Sonntag, 24.05.2026, 08:55
Der Anblick des betagten Mannes lässt einen qualvollen Tod erahnen: Als die Tochter und der Sohn von Hans Jürgen W. am Nachmittag des 3. Mai den Zweitschlüssel ins Schloss schieben, ist im Haus am Böhmweg kein Ton zu vernehmen. Der Vater öffnet nicht, er geht nicht ans Telefon, obwohl man verabredet ist. In dem Bungalow in Köln-Neubrück, einer Siedlung mit niedrigen Häusern, Vorgärten und jener stillen Ordnung, die älteren Menschen Halt geben kann, finden sie den 93-jährigen auf dem Boden seines Schlafzimmers.
Nach FOCUS-online-Informationen liegt der alte Mann neben dem Bett, gefesselt, gezeichnet von Folter. Hämatome im Gesicht, Verletzungen an Händen, Kopf, Rücken und Schultern. Blutspuren im Raum. Später wird die Rechtsmedizin von massiver stumpfer und komprimierender Gewalteinwirkung gegen Oberkörper und Hals sprechen.
Das Haus, ein Ort der Verwüstung. Schränke stehen offen, Kommoden sind durchwühlt, Behältnisse ausgeleert, der Inhalt liegt auf dem Boden. Es fehlt ein hochwertiges E-Bike. Auch das Mobiltelefon, eine EC-Karte und der Ehering des Toten fehlen.
Die Ermittler gehen bald davon aus, dass hier nicht ein einzelner Täter spontan gehandelt hat, sondern mehrere Einbrecher arbeitsteilig vorgingen. Ein Überfall auf einen alten, leicht schwerhörigen Mann, möglicherweise an der Haustür, möglicherweise durch ein geöffnetes Schlafzimmerfenster.
Noch am Morgen des 2. Mai soll das spätere Opfer, wie so oft, mit seinem Fahrrad zu einer nahegelegenen Bäckerei gefahren sein. Danach verliert sich die Spur seines Lebens.
Die Todeszeit legen die Rechtsmediziner später auf mindestens 15 Stunden vor dem Auffinden fest, eher früher. Zwischen dem letzten gesicherten Lebenszeichen und dem Fund durch die Angehörigen liegt ein Wochenende. Niemand ahnte, was in dem Bungalow geschehen ist.
Die Mordkommission sichert Spuren über Tage. Sie wertet Videomaterial aus nahegelegenen Wohnhäusern und Geschäften aus, befragt Nachbarn und Geschäftsleute. Am 6. Mai findet ein Passant in der Nähe einer Hecke, etwa zwanzig Gehminuten vom Tatort entfernt, mutmaßliches Diebesgut: die EC-Karte und Fahrzeugunterlagen des Opfers.
Es sind solche kleinen Fundstücke, achtlos weggeworfen, die in Mordfällen weiterhelfen. Die Beweismittel erzählen nicht vom Opfer, sondern von den Tätern, von Eile, menschlicher Kälte und dem Versuch, möglichst Spuren loszuwerden.
Nach FOCUS-online-Informationen führen erste DNA-Funde und Fingerabdrücke zu einem 30-jährigen Mann. Am Tatort finden sich zudem Zigarettenkippen, die zweifelsfrei nicht vom Opfer stammen. Auch an Gegenständen, die die Täter berührt haben sollen, sichern die Todesermittler Hinweise. Die DNA-Analyse führt zu Nenad A., geboren in Serbien, ohne festen Wohnsitz.
Für die Polizei ist er kein Unbekannter. Der abgelehnte Asylbewerber wurde bundesweit wegen Diebstahls, Betrugs, Urkundenfälschung und Erpressung aktenkundig. Bis zum 14. April 2026 saß er nach FOCUS-online-Informationen im Mannheimer Gefängnis ein.
Die Details seiner Vergangenheit sind verstörend, weil sie sich wie eine Vorahnung lesen. A. soll seine eigene starke Sprach- und Hörbehinderung genutzt haben, um das Vertrauen gehörloser Personen zu erschleichen. Mit diversen Tricks gelangt der Serbe immer wieder in die Wohnungen seiner Opfer, um sie zu bestehlen.
Auch in Österreich und Ungarn soll er seine kriminellen Beutezüge fortgesetzt haben. Am 30. März 2026 erhält er in Köln eine Ausweisungsverfügung nebst Abschiebeandrohung. Am 21. April reist er freiwillig ins serbische Nis aus, vermutlich, um einer Abschiebung zuvorzukommen. Kurz darauf kehrt er illegal nach Deutschland zurück.
Ein einschlägig vorbestrafter Mann gelangt also nach Haft, Ausweisungsverfügung und Ausreise wieder nach Deutschland und verübt wenige Tage später möglicherweise einen Mord. Damit rückt dieser Fall über das einzelne Verbrechen hinaus. Das Geschehen avanciert zu einer Geschichte über Grenzen, Zuständigkeiten und über ein ausländerrechtliches System, das offensichtlich in entscheidenden Momenten nur auf dem Papier funktioniert.
Derweil nimmt die Fahndung nach den mutmaßlichen Tätern Fahrt auf. Am 11. Mai kommt Bewegung in den Mordfall. Auf der A1 bei Remscheid melden Verkehrsteilnehmer einen unbeleuchteten, ungesicherten Opel Corsa auf dem Standstreifen. Als Polizisten den Wagen kontrollieren wollen, drückt der Fahrer aus Gas. Es folgt eine kurze Verfolgungsjagd mit riskanten Manövern und Fast-Kollisionen.
Schließlich wird das Auto gestoppt. Weil der Mann nicht aussteigt, schlagen die Beamten Scheiben ein, ziehen den Fahrer heraus und fixieren ihn. Ein Polizist verletzt sich leicht. Das Fahrzeug und die Kennzeichen sollen zuvor in Köln und Neuwied gestohlen worden sein. Der Fahrer ist Nenad A. Seine DNA findet sich an den sichergestellten Spuren nahe dem Tatort, an dem der 93-jährige Kölner Rentner starb.
Soeren Stache/dpa
Wie sich herausstellt, ist Nenad A. ist nicht der einzige Verdächtige in diesem Mordfall, der eine komplizierte ausländerrechtliche und strafrechtliche Vorgeschichte hat.
Aufnahmen aus Überwachungskameras sollen neben Nenad A. auch einen weiteren Mann zeigen, der sich an dem Eigenheim in Neubrück befand. Die Ermittlungen führen zu Bajram K., 36 Jahre alt, geboren in Skopje (Mazedonien), ohne festen Wohnsitz. Nach FOCUS-online-Informationen ist auch er polizeibekannt, wegen Eigentums-, Sexual-, Gewalt- und Verkehrsdelikten. Er wurde bereits 1993 und 2014 abgeschoben. Nach seiner Rückkehr erhielt er einen Aufenthaltsstatus und später Duldungen durch die Stadt Münster, ehe er wieder abgeschoben wurde. Am 29. April 2024 reiste er wieder unerlaubt nach Deutschland ein, um weiterhin auf krumme Touren zu gehen.
Die Fahnder entdecken ihn schließlich in Salzburg und lassen ihn festsetzen. Im Verhör nennt der Mazedonier weitere Beteiligte, die bei dem Mord in Köln-Neubrück dabei gewesen sein sollen. Einer von ihnen wird im Kölner Stadtteil Mülheim in einer Flüchtlingsunterkunft festgenommen. Der verdächtige Bosnier soll ebenfalls wegen zahlreicher Eigentums- und Verkehrsdelikten polizeibekannt sein. Nach Insider-Angaben verfügte er bis Mai 2024 über einen Aufenthaltstitel, unter anderem im Rahmen einer Aufenthaltsgewährung in Härtefällen.
Seitdem wurde sein Status durch Fiktionsbescheinigungen seitens der Kölner Ausländerbehörde verlängert. Das heißt: Der Migrant erhält ein vorläufiges Dokument, das seinen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland nachweist, während die Ausländerbehörde den Antrag auf Erteilung oder Verlängerung eines Aufenthaltstitels prüft. Dabei wussten die zuständigen Behörden um die kriminelle Karriere des Bosniers. Dennoch wurde sein Status immer wieder erneuert, aktuell bis Dezember 2026.
So entsteht das Bild von kriminellen Männern, die den Behörden seit Jahren bekannt gewesen waren. Juristisch gilt für alle Verdächtigen die Unschuldsvermutung. Politisch aber drängen sich Fragen auf: Was ist ein Verwaltungs- und Sicherheitsapparat wert, der Namen, Aktenzeichen, Vorstrafen, Aufenthaltsstatus und Ausreiseverfügungen kennt, aber einen Mord nicht verhindern konnte?
Zumal die Nachforschungen der Kölner Todesermittler zu weiteren mutmaßlichen Komplizen führen. Dabei stoßen die Ermittler auf einen kriminellen Roma-Clan in einer kommunalen Unterbringungseinrichtung am Rather Kirchweg. Aus diesem familiären Umfeld geraten zwei Frauen in Verdacht der Mithilfe.
Eine von ihnen, Rusija G., führte die Polizei zeitweilig als Intensivtäterin im Bereich von Gewalt- und Betrugsdelikten. Dennoch erteilt die Stadt Köln auch in ihrem Fall eine Aufenthaltsberechtigung und später Duldungen, bis ihr 2024 eine Frist zur freiwilligen Ausreise gesetzt wird. Offenbar setzte das Ausländeramt die gebotene Abschiebung nicht durch. Rusija G. lebt immer noch in der Rheinmetropole.