Chirurg kehrte zurück nach Griechenland "Deutschland hat mich ausgebildet, aber nicht halten können"

Nicolas Kaufmann

Samstag, 18.07.2026, 07:17

Ioannis Dimitriou machte in Deutschland Karriere bis zum Chefarzt. Dennoch kehrte er der Bundesrepublik den Rücken. Er sagt: "Deutschland hat es am Ende nicht geschafft, mich zu halten."

Ioannis Dimitriou ließ sich in Deutschland ausbilden. Doch der Arzt kehrte der Bundesrepublik den Rücken. Katholische Kliniken Emscher-Lippe
(Kkel)/ IMAGO / Fotostand

Deutschland hat ihn zum Spitzenchirurgen ausgebildet. Mehr als 20 Jahre arbeitete Dr. med. Ioannis Dimitriou (47) im deutschen Gesundheitssystem, zuletzt als Chefarzt an drei Krankenhäusern eines Krankenhausverbundes in Nordrhein-Westfalen.

Anfang 2025 zog er nach Griechenland. Im Interview erklärt er, warum er Deutschland wieder verließ - und weshalb er ausländischen Ärzten sogar empfiehlt, nach ihrer Ausbildung auszuwandern.

FOCUS online: Herr Dimitriou, Sie sind in Deutschland geboren, aufgewachsen und haben mehr als 20 Jahre im deutschen Gesundheitssystem gearbeitet. Warum haben Sie die Bundesrepublik trotzdem verlassen?

Ioannis Dimitriou: Meine Entscheidung hatte zwei Gründe. Zum einen konnte ich mir als Deutscher mit griechischen Wurzeln immer vorstellen, irgendwann in Griechenland zu leben. Zum anderen gab es berufliche Gründe. Im deutschen Gesundheitssystem hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend Frust ausgebreitet - vor allem unter Chefärzten.

Was hat diesen Frust ausgelöst?

Dimitriou: Der wirtschaftliche Druck ist enorm gestiegen. Medizin wird heute sehr stark an Kennzahlen gemessen. Man muss Fallzahlen erreichen, einen bestimmten Case-Mix erfüllen und Liegezeiten möglichst kurz halten. Werden Zielvorgaben nicht erreicht, werden Stellen gestrichen. Man beschäftigt sich immer häufiger mit wirtschaftlichen Vorgaben statt mit dem Patienten.

Das klingt schon fast nicht mehr nach der Tätigkeit eines Arztes.

Dimitriou: Tatsächlich ist man als Chefarzt in Deutschland heute nicht mehr nur Mediziner. Man ist gleichzeitig Manager. Bis zu einem gewissen Punkt ist das nachvollziehbar. Aber irgendwann verbringt man einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit in Klinikleiterkonferenzen, beschäftigt sich mit Strukturen, Personal und Wirtschaftlichkeit.

Das Krankenhausstrukturgesetz in Nordrhein-Westfalen sieht grundlegende Veränderungen in den Kliniken vor. Etwa dürfen sie bestimmte Behandlungen nur noch dann anbieten, wenn sie diese offiziell zugewiesen bekommen haben. War das der ausschlaggebende Grund für Ihren Weggang?

Dimitriou: Es war sicherlich der letzte Anstoß. Ich bin Tumorchirurg. Durch die Neuverteilung der Leistungsgruppen durfte meine Klinik bestimmte Eingriffe künftig nicht mehr durchführen. Für mich war klar: Dimitriou ohne Pankreaschirurgie und ohne relevante kolorektale Chirurgie gibt es nicht. Damit wäre meine berufliche Identität verloren gegangen.

Haben Sie darüber nachgedacht, innerhalb Deutschlands die Stelle zu wechseln?

Dimitriou: Natürlich. Viele Häuser stehen jedoch vor denselben Problemen. Gleichzeitig wollte ich meine Familie nicht aus ihrem Umfeld reißen oder nur noch am Wochenende sehen. Lebensqualität war für mich ebenfalls ein entscheidender Faktor.

Sehen Sie auch die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses in Gefahr?

Dimitriou: Ja. Allerdings muss man zwischen der Qualität der Ausbildung und den heutigen Rahmenbedingungen unterscheiden. Die chirurgische Ausbildung in Deutschland ist fachlich nach wie vor hervorragend.

Meine Sorge ist, dass der zunehmende wirtschaftliche Druck und die Ambulantisierung dazu führen, dass junge Chirurgen heute seltener die Möglichkeit bekommen, klassische Ausbildungseingriffe selbst durchzuführen. Schließlich operiert oftmals der erfahrene Oberarzt, da es möglichst schnell gehen muss.

Doch wie sollen junge Chirurgen gute Operateure werden, wenn sie die häufigsten Operationen nicht mehr selbst durchführen können? Das könnte die hohe Qualität der operativen Ausbildung langfristig gefährden.

Würden Sie jungen griechischen Ärzten heute trotzdem empfehlen, ihre Facharztausbildung in Deutschland zu absolvieren?

Dimitriou: Ja, auf jeden Fall. Deutschland bietet weiterhin eine exzellente Facharztausbildung mit hohen medizinischen Standards. Deshalb würde ich jungen Ärzten empfehlen, diese Ausbildung dort zu absolvieren und Berufserfahrung zu sammeln.

Danach würde ich ihnen aber raten, auch andere europäische Gesundheitssysteme kennenzulernen, weil dort die Arbeitsbedingungen und die Lebensqualität für Ärzte häufig besser sind.

Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Deutschland investiert also viel Geld in die Ausbildung, verliert die Ärzte aber anschließend?

Dimitriou: Genau das ist das Problem. Ich habe in Deutschland studiert, dort meine Facharztweiterbildungen absolviert, selbst Ärzte ausgebildet und war Chefarzt. Deutschland hat mich sehr gut ausgebildet, hat es aber am Ende nicht geschafft, mich zu halten.

Sie sind nun als Chefarzt der Chirurgie in einer Privatklinik in Athen tätig. Was ist heute in Griechenland besser?

Dimitriou: Ich arbeite wieder deutlich stärker als Arzt. In Deutschland hatte ich häufig Zwölf-Stunden-Tage, oft ohne Zeit zum Essen oder zum Toilettengang. Heute arbeite ich im Durchschnitt sechs bis acht Stunden täglich. Natürlich gibt es auch hier stressige Tage, jedoch ist der permanente Druck deutlich geringer.

Außerdem ist der Zugang zur ambulanten Versorgung oft schneller. Wenn ich in Deutschland als gesetzlich Versicherter eine MRT brauche und keinen dringenden medizinischen Grund habe, warte ich oft drei Monate auf einen Termin. In Griechenland kann ich die Untersuchung bei einem privaten Anbieter meist innerhalb weniger Tage durchführen lassen.

Und wie steht es um das Finanzielle? In Deutschland sind die Gehälter durchschnittlich höher.

Dimitriou: Mein Gehalt ist ungefähr gleich geblieben. Ein sehr gut ausgebildeter Arzt kann in Griechenland genauso viel verdienen wie in Deutschland. Junge Ärzte bekommen in Griechenland allerdings deutlich niedrigere Gehälter.

Sie kritisieren das System in Deutschland deutlich. Gibt es trotzdem Dinge, die dort besser funktionieren als in Griechenland?

Dimitriou: Ja. Wer schwer erkrankt - etwa an Krebs - erhält in Deutschland eine exzellente Versorgung. Das Problem ist aus meiner Sicht weniger die Qualität der Medizin als der Zugang und die zunehmende Bürokratie. Griechenland hat dafür Vorteile bei der schnellen ambulanten Versorgung. Beide Systeme haben ihre Stärken und Schwächen.


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