Von Helene Kleinstein
28.10.2026 09:00
Reporterin Jana Gareis trifft während ihrer Recherche unter anderem die sogenannte "Mauergruppe". Die Freunde leben bereits seit Jahren im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt und berichten von illegal abgeladenem Müll, Lärm, Böllern und weiteren Problemen. Einige führen die Zustände auf zugezogene Roma-Großfamilien zurück.
Ein Anwohner, der nach eigenen Angaben seit 1998 im Viertel lebt, sagt: "Ich fühle mich fremd." Vor allem rund um den Nikolaiplatz und die Lübecker Straße habe sich aus seiner Sicht viel verändert.
Auch die Einwohnerzahlen haben sich verändert. Laut MDR lebten einst knapp 160 rumänische Staatsbürger in Magdeburg, inzwischen seien es fast 3000.
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit seien zudem die Sozialausgaben für rumänische Staatsbürger von gut 140.000 Euro im Jahr 2013 auf mehr als drei Millionen Euro im Jahr 2025 gestiegen.
Für die Recherche reist Gareis nach Rumänien. Besonders im Ort Fantanele, aus dem viele Menschen nach Magdeburg gezogen sind, habe sich seit ihrem letzten Besuch einiges verändert.
Zu sehen sind größe Häuser, moderne Autos und immer wieder Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen. Bewohner berichten, dass Geld aus Deutschland in den Bau von Häusern und in den Lebensunterhalt vor Ort fließt. Viele würden weiterhin regelmäßig in ihre Heimat zurückkehren.
Der Bürgermeister von Fantanele erklärt, dass ein großer Teil der Roma-Gemeinschaft zeitweise im Ausland lebe. Deutschland bleibe dabei für viele ein wichtiger Arbeits- und Lebensmittelpunkt.
(Archivfoto) © Peter Gercke/dpa
Zurück in Magdeburg konfrontiert Gareis Oberbürgermeisterin Simone Borris (63, parteilos) mit der Situation.
"Wir können bloß die Symptome bekämpfen", so die 63-Jährige. Die gesetzlichen Grundlagen würden schließlich nicht von der Stadt geschaffen. Magdeburg müsse bestehende Regeln umsetzen.
Für Änderungen sieht Borris deshalb vor allem Bund, Land und teilweise auch die Europäische Union in der Verantwortung.
Die Stadt habe jedoch schon selbst über weitere Maßnahmen nachgedacht. Unter anderem sei geprüft worden, Wohnraum regelmäßiger zu kontrollieren. Das Vorhaben sei jedoch auch an fehlenden Ressourcen gescheitert.
Dass Kommunen durchaus weitere Möglichkeiten nutzen können, zeigt sich am Beispiel von Hagen in Nordrhein-Westfalen. Dort arbeitet bereits seit rund zehn Jahren eine Taskforce, an der unter anderem Polizei, Ordnungsamt und Jobcenter beteiligt sind.
Die komplette "exactly"-Reportage "EU-Armutsmigration: Sozialstaat in der Sackgasse?" seht Ihr jederzeit auf Abruf in der ARD-Mediathek.
Wie haben sich einzelne Stadtviertel seit Inkrafttreten der vollen EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänien und Bulgarien verändert?
Die "exactly"-Dokumentation "EU-Armutsmigration: Sozialstaat in der Sackgasse?" untersucht, wie mittels Schrottimmobilien und durch Armutsmigration Regelungen im europäischen Sozialrecht ausgenutzt werden. Reporterin Jana Gareis reist dafür von Magdeburg, Halle und Hagen bis in rumänische Orte und fragt, welche Folgen die Freizügigkeit für Kommunen, Anwohner und Zugewanderte hat.
Seit 2014 stehen einige deutsche Städte vor gesellschaftlichen und finanziellen Herausforderungen durch die Zuwanderung aus Armutsregionen innerhalb der EU. In Magdeburg, Halle und Hagen trifft die Autorin Menschen, die die Entwicklung seit Jahren in ihrer Nachbarschaft erleben: Anwohnerinnen und Anwohner berichten von Verdrängung, Konflikten und überlasteten Quartieren. Gleichzeitig profitieren Eigentümer sogenannter Schrottimmobilien von der Nachfrage nach günstigem Wohnraum und erzielen mit überbelegten Häusern hohe Gewinne.
Die Recherche zeigt, wie Regelungen im Sozialrecht Fehlanreize setzen: Wer eine geringfügige Beschäftigung - etwa durch einen Minijob oder gar eine Scheinselbstständigkeit - nachweist, erlangt den EU-Arbeitnehmerstatus und erhält Anspruch auf aufstockende Grundsicherung sowie Kindergeld. Allein in Magdeburg haben sich die städtischen Sozialausgaben für Menschen mit rumänischer Staatsbürgerschaft seit 2013 verzwanzigfacht.
Acht Jahre nach ihrer ersten Reportage zum Thema kehrt Reporterin Jana Gareis an die Schauplätze ihrer bisherigen Recherchen zurück. Sie begleitet Kontrollen einer Taskforce in Hagen, spricht mit Verantwortlichen in Politik und Verwaltung und reist nach Rumänien. Dort zeigt sich, wie stark Geldtransfers aus Deutschland ganze Gemeinden verändert haben. Aus ehemals armen Regionen sind Orte mit auffälligem Wohlstand geworden.
Während Bürgermeister in Rumänien die wirtschaftlichen Effekte der Freizügigkeit positiv hervorheben, kommen aus der deutschen Kommunalpolitik Forderungen nach Reformen: Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris und Marc Elxnat vom Deutschen Städte- und Gemeindebund sehen Handlungsbedarf beim europäischen Arbeitnehmerbegriff und bei der Bekämpfung von Missbrauchsstrukturen. Die Dokumentation fragt, ob die bestehenden Regeln den europäischen Gedanken der Freizügigkeit sichern oder ob sie Kommunen zunehmend an ihre Grenzen bringen.