Angriff in Wandsbeker U-Bahn Hamburg sollte sein Rettungsort sein - doch hier wurde Ariop A. zum Täter

Jürgen Dahlkamp

Asia Haidar

Kristin Haug

Roman Lehberger

05.02.2026, 08.34 Uhr o aus DER SPIEGEL 7/2026

Das Uno-Flüchtlingswerk schlug den U-Bahn-Täter Ariop A. für die Einreise nach Deutschland vor. Der Bericht zeigt: Hinweise auf Gewaltbereitschaft ergaben sich für die Befrager nicht.

Gedenkstelle am U-Bahnhof Wandsbek Markt: Seelischer Ballast
Foto: ABBfoto / picture alliance

Das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia, es ist der 27. Juni 2023: Dieser Tag steht am Anfang einer Kette von Zufällen, mit denen sich zwei Menschen aufeinander zubewegten, ohne dass sie offenbar voneinander wussten. So lange, bis sie am 29. Januar in einem U-Bahnhof in Hamburg-Wandsbek zusammentrafen: die 18-jährige Iranerin Fatemeh Z., die abends gegen 22 Uhr auf dem Bahnsteig stand, und der 25-jährige Ariop A., der sie plötzlich griff und sich mit ihr in den Tod stürzte, vor eine einfahrende Bahn.

27. Juni 2023, das Datum steht auf dem Formular des UNHCR, mit dem das Flüchtlingshilfswerk der Uno Ariop A. als Kandidaten für das sogenannte Resettlement-Programm vorschlug. Das UNHCR wählte ihn damit für jenes kleine Kontingent an Menschen aus, die dem Elend des Lagers mit mehr als 200.000 Flüchtlingen entkommen sollten - weil sich andere Staaten aus freien Stücken zur Aufnahme bereit erklärten. Bei Ariop A. war dieses Land Deutschland; im Juni 2024 reiste er ein.

In dem Papier heißt es, ein fortdauernder Aufenthalt in Kakuma sei für den Antragsteller "unhaltbar", eine Umsiedlung in Kenia "nicht machbar". "Deshalb ist eine Umsiedlung in ein Drittland die beste Option, weil es den Schutz des Antragstellers garantiert und ihm ermöglicht, in einer sicheren und geschützten Umgebung zu leben." Nur dass die neue Umgebung, wie man nun vermuten kann, danach nicht mehr sicher vor Ariop A. war.

Wie konnte es dazu kommen? Eigentlich, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das Ariop A. noch vor der Ausreise in Kenia befragte, gebe es mit Resettlement-Flüchtlingen die geringsten Probleme. Man prüfe in einer Befragung, ob die Kandidaten bereit seien, sich in Deutschland gut einzuleben, und die meisten schafften das auch sehr schnell; dazu läuft beim Bamf aktuell eine Forschungsstudie. Viele seien Deutschland "unglaublich dankbar", dass dieses Land sie aus ihrer Misere erlöst habe.

Bei Ariop A. allerdings ging es schief.

Ariop A. galt als glaubwürdig

Der UNHCR-Bericht schildert den Weg des Täters bis zu diesem 23. Juni 2023, er gibt keine Aufschlüsse darüber, was in Deutschland passiert ist. Deutlich wird daraus aber, mit welchem seelischen Ballast Menschen hierherkommen, die mehr Grausamkeiten erlebt haben, als manche je verkraften können. Jedenfalls wenn man ihren Schilderungen glauben darf, so wie es das UNHCR bei Ariop A. tat: "Die von ihm gemachten Angaben stimmten auch mit den verfügbaren Informationen über sein Herkunftsland überein. Das UNHCR hält die sachlichen Elemente seines Antrags für glaubwürdig", steht dort.

Sein Vater sei ermordet worden, sagte Ariop A. dem Flüchtlingswerk, die Umstände habe ihm seine Mutter erzählt, als er noch ein Kind gewesen sei. Demnach lebte die Familie als Angehörige der Volksgruppe der Dinka in einem Dorf im Südsudan, das immer wieder von einer anderen Gruppe, den Mundari, überfallen worden sei. Eines Tages sei sein Vater aus dem Dorf gegangen, um sein Vieh grasen zu lassen. Mundari hätten ihn überfallen und getötet, das Vieh gestohlen; ein Onkel sei nur knapp davongekommen.

Tod beim Viehhüten

2010 sei die Mutter gestorben, ein natürlicher Tod. Ein Jahr später sei ein Onkel umgebracht worden, auch er, als er seine Tiere gehütet habe. Am selben Abend seien marodierende Banden über das Dorf hergefallen, hätten "Menschen getötet, Häuser niedergebrannt, Frauen vergewaltigt", so notierte es das UNHCR. Ariop A. habe das mit eigenen Augen gesehen. Daraufhin sei es ihm, erst zehn Jahre alt, gelungen, gemeinsam mit einem Cousin zu fliehen. Mithilfe eines UNHCR-Mitarbeiters schafften sie es 2012 als unbegleitete Minderjährige nach Kenia, ins Lager Kakuma. Damit waren sie zunächst in Sicherheit, allerdings ohne jede Hoffnung, dass es von hieraus im Leben noch irgendwohin weitergehen würde.

Zwar besuchte Ariop A. im Camp eine Schule, sprach fließend Englisch - so nachzulesen im Bericht. Die kenianische Regierung erlaube aber in der Regel nicht, dass Flüchtlinge das Camp verlassen, etwa um Arbeit zu finden. Nur ab und zu habe Ariop A. mal einen der hart umkämpften Handwerker-Jobs im Camp bekommen, manchmal monatelang nichts. Psychische Probleme erwähnt der Report nicht ausdrücklich, wohl aber indirekt: "Der Antragsteller hörte von Mitflüchtlingen, dass die Mundari weiter Dörfer der Dinka überfallen und Menschen töten, was er als retraumatisierend empfindet."

Gescheitert am Traum vom besseren Leben

Eine Rückkehr sei daher unmöglich; Ariop A. habe eine "gut begründete Angst vor Verfolgung". Dagegen gebe es keine Hinweise, die zu einem Ausschluss aus dem Resettlement-Programm geführt hätten: Weder habe man feststellen können, dass er eine Oppositionsgruppe im Südsudan materiell unterstützt habe, noch, dass er ein Gewalttäter sei, so das UNHCR.

Auch das Bamf hatte nach einer Befragung nichts Gravierendes an Ariop A. auszusetzen. Eine Sicherheitsüberprüfung durch deutsche Behörden in Kenia entfiel dagegen offenbar, wie die "Bild"-Zeitung zuerst berichtete; dafür habe das Personal gefehlt.

Zu einer Ablehnung hätte aber wohl auch diese Prüfung nicht geführt. Dass Ariop A. kurz vor der Tat immer wieder auffällig wurde, auch gewalttätig, hatte nach bisherigen Erkenntnissen vor allem mit einem gescheiterten Leben in Deutschland zu tun. Mitbewohner aus seiner Hamburger Unterkunft erzählten dem SPIEGEL, er habe Selbstgespräche geführt, viel getrunken, manchmal so viel, dass er getorkelt sei. Noch vier Tage vor der Tat lag er nachts gegen drei Uhr an einem Bahnhof in der Nähe von Hamburg auf dem Boden. Ein Passant meldete der Polizei, der Mann mache einen desorientierten Eindruck, aber als die Beamten kamen, sagte Ariop A., er sei auf dem Weg nach Hause, nach Hamburg. Die Polizei beließ es dabei.

Auch das Opfer äußerte Suizidgedanken

Was ihn in den Tod trieb und warum er einen anderen Menschen mitnahm, bleibt womöglich für immer unklar. Es traf dabei eine junge Frau, die selbst offenbar eine schwere Phase durchmachte. Die Iranerin Fatemeh Z., die im April 2023 nach Deutschland gekommen war, lebte nach Angaben aus Fahnderkreisen zwischenzeitlich in einem Frauenhaus, vermutlich wegen erheblicher Probleme mit ihrer Familie. Sie soll sich in der Vergangenheit schon mehrfach selbst verletzt und erst vor wenigen Wochen gesagt haben, dass sie sich umbringen wolle. Sie begab sich daraufhin selbst in ärztliche Behandlung.

Dass offenbar eine Frau mit mutmaßlichen Suizidgedanken zum Opfer eines Selbstmörders wurde, dürfte aber nach Ansicht der Ermittler reiner Zufall gewesen sein. Nach jetzigem Kenntnisstand gehen sie davon aus, dass sich die beiden vorher nie gesehen hatten.


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