Deutschland ist ungerecht, weil es die Produktiven ausbeutet Von Rainer Zitelmann

Freitag, 25.09.2026, 13:30

In Deutschland leben immer mehr Unproduktive auf Kosten der Produktiven. Kapitalismus-Verteidiger und FDP-Mitglied Rainer Zitelmann findet das ungerecht.

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Die Union hat die "Gerechtigkeit" neu für sich entdeckt. Seit den Wahlen am vergangenen Sonntag hört man aus dem Munde führender Unionspolitiker, CDU und CSU müssten sich verstärkt dafür einsetzen. SPD und Linke sprechen sowieso seit Jahren über nichts anderes und versuchen, sich als Verfechter "sozialer Gerechtigkeit" gegenseitig zu überbieten.

Die Forderung nach Gerechtigkeit hat einen großen Vorteil. Niemand widerspricht. Wer ist nicht für Gerechtigkeit? Und wer würde fordern, es solle alles ungerechter werden? Allerdings bleibt meist völlig unklar, was Gerechtigkeit sein soll.

Dr. Rainer Zitelmann ist promovierter Historiker und Soziologe. Er hat 32 Bücher geschrieben und herausgegeben, u.a. "Hitler: Selbstverständnis eines Revolutionärs", "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung", "Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten" "Weltraumkapitalismus" und sein neues Buch "Zero-Sum Mindset. Die Nullsummenfalle". Er ist FDP-Mitglied.

Die einen produzieren, die anderen besteuern und verbieten

Ich fange mal an mit dem, was ich ungerecht finde: Jeden Morgen stehen Millionen Menschen auf, um Werte zu schaffen. Der Bäcker ist um vier Uhr in der Backstube und backt Brot. Der Unternehmer überlegt, wie er ein besseres Produkt entwickeln, Kunden gewinnen und Arbeitsplätze schaffen kann. Der Installateur fährt zu einem Kunden und repariert dessen kaputte Heizung. Und andere stehen auf und überlegen, wie sie den Produktiven das Leben schwerer machen können. Politiker von SPD und Linken denken darüber nach, mit welcher neuen Steuer man gegen Reiche Stimmung machen kann. Die Gleichstellungsbeauftragte durchforstet Stellenanzeigen auf der Suche nach einem Wort, das gegen irgendeine Vorschrift verstoßen könnte. Der NGO-Aktivist entwickelt die nächste Kampagne für neue Verbote, Auflagen und Vorschriften für Unternehmer, Vermieter oder Autofahrer.

Die einen produzieren, reparieren, erfinden und investieren. Die anderen besteuern, regulieren, kontrollieren und verbieten.

Die anderen beuten die produktive Arbeit aus

Der Soziologe Helmut Schelsky unterschied in seinem Buch "Die Arbeit tun die anderen" schon vor rund 50 Jahren zwischen produktiver Arbeit und unproduktiver Arbeit. Als produktiv definierte er die Herstellung materieller Güter der Lebenserhaltung und Lebensverbesserung, einschließlich materiell lebenserleichternder Dienstleistungen und Lebenssicherungen.

"Das Kennzeichen dieser strukturell ‚zweigeteilten Gesellschaft'", so der Soziologe, "besteht darin, dass die eine Bevölkerungsgruppe diese produktive Arbeit leistet und davon leben muss, während die andere Sozialgruppe diese produktive Arbeit ausbeutet, um ihre Lebensinteressen auf Kosten der anderen befriedigen und zum Zuge bringen zu können."

Immer mehr Unproduktive leben auf Kosten der Produktiven

Die eine Gruppe, die produktiv ist, erzeugt Waren und Dienstleistungen, die von anderen freiwillig gekauft werden. Sie muss aber einen zunehmenden Teil dessen, was sie erwirtschaftet, an die Unproduktiven abgeben, die selbst keine Werte schaffen. Diese Gruppe lebt von Zwangsabgaben, vor allem von Steuern. Universitäten produzieren eine zunehmende Menge an Menschen, die nichts können, was am Markt nachgefragt würde, das heißt wofür Konsumenten bereit wären, freiwillig zu bezahlen.

In dem Maß, wie die Zahl der Unproduktiven größer wird, müssen Steuern und Schulden steigen, da dies die einzige Quelle ist, die die Unproduktiven speist. Deshalb fordern sie auch ständig höhere Steuern und mehr Schulden. Das Problem ist, dass seit Jahren die Zahl der Produktiven in Deutschland sinkt und die Zahl der Unproduktiven steigt.

Ist Ungleichheit ungerecht?

Das Problem ist, dass diese Ausbeutung der Produktiven durch eine zunehmend größere Zahl von Unproduktiven durch keine Partei als zentrales Problem adressiert wird. Stattdessen wird im allgemeinen Sprachgebrauch "Gerechtigkeit" mit "Gleichheit" gleichgesetzt.

Viele Kritiker sozialer Ungleichheit verweisen darauf, die Unterschiede seien in den vergangenen Jahrzehnten größer geworden - so verdiene heute beispielsweise ein Manager im Verhältnis zu seinen Angestellten viel mehr als früher. War "früher" also das richtige Maß?

Wohl kaum, denn viele der Leute, die heute eine zu große Ungleichheit beklagen, haben das zu den früheren Zeiten, auf die sie jetzt gerne verweisen, auch schon getan. Die guten alten Zeiten sind nur heute gut, früher waren sie aus Sicht der Kritiker genauso "ungerecht".

Bei vielen herrscht ein "Angestelltendenken"

Unter Leistung verstehen die meisten Menschen sowohl den Zeitaufwand als auch die Intensität der Anstrengung oder der Bemühung einer Person. Ich nenne das "Angestelltendenken", denn es entspricht der Lebenserfahrung eines Angestellten oder Arbeiters, dass sein Lohn beziehungsweise Gehalt proportional zur eigenen Anstrengung ist: Wer länger oder härter arbeitet, verdient auch in der Regel mehr. Dies sehen die meisten Menschen als gerecht an.

Was sie nicht verstehen: Dieser Zusammenhang gilt - wenn überhaupt - nur für Arbeiter und Angestellte oder Beschäftigte in der Landwirtschaft, aber er gilt gewiss nicht für Unternehmer. Beim Unternehmer zählen vor allem die gute Geschäftsidee, seine Kreativität, seine Innovationen.

Wenn Sie sich die Liste der reichsten Menschen der Welt anschauen, dann sind diese meistens deshalb reich geworden, weil sie eine besondere unternehmerische Idee hatten und ein Produkt an den Markt brachten, das von vielen Konsumenten als nützlich anerkannt wurde. Nicht der Arbeitsaufwand, sondern der für die Gesellschaft geleistete Nutzen ist entscheidend. Dieser Nutzen hat sehr wenig und oft genug gar nichts zu tun damit, wie viel Zeit und Schweiß ein Unternehmer in seine Geschäftsidee investierte.

Ungleichheit sinkt, aber Unzufriedenheit steigt

Das Unverständnis für diese Zusammenhänge ist also eine Basis für den Unmut über "soziale Ungleichheit" oder "soziale Ungerechtigkeit". Übrigens werden beide Begriffe von vielen Menschen synonym gebraucht, wohinter sich die wenig überzeugende Vorstellung verbirgt, nur Gleichheit könne gerecht sein.

Die Hoffnung mancher, mit steigender Gleichheit sinke die Unzufriedenheit über "soziale Ungerechtigkeit", ist aus meiner Sicht nicht gut begründet. Beispielsweise hat die Gleichheit zwischen den Geschlechtern in den meisten westlichen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten genauso stark zugenommen, wie die Unzufriedenheit über verbliebene Ungleichheiten gestiegen ist.

Und in Deutschland werden heute mehr als 1,4 Billionen Euro im Jahr für Sozialleistungen ausgegeben. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt stieg von 18,3 Prozent im Jahr 1960 über 24,1 Prozent im Jahr 1990 auf heute 32 Prozent. Und dennoch werden die Klagen deutscher Medien und Politiker über die angeblich immer größere soziale Ungerechtigkeit immer schriller.


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