Die GKV wird wieder teurer Klagen, Kosten, Chaos: Wie die Bundesregierung die Beiträge explodieren lässt

Christian Schwager

03.12.2025, 09:19 Uhr

Die Krankenkassen gegen den Bund. Es geht um Milliarden für Bürgergeldempfänger. Doch die Probleme liegen tiefer - und bleiben ungelöst. Steckt dahinter System?

Ein Patientenbett wird durch den Flur einer Klinik geschoben.
Jens Kalaene/dpa

Die Bundesregierung sieht sich mit einer Klagewelle der gesetzlichen Krankenkassen konfrontiert. Jetzt setzt sich auch die DAK Gesundheit gegen die Politik juristisch zur Wehr. Hintergrund sind jährliche Kosten in Milliardenhöhe für Bürgergeldempfänger. Was eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, wird zu einem beträchtlichen Teil als versicherungsfremde Leistung den Beitragszahlern aufgebürdet.

Eine bewusste Erhöhung der Beiträge zu Lasten der rund 75 Millionen Mitglieder in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) beklagt DAK-Vorstand Andreas Storm. Denn das zeichnet sich ab: Entgegen der Prognose von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) wird die GKV auch im kommenden Jahr erneut teurer.

Kassen fordern ein Sparpaket über 50 Milliarden Euro

Ein Ende der Fehlentwicklung ist nicht abzusehen. Die Ausgaben der GKV steigen seit Jahren. Ein Sparpaket als Akuttherapie in Höhe von zwei Milliarden Euro wird diese Entwicklung nicht stoppen. Zumal die Bundesländer das Vorhaben der Gesundheitsministerin erst einmal ausgebremst haben. So wie sie auch die Krankenhausreform des Vorgängers im Amt Karl Lauterbach (SPD) aus ihrer Perspektive entschärfen, aus Sicht von Kritikern verwässern. GKV-Vertreter verlangen ein Sparpaket von 50 Milliarden Euro.

Die grundlegenden Probleme bleiben. Bei den größten Kostenfaktoren, den Kliniken, Arzneimitteln und ärztlichen Leistungen, aber auch bei den Einnahmen werden strukturelle Defizite nicht beseitigt. Die Ungerechtigkeit beim Bürgergeld ist da nur ein Beispiel. Ein Problem, das sich leicht beheben ließe, wozu jedoch der politische Wille fehlt. Zu Lasten der GKV-Mitglieder. Die Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) bleiben außen vor, knapp neun Millionen Menschen immerhin.

Ein Kenner der Branche berichtet von hohen Kosten für Mitgliederwerbung. Milliarden geben die Kassen für Kliniken und Medikamente aus. Doch warum ist die Lage überhaupt so festgefahren?
Von Christian Schwager
25.11.2025

Mit dem Prinzip einer solidarischen Gesellschaft hat das nichts mehr zu tun. Dass ausgerechnet Beamte, Staatsbedienstete also, dazu verpflichtet sind, in die PKV einzutreten, ist vor diesem Hintergrund völlig unverständlich. Was aber könnte nun das strategische Ziel der Bundesregierung sein, für das sie bewusst steigende Kassenbeiträge in Kauf nimmt, wie der DAK-Chef konstatiert?

Die Zahl der privaten Vollversicherungen bleibt zwar weitgehend stabil, wobei auch sie 2026 deutlich teurer werden sollen. Dagegen schließen jedoch immer mehr GKV-Mitglieder Zusatzversicherungen ab. Diese nahmen 2024 gegenüber dem Vorjahr um 1,3 Millionen oder umgerechnet 4,5 Prozent zu; mehr als 31 Millionen Zusatzversicherungen verzeichnen die Konzerne.

Bei Zahnersatz gehört diese Form der Absicherung seit längerem schon zum Standard. Das Konzept macht inzwischen in der GKV Schule. Kassen bieten zum Beispiel Rückerstattungstarife an: Wer ein Jahr lang keine Leistungen in Anspruch nimmt, bekommt Geld zurück. Oder Facharzttarife: Wer sich dafür entscheidet, erhält gegen Aufpreis schneller Termine bei Spezialisten. Solche Wahltarife variieren je nach Anbieter.

Ein Zahnarzt behandelt einen Patienten: Zahnzusatzversicherungen sind hierzulande fast so etwas wie Standard.
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Das bisherige Zwei-Klassen-System mit gesetzlich und privat Versicherten fächert sich somit weiter auf. Das individuelle gesundheitliche Risiko der GKV-Mitglieder wird schrittweise privatisiert. Mehr Eigenverantwortung lautet die beschönigende Formel für den Umbau der gesundheitlichen Daseinsfürsorge.

Das Geld im System wird neu verteilt. günstiger wird die GKV dadurch nicht. Anders etwa als in Österreich, wo 99,9 Prozent der Bevölkerung bei einem der drei großen Träger Mitglied sind und einen vergleichsweise niedrigen Beitrag von 7,65 Prozent ihres Einkommens zahlen. Nochmals anders ist das schwedische Modell organisiert, nämlich aus regionalen und kommunalen Einkommenssteuern sowie staatlichen Zuschüssen finanziert und nur mit geringen Patientengebühren belastet. Private Zusatzversicherungen existieren zwar, spielen aber nur eine Nebenrolle.

Fast zwei Drittel der Kassen verlieren Mitglieder

In Deutschland haben gesetzlich Versicherte die Wahl zwischen 94 Krankenkassen. Das sorge für Wettbewerb und sei daher gut für die Mitglieder, sagen Befürworter, insbesondere Vorstände der Kassen natürlich, deren Unternehmen Verwaltungskosten von zusammen fast 13 Milliarden Euro verursachen.

Wenn das mit dem Wettbewerb und den Vorzügen für die Mitglieder denn stimmen sollte, würde ein knappes Dutzend Anbieter sicher auch reichen - und viel Geld sparen. Zumindest in dieser Hinsicht scheint der politische Stillstand positive Wirkung zu entfalten. Einer aktuellen Erhebung zufolge verzeichnen fast zwei Drittel der Kassen einen Mitgliederschwund, insbesondere die mit den höchsten Beiträgen. Dagegen hat die Zahl der gesetzlich Versicherten insgesamt nach einem zwischenzeitlichen Abschwung wieder zugenommen.

Das nennt man dann wohl Marktbereinigung. Zum Vorteil der gesetzlich Krankenversicherten.


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