu fragen ist: Wo beginnt Extremismus und wo endet er?

Trotz all des Gesagten teile ich auf keinen Fall die Meinung von Luigi Pantisano. Die CDU kann und darf, auch wenn man sich auf die Widersprüche in ihrer Geschichte einlässt, nicht mit der AfD oder irgendwelchen Faschisten gleichgesetzt werden. Der Begriff des Faschismus ist determiniert. Ihn auf alle anzuwenden, die anderer Meinung sind, verwässert ihn, macht ihn am Ende untauglich für eine wirkliche, in diesen Tagen so nötige Auseinandersetzung.

Zum Faschismus gehört auch die Verherrlichung von Gewalt

Verehrte Frau Wittmann, Sie zählen die Merkmale des Faschismus auf. Er ist, so sagen Sie, Unterdrückung, Vernichtung politischer Gegner, die Abschaffung von Freiheit und Demokratie. Ich stimme Ihnen unbedingt zu. Zum Faschismus gehört aber auch die Verherrlichung von Gewalt und militärischer Stärke als politisches Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele. Interessant, dass Sie Letzteres nicht erwähnten. Ich wüsste gern, warum Sie das vergessen haben, zumal Sie doch den Anspruch erhoben, der Linke-Fraktion zu erklären, was Faschismus sei. Dennoch, bei allem Widerspruch und gegensätzlicher Meinung - vielleicht auch gerade deshalb -, bei all den Fragen, die gegenwärtig bewegen: Ich plädiere für eine von Scheuklappen befreite, von Vernunft und Achtung getragene Aufarbeitung deutscher Geschichte. Dazu gehört für mich auch die polemisch formulierte, der historischen Wahrheit widersprechende Gleichsetzung von 1933 mit 1949, eine in der alten Bundesrepublik nur allzu gern geübte Praxis. Sicher dazu angetan, die eigenen Versäumnisse zu vertuschen. Entziehen wir uns dieser Arbeit, so stärken wir die, die tatsächlich unsere Demokratie gefährden. Beenden wir das Gerede von den linken und rechten Rändern. Die Rechte ist doch schon längst in der Mitte angekommen.

Viel wird gegenwärtig von der Aufarbeitung der DDR-SED-Diktatur gesprochen. Diese kann nur dann sinnvoll sein, wenn sie verbunden ist mit einer ebenso ehrlichen wie aufrechten, von beiderseitigen Vorwürfen und Überheblichkeit befreiten, die Wahrheit nicht scheuenden Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte. Dass es dafür Mut braucht, mag man bedauern. Dennoch, diesen Mut sollten wir endlich aufbringen. Die Zeit drängt.

Hochachtungsvoll

Siegfried Wein


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