Zur Beachtung: Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2017, immer noch aktuell !!!!
Anne Morelli
ist eine belgische Historikerin der Freien Universität Brüssel. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Analyse der Kriegspropaganda. Darüber hinaus befasste sie sich mit nationalen Mythen, Religion, Minderheiten und Immigration. 2010 wurde sie emeritiert.
8. April 2017, 21:58
Baron Arthur Ponsonby stammte aus einer der bedeutendsten Familien Großbritanniens. Seine Karriere verlief höchst ungewöhnlich. Der eingefleischte Pazifist war Mitglied der Liberalen Partei und wechselte 1914 aus Protest gegen den Kriegsbeitritt seines Landes zur Labour Party, welcher er 1940 ebenso den Rücken kehrte, als diese sich den Kriegsbefürwortern anschloss. 1928 erschien sein aufwühlendes Buch "Lügen in Kriegszeiten", in dem er entscheidende Mechanismen der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg aufzeigte und diese in zehn Gebote zusammenfasste.
Anne Morelli hat diese zehn Prinzipien auf ihre Gültigkeit für andere gewaltsame Konflikte untersucht. Die Ergebnisse sind verblüffend. Fast scheint es so, als ob Kriegsherren weltweit diese Gebote als Einmaleins der Propaganda übernommen haben. Und wie beginnt man einen Krieg? Indem man ihn zunächst einmal kategorisch ablehnt.
Da Krieg und seine grauenhaften Begleiterscheinungen nur selten populär sind, können Regierende gar nicht umhin, sich vorab als Friedensfürsten darzustellen.
Warum kommt es dann aber doch zum bewaffneten Konflikt, wenn doch die Machthaber alle vom gleichen Friedenswillen beseelt sind? Man wird zum Krieg gezwungen. Der Angriff geht vom gegnerischen Lager aus. Man müsse darauf einfach reagieren, entweder aus Notwehr oder um internationalen Verpflichtungen gerecht zu werden.
Da man eine Gruppe von Menschen in ihrer Gesamtheit nicht wirksam hassen kann, braucht das provokante Böse ein Gesicht. Das dritte Prinzip lautet folgerichtig: Gib dem Führer der Gegner dämonische Züge. Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt Adolf Hitler als die Inkarnation des Bösen schlechthin. Den Führern feindlicher Lager wurde immer wieder unterstellt, sein direkter Erbe oder Double zu sein. Stalin, Mao, Kim Il Sung oder Ceaucescu sind nur einige Beispiele.
Um Kriege zu führen, muss man heutzutage, im Gegensatz etwa zu den Zeiten Ludwigs des XIV., die Zustimmung der Bevölkerung einholen. Dies gelingt zumeist, wenn sie glaubt, dass seine Unabhängigkeit, seine Freiheit, vielleicht sogar sein Leben davon abhängt.
Der NATO-Einsatz im Kosovo wurde unter dem Vorwand durchgeführt, die Misshandlung von Minderheiten zu verhindern, die Menschenrechte also hochzuhalten. Glaubt irgendjemand heute noch an die damals propagierten Gründe? Der Satiriker Charlie Hebdo hat dies so zusammengefasst:
Kaltblütige Morde, Folter, Plünderungen, Vergewaltigungen: Verachtenswerte Grausamkeiten begeht prinzipiell nur der Feind, und sie dienen hervorragend zur zusätzlichen Aufheizung der Volksseele. Die erschütternde Geschichte der kuwaitischen Babys, die von irakischen Soldaten aus ihren Brutkästen gerissen wurden, stellte sich als ein geschickt inszeniertes Märchen einer dafür engagierten Werbeagentur heraus. Der Feind ist aber nicht nur grausam, sondern verwendet auch unerlaubte Mittel.
Dergleichen ist ein Überraschungsangriff, solange er von der eigenen Armee ausgeht, legitim, ja zeugt sogar von einer besonders intelligenten Strategie. Wird aber die gleiche Taktik vom Feind praktiziert, ist sie ein Beweis von Feigheit.
Anne Morelli untermauert mit zahllosen Beispielen und Fakten, dass die von Ponsonby aufgestellten Prinzipien nach wie vor gültig sind. Die Leserschaft ruft sie zu Skeptizismus auf.
Buch-Tipp
Anne Morelli, "Die Prinzipien der Kriegspropaganda", aus dem Französischen von Marianne Schönbach, Verlag zu Klampen, ISBN 3934920438
Quelle: oel.orf.at