Von Klaus Wiegrefe
19.11.2025, 09.47 Uhr
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Dr. Sidney Gottlieb war Böses schwer zuzutrauen: ein freundlich wirkender, älterer Herr mit Intellektuellen-Brille und hoher Stirn, Typ liberaler Professor im Ruhestand. Doch der Chef-Chemiker des US-Geheimdienstes CIA war verantwortlich für Experimente an einigen Hundert Menschen - ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte der amerikanischen Demokratie.
Gottlieb leitete die zuständige Abteilung ab 1951; er verließ die CIA 1973. Zwei Jahre später flog der Skandal auf, als ein Ausschuss des US-Senats den Machtmissbrauch der amerikanischen Nachrichtendienste insgesamt untersuchte. Historiker, Experten und Journalisten haben seitdem umfangreich darüber berichtet.
Und noch immer werden neue Dokumente veröffentlicht, zuletzt mehrfach von der privaten US-Organisation National Security Archive. Jetzt hat sie wieder ein Dossier im Netz publiziert. Es sind die Aussagen Gottliebs vor Mitarbeitern des Ausschusses - sie waren noch vor Kurzem als "top secret" eingestuft.
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An vier aufeinanderfolgenden Tagen stand Gottlieb, begleitet von einem Anwalt, im Oktober 1975 Rede und Antwort. Die Niederschrift der Befragungen umfasst etwa 500 Seiten. Zudem enthält das neue Dossier einige der Planungsunterlagen, Besprechungsprotokolle und Ergebnisvermerke der CIA, auf denen die Befragungen basierten. Diese Dokumente sind Restbestände; den Großteil hatte Gottlieb auf Anordnung des damaligen CIA-Direktors Richard Helms zuvor vernichten lassen.
Was dem Papierwolf entging, genügte allerdings, um Gottlieb in die Enge zu treiben. Akte für Akte hielten die Senatsmitarbeiter ihm vor. Zentrale Fragen dabei waren:
Was wollte die CIA? Es ging darum, herauszufinden, wie man das Bewusstsein manipulieren kann. Die Agency formulierte es so: "Kontrolle über die Aktivitäten und mentalen Fähigkeiten von Individuen erlangen - mit oder ohne deren Einverständnis".
Wer waren die Opfer? Gottlieb unterschied "wissenschaftliche Experimente" und "Tests im Einsatz". Bei den Experimenten waren es oft ahnungslose Patienten in Universitätskrankenhäusern und Forschungseinrichtungen, denen eine medizinische Behandlung vorgegaukelt wurde. Die CIA hatte Ärzte unter dem Siegel der Verschwiegenheit geworben und über Stiftungen diskret Forschungsgelder zur Verfügung gestellt. Der "Test im Einsatz" erfolgte hingegen oft in Militärgefängnissen an Menschen, denen die CIA misstraute: Überläufer aus dem Ostblock oder der Spionage verdächtige Personen.
Wie verliefen die Experimente? Laut Gottlieb wurden die Droge LSD, das Aufputschmittel Meratran, die Psychedelika Psilocybin und Mescalin sowie andere Medikamente verabreicht. Zudem probierte die CIA Hypnose, Schlafentzug, Elektroschocks und Lügendetektoren an ihren Opfern aus.
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Ein besonders abwegiges Experiment: Gottlieb stattete einen Drogenermittler der Bundespolizei mit Geld und LSD aus. Der Mann mietete in New York und in San Francisco jeweils eine Wohnung an, lud dorthin seine Informanten und Verdächtige ein, Kleinkriminelle, Prostituierte, Drogenabhängige. Er mischte ihnen Drogen ins Essen und nahm sie dann in die Mangel, um herauszufinden, ob sie ihn belogen hatten - offenbar in der Annahme, dass die Substanzen die Fähigkeit zu lügen beeinträchtigen. Anschließend berichtete er Gottlieb von den Erfahrungen. Dieser fand die Ergebnisse "very useful" ("sehr nützlich").
Vor seinem Auftritt im Senat hatte sich der CIA-Mann Gottlieb Straffreiheit zusichern lassen. Allerdings fürchtete er erkennbar Zivilklagen von Opfern oder deren Angehörigen. Immer wieder beriet er sich mit seinem Anwalt. Auch sprachen Gottlieb und die Senatsmitarbeiter häufig miteinander "off the record", wie das Protokoll vermerkt. Zudem sind einige Passagen der Befragung noch geschwärzt.
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Für Experten bringt die Gottlieb-Aussage zwar wenig grundsätzlich Neues über Ausmaß und Ablauf der CIA-Versuche. Aber es ist doch ein bemerkenswertes Dokument, weil es zeigt, wie die Verbindung aus Unterlegenheitskomplex und Freund-Feind-Denken auch eine Demokratie ins Abseits führen kann. Fast alles schien erlaubt, um den angeblich übermächtigen Feind, die Sowjetunion, zu bezwingen.
Dabei war Gottlieb mit guten Absichten gestartet. Der 1918 in New York geborene Sohn ungarischer Einwanderer hatte aufgrund einer Fußbehinderung nicht gegen die Nazis in der Armee kämpfen können. Laut seinem Biografen Stephen Kinzer wollte er seinem Land dann auf andere Weise dienen. Nach der Promotion strebte Gottlieb in den Staatsdienst. 1951 wechselte er zur CIA.
In seiner Personalakte steht, Gottlieb habe nur eine Schwäche: Er neige aus Begeisterung für die Sache zu "überstürzten Aktionen", was die Geheimhaltung gefährde. Mit 32 Jahren stieg er zum Abteilungsleiter auf. Er war loyal, führte Befehle aus und drückte sich auch nicht vor unangenehmen Aufgaben.
Gottlieb behauptete, er habe Drogen stets an sich selbst getestet, bevor er sie anderen verabreichen ließ. Wie sich das anfühle, wollte ein Senatsmitarbeiter wissen. Antwort Gottliebs: Bei LSD - im CIA-Jargon eine "P-1-Befragung" - verliere man die Orientierung, könne nicht unterscheiden, was außerhalb und was innerhalb des eigenen Körpers sei. Eine freundliche Beschreibung des LSD-Effekts. Andere berichten von Todesängsten und Horrortrips mit schrecklichen Halluzinationen. Denn die CIA verabreichte ihren Opfern ein Vielfaches jener Menge, die später üblich war, als LSD zur Party-Droge wurde.
Manche westliche Geheimdienstler verbanden große Hoffnungen mit der Forschung zur Bewusstseinskontrolle. Noch regierte der alternde Diktator und Massenmörder Josef Stalin (1878 bis 1953) im Kreml. Könnte es gelingen, Menschen durch Manipulation den Glauben an die Demokratie zu vermitteln und sie gegen den Kommunismus zu immunisieren?
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Andere interessierten sich für konkrete Einsatzmöglichkeiten. Etwa die Idee, LSD dem Trinkwasser einer Stadt beizumischen und die Bewohner damit auf einen Trip zu schicken, der ihre Verteidigungsbereitschaft massiv sinken ließ. Oder - eine Nummer kleiner - feindliche Kuriere und Wachen mit Drogen auszuschalten, was Gottlieb vorschwebte.
Ein zunächst sechsköpfiges CIA-Team ging im Projekt "Bluebird" ("Drossel") der Frage nach, wie Drogen, Hypnose, Lügendetektoren und Elektroschocks wirkten. Gefördert vom späteren CIA-Direktor Helms, baute Gottlieb den Bereich massiv aus. Aus "Drossel" wurde das Projekt "Artischocke" und dann "MK-Ultra" - mit insgesamt 149 Unterprojekten und Etats in Millionenhöhe.
Im ungeschwärzten Teil der Aussagen Gottliebs werden kaum Namen genannt, etwa der Universitäten, deren Wissenschaftler mit der CIA kooperierten. Aus anderen Dokumenten ist jedoch bekannt, dass prestigeträchtige Ausbildungsstätten wie Cornell, Georgetown oder Rutgers mitmachten. Laut Gottlieb waren die meisten Unis über die geheime Zusammenarbeit mit der Agency "erfreut". Die Wissenschaftler hätten ihre Ergebnisse publizieren können, niemand habe von den Hintergründen erfahren.
Die Betroffenen berichteten allerdings von gruseligen Erfahrungen. Die Patientin Velma Orlikow etwa suchte 1956 eine Klinik im kanadischen Montreal auf, um ihre schweren Depressionen behandeln zu lassen, nicht wissend, dass ihr Arzt mit der CIA kooperierte. Das MK-Ultra-Teilprogramm 68 sah vor, Verhaltensmuster durch anhaltende Elektroschocks zu verändern oder Patienten in Isolation zu halten und tagelang mit Tonband-Botschaften ("Wehre Dich gegen Deine Mutter") zu beschallen. Dazu wurden Drogen und Schlafmittel verabreicht. Sieben Jahre blieb Orlikow in der sogenannten Behandlung. Hinterher klagte sie über andauernden Gedächtnisverlust, Angstschübe, schwere Konzentrationsstörungen.
Orlikow reichte 1980 Klage ein, daher ist ihr Schicksal bekannt. Andere Fälle sind nur in Grundzügen überliefert. So wollte die CIA testen, ob sie jemanden mithilfe von Drogen diskreditieren könne. Agenten mischten einem ahnungslosen Opfer so viel von dem geschmacks-, farb- und geruchslosen LSD ins Essen, dass der Mann paranoide Reaktionen zeigte. Ein nicht eingeweihter Mediziner wurde dann hinzugerufen - und diagnostizierte das erhoffte Ergebnis: Der Mann sei psychisch krank. Gottlieb rechtfertigte sein Vorgehen, er habe wissen wollen, "ob man jemanden dazu bringen könne, sich so erratisch zu verhalten, dass seine Kollegen das Vertrauen in die Person verlieren". Zersetzungsprojekte sind sonst typisch für Geheimdienste von Diktaturen, etwa Stasi oder KGB.
Die Amerikaner fürchteten fälschlicherweise, den Sowjets auf dem Felde der Bewusstseinsmanipulation unterlegen zu sein, insbesondere bei Verhörtechniken. Von einem vermeintlichen "Mind Control Gap" war die Rede. Anders konnte man sich nicht erklären, dass Kommunisten in den Schauprozessen der Stalin-Ära absurde Verbrechen gestanden oder auch manche US-Soldaten, die im Koreakrieg dem Feind in die Hände gefallen waren, nach ihrer Freilassung eine merkwürdige Sympathie für den Feind zeigten. Gottlieb ließ auch deshalb CIA-Agenten vor ihrem Einsatz im Sowjetimperium die Wirkung von Drogen ausprobieren. Falls ihnen jemand in Moskau heimlich etwas in den Wodka mischte, sollten sie erkennen können, was es ist, argumentierte er vor den Senatsmitarbeitern.
In welcher Panikstimmung die CIA beim angeblichen Drogenwettlauf mit Moskau zwischenzeitlich geraten sein muss, zeigt ein Vorgang aus dem Jahre 1953, von dem Gottlieb selbst in den Befragungen sagte, er sei "bizarr" gewesen. Ein US-Militärattaché hatte berichtet, der Kreml wäre dabei, weltweit alle Vorräte an LSD aufzukaufen. Von zehn Kilogramm war laut Gottlieb die Rede, genug für etwa 100 Millionen Trips. Die Amerikaner beschlossen, den Sowjets zuvorzukommen.
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LSD wurde zunächst nur vom Schweizer Konzern Sandoz hergestellt. Ein US-Manager mit CIA-Anbindung sollte laut Gottlieb den Stoff einkaufen, das Geld sei schon bereitgestellt gewesen. Aber dann habe sich gezeigt, dass in der Schweiz allenfalls zehn Gramm verfügbar seien. Vielleicht habe der Attaché Gramm und Kilogramm verwechselt, meinte Gottlieb. Und für die Kaufabsicht der Sowjets fand sich auch nie ein Beweis. Das Geschäft mit Sandoz kam nicht zustande. Den eigenen Bedarf deckte der Geheimdienst laut Aktenlage später beim US-Pharmariesen Eli Lilly.
Gottlieb war in jenen Jahren häufig unterwegs. Er reiste nach Europa und Fernost, um die dortigen CIA-Vertretungen über die neuesten Erkenntnisse aus seinem Bereich zu informieren und sich zu erkundigen, ob die Kollegen mit dem Gelieferten zufrieden seien: "Manchmal habe ich dann ein kleines Seminar gegeben für alle Falloffiziere einer Vertretung." Offenbar nahm Gottlieb vor Ort auch an Verhören teil.
Aus anderen Papieren ist bekannt, dass Projekte von MK-Ultra nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada, Japan, den Philippinen und in der Bundesrepublik liefen. 2015 enthüllte der SPIEGEL, dass der damaligen Bundesregierung unter Konrad Adenauer Hinweise darauf vorlagen, weil sich Betroffene - Deutsche und Ostblockflüchtlinge - an die Behörden gewandt hatten.
In einem Vermerk des Bundesnachrichtendienstes von 1958 steht, "Stellen des US-Nachrichtendienstes" ließen Ost-Spione oder Menschen, die sie dafür hielten, in der Bundesrepublik "ohne Wissen der deutschen Behörden festnehmen, gegen ihren Willen z.T. monatelang festhalten und auf eine Weise verhören, die nach deutschem Recht unzulässig" sei.
Foto: Renate Hoyer
Ein Tatort war die Villa Schuster, heute Haus Waldhof, in Kronberg im Taunus. Dort hat nach Recherchen des Autors Egmont Koch die CIA zwei Russen vorgemacht, sie müssten ärztlich untersucht werden. Dem einen spritzten die CIA-Leute vor dem Verhör das Beruhigungsmittel Pentothal-Natrium und hypnotisierten ihn anschließend. Den anderen trieben sie mit einem Medikamentencocktail aus narkotisierenden und aufputschenden Mitteln in einen Wahnzustand und befragten ihn dann.
Dennoch hielt sich Bonn mit Kritik zurück, auch weil die Bundesregierung fürchtete, andernfalls könnten die CIA-Aktionen in der breiten Öffentlichkeit bekannt werden und zu einer "Erregung" in der Bevölkerung führen.
Zum Ende der viertägigen Befragung Gottliebs wollten die Senatsmitarbeiter wissen, ob es infolge der Experimente Tote oder Verletzte gegeben habe. "Soweit ich weiß nicht", antwortete Gottlieb - was nachweislich eine Falschaussage war. Unklar ist allerdings bis heute, wie viele Menschen insgesamt zu Schaden kamen.
Doch auch Gottlieb zog am Ende in der Befragung eine negative Bilanz seiner Drogenexperimente. Es habe "so viele Erfolge wie Rückschläge" gegeben, sagte er. Wenn man sich die Kosten, den Aufwand, die Sicherheitsrisiken anschaue, dann komme er zu der Bilanz: "Es hat sich vermutlich nicht gelohnt."