ÖRR-Krise

Das Vertrauen bröckelt: Fünf der schwersten ZDF-Skandale der jüngsten Zeit

Harald Neuber

17.06.2026, 11:24 Uhr 6 Min

ZDF kämpft mit Vertrauenskrise nach Serie schwerer Pannen. KI-Fakes, Falschzitate und manipulative Grafiken erschüttern den Sender. Das ist nicht alles.

Achtung: Deep Fake! Mit diesem Bild machte das ZDF Stimmung gegen die Trump-Regierung.
© ZDF/ ki-generiert

Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender, der sich auf hohe journalistische Standards beruft, innerhalb weniger Monate gleich mehrfach beim falschen Bild, beim falschen Zitat oder bei der falschen Gewichtung erwischt wird, hat er ein Problem. Beim ZDF ballen sich solche Vorfälle derzeit auf eine Weise, die selbst wohlwollende Beobachter ratlos zurücklässt: KI-Fakes im Heute-Journal, falsche Behauptungen über einen ermordeten US-Aktivisten, geschönte Berichte über Joe Bidens Gesundheit, schiefe Wahlgrafiken zur AfD und eine erstaunliche Korrekturen-Schlagzahl. Nun stehen die Mainzer ÖRR-Journalisten dem US-Unternehmer Elon Musk und seinem deutschen Anwalt Joachim Steinhöfel gegenüber - und knicken sofort ein.

Der Bundestag debattierte in einer Aktuellen Stunde, der Fernsehrat rügte, ein Medienanwalt erzwang eine Programmkorrektur - und in Mainz musste eine renommierte US-Korrespondentin ihren Posten räumen. Eine Bilanz der fünf gravierendsten Fälle.

1. Der KI-Fake im Heute-Journal: Sora-Bilder als Wirklichkeit verkauft

Es ist der schwerste journalistische Fehler des Senders seit Jahren. Im Beitrag, der am Sonntag, 15. Februar 2026, abends im ZDF ausgestrahlt wurde, war unter anderem ein KI-generiertes Video enthalten, das keine echte Festnahme durch die US-Behörde ICE zeigte. Die Szenen wirkten beunruhigend echt, doch sie sind eine Fälschung - generiert von der künstlichen Intelligenz "Sora" von Open AI. Die Redaktion hatte das Material als Symbolbild eingesetzt, die entscheidende Kennzeichnung als synthetisches Produkt jedoch unterschlagen. Zusätzlich kam ein zweites manipulatives Element zum Einsatz: Die Aufnahme zeigt keine ICE-Beamten, die Kinder in Schulen festnehmen, sondern entstand im Kontext einer Amok-Drohung in Florida 2022.

Medienrecht
Der Jurist, der die Medien das Fürchten lehrt: Die Erfolge des Joachim Steinhöfel

Die Konsequenzen waren drastisch: Die New-York-Korrespondentin Nicola Albrecht wurde mit sofortiger Wirkung abberufen, weil die Verstöße gegen ZDF-Richtlinien und journalistische Standards "so schwer wiegen". ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten räumte ein: "Der Schaden, der durch die Missachtung journalistischer Regeln entstanden ist, ist groß." Der Fall beschäftigte sogar den Bundestag: Die Redner aller Fraktionen betonten am Mittwoch, 25. Februar 2026, in einer Aktuellen Stunde, dass das ZDF einen schweren Fehler begangen habe.

2. Der Fall Kirk: Wie Theveßen einem Toten Worte in den Mund legte

Wenige Monate zuvor lieferte das ZDF einen presserechtlich brisanten Vorfall - diesmal mit Folgen für die Glaubwürdigkeit gleich zweier Aushängeschilder. In der Sendung Markus Lanz vom 11.09.2025 sowie im Heute-Journal-Podcast vom selben Tag wurde in einem Gesprächsbeitrag von Elmar Theveßen über Charlie Kirk fälschlich der Eindruck erweckt, Kirk habe gesagt, Homosexuelle müssten gesteinigt werden.

Tatsächlich hat Kirk in einem früheren Beitrag eine Bibelstelle (Levitikus) zitiert. Er hat nicht ausdrücklich zur Steinigung von Homosexuellen aufgerufen. Die verkürzte Wiedergabe war insofern missverständlich und in dieser Form falsch.

Der Sender räumte den Fehler erst nach Druck ein. Das ZDF reagierte damit auf eine Programmbeschwerde von Anwalt Steinhöfel. Der Sender hat fehlende "Sensibilität" seiner Mitarbeiter Dunja Hayali und Elmar Theveßen zugegeben. Brisant: Auch Moderatorin Dunja Hayali hatte am Tag des Attentats den Beitrag mit der Wertung eingeleitet, Kirk habe "abscheuliche sexistische, rassistische und menschenfeindliche Aussagen" von sich gegeben. Die Sache eskalierte international: Der frühere US-Botschafter Richard Grenell hatte den Leiter des ZDF-Studios in Washington unter anderem als linksradikal bezeichnet und gefordert, ihm das US-Visum zu entziehen. Das ZDF verteidigte ihn gegen die Kritik. Seine Arbeit sei "durch die Pressefreiheit geschützt".

3. Der blinde Fleck Biden: Wie das ZDF die Realität schönredete

Während US-Medien längst über den geistigen Zustand des US-Präsidenten diskutierten, hielt das ZDF die Verteidigungslinie. Ein Video vom G7-Gipfel im Juni, auf dem Biden desorientiert und verwirrt wirkt, wurde von Elmar Theveßen, dem Leiter des ZDF-Studios in Washington, fälschlicherweise als "billige Fälschung" deklariert. "Rechte Büchsenspanner" hätten lediglich einen falschen Kamerawinkel gewählt, Biden sei "gar nicht verwirrt" gewesen, versicherte Theveßen. Ebenjener Theveßen behauptete zudem über Monate hinweg, Joe Biden sei "geistig topfit" und könne seine Ansichten in gestochen scharfen Sätzen herüberbringen.

Lag mehrfach ziemlich daneben, darf weitermachen: Elmar Theveßen (ZDF)
© Thomas Bartilla/imago

Auch die ZDF-Faktencheck-Redaktion stützte die Beschwichtigungslinie: Im Faktencheck "Ist Biden senil - oder Opfer einer Schmutzkampagne Trumps?" hieß es: "Unterdessen scheinen die Ärzte Bidens keine gesundheitlichen Bedenken in Bezug auf ihn zu haben. [...] Sein Leibarzt Kevin O'Connor veröffentlichte einen Bericht, in dem er dem 81-Jährigen bescheinigte, 'weiterhin fit für den Dienst' zu sein."

Durch die Hervorhebung der Formulierung "fit für den Dienst" wurden Zweifel an Bidens geistiger Gesundheit als unbegründet dargestellt und die Debatte deutlich entschärft. Nach der katastrophalen TV-Debatte vom 27. Juni 2024 brach das Narrativ zusammen - die Korrektur des eigenen Berichterstattungsmusters fand beim ZDF jedoch nie öffentlich statt. Ein klassisches Bias-Beispiel, das die Vertrauensfrage stellt: Wer schützt eigentlich das Publikum vor den blinden Flecken seiner Korrespondenten?

4. Die AfD-Grafik und der Wahlabend von Baden-Württemberg

Der nächste Schlag traf das ZDF dort, wo Manipulationsvorwürfe besonders heikel sind: in der Wahlberichterstattung. Mehrere Mitglieder des ZDF-Fernsehrats warfen dem Sender Fehler in der Wahlberichterstattung und eine zu defensive Aufarbeitung eines gezeigten KI-Fakes im "heute-journal" vor. Fernsehrätin Christine Richter bemängelte eine mehrfach gezeigte Grafik zur Sitzverteilung im Landtag: Die AfD mit 35 Sitzen sei grafisch etwa so groß dargestellt worden wie die SPD mit zehn Sitzen. ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten gab zu, der Anteil der AfD sei "proportional zu klein" dargestellt worden.

Auch die politische Analyse geriet ins Wanken: Richter kritisierte außerdem die Analyse möglicher Regierungsbündnisse: Thematisiert worden seien CDU/Grüne und CDU/AfD, nicht aber eine rechnerische Mehrheit von Grünen und AfD.

Schausten bekannte: "Wir haben das auch als falsch empfunden."

5. Die Nahost-Pannenkette: Theveßen und der "Geiselaustausch"

Wo Fehler einzeln noch entschuldbar wären, ergibt ihre Häufung ein Muster. Allein bei der Nahost-Berichterstattung musste das ZDF mehrfach öffentlich korrigieren. In der Sendung Der Tag beim gebührenquerfinanzierten Sender Phoenix nutzte Elmar Theveßen während eines Live-Schaltgesprächs aus Jerusalem das Wort Geiselaustausch in Bezug auf die Freilassung der Geiseln der Hamas. Die unabsichtliche Formulierung insinuiert, es seien Geiseln gegen Geiseln ausgetauscht worden, und ist daher fehlerhaft.

Bei Phoenix wurde Theveßen schon wenige Stunden zuvor geschaltet. Hier hatte er das Wort "Geiselübergabe" genutzt. Bei der Berichterstattung über die ersten Schritte des Nahost-Friedensplans kam es im Morgenmagazin am 13. Oktober 2025 zu zwei Fehlern. In einer Bauchbinde wurde fälschlich das Wort "Austausch" eingeblendet. Anstatt "Aufatmen in Israel - Austausch der Geiseln hat begonnen" hätte es richtigerweise heißen müssen: "Aufatmen in Israel - Freilassung von israelischen Geiseln hat begonnen".

Einzeln betrachtet sind das Versehen. In der Summe ergibt sich ein Befund, der den Fernsehrats-Maßnahmenkatalog vom 13. März 2026 fast wie eine Selbstdiagnose lesen lässt.

Ist das ZDF lernfähig?

Die Fälle haben unterschiedliche Schwere - vom dokumentierten KI-Fake bis zur strukturellen Schieflage -, aber sie summieren sich zu einer beunruhigenden Frage: Wie viel Vertrauensvorschuss verdient ein Sender, der eingesteht, dass selbst Wahl-Tortendiagramme "proportional zu klein" geraten, KI-Symbolbilder als Reportage durchgehen und Falschzitate über Tote Tage in der Welt sind?

Das ZDF hat im März 2026 einen Fünf-Punkte-Maßnahmenkatalog beschlossen. Ob er reicht, werden nicht Pressemitteilungen entscheiden, sondern die Sendungen der nächsten Monate.


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