Nils Brechbühler
06.04.2026, 10:21 Uhr
Thomas Imo/photothek.net/imago
835 Millionen Euro. So viel geben Deutschlands Länder und Kommunen jeden Tag für ihr Personal aus. Bei den Kommunen haben sich die Personalkosten in zehn Jahren verdoppelt. Der Bund zahlt allein für Pensionen und Beihilfen über 60 Milliarden Euro im Jahr. Und trotzdem verzeichneten Deutschlands Kommunen 2024 ein Rekorddefizit von 24,8 Milliarden Euro - fast viermal so hoch wie im Vorjahr.
Ich kenne diesen Apparat von innen. Ich war Beamter, dann Tarifbeschäftigter, habe bei einem kommunalen IT-Dienstleister gearbeitet und berate heute als Unternehmer öffentliche Verwaltungen. Über 2000 Behörden, auf allen Ebenen. Und ich sage das, was viele denken, aber niemand öffentlich ausspricht: Das Problem des öffentlichen Dienstes ist nicht das Geld. Es sind die Strukturen. Solange wir nur über Gehälter reden, wird sich daran nichts ändern.
Was das konkret bedeutet, zeigt der jüngste Tarifabschluss. 5,8 Prozent mehr über 27 Monate für die Beschäftigten der Länder. Verdi sprach von einem Erfolg. Der Beamtenbund nannte es einen "tragfähigen Kompromiss". Aber bevor wir über Prozente reden, müssen wir über das System reden, in das sie fließen.
5,4 Millionen Menschen arbeiten im deutschen öffentlichen Dienst. Knapp zwölf Prozent aller Erwerbstätigen. Allein im vergangenen Jahr kamen fast 96.000 Beschäftigte hinzu. Deutschland baut seinen Staat nicht um. Es baut ihn auf. Immer größer, immer teurer, ohne jemals die Frage zu stellen, ob die Arbeit überhaupt noch so organisiert werden muss.
Wer in Berlin lebt, kennt das Ergebnis. Drei Monate Wartezeit auf einen Bürgeramtstermin. Ein Wohngeldantrag, der über Bezirksamt, Landesfinanzamt und Bundesagentur für Arbeit läuft, weil drei Verwaltungsebenen dieselben Daten nicht automatisiert austauschen können. Wochen Bearbeitungszeit für einen Vorgang, den ein digitaler Abgleich in Minuten erledigen könnte. Aber das ist kein Berliner Problem. Das ist ein deutsches Problem.
In Behörden im ganzen Land entstehen die strukturellen Defizite an denselben Stellen: in Prozessen, die niemand mehr erklären kann, aber alle befolgen. In rechtlichen Konstruktionen, die sich über Jahrzehnte aufgetürmt haben und heute ein Dickicht bilden, durch das sich selbst Fachleute kaum noch navigieren können.
In Zuständigkeiten, die über so viele Ebenen verteilt sind, dass am Ende niemand mehr verantwortlich ist. Was dabei herauskommt, ist kein einzelner Fehler. Es ist multiples Organisationsversagen - systematisch, flächendeckend und seit Jahrzehnten unkorrigiert.
Googeln Sie die Organigramme von deutschen Behörden. Was Sie finden, ist das preußische Verwaltungssystem im modernen Anstrich. Hierarchieebene um Hierarchieebene, vom Sachbearbeiter bis zur Behördenleitung. Jede Ebene mit eigener Zeichnungsbefugnis, jedes Referat eine geschlossene Welt.
Kein modernes Unternehmen würde so arbeiten. Aber der deutsche Staat tut es. Im Jahr 2026. Nach einem Modell aus einer Zeit, als Akten noch mit der Postkutsche transportiert wurden.
Es gibt ein Detail aus meiner eigenen Biografie, das das Problem besser erklärt als jede Statistik. Ich bin Diplom-Verwaltungswirt, Fachhochschule. Dazu ein Master of Public Administration. Zwei Abschlüsse, die mich für genau eine Welt qualifizieren: den öffentlichen Dienst. Als ich das System verließ, stand ich vor einer Erkenntnis, die absurd klingt, aber wahr ist: Meine gesamte Ausbildung hatte mich auf einen einzigen Arbeitgeber vorbereitet.
Der deutsche Staat bildet Menschen aus, die nur für den deutschen Staat arbeiten können. Das ist kein Zufall. Es ist Architektur. Eigene Ausbildungswege, die in der Wirtschaft nicht anerkannt werden. Eigene Laufbahnen, die keiner Logik außerhalb des Systems folgen.
Nils Brechbühler, geboren 1989 in Gifhorn, ist Gründer und Geschäftsführer einer Unternehmensberatung für den öffentlichen Sektor. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Maschinenraum der Verwaltung. Nach seinem Studium der Verwaltungswissenschaften war er als Lebenszeitbeamter in einer Kommunalverwaltung tätig, bevor er sich entschied, das System zu verlassen. Heute begleitet er Behörden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene bei der digitalen Transformation, Change-Management-Prozessen und der Modernisierung von Organisationsstrukturen.
Eigene Besoldungsstrukturen, Versorgungssysteme, Karrieremechanismen - alles hermetisch abgeschlossen. Wer einmal drin ist, kommt theoretisch raus, aber praktisch hat das System dafür gesorgt, dass es draußen kaum Anschluss gibt. Und wer draußen ist, kommt kaum rein, weil Berufserfahrung aus der Wirtschaft in Laufbahnverordnungen nicht vorgesehen ist.
Personell: Wer in diesem System aufwächst, kennt nur dieses System. Wer befördert wird, befördert Menschen, die genauso denken. Es gibt keinen Zufluss von Außenperspektive, keinen Korrektivmechanismus durch Menschen, die wissen, wie es woanders funktioniert.
In Großbritannien wechseln Führungskräfte regelmäßig zwischen öffentlichem und privatem Sektor. In Schweden gibt es kein Berufsbeamtentum. Diese Länder verstehen etwas, das Deutschland nicht verstehen will: Ein Staat, der sich vom Rest der Arbeitswelt abschottet, wird irgendwann so denken und handeln, als gäbe es den Rest der Arbeitswelt nicht.
Strukturell: Für die Digitalisierung einer einzigen Verwaltungsleistung müssen sich Bund, Land und Kommune einigen, dazu deren jeweilige IT-Dienstleister, der Softwarehersteller, ein Beratungsunternehmen und mindestens zwei Koordinierungsgremien. Der Nationale Normenkontrollrat hat dieses Geflecht einmal in einer Grafik visualisiert und darunter nur eine Frage gestellt: "Funktioniert das?" Das Onlinezugangsgesetz hat sie beantwortet.
Von 575 Verwaltungsleistungen waren zum Fristende 105 umgesetzt. Und am Horizont erscheint bereits die nächste Großbaustelle: die Registermodernisierung, bei der Deutschlands über 200 staatliche Register vernetzt werden sollen. Die Idee ist richtig. Die Umsetzung folgt exakt dem gleichen Muster. Dieselbe Zersplitterung, dieselben Gremien, dieselben Fehler.
Technologisch: Während ein mittelständisches Unternehmen heute per KI innerhalb von Minuten einen kompletten Vertragsentwurf prüfen lässt, braucht eine deutsche Behörde für dieselbe Aufgabe drei Sachbearbeiter, zwei Zeichnungsebenen und vier Wochen. Die Technologie existiert. Sie wird jeden Monat leistungsfähiger. Aber sie existiert in einer anderen Welt als der des öffentlichen Dienstes.
Der Präsident der größten deutschen Bundesbehörde hat das Dilemma auf den Punkt gebracht: Automatisierung oder Stellenaufbau - eine Alternative gibt es nicht. Deutschland hat sich entschieden. 96.000 neue Stellen in einem einzigen Jahr. Nicht um besser zu werden. Sondern um den Betrieb eines Systems aufrechtzuerhalten, das schon vor zehn Jahren hätte reformiert werden müssen.
Deutschland hat proportional weniger Staatsbedienstete als fast alle vergleichbaren Länder. Knapp zwölf Prozent, weit unter dem OECD-Durchschnitt von 17 Prozent. Trotzdem explodieren die Kosten. Weil ein erheblicher Teil der 5,4 Millionen Beschäftigten nicht an der Sache arbeitet, sondern am System: an der Aufrechterhaltung von Hierarchien, an der Einhaltung von Verfahrenswegen, an der Verwaltung der Verwaltung.
Und in dieses System hinein kommen nun 5,8 Prozent. Pauschal. Für alle. Für die Sachbearbeiterin in Entgeltgruppe 5, die im Büro sitzt, acht Stunden täglich Anträge abarbeitet und am Monatsende mit knapp 3100 Euro brutto nach Hause geht - für sie bedeuten die 2,8 Prozent der ersten Stufe rund 100 Euro mehr, dank der Mindestbetragsklausel.
Für den Fachbereichsleiter in E15, Stufe 6, mit über 7600 Euro brutto, sind es über 200 Euro. Das gleiche Prozent, die gleiche Tarifrunde - aber eine völlig andere Realität. Die eine hält den Laden am Laufen und kämpft mit den Lebenshaltungskosten. Der andere sitzt in einem System, das seine Position durch genau die Hierarchien absichert, die den Laden so teuer machen.
Die Gewerkschaften verhandeln diesen Unterschied nicht. Sie können es strukturell nicht, weil der Tarifvertrag alle Entgeltgruppen in einem Abschluss zusammenfasst. Aber sie wollen es auch nicht. Denn Verdi, DBB und GEW haben kein Interesse an einer echten Reformdebatte.
Nicht weil ihre Mitglieder das System lieben, viele von ihnen leiden täglich darunter. Sondern weil die Organisationslogik der Gewerkschaften von einem System profitiert, das Stellen schafft, statt Prozesse zu verschlanken. Jede neue Hierarchieebene, jede zusätzliche Koordinierungsstelle, jede nicht automatisierte Verwaltungsleistung sichert Arbeitsplätze und damit Beitragszahler. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes sind keine Gegenmacht zum System. Sie sind Teil seiner Selbsterhaltungslogik. Ich sage das nicht leichtfertig.
Die Gewerkschaften haben historisch dafür gesorgt, dass Beschäftigte im öffentlichen Dienst fair bezahlt werden. Das ist wichtig. Aber fair bezahlt und fair organisiert sind zwei verschiedene Dinge. Die Pflegekraft, die nachts Schichten schiebt, der Polizist, der am Wochenende seinen Kopf hinhält, die Lehrerin mit 30 Kindern in der Klasse - sie alle verdienen jeden Cent. Aber sie verdienen auch ein System, in dem Führungskräfte nach Führungskompetenz ausgewählt werden. In dem Mitarbeitergespräche stattfinden. In dem ihre Arbeit nicht durch endlose Zeichnungswege entwertet wird. Davon steht in keiner Gewerkschaftsforderung ein Wort.
Und die Uhr tickt. In den kommenden Jahren scheiden über 1,3 Millionen Beschäftigte altersbedingt aus - mehr als ein Viertel der gesamten Belegschaft. Der Anteil der unter 35-Jährigen ist zwischen 2015 und 2020 von 30 auf 17 Prozent gefallen, der stärkste Rückgang aller OECD-Länder. Junge Menschen schauen sich die Arbeitsbedingungen an und sagen: Das tue ich mir nicht an. Nicht wegen des Gehalts. Wegen allem anderen.
Es war ein Dienstag, ein ganz normaler Dienstag, an dem ich zum wiederholten Mal in einer Besprechung saß, in der acht Menschen über einen Vorgang diskutierten, den ein Mensch in einer Stunde hätte lösen können. Und mir wurde klar, dass sich das nicht ändern würde. Nicht in einem Jahr. Nicht in zehn.
Was mich wirklich zum Gehen gebracht hat, war die Erkenntnis, dass ich Teil der geschlossenen Gesellschaft geworden war. Dass meine Abschlüsse, meine Erfahrung, mein gesamter beruflicher Werdegang nur innerhalb dieser Mauern etwas bedeuteten. Dass das System mich nicht ausgebildet hatte, um die beste Lösung zu finden, sondern um die systemkonforme Lösung zu finden.
Wenn ich eines ändern könnte, wäre es dies: Die Mauer muss fallen. Berufserfahrung aus der Wirtschaft muss in Laufbahnverordnungen anerkannt werden. Ein Diplom-Verwaltungswirt, der in der Wirtschaft nichts wert ist, das ist kein Qualitätsmerkmal - es ist ein Systemfehler.
Millionen Menschen arbeiten in diesem System. Nicht weil sie nicht anders können, sondern weil das System dafür gesorgt hat, dass sie es nicht anders kennen. Viele von ihnen sind morgens als Erste da und gehen abends als Letzte. Sie unterrichten, pflegen, schützen, verwalten. Sie tun das nicht wegen des Systems, sondern trotz des Systems.
Sie hätten etwas Besseres verdient als 5,8 Prozent auf den Status quo. Die Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können, das zu ändern. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun. Bei 835 Millionen Euro am Tag sollte die Antwort nicht schwerfallen.