Ein Essay von Ayaan Hirsi Ali: Die Ursachen für das Scheitern des Westens

Ayaan Hirsi Ali
Global Reporter

27.01.2026 - 08:43 Uhr

Wer Europas gegenwärtige Krise verstehen will, sollte die fünf entscheidenden Unterschiede zwischen islamischen und christlichen Kulturen kennen.

Die blaue Moschee in Hamburg steht wie keine andere für radikalen Islamismus und wurde vor eineinhalb Jahren gesperrt
Foto: Christian Charisius/dpa

Ayaan Hirsi Ali gehört zum "Global Reporter"-Netzwerk von Axel Springer. Ihre Texte erscheinen neben BILD auch bei WELT, POLITICO, BUSINESS INSIDER und ONET.

Die westlichen Nationen befinden sich in einem Umbruch. Das Christentum, der Glaube, den die meisten Westler früher praktizierten, wird weitgehend abgelehnt; in seinem Gefolge hat sich die spirituelle Landschaft rasch mit Pseudoreligionen und einer sich verschlimmernden Epidemie der Verzweiflung gefüllt.

Feindliche Mächte wie China und Russland nutzen die Schwäche aus und haben sich in mehreren Bereichen zusammengeschlossen, von Waffenverkäufen und Militärübungen bis hin zur technologischen Zusammenarbeit. Sie haben ihre historischen Differenzen beiseitegelegt, um sich auf ihren gemeinsamen Feind zu konzentrieren: die Vereinigten Staaten.

Die westliche Zivilisation ist auch durch einen anderen, in vielerlei Hinsicht noch gefährlicheren Gegner bedroht - den Islamismus. Schließlich gibt es trotz der naiven Behauptung westlicher Politiker, dass sich die Migranten integrieren und nach den Normen ihrer Aufnahmegesellschaften leben werden, eine fest verankerte Infrastruktur islamistischer Aktivisten im Westen. Ihre ausdrückliche Mission ist es, Muslime davon zu überzeugen, westliche Werte abzulehnen und sich nicht zu assimilieren.

Ehemals friedliche und prosperierende europäische Städte werden nun regelmäßig durch einen guerillamäßigen Kulturkampf zwischen einheimischen Bürgern und muslimischen Einwanderern erschüttert. Die Krise untergräbt genau die kulturellen, sozialen und rechtlichen Systeme, die den Westen zu einem Magneten für den Rest der Welt gemacht haben.

Die Lage verschlechtert sich, statt sich zu verbessern

Jedes Mal, wenn es zu einem islamistisch motivierten Terroranschlag oder einem Ausbruch von Gewalt kommt, folgen westliche Politiker einem gut einstudierten Drehbuch. Sie verurteilen die Gewalt und die dafür Verantwortlichen und ermahnen gleichzeitig die Öffentlichkeit, nicht alle Muslime mit den wenigen schwarzen Schafen gleichzusetzen, die für die Taten verantwortlich sind. Dieses Drehbuch ist nicht mehr wirksam. In ganz Europa sind Proteste gegen die Einwanderung mittlerweile an der Tagesordnung und gehen manchmal mit Ausschreitungen und Gewalt einher.

Natürlich ist es wahr, dass nicht alle Muslime dem Westen gegenüber negative Gefühle hegen und viele sich assimiliert haben - diese Muslime verabscheuen die Unruhestifter mehr als jeder andere. Aber dies anzuerkennen, ist weder relevant noch hilfreich, um die Ursache des Problems zu verstehen und zu bewältigen. Die Lage verschlechtert sich, statt sich zu verbessern.

Die Ursache für das Scheitern des Westens im Umgang mit dem Zusammenprall der Kulturen liegt in der Weigerung, sich mit den jahrhundertealten zivilisatorischen Kräften auseinanderzusetzen, die dahinterstehen. Diese Kräfte haben den Verlauf meines eigenen Lebens geprägt.

Die ersten 22 Jahre meines Lebens verbrachte ich als gläubiger Muslim und zog mit meiner Familie zwischen Somalia, Saudi-Arabien, Kenia und Äthiopien hin und her, bevor ich 1992 nach Europa kam. Mein Erwachsenenleben habe ich damit verbracht, mich mit den tiefen Unterschieden zwischen der Zivilisation, die mich aufgenommen hat, und der, die ich zurückgelassen habe, auseinanderzusetzen.

Meiner Ansicht nach gibt es fünf Kernfragen, die uns helfen werden, das Ausmaß der Krise besser zu verstehen.

Fünf Kernfragen, um die Krise zu verstehen Der Westen sollte auf der Hut sein

Ich glaube, dass die Betrachtung des Scheiterns vieler muslimischer Einwanderer, sich an das Leben in Europa anzupassen, und des Zusammenpralls der Kulturen durch das Prisma dieser fünf Elemente uns helfen kann, die Aufgabe besser zu verstehen, vor der wir stehen. Diese Frage ist seit dem 7. Oktober 2023 dringlicher geworden. Viele Menschen im Westen waren schockiert über Ausmaß und Heftigkeit der Massenproteste, die islamistische Gruppen - unterstützt von linken Gruppen - an Universitäten und in Städten im Westen initiiert haben.

Wenn man in der muslimischen Welt aufwächst, wird einem von frühester Kindheit an beigebracht, dass Juden der Feind sind. Es ist für mich erschreckend, wenn ich höre, dass islamistische, antisemitische Rhetorik sogar von gewählten Vertretern westlicher Regierungen wiederholt wird. Der Fortschritt der Zivilisation ist nicht unumkehrbar. Der Westen sollte auf der Hut sein.


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